AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2017

Gera Der Niedergang einer deutschen Stadt  

Blühende Landschaften? Nicht in Gera. Die Stadt ist pleite. Wer hier etwas verändern will, verzweifelt. Und das liegt nicht nur am Mangel an Geld.

Zentrum von Gera: Alles Neue bedeutet hier immer nur, dass etwas Altes kaputtgeht
Sven Doering / Agentur Focus / DER SPIEGEL

Zentrum von Gera: Alles Neue bedeutet hier immer nur, dass etwas Altes kaputtgeht

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Irgendwo in Gera muss ein Abgrund sein. Keine Baugrube, kein Schlagloch, sondern eine Art Nichts, das alles verschluckt wie in dem Buch "Die unendliche Geschichte". Man kann es nicht sehen, nur spüren.

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Heft 27/2017
Globalisierung außer Kontrolle: Radikal denken, entschlossen handeln - nur so ist die Welt noch zu retten

In Gera gibt es Kindergärten, Läden und hübsche Einfamilienhäuser im Grünen, sogar ein imposantes Theater mit goldener Inschrift. Die Straßenbahn fährt oft und pünktlich. Die Stadt hat alles, was es zum Leben braucht. Doch sie fühlt sich leblos an, beklemmend, als fremdle sie mit sich selbst. Was fehlt Gera? Was stimmt hier nicht?

Gera ist pleite. Vor drei Jahren musste Thüringens drittgrößte Stadt ihre Betriebe - die Stadtwerke mitsamt Nahverkehr und Müllabfuhr - in die Insolvenz schicken. Als erste und einzige Stadt der Republik. Das Geld war alle, die Landesregierung weigerte sich, noch mal nachzuschießen.

Gera gehörte einmal zu den zehn reichsten Städten Deutschlands. Die Tuch- und Stofffabriken hatten ihr um die Jahrhundertwende industriellen Wohlstand gebracht, der bis in die Vierzigerjahre hielt.

Schlecht ging es der Stadt auch danach lange Zeit nicht. Doch mit der Wende war auf einen Schlag alles tot.

Geras Textilindustrie war nicht mehr wettbewerbsfähig, der Maschinenbau ebenso wenig. Der Uranabbau unter Tage wurde 1990 eingestellt - der größte Arbeitgeber der Stadt war einfach weg. Mit 9,9 Prozent Arbeitslosigkeit ist Gera heute das Schlusslicht in Thüringen. Mit der Arbeit gingen die Menschen: Seit 1990 ist die Einwohnerzahl um fast ein Drittel geschrumpft. Wer Arbeit hat, verdient im Schnitt knapp 26.000 Euro im Jahr, brutto. Das ist fast ein Fünftel weniger als im Bundesdurchschnitt.

Ja, Gera ist arm. Aber Geld ist nicht einmal das größte Problem. Gera ist nicht Duisburg-Marxloh, es brennt hier nicht wie in Dortmunds Nordstadt oder in Berlin-Hellersdorf - Stadtteilen, die in Armut, Drogen und Kriminalität versinken.

Die Geraer kennen seit Jahrzehnten nur eine Erfahrung: dass alles Neue immer nur bedeutet, dass etwas Altes kaputtgeht. Es hat sich eingebrannt in das Selbstverständnis der Bürger.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Der Niedergang bringt den Frust. Aber in Gera scheint auch das Gegenteil zu stimmen: Der Frust bedingt den Niedergang. Das Bewusstsein bestimmt das Sein.

Die Geschichte von Gera ist die eines ökonomischen Verlierers. Von einer Stadt, die irgendwann nicht mehr mithalten konnte mit ihren Nachbarn. Von der weltweiten Konkurrenz ganz zu schweigen. Aber das haben andere Städte auch durchlitten, und sie haben sich dennoch verändert, erneuert, reüssiert. Die Frage ist, warum das Gera nicht gelungen ist.

