AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2017

Populismus Warum so viele Ostdeutsche rechts sind

Was sind die Gründe für Unzufriedenheit, Fremdenfeindlichkeit und den Erfolg rechter Parteien im Osten? Und gibt es ein Mittel dagegen?

AfD-Abgeordneter Chrupalla in Weißwasser: "Wir sind hier eine normale Volkspartei"
Sven Doering/ Agentur Focus

AfD-Abgeordneter Chrupalla in Weißwasser: "Wir sind hier eine normale Volkspartei"

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Ein Vormittag im Landtag von Thüringen. Die Abgeordneten diskutieren.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 46/2017
*AUFWACHEN! Warum China schon jetzt Weltmacht Nr. 1 ist - ein Weckruf für den Westen

"Peinlich", ruft der erste.

"Die NPD hätte es nicht besser sagen können", der nächste.

"Ich bin entsetzt."

"Das ist ja wohl eine Frechheit."

"Ich verbitte mir, dass Sie permanent lügen!"

"Sie wissen gar nicht, wie das Wort Anstand geschrieben wird!"

"Halten Sie einfach mal die Klappe!"

"Ich finde es angebracht, dass wir uns hier als Parlament nach diesem Beitrag entschuldigen."

Auf der Tagesordnung steht eine Debatte über den NSU, über ein Mahnmal, das an den Terror des Thüringer Trios erinnern soll. Zwei Abgeordnete der AfD nutzen die Gelegenheit, um die anderen Parteien zu provozieren.

Rot-Rot-Grün wolle den Thüringern und "dem deutschen Volk" bloß eintrichtern, "dass sie im Grunde im Dritten Reich stecken geblieben sind", sagt einer von ihnen. Die Koalition wolle den Menschen einhämmern, "wie verkommen sie doch sind". Zudem werde nur der Opfer des NSU gedacht, nicht aber jener des islamistischen Terrors: "Wir sollen gläubige Untertanen eines neuerlichen sogenannten Antifaschismus werden."

Im Plenum - einem lichten Neubau mit viel Glas - sitzt Bodo Ramelow, der linke Regierungschef von Thüringen. Mal schaut er fassungslos auf den Redner, mal schlägt er die Hände vor dem Gesicht zusammen. Schließlich geht er selbst ans Pult. "Ich schäme mich für solche Reden hier im Landtag", sagt der Ministerpräsident.

Etwas hat sich verändert in Deutschland. Ein Land, das noch vor Kurzem in Umfragen zum beliebtesten der Erde gekürt wurde, ist mit Selbstzweifeln beschäftigt und mit der Suche nach seiner Identität. Der Siegeszug der AfD hat die Republik erschüttert, im Westen, wo Rechtspopulisten in allen Ländern nun in den Bundestag gewählt worden sind. Vor allem aber im Osten, wo die Alternative für Deutschland zur zweitstärksten, in Sachsen sogar zur stärksten Partei aufgestiegen ist.

Am 9. November jährte sich der Fall der Berliner Mauer. Es war kein rundes Jubiläum wie 2014, als Deutschland ein rauschendes Fest geschmissen hat mit Feuerwerk und Gästen aus aller Welt. Das vereinte Land war erwachsen geworden, wirtschaftsstark, modern und tolerant. Endlich war, was zusammengehört, zusammengewachsen, so klang die Botschaft. Aber stimmte sie auch? Stimmt sie noch?


Foto-Essay: Tiefe Gräben
Fotograf Sven Döring wurde in Dresden geboren. Seit Jahren fotografiert er in seiner Heimat für den SPIEGEL und versucht in seinen Bildern, die Seele des Ostens einzufangen. Hier kommentiert er eine Auswahl seiner Fotos.

Was ist nur mit dem Osten los? Seit der Bundestagswahl versuchen Leitartikel zu erklären, warum die neuen Bundesländer am weitesten nach rechts gerückt sind und weshalb Deutschtümelei und Fremdenfeindlichkeit dort scheinbar zwangsläufig immer lauter werden, von den Pegida-Märschen über Freital und Heidenau bis zu den Wutausbrüchen im Publikum bei Angela Merkels Wahlkampfauftritten in diesem Sommer.

Die bisher vorgetragenen Thesen gründen meist auf zwei Annahmen. Entweder sind die wirtschaftlichen Verhältnisse schuld, das noch immer existierende Wohlstandsgefälle. Oder es wird eine kollektive seelische Störung attestiert, die mit der versäumten Verarbeitung von zwei Diktaturerfahrungen zusammenhänge.

