AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2017

Duisburg-Marxloh Eine Stadt räumt auf

Duisburg-Marxloh hat viele Probleme: Schrottimmobilien, Armutsflüchtlinge, Arbeitslosigkeit. Der Stadtteil galt als No-go-Area, doch nun reicht es den Bewohnern.

Bewohner von Mietshaus in Marxloh kurz vor der Räumung: Löcher im Dach, undichte Wohnungstüren
Dominik Asbach / DER SPIEGEL

Bewohner von Mietshaus in Marxloh kurz vor der Räumung: Löcher im Dach, undichte Wohnungstüren

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Mit einem wie Herrn Bönig hatten sie nicht gerechnet. Ein Deutscher, 77 Jahre alt, Mieter aus vergangener Zeit. Dünn steht er in der Türöffnung der Wohnung, zweieinhalb Zimmer, kein Balkon, seit mehr als 40 Jahren lebt Herr Bönig hier. Nun drängen sich im Treppenflur uniformierte Männer und Frauen. Der alte Mann fand es nicht immer schön in diesem Haus, vor allem in letzter Zeit. Aber ein Ende wie dieses?

"Es ist, wie es ist", dringt ihm die Stimme der Staatsgewalt in die Ohren, der Ton klingt eilig, wenn auch freundlich. "In vier Stunden wird geräumt. Sie müssen jetzt das Nötigste zusammenpacken."

"Das Nötigste?" Herr Bönig hat gerade Graupensuppe auf den Herd gestellt, er freut sich auf das Mittagessen. "Geräumt?", fragt er weiter. "Aber ich habe eine Katze. Wo sollen wir denn hin?" Kopfschüttelnd hebt er an, die Wohnungstür zu schließen.

Doch, doch, sagt der Uniformierte. Wie es mit Verwandten oder Bekannten aussehe, die ihm jetzt helfen könnten? Herr Bönig, durch dessen fadenscheinige Socke sich der große Zeh schiebt, braucht einige Minuten, bevor er versteht, dass dieser Trupp es ernst meint.

Er hat von Augenblicken wie diesem gehört, die Alteingesessenen im Viertel sprechen in letzter Zeit häufig davon. "Ich habe einen Kumpel", sagt er schließlich tonlos, "den könnte man anrufen. Aber mein Telefon ist kaputt."

Ein Vormittag im Westen Deutschlands, mitten in Duisburg-Marxloh. Polizisten, Feuerwehrleute, Mitarbeiter des Ordnungsamtes und des Jobcenters, Angestellte des TÜV und der Stadtwerke sind unterwegs, um als "Taskforce Problemimmobilien" Gebäude zu kontrollieren, die als prekäre Unterkünfte auf einer Liste der Einsatzleiterin stehen. Drei Jahre lang schon erlaubt das Wohnungsaufsichtsgesetz in Nordrhein-Westfalen solche unangemeldeten Besuche. 23 Häuser hat Daniela Lesmeisters Trupp seit dem vergangenen Herbst begutachtet, 20 umgehend geschlossen.

Im Video: Deeskalationstrainer Malte Küppers

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Auch dieses Mal urteilt die Ordnungsdezernentin schnell: Löcher im Dach, undichte Wohnungstüren, überall fehlender Brandschutz - "Gefahr im Verzug!" Es trifft, neben Herrn Bönig, noch 21 Erwachsene und 31 Kinder. Er kennt sie kaum; die Mitbewohner in dem grauen Eckhaus, Familien aus Bulgarien und Rumänien, haben in den vergangenen Jahren immer wieder gewechselt.

"Wir haben rund um diese Häuser riesige Probleme", sagt die Ordnungsdezernentin, die in einem wetterfesten Anorak auf dem Bürgersteig Position bezogen hat. "Viele gehören zu einem kriminellen Geschäftsmodell. Und die baulichen Mängel und Risiken, die wir feststellen, erlauben es, sofort einzugreifen."

Was sie dann beschreibt, klingt wie der überzeichnete Plot eines Mafiafilms. Er ließe sich so oder ähnlich auch aus anderen Großstädten mit billigen Häusern und Problemquartieren erzählen.

Windige Geschäftsleute kaufen, oft in Zwangsversteigerungen, marode Gebäude auf. Als Sicherheit hinterlegen sie einen Bruchteil des ohnehin geringen Preises. Dann vermieten sie die Bruchbuden an Armutszuwanderer, die ihnen unter anderem von Schleusern zugeführt werden, und verdienen so in kurzer Zeit ein Vielfaches der hinterlegten Summe. Wird der komplette Kaufpreis fällig, geben sich die Eigentümer als zahlungsunfähig aus. Bei der nächsten Zwangsversteigerung geht das Haus dann an Söhne oder Brüder der Besitzer - und das Geschäft mit den Migranten bleibt in der Familie.

