AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2018

Özil und Gündogan bei Erdogan Eine Art Landesverrat

Zwei berühmte deutsche Fußballer lassen sich mit dem türkischen Autokraten Erdogan fotografieren. Dürfen die das?

DPA/ resdential Press Service

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Es gibt dieses Foto von Angela Merkel aus den Katakomben des Berliner Olympiastadions, wie sie Mesut Özil die Hand schüttelt. Das Foto ist acht Jahre alt, entstanden nach einem Länderspiel gegen die Türkei. Frau Merkel hatte sich das Match zusammen mit dem damaligen türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan angesehen, der einen deutsch-türkischen Freundschaftsschal trug und damals noch nicht ganz der Schurke zu sein schien, als der er heute gilt. Die Deutschen siegten 3:0, es war eher ein Heimspiel für die Türken. Wenn Özil den Ball bekam, pfiffen die mehr als 40.000 Fans des türkischen Teams ihn aus, viele von ihnen Deutschtürken. Er schoss trotzdem ein Tor, auf den Jubel verzichtete er. Wer nicht zum Team gehört, hat normalerweise nichts in der Umkleide verloren. Frau Merkel, einen Fotografen im Schlepptau, hat, so kann man das wohl sagen, Mesut Özil fast ein wenig gestalkt. Er steht dort in kurzer Hose und mit nacktem Oberkörper, ein Handtuch in der Hand, und weiß nicht recht, wie ihm geschieht. Er wirkt ein bisschen ratlos.

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Heft 21/2018
Wie Verbrecher und Heilige eine Weltmacht schufen

Das Foto sorgte damals für Ärger, der DFB-Präsident empfand das Verhalten der Kanzlerin als übergriffig. Von heute aus betrachtet erzählt es aber eine wunderbare Geschichte über das moderne, sich wandelnde Deutschland: die Bundeskanzlerin, die erste Frau in der Geschichte des Landes, im Gespräch mit einem schüchternen jungen Burschen aus Gelsenkirchen mit türkischen Wurzeln, der der neue Star einer deutschen Mannschaft ist, die so bunt ist wie die Gesellschaft und einen Fußball spielt, der nicht nur erfolgreich ist, sondern auch schön. Junge, Junge, wir können, das ist die Botschaft, ziemlich gut sein, besser, als wir glauben, wenn wir schlau sind und kreativ und uns anstrengen, wie die Podolskis und Neuers, die Özils und Lahms, die Boatengs und Hummels, die Jungs aus den Migrantenmilieus und der Mittelschicht.

Diese Woche gibt es mal wieder ein neues Foto von Mesut Özil mit einem Regenten. Diesmal ist es Recep Tayyip Erdogan. Diesmal lacht Özil. Es ist am Sonntag in London entstanden, während des Staatsbesuchs Erdogans in Großbritannien. Ilkay Gündogan, Özils Kollege im Nationalteam, die Großeltern ebenfalls Türken, ist auch zu sehen. Sie haben Erdogan Trikots ihrer englischen Vereine mitgebracht. Gündogan hat seines mit einer Widmung versehen: "An meinen verehrten Präsidenten - hochachtungsvoll". Die beiden wirken stolz und gut gelaunt, fast ein wenig feierlich, eins mit sich und der Welt und ihrem Präsidenten.

Plötzlich war es, als ob das Land aufschreckte aus dem wunderschönen Traum von einer bunten Republik, weil zwei junge, erfolgreiche deutsche Fußballer einfach so zum Feind übergelaufen sind. Eine Art Landesverrat, ein Integrationsverrat, der nur die Höchststrafe als Antwort haben kann: Desintegration.

Sportler Özil mit Kanzlerin Merkel 2010 in Berlin
dpa

Sportler Özil mit Kanzlerin Merkel 2010 in Berlin

Dass irgendetwas Besonderes passiert war, zeigte sich schon daran, dass das politische Berlin, das sich sonst gern streitet und den Widerspruch pflegt, plötzlich ziemlich einig wirkte. Der Grüne Cem Özdemir sprach am Montag davon, dass der Bundespräsident eines deutschen Fußballnationalspielers Frank-Walter Steinmeier heiße und eben nicht Erdogan. Und dass der Bundestag nicht in Ankara, sondern in Berlin sitze. Die Kanzlerin ließ einen Tag später erklären, für ihre Verhältnisse also erstaunlich rasch, die Bilder würden Fragen aufwerfen und zu Missverständnissen einladen, weil Nationalspieler ja Vorbildfunktion hätten.