Aber so einfach ist es nicht. Ein Team von SPIEGEL-Journalisten hat in den vergangenen Wochen Menschen getroffen, die den Rechtsruck im Osten beobachtet, begleitet, befördert oder bekämpft haben: Wähler und Abgeordnete, Ministerpräsidenten, Kommunalpolitiker und Vertreter der Zivilgesellschaft.

Herausgekommen ist ein Bild mit vielen Facetten, es zeigt völkische, rassistische und antidemokratische Farben, aber auch helle Töne und Wege, die aus der Populismusfalle hinausführen.

Ministerpräsident Haseloff in Wittenberg:"Gott sucht die Missetaten der Väter heim"
Hermann Bredehorst/ DER SPIEGEL

Ministerpräsident Haseloff in Wittenberg:"Gott sucht die Missetaten der Väter heim"

Einig waren sich fast alle in einem Punkt: Die jüngste Wahl war ein Schrei nach Aufmerksamkeit. 28 Jahre nach der Wende ist es für Ost und West an der Zeit, einander endlich mal zuzuhören. Damit die deutsche Einheit nicht bloß ein Anlass für Feuerwerke wird wie beim 25. Jahrestag des Mauerfalls vor drei Jahren.

Der Bauschutt ist zu kleinen Bergen zusammengeschoben. Dazwischen liegen Plastiksäcke. "Mineralwolle - kann Krebserkrankungen hervorrufen", warnen Aufdrucke. "Schutzausrüstung tragen" steht darunter, mit dickem Ausrufezeichen und dem Piktogramm einer Gasmaske.

Es sind die Reste einer DDR-Plattenbausiedlung, die keiner mehr braucht. Weißwasser in der Oberlausitz ist eine leere Stadt, viele haben das Weite gesucht, und wer geblieben ist, kann sich als Verlierer der Einheit fühlen. Knapp 28 Prozent von ihnen wählten bei der Bundestagswahl die AfD.

Neun Kilometer östlich, an der Neiße, liegt Bad Muskau. Es gibt ein Schloss und einen Park, der für viele Millionen Euro restauriert wurde und zum Unesco-Welterbe zählt. Das Städtchen und seine Bewohner profitieren vom Tourismus, Bad Muskau ist eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte. Trotzdem stimmte fast jeder Dritte bei der Bundestagswahl für die AfD. 3,6 Prozentpunkte mehr als in Weißwasser.

Eigentlich, sagt Tino Chrupalla, "sind wir hier schon eine ganz normale Volkspartei". Die AfD sei in der Oberlausitz für alle da, die Abgehängten, die Einheitsprofiteure: "Selbst Pfarrer wählen uns." Im September hat er der CDU den Wahlkreis nach einem Vierteljahrhundert einfach abgejagt. Er gewann sein Direktmandat ausgerechnet gegen Michael Kretschmer, den Generalsekretär der sächsischen Union.

Wenn Chrupalla spricht, klingt es freundlich, offen, geradeheraus. Der 42-Jährige schwärmt gern von den goldenen Zeiten Weißwassers, damals in der DDR, als viele Menschen noch Arbeit in der Braunkohle oder in den Glaswerken hatten und gute Wohnungen in modernen Plattenbauten.

"Ich hatte eine tolle Kindheit", sagt er, "schön und sicher." Auf dem Land standen die Häuser offen, Einbrüche gab es selten, und wenn, wurden die Täter schnell gefasst von den Genossen der Volkspolizei. "Meine Eltern mussten sich nie sorgen, wo ich spielen gehe."

Nach der Wende wurde Helmut Kohl sein neues Idol. Er trat in die Junge Union ein, gemeinsam mit seinem damaligen Parteifreund Kretschmer habe er den Einheitskanzler in Bonn besucht. Chrupalla begann eine Lehre als Maler, machte seinen Meister und gründete einen eigenen Betrieb. Die Geschäfte liefen gut, er heiratete, die Wende hat ihm nur Glück gebracht.

Doch das Land wurde ihm fremder. Tausende Arbeitsplätze verschwanden, Weißwasser verlor die Hälfte der Einwohner, Busverbindungen ins Umland wurden ausgedünnt, in den Oberlausitzer Dörfern schlossen Läden und Schulen. Und über die offene Grenze kamen Banden aus Osteuropa und klauten Autos.

