AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2017

Globale Probleme Wie der Hunger in der Welt besiegt werden kann

Jeder neunte Mensch hat nicht genug zu essen, Millionen sterben, dabei gibt es Nahrung im Überfluss. Eine Recherche in vier Ländern - und neue Lösungsvorschläge.

Hungerndes Kind im Krankenhaus von Burao, Somaliland
Dominic Nahr / DER SPIEGEL

Hungerndes Kind im Krankenhaus von Burao, Somaliland

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Die Regenzeit sei die herrlichste Zeit im Jahr gewesen, sagt Asha Ham, denn mit dem Regen kam die Liebe ins Dorf. Sie feierten Hochzeiten, weil es ausreichend zu essen für alle gab, wohlgenährte Ziegen zum Schlachten, genügend Kamele, um den Brautpreis zu bezahlen. Es war eine Zeit des Überflusses, die Menschen in Somaliland zeigen Fotos davon: lachende Männer und Frauen in einem wogenden Meer aus Gras. Asha Ham, stolze Nomadin, Mutter von sieben Kindern, erinnert sich gern an diese Zeit. Auch wenn es ein schmerzvoller Gedanke ist in diesen Tagen, an denen jeder für sich kämpft, ums nackte Überleben.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 25/2017
Elbphilharmonie, G-20-Gipfel, Schanzenviertel - Comeback einer Metropole

Asha Ham trägt ein grünes Gewand und einen leeren Wasserkanister, sie steht auf staubiger Erde in Fiqi Ayuub, einer Siedlung in Somaliland im Norden Somalias. Sie ist aus der Wüste hierhergewandert, weil sie gehört hatte, dass es in diesem Weiler noch etwas Wasser gebe.

Wenige Hundert Meter von ihr entfernt liegen tote Tiere im Staub: verwesende Kamele, verendete Ziegen mit aufgeplatzten Bäuchen, aus denen Plastiktüten quellen - das letzte Mahl, das sie vor ihrem Tod fanden. Mehr als zehn Millionen Tiere sind in den vergangenen Monaten verdurstet.

"Sima" nennen die Menschen in Somaliland diese Dürre, "Gleichmacher", denn sie verschont niemanden. "Sterben die Tiere, sind als Nächstes die Menschen dran", sagt Asha Ham, die Nomadin.

Skelett einer verdursteten Ziege in Somaliland
Dominic Nahr / DER SPIEGEL

Skelett einer verdursteten Ziege in Somaliland

Der Regen fiel früher zweimal im Jahr, im Frühling und im Herbst, doch seit zwei Jahren bleibt es trocken.

Die erste Dürre, sagt Asha Ham, überlebten viele mit Vorräten, die zweite machte das Anlegen von Vorräten unmöglich, und jetzt, in der dritten, sind jene 75 Prozent der Menschen in Somaliland, die von ihrem Vieh leben, ruiniert. 50 Ziegen besaß Asha Ham, 5 leben noch. "Wir wandern umher und suchen etwas zu essen", sagt sie, "aber wir finden kaum etwas."

Nomaden aus allen Teilen des Landes sind nach Fiqi Ayuub gekommen, weil eine Hilfsorganisation hier Wasser liefert. Die Einwohnerzahl des Dorfs hat sich vervierfacht, an seinen Rändern schlagen die Hirten ihre ausgeblichenen Stoffzelte auf.

"Kommt", sagt Asha Ham und eilt voraus in ihr Zelt, sie zeigt einen leeren Topf auf dem Boden, einen Teller mit etwas Milchpulver, draußen ein Gehege aus Dornensträuchern für die tapferen fünf Ziegen. "Wir haben weder Fleisch noch Milch", sagt sie, "einmal am Tag essen wir Reis. Meine Kinder haben keine Kraft mehr."

Auf Regen hofft sie nicht mehr: "Die Tiere sind zu schwach, sie würden durch den Wetterwechsel sterben." Asha Ham weiß nicht, wie sie weiterleben soll.

Bis 2030 soll es auf der Welt kein Schicksal wie ihres mehr geben. Eigentlich, offiziell. Null Hunger, "zero hunger", so lautet das Ziel, das die Weltgemeinschaft sich selbst gesetzt hat. 2015 verabschiedete die Generalversammlung der Uno eine Agenda, und es gab durchaus Anlass, optimistisch zu sein. Denn die Zahl der Hungernden ist seit 1990 um mehr als 200 Millionen gesunken, ein enormer Erfolg.

Aber leider auch: enorm brüchig. Seit einiger Zeit rückt das Null-Hunger-Ziel nicht mehr näher, sondern in die Ferne.

Somalia ist eines der vier Länder, in denen sich der Hunger am schnellsten ausbreitet. Im Südsudan, Jemen und im Nordosten Nigerias ist die Lage ähnlich. Über 20 Millionen Menschen in diesen vier Ländern könnten verhungern, nicht irgendwann, sondern jetzt. Die Welt stehe, so warnte der Uno-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien, "vor der größten humanitären Krise" seit dem Zweiten Weltkrieg.

Somalische Frauen bei der Verteilung von Wasser
Dominic Nahr / DER SPIEGEL

Somalische Frauen bei der Verteilung von Wasser

Im Juli, beim Treffen der G20 in Hamburg, soll es wieder um die Frage gehen, wie die mächtigsten Staaten der Erde den ärmsten helfen können. Die deutsche Regierung möchte die G20 von einem "Marshall-Plan" für Afrika überzeugen.

In dieser Woche empfing Bundeskanzlerin Angela Merkel zehn afrikanische Staats- und Regierungschefs in Berlin, um den Plan zu diskutieren. "Da müssen wir auch neu denken lernen", sagte die Kanzlerin, denn wenn es in Afrika zu wenig Perspektiven gebe, "dann sagen junge Menschen auch: Wir müssen uns woanders auf der Welt ein neues Leben suchen". Allerdings: Hungerbekämpfung ist kein erklärtes Ziel des Plans. Er soll Migration bremsen und richtet sich vor allem an Länder, die vergleichsweise gut funktionieren.