Wo man hinschaut, von der FDP bis zu den Linken, Eintracht überall: geht gar nicht. Frau Weidel von der AfD erklärte, die Integration in Deutschland sei gescheitert, die beiden sollten gefälligst für die Türkei spielen. Auch DFB-Präsident Reinhard Grindel beklagte sich, dass das Treffen für die Integrationsarbeit des deutschen Fußballs nicht hilfreich sei. Eine schnell erhobene Umfrage stellte fest, dass 66 Prozent der Bundesbürger glauben, das Ansehen der DFB-Elf sei beschädigt. Und als Trainer Joachim Löw am Dienstag den Kader für die Weltmeisterschaft in Russland bekannt gab, wurde er auch gefragt, ob er daran gedacht habe, die beiden Fußballer nicht zu berücksichtigen, was er verneinte.

Acht Jahre liegen zwischen den beiden Fotos. Acht Jahre, in denen Merkels Kanzlerschaft langsam verblühte, Jahre, in denen eine Flüchtlingskrise das Land spaltete, eine rechtspopulistische Partei entstand, eine Volkspartei sich marginalisierte und die Gesellschaft im Dauerstreit um Populismus und Rassismus, um Islamisten und Einwanderer sich zerlegte - und sich inzwischen vor lauter Umwälzungen und Angst und Unsicherheit ständig selbst befragt, wer sie ist und was sie eint. Und kaum Antworten findet.

Vielleicht liegt auch darin die Wucht, die das Erdogan-Foto der beiden Fußballer entwickelt hat. Natürlich ist Fußball ein Sport, ein Spiel, ein Spaß. Aber man sollte die Kraft des Spiels nicht unterschätzen, erst recht nicht, wenn es das einzige nationale Heiligtum zu sein scheint, das in diesen wilden, unruhigen Zeiten übrig geblieben ist und auf das sich alle einigen können, voller Stolz und Hingabe. Die Fußballkanzlerin Merkel wird, wie so viele, ziemlich empört gewesen sein. Empört und vielleicht auch enttäuscht über diese undankbaren Türken.

Man kann die Geschichte dieser beiden Fotos, die Geschichte dieser acht Jahre aber auch aus der Perspektive der hochbegabten Fußballer erzählen. Mesut Özil ist in diesen Jahren von einem deutschtürkischen Fußballer aus einem schwierigen Stadtteil in Gelsenkirchen zu einem internationalen Weltstar aufgestiegen. Damals, im Oktober 2010, war er gerade zu Real Madrid gewechselt, er sorgte schnell für Furore, der Mann an Ronaldos Seite, heute hat er mehr als 70 Millionen Follower auf Twitter, Instagram und Facebook. Seine Mitteilungen werden auf Türkisch, Spanisch, Englisch, Arabisch und, auch das, auf Deutsch verfasst. Er dürfte in seiner Karriere mehr als 75 Millionen Euro erspielt haben, ohne Sponsorenverträge, inzwischen lebt er in London und ist Teil einer globalen Elite superreicher Supersportler.

Sportler Özil mit Präsident Erdoan in London: Aufgeschreckt aus dem wunderschönen Traum
DPA

Sportler Özil mit Präsident Erdoan in London: Aufgeschreckt aus dem wunderschönen Traum

Als das Foto in der Umkleide des Olympiastadions entstand, war es gerade gut anderthalb Jahre her, dass er sich entschieden hatte, für Deutschland zu spielen und nicht für die Türkei, die jahrelang um ihn geworben hatte. Deswegen damals auch die Pfiffe in Berlin, deswegen die Angriffe in türkischen Medien, für die er ein Verräter war. Er hatte lange gezögert, viele in seiner Familie wollten, dass er für die Türkei spielt. Man tut ihm wahrscheinlich nicht unrecht, wenn man sagt, dass seine Entscheidung weniger damit zu tun hatte, ob er sich als Deutscher fühlt. Es war eine Karriereentscheidung. 2014 wurde er mit Deutschland Weltmeister.

Für viele Deutsche blieb er trotzdem ein Türke, für viele Türken ein Deutscher. Das muss unangenehm sein. Und plötzlich stand da im Olympiastadion die Kanzlerin der Deutschen vor ihm, während draußen die Türken pfiffen. Nicht meine Kanzlerin.

Die Frage, ob er nun ein Vorbild, ein Musterbeispiel sei für die gelungene Integration von Migrantenkindern in diesem Land, stellt sich auch deswegen nicht so richtig, weil er zwar einen deutschen Pass besitzt, aber das Land längst verlassen hat. Die meiste Zeit verbringt er in England, den Sommer auf Jachten im Mittelmeer, die Freizeit in der Türkei, wo man ihm längst verziehen hat und wo seine berühmte Schauspielerfreundin zu Hause ist.