Nicht nur die Region, auch Deutschland veränderte sich. Finanzkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise und dann noch die Ehe für alle. "Wir wurden nie gefragt", sagt Chrupalla. Er besuchte die Pegida-Demonstrationen in Dresden, schließlich trat er der AfD bei und bewarb sich für die Bundestagskandidatur.

"Ich habe im Traum nicht daran gedacht, meinen Wahlkreis zu verlieren", sagt Chrupallas alter Weggefährte Michael Kretschmer. Der CDU-Politiker hatte die Oberlausitz bisher im Bundestag vertreten, er trug dazu bei, dass Forschungsgelder in die Region flossen, öffnete Bürgermeistern Türen in Berlin. "Ich glaube, ich war ein guter Abgeordneter", sagt Kretschmer.

Doch im Wahlkampf spürte er, dass seine Wähler "Denkzettel verpassen" wollten, nicht seinetwegen, glaubt er, sondern wegen der Kanzlerin, der Bundes-CDU, der Flüchtlingspolitik. "Die Menschen", sagt Kretschmer, "hatten das Gefühl, nicht mehr ernst genommen zu werden."

Trotzdem hat sich die Protestwahl auch für ihn gelohnt. Im Dezember soll er Nachfolger von Ministerpräsident Stanislaw Tillich werden, der frustriert aufgab. Kretschmer, der Wahlverlierer aus der Oberlausitz, soll dann die Sachsen-Union und den Freistaat vor der AfD retten.

Sein Rivale Chrupalla macht ebenfalls Karriere, in Berlin ist er zum AfD-Fraktionsvize aufgestiegen. "Ich freue mich, dass ich als kleiner Malermeister die sächsische Union ins Wanken gebracht habe", sagt er.

Ortsvorsteher Kammer mit Buchhändler Nils Graf (r.) in Fürstenwerder: Zum Meckern in die Sprechstunde
Milos Djuric/ DER SPIEGEL

Ortsvorsteher Kammer mit Buchhändler Nils Graf (r.) in Fürstenwerder: Zum Meckern in die Sprechstunde

Chrupalla ist bislang nicht als Demagoge aufgefallen, er unterscheidet sich von Björn Höcke und den anderen Scharfmachern in der AfD. Im Gespräch beklagt er eine "Erosion der Demokratie", Parlamente würden zu wichtigen Themen nicht mehr befragt. "Der Geist ist aus der Flasche, die Menschen lassen sich das nicht länger bieten."

Die Familie Haseloff lebt seit 600 Jahren in Wittenberg und Umgebung. In vielen Generationen hat sie dort Politiker gestellt, aktuell ist Reiner Haseloff an der Reihe, der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt.

Wenn der 63-Jährige durch seine Heimatstadt führt, ist jeder Schritt eine Begegnung mit seiner und der deutschen Geschichte. Hier die Linde beim Lutherhaus, die Stelle, wo Haseloff seiner Frau den Heiratsantrag machte. Dort der Platz vor der Universität, eine der ältesten im Land, Friedrich der Große war schon da, später Napoleon. Dann die Stadtkirche, in der Luther predigte und zum ersten Mal die Messe in deutscher Sprache gefeiert wurde.

Haseloff weiß noch, wie er im Oktober 1989 unweit von Luthers Kanzel stand, mit anderen für einen friedlichen Wandel betete und dann draußen auf dem Marktplatz demonstrierte.

Heute prägen radikale Rechte das Klima. Und die Frage für den CDU-Politiker ist, wie es dazu kommen konnte.

"Gott sucht die Missetaten der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied." So hat er es vor Kurzem sonntags in der Kirche gehört, in einer Lesung aus dem zweiten Buch Mose. "Sie können sich also ausrechnen", sagt der Ministerpräsident, "wie lange wir noch an der Last und an der Schuld des 20. Jahrhunderts zu tragen haben."

Schicht für Schicht versucht er freizulegen, was die Wurzeln des heutigen Unfriedens verdeckt, angefangen mit der Ökonomie: "Stellen Sie sich mal vor, die Hälfte der Bevölkerung im Land hatte keine reguläre Arbeit", sagt Haseloff, der in den Neunzigerjahren Direktor des örtlichen Arbeitsamts war. 49,3 Prozent der Sachsen-Anhalter waren damals offiziell arbeitslos oder in einer Beschäftigungsmaßnahme geparkt. "Wir sind von einer Insolvenz in die nächste gestolpert."

Gleichzeitig halbierten sich die Geburtenzahlen in der Region. "So einen Bruch", sagt er, "hat es zu Friedenszeiten in Deutschland noch nie gegeben."