Oberbürgermeisterin Hahn
Sven Doering / Agentur Focus / DER SPIEGEL

Oberbürgermeisterin Hahn

EIN GRAUER FEBRUARMORGEN. An der Landstraße B7 steht Oberbürgermeisterin Viola Hahn unter dem Ortseingangsschild und strahlt in die Kameras der Lokaljournalisten. Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee ist extra aus Erfurt angereist, um eine Leiter festzuhalten.

Es ist ein großer Moment: Zwei Mitarbeiter des Bauhofs nehmen die alte Ortstafel ab und hieven die neue hinauf. "Hochschulstadt" steht nun auf dem gelben Schild. Die Buchstaben sind nur 85 Millimeter groß. Aber die Hoffnung dahinter ist, mal wieder, riesig. Gera war schon so vieles: Einkaufsstadt, Otto-Dix-Stadt. Doch jedes neue Etikett, das die Stadtoberen ihr anhefteten, brachte Enttäuschungen. Nun also Hochschulstadt. Der Studentenförderverein hat dafür getrommelt. Die 25 neuen Schilder haben Sponsoren bezahlt, die Stadt hat dafür kein Geld übrig.

Mitte März, zu Besuch bei Hahn. Die Oberbürgermeisterin sitzt in ihrem tanzsaalgroßen Büro im Rathaus. Ihre blonden Haare schwingen um die Wangen, goldene Ohrringe, ein blau-weiß gestreiftes Halstuch zur Kostümjacke. "Psychologisch", sagt sie, sei die Sache mit der Hochschulstadt "ganz wichtig für Gera".

Hahn hat bis vor fünf Jahren das Finanzamt geleitet, die Leute dachten, jemand, der mit Geld umgehen kann, tut der Stadt gut, jemand mit Realitätssinn. Aber Hahns Optimismus ist so groß, dass die Realität nicht ganz mithalten kann.

Zwei Hochschulen mit gut 1700 Studenten hat Gera. Eine davon ist die Hochschule für Gesundheit, die der private Klinikkonzern SRH betreibt. Vor drei Jahren zog sie in die frühere Landeszentralbank, in einen Bau des Stararchitekten David Chipperfield. Die Wände im Foyer sind lilafarben gestrichen, mit einem monströsen grünen Kontrabass darauf.

Die Flure sind leer, von den knapp 500 Studenten ist nichts zu sehen. Nur 200 leben überhaupt fest in Gera. Die meisten studieren hier neben dem Beruf und am Wochenende. Das neue Ortsschild sei "eher ein Label für die Stadt", sagt Hochschulpräsident Johannes Schaller, ein junger Kerl in blauem Anzug und polierten Schuhen. "Aber ob dadurch zwei Studenten mehr hierherkommen?" Hahn ist bei dem Gespräch dabei, sie hat den Besuch organisiert, mit jedem Satz von Schaller rutschen ihre Mundwinkel tiefer.

Gera ist eine alte Arbeiterstadt, keine Universitätsstadt wie Leipzig oder Jena. Es gibt keine akademischen Traditionen, an die sich anknüpfen ließe. Schallers Krankenhauskonzern hat deshalb für Gera ein Konzept als Gesundheitsstadt entworfen, mit Sanitätshäusern, Klinik und Hochschule. Weil Gera alt werde, von ganz allein. "Das wäre einfacher, als eine coole, junge Studentenstadt zu verkaufen. Das glaubt ja keiner", sagt Schaller.

Hahn glaubt es. Hochschule, das klingt nach Zukunft. 500 bis 600 neue Studierende will sie nach Gera locken. Die Mieten sind doch mit 4,70 Euro pro Quadratmeter nur halb so hoch wie in Jena. Jeder Student, der bleibt, soll 300 Euro bekommen. Aber erst im dritten Jahr, sonst zählen die neuen Einwohner nicht in der Statistik, in der sie so dringend gebraucht werden.