Dabei sind die 20 Millionen Menschen, die in diesen Wochen an Hunger sterben könnten, nur der sichtbare Teil des Problems. Akute Hungerkrisen wie diese drängen sich in dramatischen Bildern auf. Der größere Teil des Problems aber verbirgt sich hinter dieser Zahl: 800 Millionen. So viele Menschen auf der Erde hungern, immer noch.

Einer von neun. Im Jahr 2017.

Wie kann es sein, dass die Menschheit den Hunger, dieses existenziellste und schändlichste aller Probleme, nicht in den Griff bekommt? Wer ist dafür verantwortlich? Wer profitiert davon? Und vor allem: Wie lässt sich der Hunger besiegen? Ein Team des SPIEGEL ist aufgebrochen, um Antworten zu finden. Reporter sind in den Norden Somalias und in den Südsudan gereist, aber auch nach Haiti und Indien, wo der Hunger leise und chronisch ist.

Somaliland: Das Klimadesaster

Im Krankenhaus der Stadt Burao in Somaliland steht Doktor Yusuf Dirir Ali vor einem kleinen Jungen. Er heißt Hamsa, ist 15 Monate alt und beängstigend abgemagert. Dorfbewohner hatten sich dem Autokonvoi einer Hilfsorganisation in den Weg gestellt und gefleht, den Kleinen in die nächste Stadt zu bringen.

Jetzt liegt Hamsa apathisch in den Armen seiner Mutter. Doktor Ali tastet seinen Magen ab, sanft streicht er über die Wundmale auf dem Körper. Als der Junge schwächer wurde, drückte seine Familie glühendes Holz auf seiner Haut aus, das Feuer sollte einen Fluch vertreiben. Dass es kein Fluch war, der von Hamsa Besitz ergriffen hatte, sondern Hunger, wollte die Familie nicht wahrhaben.

Dabei wiederholt sich die Geschichte in Somalia. Nur sechs Jahre sind seit der letzten Rekorddürre vergangen, damals verhungerten 260.000 Menschen. Heute, schätzt die Uno, brauchen fast sieben Millionen Somalier - mehr als die Hälfte der Bevölkerung - Hilfe. 1,3 Milliarden Euro wären dafür nötig, doch nur gut ein Drittel der Summe ist gedeckt.

DOMINIC NAHR / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL

Die Region Somaliland im Norden des Landes erklärte 1991 ihre Unabhängigkeit, wird von der Welt aber nicht als autonome Republik anerkannt. Anders als im übrigen Gebiet Somalias, wo al-Schabab-Milizen für die Errichtung eines islamistischen Regimes kämpfen, gibt es in Somaliland eine demokratisch gewählte Regierung. Militär und Polizei haben das Gewaltmonopol, es gibt eine eigene Währung, eine Flagge, sogar eine Buchmesse. Die Institutionen funktionieren weitgehend - was viel ist, in einer der schlimmsten Krisenregionen der Welt. Und doch nicht genug.

"Wir haben sechs Krankenwagen für eine Million Menschen in unserem Einzugsgebiet und kein Geld, um Benzin zu kaufen und Fahrer zu bezahlen", sagt Doktor Ali, der Arzt in Burao.

Die Kinder, die es ins Krankenhaus schaffen, bleiben meist zwei Wochen lang. Sie liegen unter Wandbildern von Mäusen und Blumen. Die meisten müssen über Sonden ernährt werden, sie haben keine Kraft zu schreien oder zu weinen. "Das Schlimmste ist die Stille", sagt Doktor Ali. Er kann nicht mehr tun, als die Kinder aufzupäppeln, bevor er sie wieder in dieselbe verzweifelte Situation entlassen muss.

Der Körper eines verhungernden Menschen beginnt, sich selbst zu verzehren. In den ersten Tagen ohne Nahrung schaltet er auf Energiesparmodus um. Der Organismus baut Glykogen aus Leber und Muskeln ab, um das Gehirn mit Glukose zu versorgen. Dann werden Fettreserven angegriffen. Schließlich Proteine bis hin zu Muskeln und Organen. Der Verhungernde fühlt sich verwirrt und ängstlich, seine Hirnleistung nimmt ab. Viele leiden an Durchfall und Infektionen, fallen ins Koma, bei manchen bleibt das Herz stehen. Vor allem bei Kindern bilden sich Ödeme, der Bauch bläht sich auf. Der Tod tritt nach 20 bis 60 Tagen ein.

Nothilfe ist unverzichtbar, um Verhungernde zu retten. Doch um künftige Hungersnöte zu verhindern, brauchen Regionen wie Somaliland eine langfristige Strategie.

Der Klimawandel gefährdet bisherige Erfolge im Kampf gegen den Hunger. Er führt dazu, dass Dürren extremer werden. Weil die Temperaturen steigen, benötigen Menschen und Tiere mehr Wasser. Öfter als früher vernichtet Hitze ganze Ernten. Die Ozeane erwärmen sich und versauern.

Es ist eine grausame Ironie der Geschichte, dass der Klimawandel, größtenteils verursacht von den Industriestaaten, die ärmsten Länder besonders hart trifft.

Somaliland galt lange als Erfolgsmodell für Afrika. Doch der Regierung fehlen die Mittel, um eine Hungerkatastrophe dieses Ausmaßes zu bewältigen. Dass Somaliland nicht offiziell anerkannt ist, führt dazu, dass es kaum Hilfe bekommt.

So breitet sich das Elend aus. Denn Somaliland stützt sich bisher fast ausschließlich auf traditionelle Viehwirtschaft. In guten Zeiten exportierte die Region jährlich vier Millionen Ziegen, Schafe, Kamele und Rinder in arabische Staaten. Das Budget der Regierung besteht zu 75 Prozent aus Steuern auf diese Exporte. Nun stellt die Dürre die Existenzgrundlage eines ganzen Volkes infrage. Gibt es einen Ausweg?

"Wir müssen das Lebensmodell unserer Nation verändern", sagt Shukri Bandare, Umweltministerin von Somaliland und Mitglied des nationalen Dürrekomitees. Sie empfängt in ihrem kargen Büro in der Hauptstadt Hargeisa, eine kluge und entschlossene Frau, die jetzt vor einer fast übermenschlichen Aufgabe steht. Bandare weiß, dass ihr Volk Traditionen aufgeben, neue Wege finden muss. Denn das Land wird, langfristig, zu trocken sein für die Viehzucht.