Jede Woche demonstrieren in Wittenberg Gegner der Hartz-IV-Reformen, seit 15 Jahren, Haseloff hat oft mit ihnen gesprochen. Aber an diesem Nachmittag hat sich eine andere Gruppe auf dem Marktplatz versammelt. Es sind erzürnte Christen, die gegen die "Judensau" protestieren. Das antisemitische, jahrhundertealte Relief an der Außenfassade der Stadtkirche solle entfernt werden, fordern die Demonstranten.

Haseloff kennt das Thema gut, 1988 hat er mit anderen Christen dafür gesorgt, dass unterhalb der "Judensau" eine Gedenkplatte in den Boden eingelassen wurde. Die Skulptur in der Fassade müsse aber bleiben, sagt er. "Wenn wir sie wegnehmen, würden wir nicht mehr gemahnt werden, uns unserer Geschichte zu stellen."

Die Demonstranten sind nicht überzeugt. Sie schlagen einen Bogen von der "Judensau" zur aktuellen Politik, zur AfD. "Da kommt etwas hoch, das wir noch nicht abschätzen können", sagt einer von ihnen.

Vielleicht wurde im Osten zu wenig diskutiert in den vergangenen Jahren, vielleicht waren viele zu sehr damit beschäftigt, ihr Leben in den Griff zu bekommen. "Wir sind Transformationsgetriebene gewesen", sagt Haseloff.

Jetzt, da die Arbeitslosigkeit sinkt, die Wirtschaft endlich wächst und auch die Bevölkerungszahl wieder zunimmt, fällt die lange Abwesenheit von Diskurs, von Auseinandersetzungen über die eigene Identität umso deutlicher auf. In diese Lücke stoßen die Rechten gezielt vor.

Fußballfunktionärin Dahme in Potsdam: Sitzblockaden gegen Neonazis
Milos Djuric/ DER SPIEGEL

Fußballfunktionärin Dahme in Potsdam: Sitzblockaden gegen Neonazis

Im März 2016 gewann die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 24,3 Prozent, deutschlandweit ihr bisher höchstes Ergebnis auf Landesebene. Die neu gewählten Abgeordneten marschierten im Gleichschritt im Landtag auf. Haseloff wirkte geschockt, als der SPIEGEL ihn damals in seinem Magdeburger Büro besuchte. Der Ministerpräsident fühlte sich an die späte Weimarer Republik erinnert. Ihm sei klar geworden, sagte Haseloff, "wie fragil die Demokratie in Deutschland doch ist".

Und heute? Bei der Bundestagswahl hat Sachsen-Anhalt eine kleine Trendwende geschafft. Im Vergleich zur Landtagswahl sank das AfD-Ergebnis um fünf Punkte auf 19,6 Prozent.

"Wir brauchen keinen Rechtsruck", sagt Haseloff. Es reiche aus, alle bestehenden Verträge und Gesetze konsequent umzusetzen. "Die anderen dürfen keine Gelegenheit bekommen, uns mit unseren Defiziten zu treiben", sagt er, "wir dürfen nicht zulassen, dass sie uns mangelnde Rechtsstaatlichkeit vorhalten können."

Fürstenwerder in der Uckermark ist das Gegenteil von abgehängter Provinz. Es gibt zwar nur 650 Einwohner, aber zwei Arztpraxen, eine Grundschule, einen Bäcker, einen Fleischer, außerdem ein Heimatmuseum und eine Buchhandlung mit guter Stube, wo sich der Damenstammtisch zum Rotkäppchen-Sekt trifft und Nachbarn Eier gegen Kooperativenkaffee mexikanischer Zapatisten tauschen.

Bei der Bundestagswahl erzielte die AfD in Fürstenwerder 24 Prozent.

An einem Oktobernachmittag sitzt Nils Graf in seinem Buchladen mit dem Ortsvorsteher Dirk Kammer zusammen und diskutiert über den Rechtsruck.

Kammer, ein Tischlermeister, kann es immer noch nicht fassen. "Wenn man sich müht, so wie man sich überall in Deutschland mühen muss, kann man hier gut leben, sich entwickeln", sagt er.

Natürlich hat die Flüchtlingspolitik auch Fürstenwerder beschäftigt. Ein junger Syrer, der offenbar an Schizophrenie leidet, sorgt mit übergriffigem Verhalten für Unruhe im Ort. Fremdenfeindlich sind die Bürger von Fürstenwerder mehrheitlich deshalb aber nicht. Fünf Familien aus Syrien haben zwischenzeitlich hier gelebt. Um sie kümmerte sich nicht nur die Gemeinde, sondern auch ein Willkommensbündnis aus dem Dorf. Wieso dann also der Erfolg der AfD?