Um kreisfrei zu bleiben, brauchte die Stadt eigentlich 100.000 Einwohner. Aber Gera kommt bloß auf 96.248. Die Landesregierung in Erfurt drohte mit einer Gebietsreform, die Gera klein gemacht hätte: Kreisfreie Städte sind in vielen Landkarten ein fetter schwarzer Punkt. Gera wäre auf einen kleinen Punkt zusammengeschrumpft. Ein gefühltes Nichts.

In der DDR war Gera Bezirksstadt, nach der Wende war der Titel futsch, auch bei der Bewerbung zur Landeshauptstadt fiel die Stadt durch. Fürs Erste hat Hahn den Kampf mit der Landesregierung gewonnen. Nicht noch das letzte bisschen Status zu verlieren sei "psychologisch für die Identität ganz wichtig", sagt Hahn.

Hahns Kampf um jeden Einwohner hat etwas Rührendes. Im Dezember hat sie einen "Baby-Empfang" im Kulturzentrum ausgerichtet, einem bronzefarbenen DDR-Klotz im Zentrum. 280 Babys mit Eltern und Geschwistern kamen, Hahn hängte jedem Baby ein Gera-Lätzchen um, gelb umrandetes Frottee, bedruckt mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt. "Das war für die schon mal etwas, von der Stadt eingeladen zu werden und sich mal auszutauschen. Da freuen sich die Leute."

Es ist nicht so, dass Gera stirbt, im Gegenteil, die Stadt wächst sogar leicht. Im vergangenen Jahr wurden hier 782 Babys geboren, das sind 76 mehr als im Jahr davor. Über 1300 Menschen sind in derselben Zeit gestorben. Das Wachstum verdankt Gera auch dem kleinen, aber stetigen Zuzug von Ausländern. Sie machen inzwischen 4,8 Prozent der Einwohner aus.

Textilunternehmer Lechner
Sven Doering / Agentur Focus / DER SPIEGEL

Textilunternehmer Lechner

RALF LECHNER könnte in Gera glücklich sein, er hat hier etwas aufgebaut. Lechner ist Geschäftsführer "vom Getzner", wie sie in Gera sagen. Die österreichische Textilfirma hat im Gewerbegebiet am Stadtrand vor zwei Jahren 47 Millionen Euro in eine neue Weberei investiert, 218 Leute arbeiten hier. Getzner gehört damit zu den größeren Industriebetrieben Geras. Von der Bürgermeisterin hat Lechner einen Ehrenpreis bekommen. Jede Besuchergruppe in der Stadt schleift Hahn durch den Betrieb. Gewerkschaften, Schulen, die IHK. "Wenn ich von jedem 20 Euro Eintritt nähme, hätte ich ein neues Auto", sagt Lechner.

Getzner rettete den Betrieb 1997 vor dem Aus und damit ein Stück Industrietradition. Die Österreicher kauften neue Maschinen und verdoppelten die Mitarbeiterzahl bis 2001 auf 80. In den besten Zeiten hatten hier mehr als 1000 Menschen Arbeit.

Im Websaal rattern heute 240 Webmaschinen. An jeder entsteht eine breite Rolle heller Stoff mit feiner Musterung. Fast zwölf Millionen Meter werden hier pro Jahr produziert - für Afrika.

In Gera fertigt Getzner sogenannten Afrika-Damast. Aus dem glänzenden Stoff werden die traditionellen bunten Gewänder genäht, die in Afrika zu besonderen Anlässen getragen werden. Für den deutschen Markt ist das Gewebe zu hochwertig. "Das bezahlt hier niemand mehr", sagt Lechner. Tisch- und Bettwäsche werden in Deutschland meist billig aus China importiert.

