AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2017

Regensburg "Maria" brachte die Müllsäcke - gefüllt mit Körperteilen

Die Botin kam regelmäßig ins Krematorium Regensburg, ihre Fracht war äußerst makaber: Füße, Arme, Lebern und Nieren aus einer städtischen Klinik wurden heimlich verbrannt. Sie wurden zu Leichen in die Särge gelegt.

Krematorium Regensburg: Kanülen im Etagenofen
Armin Weigel/DER SPIEGEL

Krematorium Regensburg: Kanülen im Etagenofen


Dem eigenen Begräbnis beizuwohnen ist ein albtraumhaftes Erlebnis, das sich normalerweise nur in Horrorfilmen ereignet. Doch die Vorfälle auf dem städtischen Friedhof am Dreifaltigkeitsberg in Regensburg kamen dieser makabren Fiktion erschreckend nahe.

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Heft 18/2017
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So hätte es in den vergangenen Jahren durchaus passieren können, dass schwer kranke Menschen auf dem Bergfriedhof die Einäscherung ihres amputierten Fußes miterlebten oder dass sie ihre entnommene Niere zur letzten Ruhe verabschiedeten.

Im Raum steht ein ungeheurer Vorwurf: Mitarbeiter des städtischen Krematoriums haben ausgesagt, dass sie auf Anweisung ihrer Vorgesetzten anonyme Körperteile in die Särge Verstorbener legen und mitverbrennen mussten (SPIEGEL 8/2017).

Rätselhaft war bislang, woher die heimlich entsorgten Organe und Extremitäten stammten. Nach Bekanntwerden des Skandals gab sich die Stadt Regensburg zunächst ahnungslos. Der für das Krematorium zuständige Abteilungsleiter für Bestattungswesen in Regensburg ließ mitteilen, von den Vorgängen nichts gewusst zu haben.

Doch nun nimmt der Fall eine überraschende Wende.

Gegenüber dem SPIEGEL hat Rolf Thym, ein Sprecher der Stadt Regensburg, die Herkunft der Körperteile offenbart. Über Jahre seien Amputate aus dem städtischen Evangelischen Krankenhaus in dem Krematorium entsorgt worden, bekennt Thym.

Verwaltungsleiter des Krankenhauses war zu dieser Zeit Peter Müller. Inzwischen bekleidet der Mann einen neuen Posten: Er ist Leiter des Bürgerzentrums der Stadt Regensburg.

Wohl auch deshalb bemüht man sich, die gruseligen Vorgänge als vollkommen legal darzustellen. "Die Kremierung von Amputaten war in der Vergangenheit und ist auch heute noch nach dem bayerischen Bestattungsrecht zulässig", behauptet der Sprecher.

Verbrennungsofen im Krematorium
DPA

Verbrennungsofen im Krematorium

Doch diese Interpretation der Rechtslage ist zweifelhaft. "Sollte sich der Vorwurf bestätigen", widerspricht der Bestatterverband Bayern, "wäre dies ein grober Verstoß gegen geltende Gesetze." Der Landshuter Rechtsanwalt Reinald Koch verweist auf das Bayerische Abfallwirtschaftsrecht. Demnach seien Körperteile und Organabfälle "aus ethischen Gründen nur in Abfallverbrennungsanlagen, die für Abfälle aus Einrichtungen des Gesundheitsdienstes zugelassen sind, zu beseitigen".

Eine dafür vorgesehene Müllverbrennungsanlage ist das Krematorium in Regensburg gerade nicht. In den Öfen am Dreifaltigkeitsberg dürfen ausschließlich die Überreste Verstorbener verbrannt werden - nicht aber Organe und Gliedmaßen von lebenden Menschen. "Was ist denn das auch für ein Schmarrn", spottet ein Eingeweihter, "kommst du dann zur Beerdigung deines eigenen Raucherbeins?"

Aus Sicht der Stadt Regensburg ergibt die mutmaßlich unzulässige Beseitigung von Organen und Körperteilen aber durchaus Sinn. Transport und Entsorgung des menschlichen Sondermülls verursachen erhebliche Kosten. Die Verbrennung im stadteigenen Betrieb dürfte hingegen praktisch zum Nulltarif erfolgt sein.