Die Rechten hätten in der Region auch Stimmen von Anwohnern bekommen, die Spenden für Flüchtlinge sammeln, sagt Graf. "Das sind kleine, selbstständige Handwerksleute, die glauben, dass die AfD sich um ihre Belange kümmern will." Diese hätten sich einen Punkt aus dem Wahlprogramm gepickt, der ihnen passe. "Der Rest interessiert sie nicht."

Seit vorigem Jahr ist Kammer Ortsvorsteher. Ein Ehrenamt, eigentlich aber ein Vollzeitjob. Oft würden die Einwohner nur zum Meckern in seine Sprechstunde kommen. "Da liegt ein Ast auf dem Weg, da muss das Gras mal wieder gemäht werden", heiße es dann. Aber kaum einer wolle sich selbst engagieren. Für das Problem seid ihr doch da, macht was, bekommt Kammer oft zu hören.

Und wenn sie ein Anliegen vortrügen, erwarteten die Bürger, dass sich alles sofort ändere. Sie könnten nicht verstehen, dass er vorher noch mit den zuständigen Ämtern sprechen müsse. "Da geht nichts von heute auf morgen", sagt er ihnen häufig.

Kammer, der für die Bürgerfraktion in der Gemeindevertretung sitzt, will nun auf offene Gesprächsrunden im Dorf setzen. Alle sollen sich aussprechen und informieren können. "Niemand darf sich zurückziehen und isolieren, bis es knallt", sagt der 45-Jährige. "Demokratie heißt eben auch sich mühen müssen."

Straßenszene in Wittenberg
Hermann Bredehorst/ DER SPIEGEL

Straßenszene in Wittenberg

Wie verändert das Leben in einer Diktatur die Menschen? Diese Frage beschäftigt Wolfgang Freese schon lange. "Demokratie ist plötzlich was unheimlich Anstrengendes, wenn einem vorher alle Entscheidungen abgenommen wurden", sagt er.

Er steht im Ratssaal der Kreisverwaltung Ostprignitz-Ruppin, einem großen Raum mit hohen Decken und holzvertäfelten Wänden in der Innenstadt Neuruppins, und erinnert sich an 1989. Draußen, auf den Simsen des Mauerwerks, flackerten Tausende Kerzen als Zeichen des friedlichen Protests gegen das DDR-Regime. Drinnen erstritt Freese für die Oppositionsgruppe Neues Forum demokratische Mitspracherechte. Bis heute nimmt Freese hier regelmäßig Platz. Als Grünen-Abgeordneter berät er im Saal mit anderen Politikern über die Belange des Kreises.

Schon damals beschäftigte ihn, wie die ostdeutsche Gesellschaft fortan mit Arbeitslosigkeit und Ausländern klarkommen könnte, in einem Land, das beides kaum kannte. Mit Arbeit und ohne Migration - für viele sei die DDR auch deswegen ein kuscheliges System gewesen.

Neuruppin hat in den vergangenen Jahren viel erreicht. Die Arbeitslosigkeit sinkt, es gibt ein lebendiges Kulturleben, zahlreiche Bürger sind zivilgesellschaftlich aktiv, das Bündnis "Neuruppin bleibt bunt" hat viel im Zusammenleben von Flüchtlingen und Einheimischen bewirkt.

Und doch war Freese, der als Sonderpädagoge und DJ arbeitet, über die Jahre immer wieder irritiert. "Wolfgang, ich habe dich gewählt, obwohl du bei den Grünen bist", hätten Wähler ihm erzählt. Oder dass ihre Erststimme an ihn gegangen sei, die Zweitstimme aber an die NPD.

In den vergangenen Monaten hat er auf den Straßen Flugblätter gegen die AfD verteilt und versucht, mit deren Anhängern ins Gespräch zu kommen. Freese, der in Neuruppin fast jeden zu kennen glaubt, war überrascht über die vielen Gesichter, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Eines Tages traf er auf einen alten Bekannten, mit dem er 1989 in der Bürgerrechtsbewegung aktiv gewesen war. Inzwischen ist der Mann bei der AfD. Wenn er Merkel und Gabriel sehe, erzählte ihm der alte Mitstreiter, müsse er an das Zentralkomitee der SED denken. "Da hört doch alles auf", sagt Freese. "Wie soll man da noch argumentieren?"