Der Weltstar Özil ist einer dieser heimatlosen Globalisten, und wahrscheinlich wird er die wenigsten Wochen eines Jahres in Deutschland verbringen. Wo denn auch? Im schönen Gelsenkirchen-Bismarck? Der Plan war ja, von ebendort so schnell wie möglich wegzukommen.

Ilkay Gündogan, was für ein Zufall, kommt auch aus Gelsenkirchen. Özil ist auf dem Platz eher eine Art genialer Schläfer, dessen Körper aber, wenn er denn erwacht, plötzlich Dinge tut, die eigentlich unmöglich sind. Gündogan ist eher das pfiffige Genie, schnell im Kopf, gerissen, wach, blitzgescheit. Er hat, anders als Özil, das Abitur gemacht. Er spielte in Bochum, Nürnberg und Dortmund und lebt nun seit fast zwei Jahren in Manchester.

Bislang steht Gündogans Karriere noch im Schatten von Özils, weniger Ruhm, weniger Geld. Immerhin bekommt er seinen Lohn inzwischen von einem Scheich aus Abu Dhabi, 40 Millionen Euro dürften alles in allem zusammengekommen sein. Als er im Herbst des vergangenen Jahres nach einem Dreivierteljahr Pause sein Comeback feierte, erschien ausgerechnet in der eher fußballfernen, dafür aber globalen "New York Times" der große Artikel eines Reporters, der ihn während der Leidenszeit begleitet hatte. Auch für Gündogan ist Gelsenkirchen längst Vergangenheit.

Es ist viel von Identitätspolitik die Rede, davon, dass sich die Menschen ihre eigene Identität schaffen, das werden, was sie sein wollen, und nicht das, was man ihnen zuweist. Mesut Özil hat sich mal öffentlich darüber gewundert, dass er immer der deutschtürkische Nationalspieler sei, während Miroslav Klose, ein Spieler mit polnischen Wurzeln, immer nur ein deutscher Spieler war.

Gündogan und Özil werden in England vom selben Agenten vertreten, Erkut Söüt. Seine Agentur nennt sich Family and Football. Er ist in Hannover geboren, als Teenager putzte er in Fabriken und verkaufte Klamotten bei H&M. Er spricht Englisch, Deutsch, Türkisch und Spanisch, ein smarter Typ, mit einem Doktortitel in Rechtswissenschaften, elegant, slick, und auch er hat sich längst wegintegriert aus Deutschland. Im vergangenen Jahr erklärte er gegenüber einem britischen Journalisten, er fühle sich zwar in Deutschland zu Hause, weil er dort aufgewachsen ist, aber nicht deutsch. "Eigentlich gehörte ich nie dazu." Mit den Deutschen und den Türken sei das so eine Sache. Wer dazugehören wolle, müsse sich assimilieren, so werden wie die Deutschen. "Polen und andere können das, aber Türken nicht, weil wir eine andere Kultur und eine andere Religion haben."

Ein Foto mit Erdogan? Warum denn nicht.

Das Treffen von Gündogan und Özil in London kam wohl auf Vermittlung des Erdogan-Beraters Hamza Yerlikaya zustande, eines Olympiasiegers im Ringen. Es fand im Rahmen eines Abendessens im Four Seasons statt, das von einer Stiftung namens Turken ausgerichtet wurde. Die Stiftung betreibt Studentenwohnheime und vergibt Stipendien im Ausland. Sie gehört zu dem komplizierten, durchaus korrupt anmutenden Geflecht aus Stiftungen und Wirtschaftsunternehmen der Familie Erdogan. Esra Albayrak, Tochter des Präsidenten, sitzt im Vorstand. Zum Abendessen in London brachte Recep Tayyip Erdogan fast sein gesamtes Kabinett mit und auch den Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Die Fotos waren schon bei einem Treffen am Nachmittag entstanden.

Fußballer Gündogan, Wahlkämpfer Erdogan: Sieht cool aus
DPA

Fußballer Gündogan, Wahlkämpfer Erdogan: Sieht cool aus

Die Frage, was zum Teufel die beiden Fußballer sich dabei gedacht haben, dürfte ziemlich einfach zu beantworten sein: nicht viel. Wie cool, wir treffen den Präsidenten. Ihr Präsident ist ein anderer als der, den wir kennen. Kein Autokrat, keiner, der einen unrechtmäßigen Krieg gegen die Kurden führt, die Pressefreiheit abschafft, Merkel Nazimethoden unterstellt oder Deniz Yücel ins Gefängnis steckt. Ihr Präsident Erdogan ist offenbar nur ihr Präsident, der Chef, der Baba, der Sultan, die Heimat. Zwei Jungs aus Gelsenkirchen und ihr Präsident.