"Wir müssen uns von der Viehwirtschaft lösen", sagt Bandare. Sie bemüht sich, optimistisch zu klingen, auch wenn sie dauernd das Wort "müssen" verwendet. "Wir müssen unsere Fischindustrie ausbauen und unsere Ernährung umstellen." Somaliland besitze Erdöl, den Hafen von Berbera. "Wir müssen unser Einkommen diversifizieren", sagt die Ministerin. Doch all das wird Jahrzehnte dauern.

Bandare schwärmt von Höhlenzeichnungen und Stränden, sie träumt von Tourismus. Aber allein kann Somaliland sich nicht neu erfinden. Während Bandare spricht, kommen im Krankenhaus nahe ihrem Ministerium ausgehungerte Kinder an.

Der Klimavertrag von Paris sieht vor, arme Länder bei der Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen. Die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, aus dem Abkommen auszusteigen, ist deshalb auch ein Rückschlag im Kampf gegen den Hunger.

Südsudan: Hunger als Waffe

Was Somalia, dem Jemen und dem Nordosten Nigerias droht, ist hier bereits eingetreten: Die Uno hat für Teile des Südsudans, in dem Ende 2013 ein Bürgerkrieg ausbrach, offiziell eine Hungersnot erklärt, "famine" - es ist die fünfte von fünf Alarmstufen. 5,5 Millionen Menschen, fast die Hälfte der Einwohner, hungern.

Ein kleines Transportflugzeug der Uno setzt auf der Landepiste von Nyal auf, einer Siedlung im Süden des Bundesstaats Unity. Auf den ersten Blick weist hier nichts auf eine Hungersnot hin. Das Land wirkt fruchtbar, Bäume und Büsche sind grün, die Rinder sehen gesund aus. Die Erde, gesättigt durch das Wasser des Nil, schimmert feucht.

Südsudanesischer Rebell im Bundesstaat Unity
AFP

Südsudanesischer Rebell im Bundesstaat Unity

Im Südsudan ist nicht das Klima, sondern der Krieg für den Hunger verantwortlich. Dabei war der jüngste Staat der Welt, reich an Bodenschätzen, seit seiner Gründung im Jahre 2011 ein Liebling der internationalen Gebergemeinde. Niemand müsste hier verhungern, eigentlich.

Im einem Hospital in Nyal stehen 16 Betten, von denen nur 5 belegt sind. "Wir können die Menschen, die vor dem Krieg in die Sümpfe geflohen sind, nicht erreichen", sagt ein Pfleger. Auf einer der Liegen sitzt Nyakuakna Gatjuor, 20. Mit ihrem kleinen Sohn und ihrem Baby hat sie sich zu Fuß nach Nyal durchgeschlagen.

"Männer in Uniform drangen in unser Dorf ein und töteten viele Leute", erzählt sie stockend. "Ich habe mein Baby in Plastikfetzen gewickelt, dann sind wir tagelang durch die Sümpfe gewatet." Sie aßen, was sie fanden, Früchte und Wasserlilien.

Etwa 100.000 Menschen sind nach Nyal geflohen, viele Helfer aber haben den Ort aus Angst um ihre Sicherheit verlassen; Nyal ist nur noch aus der Luft erreichbar. Ausgebrannte Militärfahrzeuge liegen herum, viele Häuser sind zerstört. Den letzten Versuch der Regierungstruppen, Nyal zurückzuerobern, wehrten Rebellen vor zwei Jahren ab. Doch der Krieg kann auch hier jederzeit wieder ausbrechen.

Korrupte, kriegerische Eliten setzen Hunger als Waffe ein. Zwei Männer sind vor allem dafür verantwortlich: Salva Kiir und Riek Machar. Die beiden repräsentieren die größten Volksgruppen des Landes. Präsident Salva Kiir ist ein Dinka, sein ehemaliger Stellvertreter Riek Machar ein Nuer. Nach der Unabhängigkeit 2011 begannen sie einen Machtkampf, der durch ethnische Rivalitäten geprägt war.

Nachdem Machar Mitte 2013 von Kiir gefeuert wurde, brach Ende des Jahres der Bürgerkrieg aus. Heute kämpfen Regierungssoldaten und Rebellengruppen gegeneinander, lokale Milizen morden. Die Kämpfe machen es für Helfer extrem schwierig, die Bevölkerung zu erreichen.

Die Hilfsorganisationen helfen aber nicht nur den Hungernden - sie verlängern auch den Krieg, so zumindest sieht es Jok Madut Jok, der Direktor des Sudd Institute, eines unabhängigen Thinktanks in der Hauptstadt Juba. Jok war selbst Entwicklungshelfer und hat mehrere Bücher über den Sudan geschrieben. "Wer die Bevölkerung mit Nahrung versorgt, füttert auch die bewaffneten Kräfte", sagt er. Denn viele Lebensmittel würden entweder zur Armee umgeleitet oder an Familien verteilt, deren Angehörige Soldaten seien.

In kaum zu überbietender Dreistigkeit forderte die Regierung vor Kurzem 10.000 Dollar für eine Arbeitsgenehmigung - hundertmal so viel wie zuvor. Nach heftigen Protesten machte sie zwar einen Rückzieher, doch ihre Soldaten bereichern sich an Hunderten Checkpoints, die Helfer nur gegen Geld passieren dürfen.

Jok Madut Jok spricht das ewige Dilemma der Helfer an: "Nothilfe rettet Leben, aber gleichzeitig verhindert sie politische Lösungen für die Ursachen der Not." Er plädiert dafür, die Hilfe für den Südsudan einzustellen: "Dann müssten unsere Eliten über eigene Lösungen nachdenken."

Solche Einwände erzürnen viele Entwicklungshelfer, denn oft riskieren sie ihr Leben: In den vergangenen dreieinhalb Jahren wurden im Südsudan mehr als hundert Helfer getötet. "Wir lassen Menschen nicht leiden, um ein Argument für Verhandlungen mit lokalen Autoritäten zu haben", sagt ein Angestellter einer Nothilfeorganisation in Nyal. Er hebt einen Jungen aus einem Plastikkübel, der an einer Waage hängt. Der Junge ist viel zu leicht für sein Alter, sein Bauch aufgebläht. "Wir müssen handeln, wir haben keine Wahl", sagt der Helfer. "Das ist der humanitäre Imperativ."