Doch damit sei es nicht genug, sagt die Dezernentin. Manche Hausbesitzer oder deren Handlanger versorgten die Mieter offenbar zudem mit vermeintlichen Arbeitsverträgen für einen Minijob. Als Bürger der Europäischen Union können die Zugezogenen dann beim Jobcenter den Zuzahlbetrag beantragen, der ihnen bis zum staatlich festgesetzten Mindestbedarf noch fehlt. Zwei Scheinverträge und zwei Kinder können in diesem System fast 900 Euro bedeuten. Und weil sich, so wie beim Kindergeld, Nachwuchs lohne, gäben die Hausbesitzer oder andere Kriminelle den Mietern häufig auch gleich noch gefälschte Geburtsurkunden. Am Ende kassierten sie dann einen Großteil der Sozialleistungen bei den Migranten ab.

Rund 17.400 Zuwanderer aus Südosteuropa leben mittlerweile in Duisburg, es ist die offizielle Zahl, jeder 29. Bewohner. Im Stadtteil Marxloh sind es 4400, jeder vierte. Daniela Lesmeister blickt auf den Bürgersteig. Die blonde Frau wurde vor ein paar Jahren mit einem Bambi für ihre Menschlichkeit geehrt, sie hatte damals eine Organisation für internationale Katastrophenhilfe gegründet. Nun stapeln vor ihr Frauen in bunten Röcken blaue Plastiksäcke aufeinander, die sie aus den Wohnungen getragen haben, vollgestopft mit hastig zusammengeklaubten Pfannen, Topfdeckeln, Sandalen und Kartoffeln. Junge Männer bewachen den Hausrat, ein Säugling wimmert. Die Sonne scheint an diesem Tag, immerhin.

Der alte Mieter tue ihr leid, sagt die Dezernentin. Und die Familien? Lesmeister verzieht das Gesicht, als lasse sich auf diese Frage keine eindeutige Antwort geben. Ihre Leute haben in jeder Wohnung nach Ausweisen, Kindergeldnummern und Arbeitsverträgen gefragt und die Daten sofort an die zuständigen Behörden zur Prüfung geschickt. Und trotz der Dolmetscher verstanden manche Bewohner nicht, was der Trupp da eigentlich von ihnen wollte.

"Die Leute kommen aus der Armut und werden hier von Hausbesitzern dramatisch ausgebeutet", antwortet Lesmeister schließlich. "Dass sie sich dabei oft selbst gesetzeswidrig verhalten, wissen sie häufig nicht. Aber man stößt bei ihnen eben außerdem noch auf Lebensweisen, die auch nicht akzeptabel sind."

Das ist das Dilemma von Lesmeisters Liste: Die zugewanderten Roma sind Opfer - nach jahrhundertelanger Diskriminierung und Verfolgung überall in Europa nun auch in Stadtteilen wie Marxloh. Zugleich brechen viele selbst die Regeln des Zusammenlebens. Die Dezernentin spricht es nicht so aus, aber ihre Taskforce ist im Doppeleinsatz unterwegs. Sie soll korrupte Hausbesitzer verdrängen - und auch die unliebsamen Bewohner.

Mieter Bönig
Dominik Asbach / DER SPIEGEL

Mieter Bönig

Einmal trafen die Einsatzkräfte auf einem Dachboden eine Ziege an. Sie fanden in Kellern Dutzende Matratzenlager, auch solche für Prostitution. In zahlreichen Wohnungen waren die metallenen Türgriffe, Heizkörper und Elektrokabel herausgerissen und als Wertstoff verkauft worden; einmal floss der Strom dann über gebogene Esslöffel. In diesem Haus treten aus einem Stromkasten ungeschützt 500 Volt aus, und auf dem Trockenboden verrottet Kot neben den Überbleibseln eines Schlaflagers. Im zweiten Stock siedeln Kakerlaken, im Innenhof Ratten. Auch das Küchenfenster der Parterrewohnung liegt dort inmitten zerborstener Elektrogeräte.

