AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 55/2017

Indien Wer Rindfleisch isst, riskiert sein Leben

Radikale Hindus gehen brutal gegen Menschen vor, die bei der Heiligenverehrung von Kühen nicht mitmachen. Was steckt dahinter?

Inderin mit heiliger Kuh am Fluss Ganges: Wer das Falsche isst, greift die Nation an
AP

Inderin mit heiliger Kuh am Fluss Ganges: Wer das Falsche isst, greift die Nation an

Von , Meerut


Im Norden Indiens steht ein Mann in einem Stall, die Füße tief im Stroh, und tätschelt eine Kuh. Für diese Schönheit würde Balraj Dungar alles tun; wenn es sein müsste, auch töten.

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Heft 55/2017
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Dungar trägt eine orangefarbene Robe, unter der sich ein Bauch wölbt. Es riecht nach Dung, der Blick geht auf Weizenfelder. Draußen gleitet eine Schlange in das dunkle Wasser eines Bewässerungskanals.

Hier, nahe der Stadt Meerut, ist Indien friedlich, und Dungar, wie er so die Kuh streichelt, wirkt wie ein freundlicher Mann. Aber Dungar leitet die örtliche Bajrang Dal, eine Hindu-nationalistische Gruppe, die auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Dungar kämpft in diesen Tagen einen Kampf, der ganz Indien erfasst hat. Es geht um die Frage, ob Menschen Rindfleisch essen dürfen, obwohl Hindus im Land die Kuh als heilig verehren.

In Indien wird derzeit im Durchschnitt fast jede Woche ein Mensch überfallen, weil er in den Augen anderer das Falsche gegessen hat. Es geht um Werte, um Macht und um die Frage, was für ein Land Indien im Jahr 2017 sein will. Ein religiös geprägter Staat, in dem Glauben mehr zählt als individuelle Freiheiten? Oder das Indien der Gründerväter: eine säkulare Demokratie, in der Religion Privatsache ist?

Jenes Indien basierte auf einer verwegenen Idee: dass Menschen unterschiedlicher Ethnien, Sprachen und Religionen zu einem Volk zusammenfinden können. Das Land hat 22 offizielle Sprachen, man findet hier fast alle Religionen der Welt. Es gibt Inder mit weißer Haut und mit schwarzer. Es gibt Veganer, Allesesser und solche, die keine Zwiebeln anrühren.

Dungar will das ändern. Indisch zu sein bedeutet für ihn: Hindu zu sein, so wie rund 80 Prozent der Inder. Die Kuh gilt Hindus als heilig. Wer Rindfleisch isst, greift in Dungars Augen die Nation an.

Die Organisation, der er dient, ist einflussreich, bestens vernetzt und unterhält Verbände im ganzen Land. Die Mitglieder sind junge Männer, oft arbeitslos, meist ohne Ausbildung.

Die "Beschützer der Kuh" patrouillieren auf den Highways und halten Viehtransporter an, angeblich um illegalen Schmuggel zu unterbinden, und durchsuchen Kühlschränke. Häufig gibt es Tote. Die Opfer sind meist Muslime, aber auch Christen und Dalits, die "Unberührbaren". Rindfleisch ist in Indien billig, und viele Dalits sind so arm, dass ihnen keine Wahl bleibt. Wie Muslime arbeiten sie oft als Schlachter.

Lastwagenkontrolle in Rajasthan: Häufig gibt es Tote
Chandan Khanna / AFP / Getty Images

Lastwagenkontrolle in Rajasthan: Häufig gibt es Tote

Es gab in Indien immer schon Ausschreitungen zwischen den größten Religionsgemeinschaften, den Hindus und den Muslimen. Doch die Zahl der Konflikte nimmt laut einem gerade erschienenen Bericht des US-Außenministeriums zu, und immer öfter gehe es dabei um die Kuh. Ein Großteil der Fälle ereignet sich im Norden des Landes, meistens im Westen des Bundesstaats Uttar Pradesh. Hier ist das Zentrum der Kuhbewegung, hier lebt Dungar.

Meerut mit seinen verstopften Straßen, 80 Kilometer von Delhi entfernt, hat mehr als eine Million Einwohner, fast zwei Drittel sind Hindus, ein Drittel Muslime. Probleme gab es immer, aber nie in diesem Ausmaß: Unbekannte werfen Schweinefleisch in eine Moschee. Ein Mob schlägt einen Muslim zusammen, weil er sich in eine Hindu verliebt hat. Schläger brechen einem Fleischverkäufer die Nase. Das Foto des Anführers landet in der Zeitung, es zeigt Dungar. Die Polizei lässt ihn laufen.