Rom: Null Hunger, aber wie?

Im Zentrum Roms, neben den Ruinen des Circus Maximus, steht ein von Soldaten bewachtes Gebäude. Bis 1953 residierte darin das Ministerium, das Italiens Kolonien in Afrika verwaltete, heute ist es der Sitz der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Uno, jener Behörde, die maßgeblich dafür sorgen soll, dass es bis 2030 keinen Hunger mehr gibt. Auch die FAO hat viel mit Afrika zu tun.

Ihr Chef sitzt an einem Tisch in seinem Büro, das groß und farbenfroh ist. Vor José Graziano da Silva liegen Weltkarten, Grafiken, Tabellen. "Die Leute denken immer noch, Hungersnöte entstünden durch einen Mangel an Nahrung", sagt er. So sei es früher gewesen, während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach, als in Asien viele Millionen verhungerten.

Aber heute? "Seit den 1960er-Jahren produzieren wir mehr als genug Essen", sagt Graziano da Silva. "Wir könnten zehn Milliarden Menschen und mehr ernähren."

Warum also schafft es die Weltgemeinschaft nicht, den Hunger zu eliminieren?

Graziano da Silva zieht eine Tabelle aus seinem Stapel: die 13 Länder, in denen der Hunger am schlimmsten ist. Die 4 aktuellen Krisenländer sind dabei, außerdem Staaten wie Syrien und Afghanistan. Die Liste zeige die größten Hindernisse auf dem Weg zu "zero hunger": Klimawandel und Krieg. Oft auch eine Kombination aus beidem.

All die Hungerkrisen - von den Menschen selbst verursacht. "Sehr enttäuschend" finde er es, sagt Graziano da Silva, "dass wir nicht gemeinsam Lösungen für politische Probleme finden können". Es klingt hilflos, aber was soll er auch sagen? Dass es grotesk sei, von der Uno zu erwarten, dass sie den Hunger besiegen wird bis 2030, wie angekündigt?

Die Wahrheit ist, dass keine Organisation der Welt das leisten kann. Es brauchte eine gemeinsame Anstrengung in der internationalen Politik - den Willen von Staatschefs etwa, den Klimawandel zu bremsen und Konflikte zu lösen.

Die Zahl der hungernden Menschen werde 2017 wohl weiter steigen, sagt Graziano da Silva. Denn ein Ende der Konflikte sei nicht in Sicht. Die Geberstaaten aber, mit deren Geld Organisationen wie die FAO Hungernden helfen, zeigten "gewisse Ermüdungserscheinungen".

Doch was ist mit all jenen, die hungern, obwohl es in ihrem Land keinen Krieg und keine akute Klimakatastrophe gibt? Dem weniger sichtbaren Teil der 800 Millionen?

Haiti: Elende Normalität

Heiß und dick steht die Luft in der Kirche von Abricot, einem Dorf im

Südosten Haitis. Auf den Bänken drängen sich Frauen, ein Baby oder mehrere an sich gepresst. Vorn steht eine Tafel mit der Aufschrift: "Prevansyon pou malnitrisyon", Prävention gegen Mangelernährung. Das ist das Thema des Vortrags, den Entwicklungshelferinnen gleich halten werden.

Yfrancia Napoleon, 33, kann nicht lesen, was da steht; sie hat nie eine Schule besucht. Mit ihrem Töchterchen Roudegajina sitzt sie in der ersten Reihe, eine zerbrechliche Frau mit einer Müdigkeit im Gesicht, gegen die kein Schlaf hilft. Sie ist um vier Uhr aufgestanden und gewandert, bis sie gegen zehn Uhr in der Kirche ankam. Gegessen hat sie nichts, und sie hat auch nichts, womit sie ihr Kind füttern könnte.

Haitianerin Yfrancia Napoleon und ihre Tochter
Ben Depp / DER SPIEGEL

Haitianerin Yfrancia Napoleon und ihre Tochter

Kaum eines der Babys ist akut in Lebensgefahr. Es ist eine andere Form von Hunger als in Somaliland oder im Südsudan: alltäglich, chronisch. Jeder zweite Haitianer ist unterernährt. Auf dem Welthungerindex der Deutschen Welthungerhilfe lag der kleine Karibikstaat mit knapp elf Millionen Einwohnern 2016 auf Platz vier. Zwar gab es für einzelne Krisenländer, darunter Südsudan und Somalia, keine Daten, aber trotzdem: Platz vier?

"Wir sollten genügend essen", so beginnt eine Helferin den Vortrag, "und das Essen sollte sauber sein." Unsauber heißt auf Haiti: mit Cholerabakterien verseucht. Es gebe drei Gruppen von Lebensmitteln, sagt die Helferin, aufbauende, schützende und Energie spendende. Fleisch gehöre zur ersten Gruppe, Gemüse zur zweiten, Reis zur dritten. "Jeden Tag solltet ihr aus jeder Gruppe etwas aussuchen", empfiehlt sie.

Es ist nicht so, dass Yfrancia Napoleon nicht wüsste, was sie ihren Kindern zu essen geben sollte. Außer Roudegajina hat sie noch eine neunjährige Tochter und einen Sohn, der elf Jahre alt ist, aber geistig zurückgeblieben. Als er so alt war wie Roudegajina heute, knapp zwei Jahre, habe er gerade mal zwei Kilo gewogen, erzählt Napoleon. Sie schleppte ihn in die Hauptstadt Port-au-Prince, mit einem Geländewagen in etwa fünf Stunden erreichbar, für Yfrancia Napoleon eine Weltreise entfernt. Die Ärzte dort retteten das Leben des Jungen, aber die Schäden in seinem Gehirn blieben.

Ziel der Veranstaltung ist es, Mangelernährung bei Kindern unter zwei Jahren zu verhindern - eben weil bis dahin entstehende Hirnschäden dauerhaft sind. Nach dem Vortrag registrieren die Helferinnen jede Frau, die Oberarme der Kinder werden vermessen.