Sie haben genug von dem Ruf, der Gegenden wie Marxloh vorauseilt - die Ordnungsdezernentin genauso wie der Oberbürgermeister, die Polizeipräsidentin, Mitarbeiter sozialer Dienste oder der katholische Pater im Viertel. Eine merkwürdige Koalition aus Recht und Ordnung, Glaube und Hoffnung formiert sich in der Stadt. Sie streitet noch um die Richtung, und der Erfolg ihrer Strategien ist ungewiss. Aber dass Duisburger Straßen als No-go-Areas für jede Form von Kriminalität und alle Arten von Parallelgesellschaft rechtsfreien Raum böten, will hier keiner mehr hören.

Die ersten Zimmer sind geräumt. Ein Junge stellt noch eine Spielekonsole neben die Plastiksäcke auf den Bürgersteig. Nur Herr Bönig steht wie festgenagelt im Türrahmen seiner Wohnung. Die Taskforce hat den Kumpel angerufen, der Mann wird kommen und helfen. "Aber warum alles so schnell?", sagt der alte Mieter ein ums andere Mal. "Das schaffe ich niemals."

Der Oberbürgermeister hat sich entschieden: für Recht und Ordnung und klare Kante, es klingt, als spräche am Duisburger Rhein einer aus der CSU. Sören Link, der die Tage im wuchtigen Rathaus mit einer Kanne Tee beginnt, will seine Stadt aufräumen. Er verfolge eine Null-Toleranz-Politik, sagt er. "Dazu gehört die ganze Klaviatur der Restriktion."

Vor zwei Jahren wählte er schon einmal scharfe Worte, da erklärte er seinen Parteifreunden während einer Tagung, er nehme gern doppelt so viele Syrer auf, wenn er dafür ein paar Südosteuropäer abgeben könne. "Ich möchte es mir nicht so einfach machen und behaupten, dass alles toll war, bis die Rumänen und Bulgaren kamen", sagt er nun. "Aber dass die Roma alle in die schwierigen Viertel ziehen, untergräbt den guten Weg, auf dem wir dort waren."

Sören Link ist Sozialdemokrat, einer mit Hornbrille und Dreitagebart, der sich als Freund Europas bezeichnet. Mit 16 Jahren trat er in die SPD ein; noch heute kann er sich dafür begeistern, dass die Frage nach Herkunft in dem Duisburger Mix aus 140 Nationen während seiner Schulzeit nie eine Rolle gespielt habe. Besuchte er die Oma in Marxloh, erzählte sie ihm aus einer Zeit, in der nahe den Werkstoren von ThyssenKrupp die Bürger mit solidem Lebensstil wohnten. Dann brachte die Krise der Stahlindustrie den stuckverzierten Häusern den Leerstand, türkische Familien kauften die Geschäfte auf, eröffneten Dutzende Brautmodenläden und belebten den Stadtteil neu. Nun, so fürchtet Link, könne das Viertel doch endgültig abrutschen.

"Die meisten Zuwanderer sind Analphabeten, über 90 Prozent ohne Berufsausbildung", sagt er, die Statistiken aus dem Polizeipräsidium empfindet er als ähnlich deprimierend: Bis auf wenige Ausnahmen steige die Zahl der Diebstähle, der Einbrüche, der Schwarzarbeiter, der Sozialleistungsbetrüger und der Straftaten von Kindern seit dem Zuzug an.

Die Duisburger haben lange schon zu kämpfen. 2010 wurde die Stadt Schauplatz einer Tragödie, als 21 Menschen während der Love Parade in einer Massenpanik starben, weil Fluchtwege fehlten. Die Arbeitslosenquote zählt mit 13 Prozent zu den höchsten in Nordrhein-Westfalen, die Gewaltbereitschaft in einigen Vierteln ist extrem ausgeprägt. Mitglieder großer Familien, die während des Bürgerkriegs aus dem Libanon flohen, beanspruchen Führungsrollen im kriminellen Milieu; türkisch dominierte Rockerbanden halten dagegen. Dass Mitglieder der italienischen Mafia im August 2007 sechs Menschen mit insgesamt 54 Schüssen vor einem Duisburger Lokal ermordeten, gilt bis heute als eines der brutalsten Verbrechen der Szene.

Schutzgelderpressung, Bandenfehden, Drogendelikte, Waffenhandel, Raubüberfälle, Zuhälterei, Körperverletzung, Totschlag, Mord, Übergriffe auf Polizisten, Rettungssanitäter und Feuerwehrleute. Vor allem Stadtteile wie Marxloh, wo zwei Drittel der Bewohner einen Migrationshintergrund haben, leiden trotz zahlreicher sozialer Projekte an den Folgen andauernder Perspektivlosigkeit und Gewalt. Sie könne sich keine Form der Kriminalität vorstellen, die dort nicht gehäuft vorkomme, so drückt es die Polizeipräsidentin aus.