In Meerut zeigt sich, was passiert, wenn eine Mehrheit glaubt, sich über eine Minderheit erheben zu können und dabei die Rückendeckung der Regierung zu haben.

Das liegt auch am Hindu-nationalistischen Premier Narendra Modi, der seit fast dreieinhalb Jahren im Amt ist. Er hat zwar gesagt, sein heiliges Buch sei die Verfassung. Aber seine Leute setzen im Land die Agenda seiner Partei BJP um. Manche Bundesstaaten erließen ein Gesetz, das das Konvertieren erschwert. 24 von 29 Bundesstaaten haben das Schlachten von Kühen ganz oder teils verboten. Schulbücher wurden umgeschrieben, um historische Taten muslimischer Herrscher herunterzuspielen.

Indiens Premier Narendra Modi
REUTERS

Indiens Premier Narendra Modi

Die Hindu-Nationalisten in Indien werden stärker, und sie haben ihre Leute an den richtigen Stellen. Modi trat schon als Schüler der RSS bei, einer nationalistischen Vereinigung, deren kompliziertes Geflecht aus Untergruppen als "Familie" bezeichnet wird: Die BJP, Modis Partei, fungiert als der politische Arm, und die Anhänger der Bajrang Dal sind für die Drecksarbeit zuständig. Ihr Ziel ist ein Staat nach hinduistischen Regeln. Eine neue Idee ist das nicht.

1923, der Unabhängigkeitskampf gegen die Briten tobte, schrieb der Aktivist Veer Savarkar ein Buch, das bis heute aktuell ist. Der Autor war überzeugt, dass aus Vielfalt keine Einheit entstehen könne. Um als Nation zu überleben, glaubte er, brauche Indien eine Art Leitkultur. Er nannte sie "Hindutva". Das schließt Christen und Muslime als Bürger nicht aus, aber sie müssen sich dem Hinduismus unterordnen. Eine Gleichberechtigung der Religionen kann es nach Savarkar nicht geben. Diese Gedanken prägen heute große Teile der indischen Politik und wohl auch die Geisteswelt des Premiers.

Es dauerte Tage, bis Modi sich aufraffte, die Morde im Namen seiner Religion zu verurteilen. Eine lange Zeit für einen Premier, der dauernd twittert. Seine Worte widersprachen zudem seinen Taten. In Modis Indien werden Hetzer nicht nur toleriert - sie werden befördert.

Im März dieses Jahres machte Modi den Priester Yogi Adityanath zum Regierungschef des Bundesstaates Uttar Pradesh, wo auch Meerut liegt. Es ist einer der ärmsten Staaten Indiens, aber der politisch wichtigste: mehr als 200 Millionen Menschen leben hier, etwa so viele wie in Brasilien. Von 14 Premiers stammten 8 aus Uttar Pradesh. Wer hier regiert, ist eine mächtige Figur.

Yogi Adityanath
REUTERS

Yogi Adityanath

Yogi Adityanath ist zwar ein Meister der Meditation, das soll der Titel Yogi zeigen. Er ist aber eher als Hassprediger bekannt. "Wenn Muslime einen Hindu töten, dann töten wir hundert Muslime", sagte er einmal. Im Wahlkampf behauptete er, dass Muslime Hindus aus ihren Dörfern vertrieben hätten. Die Polizei ermittelte gegen ihn wegen Hetze und versuchten Mordes. Diese Vorwürfe streitet er ab. Er ist aber sicherlich einer der größten Scharfmacher des Landes.

"Yogi Adityanath ist ein feiner Mann", sagt hingegen Laxmikant Bajpai. Der BJP-Politiker sitzt in seinem Wohnzimmer in Meerut, hinter ihm thront eine vergoldete Hindugottheit. Bajpai ist ein guter Gesprächspartner, wenn man erfahren möchte, wie seine Partei von einst 2 Sitzen im Parlament auf mehr als 280 anwachsen konnte. Er war jahrelang Präsident der BJP in Uttar Pradesh. Seit seinem 14. Lebensjahr ist er RSS-Mitglied.

Die Vorwürfe gegen den Regierungschef nennt er eine Schmutzkampagne. Die Morde seien einzelne Zwischenfälle. Modi habe Stabilität ins Land gebracht, und Adityanath werde das Gleiche für Uttar Pradesh tun. Muslime seien willkommen. "Aber es darf nicht sein, dass ein paar wenige das Tier töten, das einer Mehrheit Milch spendet."