Im Flur vor Lechners Büro stehen drei schwarze Schaufensterpuppen mit goldenem, orangefarbenem und rotem Gewand. Lechner selbst war erst einmal in Afrika, im Urlaub. Warum die Firma nicht dort, vor Ort, produziert statt hier? "Irgendwann muss mit dem Ausverkauf von Know-how ja mal Schluss sein", sagt er.

Getzner - das ist ein kleines Stück Globalisierung in Gera. Man könnte sich als Gewinner fühlen, aber irgendwie geht das hier nicht, sich mal als Gewinner zu fühlen. Es ist skurril: In Gera leben Flüchtlinge, auch aus Afrika. Denen werde das Geld hinterhergeworfen, hetzt die AfD. Aber darüber, dass gut 200 Jobs an Afrika hängen, wird in der Stadt nicht geredet. Es ist einfach kein Thema.

Lechner würde sogar noch Leute einstellen, aber er findet niemanden, obwohl die Firma doch, wie er sagt, 12,47 Euro pro Stunde zahlt, plus Schichtzulage. "Viele haben hier ein irres Anspruchsdenken", sagt Lechner. Er kommt aus Oberfranken, wenn er in Rente geht, wird er wohl weggehen aus Gera. "Verantwortung für das eigene Leben?" Viele Geraer wüssten gar nicht, dass sie frei sind. "Freiheit, das war hier oft nur Konsum, kaufen, leisten", sagt Lechner. Heute sitzt der Frust tief.

DER SPIEGEL

GERA HÄNGT AM TROPF: Die Einnahmen der Stadt liegen bei nur 100 Millionen Euro. Land und Bund schießen hier zu und dort zu. Über 160 Millionen Euro überwiesen sie im vergangenen Jahr. Allein Geras Sozialausgaben liegen bei 120 Millionen Euro. Für ein Drittel der Kindergartenkinder muss die Stadt die monatliche Kitagebühr von durchschnittlich 135 Euro übernehmen, weil die Eltern die Summe nicht aufbringen können.

Wie konnte Gera, das einmal stark und stolz war, so vor die Hunde gehen ? Politisches Versagen? Historisches Pech? Oder beides? Die Geraer wissen es nicht. Die eigene Stadt ist ihnen ein Rätsel, ein Fremdkörper. Sie wissen nur, wer hier etwas anpackt, muss sich wehren gegen einen mächtigen Sog, der alles verschlingt: das Geld, die Lust, die Kraft.

Vielleicht liegt es an den immer neuen Ideen der Bürgermeister, die kamen und gingen, an den vielen Versprechungen, aus denen nie etwas wurde. Sie haben die Geraer nicht nur enttäuscht. Sie haben sie entfremdet von ihrer Stadt.

Seinen Lauf nahm das Drama nach dem Wendeschock. Als die Stadtväter nicht wussten, wie weiter, deklarierten sie Gera kurzerhand zur Einkaufsstadt. Die Jobs waren weg - aber Gera war Einkaufsstadt. Ihre Identität hängt seither an einer schwindenden Größe: Geld. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, war darin angelegt: Wer nicht kaufen kann, nimmt nicht teil. Gera hat sich selbst abgehängt.

Die zwei Einkaufszentren in der Innenstadt haben viele Geschäfte in der Einkaufsstraße, die passenderweise Sorge heißt, kaputt gemacht. Die triste Einkaufsmeile möchte Hahn nun wiederbeleben: mit einem weiteren Shoppingcenter am oberen Ende der Fußgängerzone. Weil die Leute dann von einem Center ins andere durch die Sorge laufen und auf dem Weg vielleicht ein Kleid kaufen.

An kuriosen Ideen dieser Art hat es Gera nie gefehlt. Ein Unternehmer schlug vor Jahren vor, die Sorge zu überdachen, damit man dort auch bei Regen shoppen könne. Auf der großen Brachfläche im Herzen der Stadt wollte ein Investor vor Jahren einen Elektronikmarkt ansiedeln, auf dessen Obergeschoss eine überdachte Radrennbahn gebaut werden sollte, ein "Alleinstellungsmerkmal" für Gera. Daraus wurde nichts, die Fläche liegt noch immer brach.