Dezernentin Lesmeister: "Gefahr im Verzug"
Dominik Asbach / DER SPIEGEL

Dezernentin Lesmeister: "Gefahr im Verzug"

"Diese ganze Gemengelage und dazu noch die Schrottimmobilien", sagt der Bürgermeister. Die Lage habe sich unerträglich zugespitzt. Da bleibe nur eines: Handeln!

Link verfolgt ein kleinteiliges Geschäft, in der die Taskforce die große Ausnahme ist. Im Alltag sollen Polizei und Ordnungsamt bereits bei geringsten Störungen der Öffentlichkeit einschreiten. Wer erwischt wird, wenn er Zigarettenkippen wegwirft oder Passanten anranzt, muss den Ausweis vorzeigen. Laute Musik, in zweiter Reihe geparkte Autos, die Liste der Vergehen ist lang. Liegt in Marxloh und Umgebung Müll auf einem Bürgersteig, rücken die Männer der Entsorgungsbetriebe an.

Ersticke man kleine Verfehlungen im Keim, verhindere man am Ende die große zügellose Kriminalität: Das ist die Idee, die den Bürgermeister antreibt. Umgekehrt zögen zerbrochene Fenster und andere Zeichen der Verwahrlosung Verbrecher und Verbrechen an. Es ist die Theorie, die in den Neunzigerjahren in New Yorks Problemvierteln für eine Politik der Härte sorgte. New York gilt in Duisburg als Vorbild.

Der Politiker schenkt Tee nach. All die Deutschkurse, sagt er, die Integrationslotsen, die runden Tische, die Präventionsprogramme für Kinder, auch das städtische Handlungskonzept für Marxloh - das alles sei ohne jede Frage notwendig. "Aber ich habe eben festgestellt, dass der integrative, fördernde Ansatz nicht ausreicht."

Der forsche Ton des Oberbürgermeisters gefällt nicht allen, am 24. September, dem Tag der Bundestagswahl, wird auch über ihn abgestimmt. Selbst Sozialdemokraten werfen ihm vor, viel zu weit rechts um Stimmen zu wetteifern. Wer aber von außen auf die Stadt blickt, sieht vor allem einen Kommunalpolitiker, der verbissen versucht, Handlungsspielraum zurückzugewinnen. Link fühlt sich alleingelassen, ausgeliefert an die Weltpolitik der Kollegen in Brüssel und Berlin. Was in Duisburg passiere, habe mit europäischer Freizügigkeit nichts zu tun, sagt er bitter. Und niemand sorge dafür, die gültige Richtlinie der EU durchzusetzen: Wer nach sechs Monaten noch keinen Arbeitsplatz gefunden oder in Aussicht hat, muss in sein Heimatland zurück. Die Damen und Herren in den Hauptstädten, so sagt es Link, wälzten die Folgen der Armutsmigration auf die Kommunen ab. "Das überfordert Städte. Und erst recht solche wie Duisburg."

Manchmal kehrt dort in Gaststätten erst wieder Ruhe ein, wenn der 16. Streifenwagen angerückt ist. Bei Razzien finden sich regelmäßig Waffen und Drogen hinter dem Tresen. Grillabende enden mit Handgemengen, weil in einem Hinterhof plötzlich 200 hitzige Menschen zusammensitzen. Geschädigte verweigern die Zusammenarbeit, weil sie die Regeln ihrer Gemeinschaft höher stellen als die gültigen Gesetze. Zu Ostern wurde in Marxloh ein 14-Jähriger während eines Streits getötet, doch es fand sich kein Zeuge zu einer Aussage bereit. Als kurz darauf abends Schüsse fielen, war es genauso. Und bei allen Problemen steht die überschuldete Stadt unter kommunaler Finanzaufsicht. Braucht Link zusätzlich Geld, muss er es von der Bezirksregierung bewilligen lassen.

Die Polizeipräsidentin, die seine Sicht auf die Nöte der Stadt teilt, kann seit zwei Jahren täglich doppelt so viele Streifenwagen in den Einsatz schicken, ein Zugeständnis der damaligen Landesregierung. Und ein Modellprojekt soll es ermöglichen, die geräumten Häuser aufzukaufen, abzureißen oder in Sozialwohnungen umzuwandeln. Link hat 7,5 Millionen Euro dafür beantragt, er wartet noch auf den Bescheid. Im benachbarten Gelsenkirchen oder in Dortmund stehen die Bürgermeister vor ähnlichen Problemen. Erzählt Link aber in wohlhabenden Kreisen von Clankriminalität, Häusermafia und Schrottimmobilien, wollen ihm die Zuhörer, auch Delegierte der EU, oft nicht recht glauben.