Yfrancia Napoleon ist hier, um zu verhindern, dass Roudegajina das gleiche Schicksal erleidet wie ihr Bruder. Die Haut des Mädchens ist dunkel wie die ihrer Mutter, aber ihre Haare sind nicht schwarz, sondern braun - das ist bei Dunkelhäutigen ein Indiz für Mangelernährung. Um genügend Essen zu kaufen, brauchte Napoleon ein Einkommen. An manchen Tagen füllt sie Holzkohle in Säcke, dafür bekommt sie rund 70 Cent. An anderen Tagen gibt es keine Kohle zu verpacken. Das sind die Tage, an denen Roudegajina nicht isst.

Wenn Haiti für etwas bekannt ist, dann für die Heerscharen von Hilfsorganisationen, die sich hier tummeln. Manche sind seit Jahrzehnten hier, andere kamen erst nach dem massiven Erdbeben, das 2010 mehr als 220.000 Haitianer tötete und die Hauptstadt zertrümmerte. Viele Helfer bemühen sich redlich, den Alltag der Menschen zu verbessern. Das Welternährungsprogramm verteilt nicht nur Nahrung, sondern repariert auch Straßen, pflanzt Bäume und hilft Bauern, ihre Anbautechniken zu modernisieren.

BEN DEPP / DER SPIEGEL

Warum hilft das alles so wenig?

Es hat, auch hier, mit dem Klimawandel zu tun. Er verhält sich wie ein böser Geist, der mal hier auftaucht, mal dort. Er bringt Stürme und plötzlich unberechenbare Regenzeiten. Eine Dürre im Norden des Landes, Überflutungen im Süden. Der Meeresspiegel steigt, sodass Böden versalzen. Wälder werden illegal gerodet, um Holzkohle zu gewinnen, so kommt es zu Erdrutschen. All das trägt dazu bei, dass Bauern kaum in der Lage sind, ihre Felder zu bewirtschaften. Dass Fortschritte zunichtegemacht, Projekte gestoppt werden, weil das Geld für Nothilfe gebraucht wird. Auch deshalb ist Haiti abhängig von Nahrungsmittelimporten, die seine Landwirtschaft zusätzlich schwächen.

Für jedes Land wäre es eine Herausforderung, damit umzugehen. Aber kaum eines ist so schwach wie Haiti, der Nachbar des Urlaubsziels Dominikanische Republik. Sein wichtigster Wirtschaftszweig ist die Landwirtschaft. Korruption frisst einen großen Teil der Staatseinnahmen. Vieles verpufft auch, weil Hilfsprojekte unkoordiniert oder fehl am Platz sind.

Dass es hier keinen Krieg gibt, nach Jahrzehnten politischer Unruhen, ist die gute Nachricht. Seit Februar gibt es sogar wieder eine Regierung: Nach anderthalb Jahren Chaos hat Jovenel Moïse die Macht übernommen, ein Kumpel des vorigen Präsidenten Michel Martelly. Bevor Moïse in die "Partei der Glatzköpfe" eintrat, verdiente er sein Geld mit dem Export von Bananen. Hunderte Bauern soll Moïse von ihrem Land verjagt haben, um sein Bananenimperium aufzubauen.

Ein rosaroter Optimist müsste sein, wer von der neuen Führung erwartet, Korruption, Misswirtschaft und Hunger zu bekämpfen. Aber Entwicklungshelfer, und seien es noch so viele, können einen funktionierenden Staat nicht ersetzen. Sie können nicht auf Dauer dafür sorgen, dass Millionen Menschen ernährt werden. Sie können nur versuchen, das Schlimmste zu verhindern, vorübergehend.

Alle Frauen sollten in einer Woche wiederkommen, verkündet in der Kirche von Abricot eine Helferin, mit zwei leeren Taschen. Die würden dann mit Lebensmitteln gefüllt, gespendet vom Welternährungsprogramm. Das Budget reicht für drei Monate - drei Monate ohne Hunger, in denen die Kinder sich normal entwickeln können. Yfrancia Napoleon erhält nur einen Monat lang Nahrungsmittel. Dann wird Roudegajina zwei Jahre alt, zu alt für die Hilfe.

Das Spiel mit dem Essen

70 Prozent ihres Geldes geben die Armen der Welt durchschnittlich für Essen aus. Steigen die Preise für Reis, Weizen oder Mais, wird das für Menschen wie Yfrancia Napoleon schnell lebensbedrohlich. Sie sind die Opfer eines globalen Spiels, an dem andere sich bereichern: der Spekulation an den Börsen.

Jahrzehntelang lief dort der Handel mit dem täglichen Brot unspektakulär. Bauern verkauften ihre Ernte zu einem festgelegten Preis auf Futures-Märkten; Futures sind Verträge über zukünftige Rohstoffkäufe oder -verkäufe. So sicherten Bauern ihre Risiken ab, Futures-Händler versorgten den Markt mit Geld, und Käufer konnten sich jederzeit mit Ware eindecken. Es war ein Kreditgeschäft, das den Gesetzen von Angebot und Nachfrage folgte.

Bis die Finanzindustrie den Markt entdeckte: In den 1990er-Jahren gelang es Lobbyisten, den Zugang zum Essen der Welt zu öffnen. Seither dürfen auch Banken große Positionen an Rohstoffpapieren halten. Weil Wetten auf einzelne Rohstoffe zu riskant waren, erfanden Banken wie Goldman Sachs sogenannte Index-Fonds, in denen Verträge für Mais oder Öl gebündelt werden. Großinvestoren und Pensionsfonds stürzten sich auf das Angebot.

So brachten Anleger, die am Essen der Welt mitverdienen wollten, die Lebensmittelpreise zusätzlich in Bewegung. Rasante Steigerungen führten dazu, dass allein von Sommer bis Winter 2010 44 Millionen Menschen unter die Armutsgrenze rutschten.

Zahlreiche Hilfsorganisationen und auch der Papst fordern, dass das Wetten auf Nahrung aufhören müsse. 2014 brachte die Europäische Union eine Finanzmarktrichtlinie auf den Weg, welche die Spekulation mit Nahrungsmitteln eindämmen sollte.