Der Kommunalpolitiker ist jetzt 61 Jahre alt. Er will weitermachen und nach vorn schauen, Haltung zeigen, öffentlich und privat. Auch wenn es manchmal schwerfalle. "Wer will schon den Geburtstag der Tante versauen", fragt er, "um problematische Aussagen zu korrigieren?" Schweigen, sagt Freese, sei keine Lösung. Es gehe darum, Menschen in ihren Echokammern anzusprechen, falsche Nachrichten zu korrigieren und aufgeregten Streit zu versachlichen. "Steter Tropfen höhlt den Stein", sagt Freese vorsichtig lächelnd.

Bodo Ramelow sitzt in der Erfurter Landtagskantine, die Debatte über das NSU-Mahnmal liegt gerade hinter ihm. Jetzt erzählt der Ministerpräsident von jenem Moment, als er zum ersten Mal eine voll verschleierte Frau in Thüringen sah, ausgerechnet hier im Landtag. Es handelte sich um die AfD-Abgeordnete Wiebke Muhsal, die damit gegen die Entwürdigung von Frauen protestieren wollte.

Und er beschreibt die Kreuze mit angenagelten Schweinsköpfen, die auf dem Bauplatz einer Moschee von Gegnern errichtet wurden. Die Muslime seien schuld, jetzt gebe es mehr Kriminalität, mehr Vergewaltigungen, bald müssten wir alle Kopftuch tragen: "Das ist der Blues", sagt Ramelow, "den ich nun oft zu hören bekomme."

"Der Adrenalinspiegel ist hoch", sagt er. In der AfD mache sich eine selbstherrliche Haltung breit, die für die anderen Parteien so ähnlich klinge wie: Bald seid ihr weg, bald haben wir euch vertrieben.

Dann holt Ramelow sein Telefon hervor. Er hat drei bunte Deutschlandkarten darauf gespeichert. Sie sollen die Malaise im Osten erklären. Die erste zeigt, wo die Menschen am wenigsten verdienen und der Mindestlohn am stärksten wirkt. "Da ist die alte DDR wiederzusehen", sagt Ramelow, "und zwar in kraftvollster dunkler Farbe." Er wechselt zur nächsten Karte, es geht um Ausländer, Thüringen hat den zweitniedrigsten Wert bundesweit. "Es sind keine Ausländer da", sagt Ramelow, bevor er die dritte Karte öffnet, Wahlsiege der AfD. Der ganze Osten dunkelblau.

Kommunalpolitiker Freese in Neuruppin "Demokratie ist anstrengend"
Milos Djuric/ DER SPIEGEL

Kommunalpolitiker Freese in Neuruppin "Demokratie ist anstrengend"

Aber wie hängen diese Grafiken miteinander zusammen? Und warum äußern so viele Menschen ihren Frust in völkischen, ausländerfeindlichen Tönen?

Wer in der DDR aufgewachsen ist, kennt "Schwester Agnes". Der Defa-Film von 1975 erzählt die Geschichte einer Gemeindeschwester in der Oberlausitz, die sich beherzt um die Nöte der Dorfbewohner kümmert; für jedes Problem findet sie eine Lösung, egal was die Funktionäre sagen.

Bei Auftritten redet Ramelow seit einiger Zeit gern davon. "Das funktioniert immer", sagt er. Er erzählt dann, wie er als zugezogener Wessi das erste Mal eine Postkarte mit dem Schwester-Agnes-Motiv sah. Wie er sich kaputtlachte, wie er dachte, das ist doch bescheuert. "Hinterher habe ich begriffen: Das ist Identifikation, das ist Heimat und in Sachen Gemeindeschwester sogar zutreffend." Weil es eine Welt zeigt, die sich viele zurückwünschen, ohne dabei an die DDR Honeckers zu denken. Sondern an eine Gesellschaft, in der es in jedem Ort medizinische Versorgung gab und der Dorfkonsum mit seinem in der Erinnerung gar nicht so kargen Angebot gleich um die Ecke lag.

"Je länger etwas weg ist, desto schöner wird es in der Erinnerung", sagt Ramelow.

Es gibt mehrere Arten von Wut, eine leise, die sich hinter den Vorhängen zu Hause artikuliert, und eine laute, die auf den Marktplätzen hinausgebrüllt wird. Inzwischen erklingt sie auch in den Parlamenten. Ramelow und seine Kollegen müssen sich fragen, wie sie auf diesen Sound der Unzufriedenen reagieren, in der Gesellschaft und im Plenum.