Die Polizeipräsidentin kennt solche Momente. Erzählt sie von ihnen, wird ihr Ton spitz. "Was wir hier erleben, darf nicht sein. Also meinen immer alle, wir überzeichnen", sagt sie. "Ich lasse aber schon manches weg. Die Wirklichkeit ist härter."

Tumult. Die Hausbesitzerin ist vor dem grauen Eckhaus eingetroffen. Sie trägt kalifornische Mode und die Fingernägel zu Vierecken gefeilt. Schleppend läuft Herr Bönig auf die Frau zu, die sich ihm vor fast zwei Jahren als neue Eigentümerin präsentierte. Seine Tränen sind aufgebrachter Wut gewichen.

Brautmodengeschäft in Marxloh: Türkische Familien belebten den Stadtteil neu
Dominik Asbach / DER SPIEGEL

Brautmodengeschäft in Marxloh: Türkische Familien belebten den Stadtteil neu

"Jetzt wollen wir mal ganz ehrlich sein", ruft er anklagend und zeigt auf die blauen Plastiksäcke am Bordstein. "Schuld an all dem hier sind Sie!"

Ein zweiter Satz fliegt über den Bürgersteig, diesmal rumänisch, der Fluch klingt wie ausgespuckt. Männer mit Schnauzbärten und Schiebermützen drängen sich um die Besitzerin, dann erfüllt ein Kanon aus zwei Wörtern die Straße.

"Chirie!"

"Depozit!"

Miete! Kaution!

Die Eigentümerin, eine gebürtige Türkin, lächelt. "Der Mieter hat eine Frage", sagt der Übersetzer und weist auf einen Mann, der einen gefalteten Zettel zwischen den Fingern hält.

In den vergangenen vier Monaten haben Constantin Dumitru und seine Frau mit fünf Kindern in der Wohnung gegenüber von Herrn Bönig gewohnt. Er sei aus Bukarest zugezogen und trage in Deutschland Zeitungen aus, umschreibt der Rumäne seine Biografie und entfaltet vorsichtig das Papier. Es ist die einzige Quittung, die Herr Dumitru in der ganzen Zeit erhalten hat. Eigentümer von Schrottimmobilien stellen selten Belege aus. Zum Geschäftsmodell gehört, die kaputten Häuser beim Finanzamt als Verlustposten auszuweisen.

"400 Euro" steht auf dem Zettel aus dem Abreißblock, außerdem "April" und eine Unterschrift. Der Rumäne hält der Türkin das Blatt hin. Herr Dumitru habe außerdem 1500 Euro als Kaution gezahlt, übersetzt der Dolmetscher weiter. Die benötige er nun für eine neue Wohnung.

Constantin Dumitru hatte der Taskforce bereitwillig seine Zimmer vorgeführt, die aufgeschüttelten Betten, die Couch mit Überwurf, die Putzmittel im Bad. Die Familie habe vor dem Einzug jede Menge Müll aus ihrer Unterkunft heraustragen müssen, fährt der Dolmetscher fort. Barsch unterbricht ihn die Vermieterin: "Sagen Sie diesen Leuten, sie sollen klagen, wenn sie die Kaution wiederhaben wollen." Dann wendet sie sich ab, und der Dolmetscher leistet sich leise einen eigenen Kommentar. Es seien natürlich auch in diesen Häusern nicht alle gleich, sagt er. Nur die Besitzer, selbst der deutsche Jurist neulich, unterschieden sich kaum in ihrer Art.

Oberbürgermeister Link: "Die ganze Klaviatur der Restriktion"
imago/Reichwein

Oberbürgermeister Link: "Die ganze Klaviatur der Restriktion"

"Mängel? Hier?", hatte die Eigentümerin wie erstaunt gefragt, als die Ordnungsdezernentin sie über die bevorstehende Räumung informiert hatte. Dann hatte sie sich mit empörtem Ton nach dem Schicksal der Mieter erkundigt. "Wo sollen die armen Leute denn hin?"