Mehr als 180 Millionen Muslime leben in Indien, nur in Indonesien und Pakistan sind es mehr. Doch wenn Bajpai über die Muslime redet, klingt es, als wäre der Islam erst gestern hier angekommen. Aber der Islam gehört seit Jahrhunderten zu Indien. Muslime haben dem Land das Taj Mahal, die Altstadt von Delhi und saftige Kebabs gebracht. Der BJP ist es gelungen, etwas zutiefst Indisches als fremd darzustellen. Es ist das Resultat jahrzehntelanger Lobbyarbeit.

In seinem Buch "Shadow Armies" beschreibt der Journalist Dhirendra Jha, wie die Nationalisten in den Achtzigerjahren in die hintersten Winkel Indiens vordrangen. Sie infiltrierten das Parlament, Tempel, Medien und soziale Einrichtungen. Geschickt verbreiteten sie den Glauben, dass Hindus von Fremden vertrieben werden könnten. Gab es in einem Dorf Streit mit Muslimen, waren sie zur Stelle; angeblich um zu schlichten, tatsächlich polarisierten sie. Sie merkten schnell, dass die Kuh für ihre Zwecke bestens geeignet war.

Wenig überraschend ließ der neue Regierungschef umgehend die Lizenzen der Schlachthäuser in Uttar Pradesh überprüfen, viele mussten schließen. Die meisten waren im Besitz von Muslimen. Es gab Proteste, aber auch viel Zustimmung.

Schon Modi hatte im Wahlkampf 2014 das Ende des Schlachtens gefordert. Im Mai verbot die Regierung in Neu-Delhi landesweit den Verkauf von Rindern als Schlachtvieh auf Märkten. Erst der Oberste Gerichtshof stoppte das Vorhaben. Ein Verbot hätte zu einer wirtschaftlichen Katastrophe geführt. Indien ist neben Brasilien der weltgrößte Exporteur für Rindfleisch - das stammt ausschließlich von Wasserbüffeln, wäre aber auch unter das Verbot gefallen. Kühe dürfen ohnehin nur unter bestimmten Bedingungen getötet werden, etwa wenn sie alt sind.

Die Fleischindustrie exportiert pro Jahr Waren im Wert von rund vier Milliarden Dollar, die meisten davon aus Uttar Pradesh. Sie liefert Zehntausende Jobs, für Hindus wie auch für Muslime. Eigentlich hat Modi in den Mittelpunkt seiner Politik die Wirtschaft gestellt, doch diesmal gab er der Religion den Vorzug. Warum? Weil es im Wahlkampf so gut funktioniert.

Viele BJP-Wähler glauben an Modis Botschaft des Fortschritts. Einigen wäre es lieb, die Minister der Partei würden weniger über Kühe und mehr über Straßen und Krankenhäuser reden. Aber viele finden tatsächlich, dass Indiens größte Probleme nicht Armut oder Korruption seien, sondern der Islam. Das liegt auch daran, dass Indien immer wieder islamistischen Terrorismus erlebt hat. Andererseits ist die überwältigende Mehrheit der Muslime im Land friedlich. Der Kampf um die Kuh zeigt, dass der Traum eines religiös geeinten Indien bei vielen Hindus wiedererwacht ist.

Bei der Landtagswahl in Uttar Pradesh gewann die BJP diesen März drei Viertel der Sitze. Nun will die BJP unter Regierungschef Adityanath hier das Land ihrer Träume errichten. Ein Land ohne Kuhfleisch.

Auf dem Fleischmarkt in der Stadt Meerut sitzt Mohammed Akbar auf einem Fleischerblock in seinem Laden und schaut ins Nichts. Ein Ventilator versucht, den süßlichen Geruch der Fäulnis zu vertreiben, der im Laden klebt, obwohl der Metzger seit Wochen kein Rindfleisch mehr verkauft hat. Der Basar existiert seit mehr als 250 Jahren. Akbars Vater war Metzger, sein Großvater ebenso. Niemand in der Gasse kann sich an eine Zeit erinnern, in der die Akbars kein Rindfleisch verkauften.

Aber damit könnte es bald vorbei sein. Der 60-Jährige hat in diesen Tagen keine Ware, keine Kunden und kein Einkommen. Nicht mal unter den Briten sei es so schlimm gewesen. "Die BJP", sagt Akbar, "will, dass wir hungrig sterben."



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