Um neue Industrie dagegen bemühten sich die Stadtoberen nach der Wende nur halbherzig. Einen Schlachthof wollte man nicht, wegen des Gestanks. Die Druckerei einer Lokalzeitung auch nicht. Stattdessen träumte Gera von einem Großinvestor wie BMW. Und wartet bis heute.

Das Versäumte nachzuholen ist schwer. Nach der Insolvenz der Stadtwerke, die 2014 mit 230 Millionen Euro Schulden zusammenbrachen, hat die Landesregierung Gera zur Haushaltssanierung verdonnert. Die Stadt kann ihre Gewerbesteuern deshalb nicht senken, um Firmen anzulocken. Demnächst will sich XXXLutz mit zwei Möbelhäusern ansiedeln, 240 neue Jobs sollen entstehen. Die Stadtverwaltung feiert, die Geraer sorgen sich: Es gibt schon drei Möbelhäuser. Dass alle überleben, ist unwahrscheinlich. Vielleicht ist es kein Wunder, dass in Gera kaum noch einer etwas Neues wagen mag, wenn am Ende doch nichts bleibt. Vielleicht ist es verständlich, dass die Menschen sich eine Schutzhülle aus altem Stolz und neuem Trotz zugelegt haben. Sie zu durchbrechen fällt selbst denen schwer, die es gut meinen mit der Stadt, die etwas verändern wollen.

Theaterpädagoge Przetak
Sven Doering / Agentur Focus / DER SPIEGEL

Theaterpädagoge Przetak

PETER PRZETAK hat es versucht, aber der Theaterpädagoge und Gera, das sind zwei Extreme, die nicht zusammengehen. Er verzweifelt an dieser Stadt und sie an ihm.

Es ist der 2. Mai. Przetak sitzt im Café, die braunen Haare zerwühlt, Cordjackett über blauem Reißverschlusspulli, und fummelt nervös an einer Zigarette. Er ist enttäuscht, von sich selbst und den Geraern.

Am Vortag ist die rechtsextreme Partei Der III. Weg mit mehr als 400 Nazis durch die Innenstadt marschiert, um die DGB-Feier zum 1. Mai zu stören. Przetak hat das Bündnis Herz statt Hetze mitgegründet, das Rassisten die Stirn bieten will. Von der Bühne aus hat er versucht, die Geraer zu bewegen: Sie sollten sich zu sanfter Musik hin und her wiegen, um den krakeelenden Nazis Liebe und Stille entgegenzuhalten. Es hat nicht funktioniert. Die Leute blieben einfach stehen.

Przetak ist seit sechs Jahren in Gera. Der 49-Jährige ist in Duisburg geboren und hat in 19 Städten gelebt. "Aber so etwas wie hier habe ich noch nirgendwo erlebt", sagt er. Der Theaterpädagoge probt mit Schulgruppen und Kindergartenkindern, mit benachteiligten Jugendlichen und Flüchtlingen. Seine Stücke heißen "Bei Rita" oder "Freigeister" und sind eine Art Anleitung zur Selbstbefreiung. "Aber in Gera stoße ich an meine pädagogischen Grenzen. Ich möchte etwas Positives in die Welt schicken und fühle mich hier bloß unbequem."

Wenn man ihn fragt, was nicht stimme mit dieser Stadt, sagt er: "Hier wird nur ,gemant'". Was das heißen soll? "Man muss, man darf, man soll. Das Ich verschwindet in einer amorphen Masse", sagt er. Selbst Kinder seien nicht in der Lage, ihre Bedürfnisse zu formulieren, zu diskutieren und auszuhandeln. Aus Angst, dass ihnen daraus ein Nachteil entsteht, wie damals in der DDR.