Dafür sei sie als Besitzerin nach deutschem Recht zuständig, hatte Daniela Lesmeister freundlich geantwortet. Sie könne zum Beispiel in einer Pension Zimmer anmieten. Sobald sie der Stadt ein Instandsetzungskonzept vorgelegt habe und es bewilligt sei, dürfe sie das Haus herrichten und erneut vermieten.

"Wie bitte?" Die Besitzerin hatte alle Leutseligkeit verloren. "Wer zahlt mir in der Zwischenzeit die Miete? Diese Leute zerstören sowieso alles, da muss man nichts reparieren. Die kennen keine Anständigkeit."

"Finden Sie es anständig, für Wohnungen wie diese 400 Euro zu verlangen?"

"Soll ich etwa nur 100 Euro nehmen?"

Wenige Minuten später war eine Limousine vorgefahren. Der Ehemann hatte den Anwalt mitgebracht. "Nicht diskutieren!", hatte der Rechtsberater auf Türkisch über den Bürgersteig gerufen und der Ordnungsdezernentin in förmlichem Deutsch eine Klage angekündigt.

Bislang entschieden die Verwaltungsrichter im Sinne des Oberbürgermeisters, und nicht einer der Hausbesitzer legte ein Instandsetzungskonzept vor. Die Taskforce beende skrupellose Mietgeschäfte, heißt es in der Bilanz der Stadt; sie helfe dabei, Sozialleistungsbetrüger zu erkennen, und rüttele außerdem die Leute wach: Einige Eigentümer sorgten nun von sich aus für bessere Verhältnisse, und manche Bewohner hielten sich strenger an allgemeine Regeln. Es klingt, als liefe alles nach Plan.

"Schönen Tach noch", sagen die Herren von den Stadtwerken, als sie an Herrn Bönig vorübergehen. Unterm Arm tragen sie die Stromzähler. Der alte Mann wartet auf seinen Kumpel; ein ehemaliger Hausbewohner, einer aus der alten Zeit mit Putzplänen im Flur, hat inzwischen ebenfalls Beistand versprochen. Thomas Mielke arbeitet für den "Runden Tisch" im Stadtteil, die Mitglieder des Vereins kümmern sich um Bürgersprechstunden, Kinderprogramme und Nachbarschaftshilfe.

Dann bevölkern mit einem Mal Alte und Versehrte den Bürgersteig. Schwarze Röcke, hölzerne Krücken, ein Beinstumpf, eine Schulter ohne Arm. Ein roter Polo fährt vor, und die blauen Plastiksäcke verschwinden im Kofferraum.

Geistlicher Potschien: "Die Hilfe bleibt Flickschusterei"
Dominik Asbach / DER SPIEGEL

Geistlicher Potschien: "Die Hilfe bleibt Flickschusterei"

Am Abend aber, als der Schlosser die Fenster im Erdgeschoss mit Metallplatten versperrt hat, begegnen sich die meisten Hausbewohner auf der Straße wieder. Sie halten Kaffeebecher in der Hand, sie sind nur ein paar Ecken weitergezogen. Dort wohnen sie nun bei den Verwandten, beengt, in anderen Schrottimmobilien.

Der Mann in Schwarz kann mit solcher Politik wenig anfangen. Auch Oliver Potschien kämpft für ein besseres Marxloh. Doch Häuser zu räumen hält er für Vertreibung.

Potschien trägt ein Kollar am Hemd, und bei den Andersgläubigen im Viertel hat sich herumgesprochen, dass ihn das weiße Stoffband als Mann Gottes ausweist.

Roma, Libanesen, Türken, Kurden, Flüchtlinge und Gestrandete: Sie alle suchen auf dem Petershof neben der katholischen Kirche Rat, Hilfe, Mahlzeiten, Medikamente oder Jacken aus der Kleiderkammer. Der Ruf des Paters reicht bis Berlin. Sigmar Gabriel besuchte das sozialpastorale Zentrum, die Bundeskanzlerin informierte sich, Staatssekretäre reisten an. Potschien gilt als Musterbeispiel handfester Fürsorge, er leistet, was Politiker sich nicht leisten können: Er stellt das Schicksal jedes Einzelnen in den Mittelpunkt. Für den Bürgermeister bedeutet einer wie Potschien eine Provokation.

Eine bulgarische Romni verdient ihr Geld im Petershof - sonst beschäftigt sie ja keiner. Ein junger Rumäne ist dort angestellt, libanesischstämmige Jugendliche gehen bei dem Pater in eine kaufmännische Lehre, ein türkischer Student erteilt Deutschkurse für Erwachsene. Zeitweilig kamen auch Kinder, die den staatlichen Schulen fernbleiben, die meisten sind Roma.