Fast jede Partei wendet sich dem Thema Heimat zu, auch Ramelow und die Linke. Es gehe nicht darum, AfD-Wähler zu beschimpfen, sagt er. Sondern darum, die Menschen ernst zu nehmen bei Themen wie Kinderbetreuung und Altersarmut.

"In Berlin müssen sich die Parteien schnell auf eine Regierung einigen, damit wir Ostländer mit ihnen über ostspezifische Ungerechtigkeiten, aber auch bessere soziale Angebote und mehr Investitionen verhandeln können", sagt Ramelow. Die Parteien jenseits der AfD müssten zügig Lösungen entwickeln. "Wenn man diese Leute unterschätzt, wird die Demokratie Schaden nehmen."

Kein Flutlicht erhellt an diesem Dienstagabend das "Karli", wie das Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam-Babelsberg liebevoll genannt wird. Die Ränge sind leer, nur wenige Büros des SV Babelsberg 03 im Gebäude nebenan sind beleuchtet.

Katharina Dahme, 31, sitzt vor einer Wand mit Pokalen und Wimpeln und erzählt, wie Fußball und Politik in Potsdam zusammenhängen: "Wir machen Sitzblockaden gegen Neonazi-Aufmärsche, protestieren gegen die AfD und engagieren uns für Geflüchtete", sagt Dahme, die Mitglied des Aufsichtsrats ist. "Das alles ist hier eine Selbstverständlichkeit."

2014 gründete der Verein eine eigene Mannschaft für Flüchtlinge, den Welcome United 03, und meldete ihn für den offiziellen Spielbetrieb an. Gleich in der ersten Saison stieg der Verein auf, was aber nicht allen gefallen hat: "Affenlaute, diskriminierende T-Shirts und Beleidigungen von Fans und Spielern anderer Mannschaften sind leider keine Seltenheit", sagt Dahme. Bei einem Spiel im vergangenen Jahr trugen mehrere Fußballer eines gegnerischen Teams unter ihren Trikots T-Shirts mit der Aufschrift "Refugees not welcome", die Stimmung war aggressiv.

Nach ihrer Beobachtung hat der Erfolg der AfD viele Menschen ermuntert. "Antisemitische Parolen grölen oder den Hitlergruß machen, direkt in die Kamera", das habe wieder zugenommen, sagt sie. Dahme glaubt, dass die AfD dafür mitverantwortlich ist. "Wenn die Leute das im Parlament sagen, kann ich das auch machen" sei die Denke.

Vor Kurzem traf der Babelsberger Welcome United erneut auf die vor einem Jahr so aggressive gegnerische Mannschaft: keine Spur mehr von offener Diskriminierung, keine menschenverachtenden Aussagen. "Unsere Arbeit wirkt", sagt Dahme.

Die Babelsberger hoffen, dass sich ihr Engagement auch andernorts auszahlt. Mitte September haben sie die Kampagne "Nazis raus aus den Stadien" initiiert, der Schriftzug verbreitet sich auf T-Shirts aktuell bundesweit.

Im eigenen Stadion jedoch hatten die Babelsberg-Fans Probleme, als sie, auf Hitlergrüße aus dem Block der Gastmannschaft reagierend, "Nazischweine raus" riefen. Der Nordostdeutsche Fußballverband verhängte eine Geldstrafe.

"Wir lassen das nicht auf uns sitzen", sagt Dahme. "Bei uns steht das ganze Stadion für einen antirassistischen Konsens, darauf bin ich stolz."

Als Alexander Gauland den Wahlkreis Frankfurt (Oder) ins Visier nahm, sah es aus, als hätte er leichtes Spiel, als könnte er dort auf Anhieb ein Direktmandat erringen. Viele Bürger waren frustriert, in Gasthäusern jubelten sie dem prominenten Spitzenkandidaten der AfD zu.

Es kam anders. Der Mann, der Angela Merkel und die CDU, wie er am Wahlabend sagte, "jagen" will, verlor gegen Martin Patzelt, einen freundlichen älteren Herrn, der seit mehr als 20 Jahren in der Region für die CDU Politik macht.

Wenn man Patzelt nach seinen Lehren aus dem Wahlkampf fragt, erinnert er an jenen Tag, als Gauland die Taten der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg rühmte und verteidigte. "Da war für mich ein Punkt erreicht, wo ich von Zuhören auf Bekämpfen umschaltete", sagt Patzelt.