Przetak glaubt nicht, dass Geras Probleme zuerst wirtschaftliche sind. "Im Vergleich zu Oberhausen und Marxloh ist Gera reich, dagegen leben wir wie Maden im Speck", sagt er, "trotzdem sind die Leute hier unzufrieden." Weil sie nicht diskutierten, den Frust rauslassen und aus einem Streit etwas Gutes werden lassen könnten.

Fast überall, wo Przetak gelebt hat, war er früher oder später zum Essen eingeladen mit Frau und Kindern, hatte Gäste zu Hause, Freundschaften wuchsen. "In Gera entsteht daraus nie etwas von Dauer", sagt er. "Die Leute sind unfähig, sich auf etwas Neues einzulassen." Wenn es divers, unübersichtlich, verstörend wird, machen sie dicht. "Dann wird ihnen die Welt zu groß."

Im vergangenen Jahr saß Przetak in einem Café auf dem Marktplatz, als die Besitzerin rief, sie sei "geschockt". Przetak wollte wissen, warum. "Das geht Sie einen Scheißdreck an", bekam er zu hören. Über den Platz lief ein Transsexueller. Die einzige Schwulenkneipe hat zugemacht.

Przetak ist in jeder Initiative vertreten, die sich in Gera für Flüchtlinge, gegen rechts, für gute Schulen und gegen die AfD engagiert. Aber es ermüdet ihn. Wer hier etwas verändern wolle, fühle sich, als wolle er den Leuten etwas wegnehmen, ihren letzten Rest von Sicherheit. "Die Jungen, Klugen gehen, die halten das nicht aus", sagt Przetak.

2007, zur Bundesgartenschau, sah es für einen Moment so aus, als gelänge es Gera auszubrechen. Fassaden, Straßen und Parks wurden hübsch gemacht. Plötzlich waren Jobs da, weil Servicekräfte gebraucht wurden. 1,5 Millionen Besucher kamen damals. Es war, als bekäme die Stadt endlich frische Luft zum Atmen. Geblieben ist davon wenig.

Teilnehmerin der Montagsdemo
Sven Doering / Agentur Focus / DER SPIEGEL

Teilnehmerin der Montagsdemo

THOMAS ELSTNER gibt trotzdem nicht auf. Jeden Montagnachmittag um fünf fährt Elstner mit dem kleinen Auto des DGB in die Innenstadt. Vor dem Stadtmuseum bauen der Kreisvorsitzende der Gewerkschaft und seine Mitstreiter ein rotes Zelt auf. Aus einem Lautsprecher auf dem Autodach plärrt "Zeit der Irren und Idioten", ein Song des Ostliedermachers Hans-Eckhardt Wenzel.

Heute sind sie zu siebt. Mehr ist nicht übrig von den Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV, die in Gera im Spitzenjahr 2004 einmal 4000 Leute auf die Straße brachten. In Jena haben sie vor einigen Wochen das Demonstrieren eingestellt, aber Elstner und sein harter Kern wollen weitermachen, 673 Wochen halten sie schon durch.

Die meisten Passanten laufen einfach weiter. Vorn, neben dem roten Opel, brüllt einer von Elstners Mitstreitern etwas von Merkel-Medien und Staatsfunk ins Mikrofon, die das ganze Elend verschwiegen. Eine Familie, Flüchtlinge, bleibt stehen und spendet: sieben Euro.

Elstner kommt aus Gera. 15 Jahre lang hat er als Maschinentechniker für eine Reederei in Rostock gearbeitet. Nach der Wende wurde die Firma abgewickelt. Elstner verlor seinen Job. Er dachte, eineinhalb Jahre BWL, damit lässt sich doch ein Job finden. Stattdessen war er 1993 arbeitslos.