Unbeirrt führt der Geistliche vor, woran es in Duisburg fehlt; lautstark predigt er, dass, wenn überhaupt, nur kleinste, unkonventionelle Schritte die Probleme lösen könnten. Mit Recht und Ordnung, schon gar in der kompromisslosen Variante, lasse sich in Marxloh kaum einer bekehren.

An diesem Tag steht Musa mit drei Freunden auf dem Kirchhof. Sie tragen Sneaker, Sportjacke und das schwarze Haar gegelt, sie reden, rauchen. Zum Beten gehen sie in die große Marxloher Moschee, aber seit dem Machtzuwachs des türkischen Präsidenten gären dort die Konflikte zwischen dessen Anhängern und den zahlreichen Kurden im Stadtteil. "Was soll ich also sonst machen?", nuschelt Musa. "Auf der Kreuzung abchillen und Scheiße bauen? Außerdem mag ich den Pater." Musa hat vor drei Tagen noch im Gefängnis gesessen. Er hat von den vergangenen fünf Jahren vier dort verbracht. Gewalt, Einbrüche; er ist jetzt Anfang 20.

Der Junge müsse sich nun vorkommen wie ein Süchtiger, sagt der Pater. Marxloh sei die Bar. Die alten Kumpel, die alten Strukturen, alles da. "Und die Idole", sagt der Pater, "sind die lokalen Größen, die dicke Autos fahren und im Wettbüro Geld verzocken, das dann schnell ersetzt werden muss."

Musa hat sich in den Gesprächen mit Sozialpädagogen vor seiner Entlassung einverstanden erklärt, eine Ausbildung zum Bodenleger zu beginnen. Nun verzögert sich die Lehre, die Bewährungshelferin muss viele Fälle bearbeiten. Zwei Tage wartet Musa erst. Aber im Knast hat er, wie er sagt, noch mehr Kriminalität gelernt. Was er dort nicht gelernt hat, ist, sich von aufsteigender Wut abzulenken.

Innenhof des geräumten Hauses: Einmal trafen die Einsatzkräfte auf dem Dachboden eine Ziege an
Dominik Asbach / DER SPIEGEL

Innenhof des geräumten Hauses: Einmal trafen die Einsatzkräfte auf dem Dachboden eine Ziege an

Er zieht eine Karte aus der Hosentasche. "Fiktionsbescheinigung", steht auf dem Karton, er ähnelt einem Ausweis. Alle drei Monate müsse er sie beim Ordnungsamt verlängern lassen, wie ein Attest über seine andauernde Staatenlosigkeit. Die Eltern sind Kurden; weder im Libanon, dem Land der Mutter, noch in der Türkei, wo der Vater herkommt, war Musa willkommen. Er ist in Marxloh geboren, Kindergarten, Schule, in der achten Klasse brach er ab. "Fiktionsbescheinigung", sagt er wütend und schiebt die Karte zurück. "Als ob es mich gar nicht geben würde." Aber es sei scheiße, nicht wenigstens zu diesem scheiße Deutschland zu gehören. Er sollte eingebürgert werden, dann wurde er straffällig.

Verlorenheit, sagt der Pater, sei eines der größten Übel in Marxloh. Oft schon hat er vorgeschlagen, im Viertel kleine Sozialzentren zu errichten. Jeweils ein Polizist, eine Krankenschwester, ein Sozialarbeiter, ein Dolmetscher und ein Mitarbeiter aus dem Ordnungsamt sollten den Menschen der umliegenden Straßen gemeinsam helfen, sich in diesem Land einzufinden. Angesichts anderer Folgekosten missglückter Integration müsse man es wenigstens versuchen, meint er. Vielleicht könne daraus ja erwachsen, was in Marxloh am meisten fehle: Vorbilder.

Als Musa gegangen ist, doch noch auf die Kreuzung, setzt sich Potschien an den Schreibtisch. Zeit für Büroarbeit. Zwischen einem Kreuz, Büchern und ausgedruckten Mails liegt ein Döner für das Abendbrot.

"Wir müssen in unserer Gesellschaft endlich verbindlich abklären, wen wir eigentlich bei uns haben wollen", sagt der Pater. "Das gilt für Armutszuwanderer, Staatenlose und Flüchtlinge gleichermaßen. Solange wir darüber nicht hinreichend Konsens finden, bleiben Law and Order, aber auch all unsere Hilfe Flickschusterei."