Mitarbeiter des Krematoriums bezeugen: Einmal pro Woche habe eine ominöse Botin namens "Maria" bis zu vier Müllsäcke angeliefert - die mit Lebern und Nieren, Füßen und Armen gefüllt gewesen seien. Und das über mehrere Jahre. Nach Schätzungen eines Ermittlers könnte im Laufe der Zeit der Inhalt von mehr als tausend Müllsäcken mit menschlichen Körperteilen in den Öfen verfeuert worden sein.

Die Arbeiter im Krematorium brachte das offenbar in große Nöte. Denn eine Einäscherung ist ein hochoffizieller Vorgang, der eigentlich penibel dokumentiert werden muss. So soll verhindert werden, dass beispielsweise ein Mordopfer verschwindet. In modernen Krematorien lassen sich die Ofentüren gar nicht öffnen, wenn einem Verbrennungsvorgang nicht eine amtliche Auftragsnummer zugewiesen wird.

Um die anonymen Körperteile nicht dokumentieren zu müssen, legten die Ofenwärter die Müllsäcke mit dem heiklen Inhalt zunächst auf Särge, die offiziell verbrannt werden sollten. Bei einer vorgeschriebenen Mindesttemperatur von 850 Grad Celsius verpufften auch die Plastikbeutel in kürzester Zeit; Körperteile und Organe zerfielen zu Asche.

Unappetitlicher Nebeneffekt: Kanülen, die vom Klinikpersonal ebenfalls in die Müllsäcke gestopft worden waren, seien häufig durch den Ofenrost gefallen. Aus diesem Grund gingen die Ofenwärter nach eigener Aussage dazu über, die Körperteile direkt in die Särge zu legen - zu den Verstorbenen.

Seit August vorigen Jahres ermittelt die Staatsanwaltschaft Regensburg nun schon in dem heiklen Fall. Die Untersuchung der Beamten könnte sich noch bis in den Spätsommer hinziehen. Dass die Aufklärung so lange dauert, liegt wohl auch an der mangelnden Kooperationsbereitschaft der bisher vernommenen Zeugen. Es handle sich um "eine komplexe Ermittlung", räumt der Regensburger Oberstaatsanwalt Theo Ziegler ein. "Es ist schwierig, eine rote Linie zu ziehen und zu belegen, wer für was verantwortlich war."

Aus dem Juristendeutsch ins Hochdeutsche übersetzt, heißt das wohl so viel wie: Ein Beschuldigter schiebt dem anderen den Schwarzen Peter zu.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
iffelsine 02.05.2017
1. Der Artikel ist ja total aufgebauscht !
Natürlich ist das effizient so und energiesparend. Was keiner weiß, macht keinen heiß. Und wenn das eine Öffentliche Klinik ist, wird Steuergeld gespart und offenkundig nicht zu wenig. Eine Spenderniere gehört ja auch nicht zum eigenen Körper und wird später mitverbrannt, also nicht mit zweierlei Maß messen !
manicmecanic 02.05.2017
2. iffelsine Ihr Ernst?
Falls ja sind Sie ja wohl haarsträubend daneben.Diese Entsorgung von Klinikabfällen ist ja wohl schon abartig und in höchstem Maß pietätlos.Und es spielt überhaupt keine Rolle daß da gespart wird.Auch um welche Gelder es geht ist vollkommen irrelevant,auch wenn Sie da noch zusätzlichen Unfug verbreiten.Wenn es sich um solche Klinikabfälle handelt wird das sonst regulär von der Klinik entsorgt und gezahlt.Aber s.o. in dem Fall voll Nebensache wer da spart.Wenn Sie sich später mal verbrennen lassen können Sie ja bestimmen daß Ihr Sarg mit solchem Operationsresten gefüllt wird.
cektop 02.05.2017
3. War
in der Pathologie z.B. wurden Organe nicht unbedingt wieder in den Originalkörper zurück gelegt. Wir haben immer gelacht, was wohl spätere Archäologen denken wenn sie eine männliche Schwangere finden, mit Fötus.
keinname100 06.05.2017
4.
Das ist so billig und ekelhaft, dass mir beinah das Frühstück hochkommt. Es fehlen einem die Worte.
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