Doch daraus wird wohl nichts: Im Februar wurden die technischen Details vom EU-Parlament abgestimmt - und nun liest sich das Gesetz wie ein Wunschzettel der Finanzlobby. So dürfen einzelne Händler unter Umständen bis zu 35 Prozent der Positionen an einem bestimmten Rohstoff halten, was bedeutet: Theoretisch können drei Händler den gesamten Börsenhandel mit einem Lebensmittel kontrollieren.

Nur die Aufsichtsbehörden könnten das verhindern. Tun sie es nicht, bleiben die Hungernden aller Länder den Launen der Spekulanten ausgeliefert.

Indien: Eine Frage der Verteilung

Wenn ein Land gute Voraussetzungen hat, seine Hungernden zu ernähren, dann Indien. Seine Wirtschaft wächst schneller als die der meisten anderen Länder. In fünf Jahren wird Indien laut Internationalem Währungsfonds Deutschland als viertgrößte Wirtschaftsmacht ablösen. Das Land hat seine Nahrungsmittelproduktion in den vergangenen Jahrzehnten verdoppelt, es exportiert Reis und Rindfleisch. Indien hat eine funktionierende Regierung und eine wachsende Mittelschicht.

Wahr ist allerdings auch: In Indien leben die meisten unterernährten Menschen der Welt, 195 Millionen. Fast 40 Prozent der unter Fünfjährigen sind in ihrer Entwicklung zurückgeblieben, weil sie nicht richtig ernährt werden. Es sind Zahlen, die schwer erträglich sind - und schwer zu verstehen.

Sukurmuni Marandi lebt in Jharkhand, einem armen Bundesstaat im Osten des Landes. Als sie ihre Lehmhütte erreicht, zieht ein Gewitter über das Dorf. Der Regen tropft durchs Dach herein.

Seit dem Tod ihres Mannes ernährt die 35-Jährige ihre fünf Kinder allein. Das letzte Mal, dass sie ein Ei kaufen konnte, liegt einen Monat zurück. Die Mangos und Melonen auf dem Markt sind zu teuer für sie.

Im Straßenbau verdient Marandi 150 Rupien pro Tag, gut zwei Euro. Ihre älteste Tochter sitzt neben ihr, ein aufgewecktes Mädchen mit pinkem Reif im Haar. Die Zehnjährige hat gerade die fünfte Klasse abgeschlossen, Lesen und Schreiben kann sie nicht. Nun muss sie daheimbleiben, um auf die Kleineren aufzupassen. Ihr weiterer Weg ist damit vorgezeichnet: Sie wird früh heiraten, wie ihre Mutter, und Kinder gebären, mehr, als sie ernähren kann. So vererbt sich in Indien der Hunger.

Die Tochter ist schulpflichtig, eigentlich, aber niemand scheint sie in der Schule zu vermissen. Den kleineren Kindern steht ein Platz im Anganwadi zu, einer Art Kindertagesstätte, wie es sie seit 1975 hunderttausendfach gibt und wo die Kinder täglich eine warme Mahlzeit bekommen.

Es ist nicht so, dass Indien seine Bürger egal wären. Das Land hat früh Sicherheitsnetze gespannt, aber sie sind so schlampig geknüpft, dass Menschen wie Marandi einfach hindurchfallen.

Dabei wird es nicht einfacher, die Bevölkerung soll bis 2050 auf 1,7 Milliarden anwachsen, und auch in Indien macht sich der Klimawandel bemerkbar. Die Bauern, rund die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung, klagen oft über schlechte Ernten.

In Indien liegt es an Verteilungsproblemen und an Ungleichheit, dass so viele hungern: Angehörige niedriger Kasten häufiger als die hoher, Töchter häufiger als Söhne. "Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat ein Land so viel Wohlstand geschaffen und bei sozialer Gerechtigkeit so wenig erreicht", sagt Jean Drèze, einer der berühmtesten Ökonomen des Landes.

Der gebürtige Belgier hat am National Food Security Act mitgewirkt, einem der größten und teuersten Ernährungsprogramme der Welt. Rund 20 Milliarden Dollar gibt Indien aus, um 820 Millionen Bürger mit Reis, Weizen und Hirse zu versorgen. Theoretisch. In der Praxis erhalten fast 100 Millionen ihre Rationen nicht.

Indische Mütter und Kinder im Bundesstaat Jharkhand
Christian Werner / DER SPIEGEL

Indische Mütter und Kinder im Bundesstaat Jharkhand

"Die indische Elite interessiert sich für eine Mission zum Mars", sagt Drèze, "aber nicht für den Hunger im Land." Dieser sei nicht einem Mangel an Ressourcen geschuldet, sondern fehlendem politischem Willen.

Was zu tun ist

Solange die Menschen Kriege führen und das Klima verändern, wird "zero hunger" ein Traum bleiben. Aber der Hunger könnte auf ein Minimum reduziert werden; vieles ist machbar und gar nicht so schwer.

Denn wenn Hunderte Millionen Menschen hungern, weil das Klima sich wandelt, gilt umgekehrt auch: Wer das Klima schützt, bekämpft den Hunger. Allein dieser Zusammenhang sollte jeden Staat der Erde motivieren, das Abkommen von Paris einzuhalten - auch Deutschland, das seine Klimaziele wohl kläglich verfehlen wird.

Wo Krieg und Terror zu Hunger führen, gilt es, die Verantwortlichen zu benennen und international zu ächten. Solange ein korruptes, grausames Regime wie jenes im Südsudan ungehindert Erdöl verkaufen und sich mit Waffen versorgen kann, wird sich die Lage der Bevölkerung nicht bessern. In Ländern, die von korrupten Machthabern ausgebeutet werden, sollte die Hilfe nicht eingestellt, aber stärker als bisher mit politischem Druck verbunden werden.

Dass die Weltbevölkerung wächst, muss nicht zwangsläufig zu mehr Hunger führen. Die Welt produziert genug Nahrung für zehn oder auch zwölf Milliarden Menschen. Doch ein Drittel davon geht verloren, bei Ernte, Transport und Lagerung und auch im Haushaltsmüll. Allein in Deutschland werden 28 Millionen Tonnen Nahrung vergeudet, jedes Jahr.