Zwei Tage nach dem Einsatz der Taskforce sitzt Herr Bönig bei dem Kumpel in der Küche auf einem Klappstuhl. Der Freund lehnt an der Wand. Er hält eine Leine mit einem knurrenden Schäferhund, durch eine Zimmertür dringt das Gebell des zweiten. Im anderen Raum der Wohnung ist Herrn Bönigs Katze untergebracht.

Der alte Mann hat eine Nacht in einem Marxloher Hotel garni hinter sich. Ein Taxifahrer hatte ihn, die Katze und das Gepäck dorthin chauffiert, zwei Tüten, in die Herr Bönig dann doch das Notwendigste gepackt hatte. Es war eine Ausnahme. Üblicherweise hält die Stadt eine umgebaute Turnhalle als Notunterkunft für die Bewohner der geräumten Häuser bereit.

"Möchte jemand etwas trinken?", fragt er nun und rückt eine gelbe Tasse mit schwarzer Aufschrift zurecht: "Cheftrainer". Die Wohnung des Freundes ist reich an Fanartikeln. Zwei Damen vom Amt für Soziales und Wohnen sind gekommen, außerdem Thomas Mielke, der Mann vom Runden Tisch.

"Das muss jetzt schnell gehen mit der neuen Wohnung, sonst werden die Hunde wahnsinnig", sagt der Kumpel. Inzwischen bellen beide Tiere. Die Frauen schieben Formulare zu Herrn Bönig über den Tisch, eine legt ihm freundlich die Hand auf den Arm. Wichtig sei, dass er erst einmal eine neue Bleibe finde, sagt sie. Dann gebe ihm der Vermieter dort eine Bescheinigung, damit müsse er zur Grundsicherung, für neue Möbel sorge die Gemeinnützige Gesellschaft für Beschäftigungsförderung, für Malerarbeiten ebenso. Hoffentlich erlasse man ihm die Kosten. Sonst müsse er leider einen Kredit bei der Stadt aufnehmen. Der alte Mann blickt fragend.

Thomas Mielke nickt ihm zu. Der stellvertretende Vorsitzende vom Runden Tisch wird in den kommenden Wochen viel erledigen: zu Behörden laufen, eine Wohnung suchen, renovieren, mit Amtsvertretern diskutieren. Mehr als einmal wird er sich fragen, was eigentlich mit den alten Mietern passiert, die auf sich gestellt bleiben - und mit den Familien aus Südosteuropa, die es ernst mit Deutschland meinen. Er hat neulich für eine Rumänin und deren Kinder eine Wohnung gesucht; er hat sich für die Ehrlichkeit der Frau verbürgt, für ihre guten Absichten, für ihre Sauberkeit, vergebens. So wie viele Marxloher fühlt Mielke sich hin- und hergerissen: Einerseits ist er froh, dass die Stadt sein Viertel nicht sich selbst überlässt. Andererseits sind, wie er es ausdrückt, alle Begleitumstände ein ganz schwieriges Thema.

Als sich Mielke von einem Mitarbeiter des Ordnungsamtes das geräumte Haus aufschließen lässt, um ein paar Hemden und Hosen für Herrn Bönig zusammenzusuchen, findet er die alte Wohnung durchwühlt vor. Zweimal wird in die verwaisten Zimmer eingebrochen. Am Ende lässt die Stadtverwaltung die Haustür verschweißen, und Mielke bittet die Marxloher in einem Aufruf bei Facebook um Hilfe für Herrn Bönig.

1500 Euro Spenden. Stühle, Geschirr, ein Katzenkratzbaum. Eine Türkin näht Vorhänge aus ihrem Stoffvorrat, ein Lehrer bringt mit seinen Schülern eine Sofagarnitur vorbei. Herr Bönig, der von staatlicher Grundsicherung lebt, hat trotzdem 800 Euro Schulden bei der Stadt; er musste den Kredit aufnehmen, er brauchte Geld für die Kaution und einige Möbel. Er ist dennoch froh. Der Einsatz der Taskforce hätte für sein Leben eine letzte Katastrophe bedeuten können.

Nach acht Wochen Wohngemeinschaft mit zwei Schäferhunden bezieht der 77-Jährige wieder eigene Räume. Als er das neue Schlafzimmer betritt, liegt auf dem Kopfkissen die Karte einer Unbekannten. Sie hat die Bettwäsche besorgt, sie wünscht Herrn Bönig Glück.

Thomas Mielke, der ihn in der neuen Wohnung erwartet hat, ist stolz auf seinen Stadtteil. Das, sagt er, sei Marxloh eben auch.



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