Seine Großplakate wurden fast alle beschmiert. "Volksverräter" oder "Merkels Marionette" stand darauf. Aber Patzelt, der zu DDR-Zeiten ein katholisches Kinderheim geleitet hatte, ließ sich nicht beirren. Er blieb bei seinen Positionen, für die ihn die Anwohner kannten.

2014 hatte er die Bürger in einem Brief aufgefordert, bei sich zu Hause Flüchtlinge unterzubringen; die Brandenburger hätten schließlich privat genügend Gästezimmer und Geld, um Fremde zu bewirten. Patzelt erinnerte daran, dass deutsche Vertriebenenfamilien wie die seine nach dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls auf Hilfe und Barmherzigkeit angewiesen waren. Er selbst nahm zwei Männer aus Eritrea auf, danach bekam er Morddrohungen.

Einen Rechtsruck, wie es in der Union jetzt viele fordern, lehnt Patzelt strikt ab. "Das macht solche Parolen salonfähig, und im Zweifel wählen die Menschen dann lieber gleich das extreme Original." Diese Haltung hat sich für ihn gelohnt. Patzelts Ergebnis bei den Erststimmen war bei der Bundestagswahl besser als der Zweitstimmenwert der CDU.

Und nun? In seiner Zeit als Frankfurter Oberbürgermeister, von 2002 bis 2010, hat er die Jungen in der Stadt ermuntert, im Westen Ausbildungsplätze zu suchen. In der Hoffnung, dass sie später zurückkommen und hier Familien und Unternehmen gründen. Diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Jetzt geht außerdem jene Generation in Rente, die nach der Wende in der Region mit Handwerksbetrieben, Geschäften oder Bauernhöfen etwas Neues aufgebaut hat. Viele finden keinen Nachfolger.

Auch Patzelt, 70, will in vier Jahren abtreten. Bis dahin möchte er seinen Wahlkreis gegen die Parolen der Populisten wappnen. Mit seinen Kollegen von der SPD, den Linken, Grünen und der FDP wird er über die Dörfer ziehen, Schulen und Gasthäuser besuchen, als Werbetour für die Demokratie. "Seit der Wende haben wir das Privileg, dass wir Bürger selbst über unsere Zukunft entscheiden können", sagt Patzelt. "Die Begeisterung dafür möchte ich wiedererwecken."

Wenige Tage nach der Bundestagswahl stellte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie vor, die versucht, Erklärungen für den Erosionsprozess der Volksparteien zu liefern. Dabei konstatierten die Sozialwissenschaftler eine Trennung der Gesellschaft in Modernisierungsbefürworter und Modernisierungsskeptiker.

Modernisierungsskeptiker möchten demnach den Prozess der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderung aufhalten. Sie sehnen sich nach einer harmonischen Ordnung, national und sicher, mit steigenden Löhnen und einem starken Sozialstaat. So wie die Bundesrepublik früher mal war.

Der Osten mit seinen Wahlergebnissen wäre nach dieser Lesart die Heimat besonders vieler Modernisierungsskeptiker, während im Westen mehr Modernisierungsbefürworter zu finden wären, Menschen, die den Veränderungen der vergangenen Jahre mehrheitlich positiv gegenüberstehen.

Wenn dieser Eindruck zuträfe, stünde Deutschland vor einer neuen Spaltung. Die Trennlinie verliefe ziemlich exakt entlang der früheren innerdeutschen Grenze.

Oder ist dieser Befund nur wieder die typisch westdeutsche, herablassende Sichtweise auf einen unverstandenen Landesteil zwischen Ostsee, Harz, Oder und Erzgebirge, der sich bereits radikal modernisiert hat?

Reiner Haseloff hat lange darüber nachgedacht, warum die AfD mit ihren Ressentiments im Osten erfolgreicher ist als im Westen. "Wer hat diese Partei gegründet? Wer führt sie, wer sind die geistigen Steuerer? Und welche Gesellschaft hat sie hervorgebracht?" Er verweist auf Bernd Lucke, auf Alexander Gauland und Björn Höcke, die alle aus Westdeutschland stammen.

Der Ministerpräsident ist ein höflicher Mensch. "Westler setzen sich gern hin und philosophieren über uns", sagt Haseloff. Er möchte sich davon unterscheiden und den Westen nicht bewerten: "Ich maße mir kein Urteil an." Er hat genug damit zu tun, seine eigenen Bürger zu verstehen.

Das aber sei nur ein Teil der Geschichte, sagt Haseloff. "Diese Debatte muss im Westen ehrlich geführt werden."



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