Seitdem war Elstner: Versicherungsvertreter und Bühnenbauer, er hat Computerschulungen gemacht und Filmprojekte mit Schülern für den Offenen Kanal, eine ABM hier, ein Projekt dort. Wer in Gera den Job wechselt, muss immer gleich den Beruf wechseln - und selbst das nützt nichts. "Die Leute schreiben 20 Bewerbungen, weil sie müssen, dabei weiß jeder, dass es keine Jobs gibt", sagt er. Auf Neues würden sich die "Gerschen" gar nicht einlassen, "weil hier ja eh alles nichts wird", sagt Elstner. Die Menschen wollten bloß in Ruhe gelassen werden. Aus eigener Kraft habe Gera nie etwas geschaffen, woran sich die Stadt aufrichten könne.

Vor einer Weile hat Elstner ein Paar getroffen, das früher jeden Montag dabei war. Sie kommen nicht mehr. "Wir haben jetzt unser Auto verkauft, uns geht es wieder gut", haben sie ihm gesagt.

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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
quark2@mailinator.com 05.07.2017
1.
Genauso ist das in Cottbus. Braunkohle ist bald weg, die Textilindustrie schon lange, der Flugplatz und überhaupt der Bundeswehrstandort ebenfalls, Kleinigkeiten außen vor. Die Uni kümmert vor sich hin, der großen Klinik laufen die Ärzte weg, obwohl sie modern ist. Und was die städtischen Betriebe angeht ... die gehören zwar noch der Stadt, zumindest nach teilweisem Rückkauf ... aber dafür sind hier die Wasser-, Abwasser- und Stromgebühren mit beim Höchsten, was man so finden kann. Die Jugend ist da, wo die großen Firmen sind, also im Südwesten (wie auch ich in BW wohne) ... und die Verkehrsanbindung ist z.T. schlimmer als vor 1990, d.h. die Züge brauchen länger als ehedem. Das fühlt sich hier nicht nach Zukunft an und weder Land noch Bund haben Interesse, obwohl es rund um Cottbus keine andere Großstadt gibt.
Thomas Schnitzer 05.07.2017
2.
"Wer hier etwas verändern will, verzweifelt. Und das liegt nicht nur am Mangel an Geld." Wenn man den Artikel liest, klingt es eher so, als ob das gar nicht am Geld liegen würde, denn es wird sehr deutlich, dass sich die Menschen mit ihrer ablehnenden Grundhaltung selbst blockieren, und schlimmer noch, annehmen, das sei überall so, und würde von der Presse verschwiegen. Dagegen kann man aber nur mit einem tiefgehenden Geisteswandel angehen, denn ohne die Erkenntnis, selbst für sein Leben verantwortlich zu sein wäre weiteres Geld nur eine Konservierung der bestehenden Zustände.
colakirsch 05.07.2017
3. Wenn eine Stadt auf dem absteigenden Ast...
...etwas braucht, dann sind es strukturelle Reformen, die produktiv sind und wertschöpfend wirken. Aber mit Sicherheit keine "Theaterpädagogen".
TLB 05.07.2017
4.
Zitat von colakirsch...etwas braucht, dann sind es strukturelle Reformen, die produktiv sind und wertschöpfend wirken. Aber mit Sicherheit keine "Theaterpädagogen".
zum ersten stand ja im Artikel NICHT, dass ein Theaterpädagoge die Geisteshaltung einer ganzen Stadt umkrempeln kann. Und zum zweiten ist die Kultur einer Stadt auch ein Kriterium, was sie anziehend macht oder eben nicht. Kultur und Kunst SIND Werte, auch wenn sie oftmals schlecht entlohnt werden.
spon-facebook-1049022215 05.07.2017
5. Postkommunisten
Wie soll es einer Stat schon gehen, deren Geschicke seit bald zwei Jahrzehnten von den Linken gelenkt werden, wenn sich die Bürger Geras offenbar am Stillstand nicht stören. Offenbar muß es Gera noch viel viel schlechter gehen bevor sich was ändert.
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