Gelänge es, diese Verluste zu minimieren, ließe sich damit auch ein zweites Problem verringern: Die industrielle Landwirtschaft verursacht rund ein Drittel des globalen Ausstoßes von Treibhausgasen. Hinzu kommt der Energieverbrauch für Transport und Kühlung von Lebensmitteln.

Auch deshalb muss sich die Art, wie wir Nahrung produzieren, ändern: Die Agrarindustrie ist zu großen Teilen verantwortlich für Artensterben, Umweltverschmutzung und Wassermangel. Intensiver Einsatz von Umweltgiften, chemischem Dünger und schweren Maschinen gefährdet Böden, Wasser und Lebewesen. Und damit die Grundlagen für die Ernährung.

Die amerikanische Weltraumbehörde Nasa führt ein weiteres Argument gegen die Hochleistungslandwirtschaft an: Es gehe auch um unsere Sicherheit. "Ein globalisiertes Ernährungssystem, in dem viele Länder abhängig von Importen sind, birgt Risiken", sagt Michael J. Puma, Umweltwissenschaftler am Nasa Goddard Institute for Space Studies in New York. "Nicht nur für arme Länder, sondern für uns alle."

Denn wenn ein Nahrungsmittel wie Reis oder Weizen plötzlich knapp werde - sei es wegen eines Konflikts oder einer Naturkatastrophe in einer großen Anbauregion, wegen Spekulation oder einer Störung im Transportsystem, etwa durch Terror oder eine Cyberattacke -, dann würden produzierende Länder den Export reduzieren, um die eigene Bevölkerung zu versorgen, so Puma. "Aber was tun Länder, die auf Importe angewiesen sind?"

Die Lösung? Essen sollte nach Möglichkeit dort produziert werden, wo es gegessen wird. Entscheidend ist nicht, um jeden Preis die Produktivität zu steigern, sondern Lebensmittel dort herzustellen, wo sie gebraucht werden. Am besten gelingt dies in kleinbäuerlichen Strukturen.

Arme Länder sollten deshalb damit aufhören, Land an ausländische Agrarkonzerne zu verpachten. In Äthiopien und Simbabwe produzieren arabische und chinesische Konzerne Nahrungsmittel für den Export, während die Bevölkerung hungert. "Die lokale Landwirtschaft zu fördern, das ist der Weg", sagt auch José Graziano da Silva, der Chef der FAO. Denn lokale Produktion und lokaler Konsum stimulierten sich gegenseitig - ein Kreislauf, der den Hunger eindämme. Graziano da Silva hat gezeigt, wie es gehen könnte, in seiner Heimat Brasilien. Bevor er 2012 an die Spitze der FAO kam, leitete er das Regierungsprogramm Fome Zero, das die Zahl der Hungernden in wenigen Jahren um 25 Prozent reduzierte. "Im Grunde haben wir Dorfgemeinschaften dabei unterstützt, ihr Essen selbst zu produzieren", sagt er. "Wir haben das Rad nicht neu erfunden."

Das ist auch nicht nötig. Moderne Technologien wie grüne Gentechnik könnten zwar nützlich sein, um die Nahrungsmittelproduktion an den Klimawandel anzupassen. Langfristig werden wir Pflanzen brauchen, die trotz Dürre oder salziger Böden gedeihen, und ein Weg dahin, wenn auch ein umstrittener, ist die Gentechnik.

Aber letztlich besteht der Kampf gegen den Hunger aus vielen, kleinen Schritten - überall da, wo es eben geht. Und manchmal, wenn es gut läuft, machen kleine Schritte den großen Unterschied.

In einem indischen Dorf mit dem wunderbaren Namen Heathgargariya sitzt Gopal Rai unter einem Baum und faltet ein Papier auf. Mit Filzstift hat er seinen Besitz aufgemalt: einen Schuppen, einen Acker, eine Kuh. So sah sein Hof früher aus. Rai breitet ein zweites Blatt aus. So ist es heute: Er hat einen Komposthaufen, einen Kräutergarten und vor allem: einen Plan. Früher baute Rai nur Reis und Weizen an, während des Monsuns. Im Sommer blieben seiner Felder leer. Dann riet ihm die Welthungerhilfe, in den heißen Monaten Hirse und Hülsenfrüchte zu pflanzen. Auf dem Teich hinter seinem Haus schwimmen Enten. Er sät jetzt in einer Linie, statt Saatgut über den Boden zu sprenkeln. Die Leute von der Welthungerhilfe wiesen ihn auch auf Förderprogramme hin und kontaktierten für ihn die Behörden.

Rais Feld ist nun eine Oase inmitten verbrannter Erde. Zum ersten Mal isst seine Familie nicht nur Weizen und Reis.

Über 8000 indische Bauern sind bislang diesem Modell einer vielfältigeren Landwirtschaft gefolgt. Ihr Beispiel zeigt, was möglich ist. Es müsste nur jemand dafür sorgen, dass es funktioniert: ein Staat, der nicht nur gute Gesetze gegen den Hunger auf den Weg bringt, sondern auch bereit ist, sie durchzusetzen.

Im Sommer arbeitete Rai früher als Wanderarbeiter. Seine Familie begleitete ihn, weshalb seine Kinder der Schule fernblieben. Nun schickt er sie das ganze Jahr über in die Dorfschule. An die Universität würden sie es wohl nicht schaffen, sagt er, aber vielleicht ja die nächste Generation. Vielleicht, sagt Rai, werde er einmal einen Enkel haben, der Ingenieur sei.