Gündogan ließ sich extra einen Schnauzer stehen, wie ihn die Männer der AKP gern tragen. Was nicht heißen muss, dass er die AKP unterstützt, sondern einfach nur: sieht cool aus. Ein bisschen Tradition, ein bisschen dicke Eier, ein fescher Undercut, ein bisschen Subkulturgehabe, auch wenn ansonsten das Prinzip gilt: bloß nicht anecken, keinen Aufstand machen, keine Rebellion.

Dass vielleicht trotzdem ein wenig Ärger erwartet wurde, lässt sich daran erkennen, dass beide darauf verzichteten, die Fotos in den sozialen Diensten zu publizieren. Die Welle der Empörung und Wut und Enttäuschung aber überraschte sie. Gündogan ließ schon am Montagnachmittag eine Erklärung, wenn nicht gar eine Entschuldigung verbreiten, dass die Fotos aus Respekt vor dem Präsidenten gemacht worden seien, als Geste der Höflichkeit. Sie seien kein politisches Statement, kein Wahlkampf für Erdogan. "Fußball", schrieb Gündogan, "ist unser Leben und nicht die Politik."

Eine politische Aktion war es wohl wirklich nicht, auch wenn Özil sich seit Jahren regelmäßig mit Erdogan trifft. 2011 überreichte er dem Politiker, der kurz zuvor operiert worden war, ein Trikot von Real Madrid. 2016 war er Gast auf der Hochzeit einer Nichte Erdogans, und auch im vergangenen Herbst noch trafen sich der Fußballer und der Politiker auf einem Empfang.

Was wiederum nicht heißt, dass die Fotos aus London nicht trotzdem Erdogans Wahlkampf helfen, der bislang noch nicht so richtig in Schwung gekommen war. Und so funktioniert das dann: Die Fotos, die von der AKP gepostet wurden, spielten erst eine Rolle, als Fußballdeutschland sich empörte. "Das Foto, das die Deutschen verrückt macht", titelte die Boulevardzeitung "Akam". In der Zeitung "Sabah" hieß es: "Das wahre Problem der Deutschen ist ihre Türkeifeindlichkeit." Und wer verstehen will, warum so viele Deutsche mit türkischen Wurzeln Sympathien für einen Autokraten haben, braucht sich nur in den sozialen Medien umzuschauen: "Spätestens wenn mit einem Bild deine Integration als gescheitert gilt, weißt du - Deutschland war nie deine Heimat."

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat einmal in einem SPIEGEL-Gespräch die Spiele der Nationalmannschaften als letzten Ort beschrieben, an dem moderne Nationen noch als Erregungsgemeinschaften zusammenfinden. Özil und Gündogan, um diesen Gedanken fortzusetzen, gehören nun irgendwie nicht mehr zu dieser Erregungsgemeinschaft. Dabei ist sie im Zeitalter der Hyperglobalisierung eigentlich ein lächerlicher Anachronismus. Oder was ist es sonst, wenn Deutschlandfahnen geschwenkt werden, Hymnen gesungen und sich gemeinsam an epische Schlachten gegen die Engländer erinnert wird oder an große Triumphe in Brasilien?

Global agierende Supersportler wie Gündogan und Özil haben das längst hinter sich gelassen. Sie spielen für Deutschland, weil sie sich davon einen Vorteil versprechen. Ehre? Werte? Nation? Vorbilder? Was also ist heute eine Nationalmannschaft, die inzwischen in den Medien immer öfter DFB-Auswahl genannt wird, was einerseits ziemlich politisch korrekt klingt, andererseits angemessen nüchtern und modern: die besten 11 Kicker unter 80 Millionen Staatsbürgern mit deutschem Pass. Nicht mehr, nicht weniger. Gündogan und Özil gehören zweifelsfrei dazu.

Jeder deutsche Staatsbürger kann denken und tun und lassen, was er will. Sogar ein Altkanzler darf sich in Moskau bei Putins Amtseinführung fotografieren lassen, so verrückt das auch ist. Gerhard Schröder ist auch weiterhin in der SPD, der deutsche Pass wurde bislang nicht eingezogen.



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