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Atheist_Crusader 19.06.2017
1.
Das einzige was zukünftige Hungersnöte zuverlässig verhindern kann, ist Bevölkerungskontrolle. Lies: Ein-Kind-Politik. Zumindest bis sich die Zahlen stabilisiert haben. Dann kann man sie wieder zurückfahren. Das hilft dann auch gleichzeitig bei der Armutsbekämpfung. Mit 5-8 Kindern pro Familie kann ja kein noch so starkes Wirtschaftswachstum mithalten.
Reinhold Schramm 19.06.2017
2. Zeitgleich: der private Reichtum nimmt weltweit zu!
Die Boston Consulting Group hat bestätigt, die Asien-Pazifik-Region werde bis Ende 2017 voraussichtlich über private Vermögenswerte in Höhe von 42,3 Billionen US-Dollar (37,8 Billionen Euro) verfügen. Westeuropa kommt auf einen Wert von 41,9 Billionen US-Dollar (37,4 Billionen Euro, bzw. 37.400 Milliarden Euro). Dabei verfügen die Reichen Chinas bereits über das höchste Privatvermögen in der Asien-Pazifik-Region und das zweithöchste weltweit. Die Vereinigten Staaten und China hätten die meisten Millionärs-Haushalte weltweit, besagt der Bericht. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben fast 7,1 Millionen und die Volksrepublik China steht mit 2,1 Millionen Millionäre, Multimillionäre und Milliardäre auf Platz zwei. In der Asien-Pazifik-Region sei das Privatvermögen in der Region im vergangenen Jahr um 9,5 Prozent auf 38,4 Billionen US-Dollar (34,3 Billionen Euro, bzw. 34.300 Milliarden Euro) gestiegen. Der Bericht zeigt, dass die Vermögenden in China und der Asien-Pazifik-Region sehr konservative Investoren bleiben. Etwa 65 Prozent ihres Vermögens sind Bargeld und Einlagen, zwölf Prozent sind Anleihen und 23 Prozent Aktien. In Nordamerika sind 70 Prozent des Vermögens der Reichen in Aktien, 16 Prozent in Anleihen und 14 Prozent in Bargeld oder Bankguthaben. Das weltweite Privatvermögen hat im letzten Jahr um 5,3 Prozent auf etwa 166,5 Billionen US-Dollar (148,7 Billionen Euro, bzw. 148.700 Milliarden Euro) zugenommen. Die Boston Consulting Group prognostiziert bis 2021 ein weltweites privates Vermögen von über 223 Billionen US-Dollar (199,1 Billionen Euro: ein weltweites Kapital- und Privatvermögen der Reichen und Superreichen von 199.100 Milliarden Euro). Merke: Bei mehr Verteilungsgerechtigkeit müsste kein Mensch auf der Erde hungern oder Verhungern. Für die gesamte Menschheit wäre ein auskömmliches Leben in Würde und Achtung voreinander -und mit der Natur- problemlos möglich.
vox veritas 19.06.2017
3.
Schon der Einleitung macht sich wieder die Kolonialromantik breit. Die Deutschen können es einfach nicht lassen. Ansonsten kann ich mich dem dem ersten Beitrag nur anschließen. Mitschuld ist diese immense Bevölkerungsexplosion in Afrika. Früher war es sicherlich sinnvoll sieben Kinder in die Welt zusetzen, weil max. 2 davon das Erwachsenenalter erreicht haben. Mit der heutigen Medizin sind die Überlebenschance um ein vielfaches höher. Bzgl. Lebensmittelversorgung: Man kann sicherlich die Landwirtschaft in Afrika ankurbel. Dafür gibt es gute Konzepte. Man muß aber auch mal machen, anstatt immer nur rumzureden.
Reinhold Schramm 19.06.2017
4. Zeitgleich: der private Reichtum nimmt weltweit zu!
Die Boston Consulting Group hat bestätigt, die Asien-Pazifik-Region werde bis Ende 2017 voraussichtlich über private Vermögenswerte in Höhe von 42,3 Billionen US-Dollar (37,8 Billionen Euro) verfügen. Westeuropa kommt auf einen Wert von 41,9 Billionen US-Dollar (37,4 Billionen Euro, bzw. 37.400 Milliarden Euro). Dabei verfügen die Reichen Chinas bereits über das höchste Privatvermögen in der Asien-Pazifik-Region und das zweithöchste weltweit. Die Vereinigten Staaten und China hätten die meisten Millionärs-Haushalte weltweit, besagt der Bericht. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben fast 7,1 Millionen und die Volksrepublik China steht mit 2,1 Millionen Millionäre, Multimillionäre und Milliardäre auf Platz zwei. In der Asien-Pazifik-Region sei das Privatvermögen in der Region im vergangenen Jahr um 9,5 Prozent auf 38,4 Billionen US-Dollar (34,3 Billionen Euro, bzw. 34.300 Milliarden Euro) gestiegen. Der Bericht zeigt, dass die Vermögenden in China und der Asien-Pazifik-Region sehr konservative Investoren bleiben. Etwa 65 Prozent ihres Vermögens sind Bargeld und Einlagen, zwölf Prozent sind Anleihen und 23 Prozent Aktien. In Nordamerika sind 70 Prozent des Vermögens der Reichen in Aktien, 16 Prozent in Anleihen und 14 Prozent in Bargeld oder Bankguthaben. Das weltweite Privatvermögen hat im letzten Jahr um 5,3 Prozent auf etwa 166,5 Billionen US-Dollar (148,7 Billionen Euro, bzw. 148.700 Milliarden Euro) zugenommen. Die Boston Consulting Group prognostiziert bis 2021 ein weltweites privates Vermögen von über 223 Billionen US-Dollar (199,1 Billionen Euro: ein weltweites Kapital- und Privatvermögen der Reichen und Superreichen von 199.100 Milliarden Euro). Merke: Bei mehr Verteilungsgerechtigkeit müsste kein Mensch auf der Erde hungern oder Verhungern. Für die gesamte Menschheit wäre ein auskömmliches Leben in Würde und Achtung voreinander -und mit der Natur- problemlos möglich.
schnapporatz 19.06.2017
5. Zuerst mal genau auf die jeweiligen Regierungen gucken
...und zusehen, dass Hilfsgelder /-Material auch wirklich bei den Bedürftigen landen und nicht von einer korrupten Elite vor Ort abgesaugt werden. Elend darf keine Verhandlungsmasse werden. Lowtech-Selbstversorgerstrukturen/Landwirtschaft unterstützen. Für strikte Geburtenkontrolle trommeln. Wenn Regierungen oder Religion vor Ort querschießen nur Akut-Hilfen per Nahrungsmittelabwürfe.
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