AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2017

Bilanz des indischen Premiers Modi Wirtschaft boomt, Feindschaft wächst

Premier Narendra Modi hat die Wirtschaft belebt - aber Indien auch zu einem Ort gemacht, in dem die Feindseligkeiten zunehmen. Wie steht es um das Land?

Premierminister Modi
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Premierminister Modi

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Narendra Modi hat schon viel versprochen, aber die letzte Ankündigung war selbst für seine Verhältnisse gewagt. Bis 2022 soll ein "Neues Indien" entstehen, erklärte er im Juli: Jeder Bürger solle ein Gelöbnis ablegen, um "das Land unserer Träume" zu erschaffen. Ein Land ohne Korruption, Terrorismus und Dreck. Ein Land "ehrlicher Bürger" - so pflichtbewusst, dass sie sogar "die Verkehrsregeln einhalten".

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Heft 33/2017
Wie sich das bedrohte Paradies wandelt

Wer das alte Indien kennt, weiß, wie utopisch dieses "neue" ist. Es ist nur die jüngste der vielen Verheißungen Modis: Toiletten für alle, ein Ende der Armut, zuletzt entwarf er die Vision einer bargeldlosen Gesellschaft. "Die guten Tage kommen", so hatte er es im Wahlkampf 2014 versprochen.

Modi ist ein guter Redner. Aber ist er auch ein guter Reformer? Fast zwei Drittel von Modis fünfjähriger Amtszeit sind schon vorüber. Hat er seine Versprechen halten können? Die Erwartungen bei seinem Amtsantritt waren groß. Modi hatte als Chief Minister den Bundesstaat Gujarat erfolgreich modernisiert. Aber er stand auch für Indiens hässliche Seite: 2002 töteten in Gujarat Hindus systematisch Muslime. Modi konnte nie eine Beteiligung nachgewiesen werden, aber die Vorwürfe gegen ihn wogen so schwer, dass die USA ihm jahrelang die Einreise verweigerten. Es gab Warnungen, dass dieser Mann Hass säen würde. Aber es gab auch viele, die sagten: Wenn nicht er das Land nach vorn bringt, wer dann?

Fünf Bereiche waren elementar in seinem Wahlkampf: Wirtschaftswachstum, der Kampf gegen die Korruption, der Ausbau der Infrastruktur, die Schaffung von Jobs und die Wahrung demokratischer Werte. An ihnen bemisst sich bis heute seine Leistung. Wie ist die Lage? Was hat sich verbessert?

Was die Wirtschaft angeht, so ist die Stimmung optimistisch. Sie soll in Indien dieses Jahr um 7,2 Prozent wachsen. Die Inflation ist stabil niedrig nach Steigerungsraten von früher bis zu über zehn Prozent. Die Öffnung von Industrien wie dem Schienenverkehr und dem Versicherungsmarkt hat Rekordinvestitionen von 60 Milliarden Dollar aus dem Ausland angelockt.

Gerade hat die Regierung die größte Steuerreform des Landes verfügt, die langfristig die Wirtschaft weiter antreiben könnte. Die Börse floriert. Die Regierung hat es zudem schwieriger gemacht, zum Beispiel mit Schwarzgeld Grundstücke zu kaufen. Modi scheint es ernst zu sein mit dem Kampf gegen die Schattenwirtschaft - was wichtig ist: Das Land braucht dringend Einnahmen, um zum Beispiel seine Infrastruktur zu verbessern. Die Geschwindigkeit eines Lkw auf Indiens Straßen liegt zwischen 20 und 40 Kilometern pro Stunde. Indien baut derzeit 22 Kilometer Straße pro Tag. Angekündigt hatte die Regierung 41 Kilometer. Dramatischer hingegen ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt, der sich nicht so entwickelt, wie von Modi versprochen.

Der Premier will, dass Indien zur Werkbank der Welt wird: 2025 soll der produzierende Sektor 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Auf diese Weise sollen 100 Millionen Jobs entstehen. Die "Make in India"-Kampagne soll ausländische Firmen davon überzeugen, künftig in Indien produzieren zu lassen. Eine gute Idee, nur greift sie bisher nicht, wie sie soll. 2015 entstanden nur 135.000 Arbeitsplätze in den acht großen Wirtschaftszweigen. Das Land müsste jeden Monat eine Million neue Jobs schaffen, allein um junge Menschen mit Arbeit zu versorgen. Denn die Hälfte der 1,3 Milliarden Bürger Indiens ist jünger als 25 Jahre.

Seine Jugend ist der große Wettbewerbsvorteil dieses Landes. Aber sie ist auch Indiens Zeitbombe. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt schon jetzt bei um die zehn Prozent. Viele junge Menschen haben keine Ausbildung vorzuweisen. Das Budget für Bildung aber ist vergleichsweise mickrig. Tatsächlich tut die Regierung wenig, damit die Schwächsten nach oben kommen. Und war es Modi wirklich ernst damit, als er "Fortschritt für alle" versprach? Zumindest viele der mehr als 180 Millionen Muslime im Land bezweifeln das.

Unter Modis hindunationalistischer BJP ist ein Klima der Intoleranz entstanden. Der Premier heizt die feindselige Stimmung nicht persönlich an, aber er tut wenig, um sie zu unterbinden. Es ist das Ergebnis eines neuen Nationalismus, den Modi mit seinen Verheißungen geschickt geweckt hat: Kritik an der Regierung gilt als Kritik an Indien. Wie jeder Populist nutzt Modi die Schwäche seines Landes: die Sehnsucht nach Größe. Modi hat seinen Bürgern den Glauben eingeflüstert, dass Indien unter ihm endlich seinen angestammten Platz in der Weltordnung einnehmen werde.

Das ist gut, weil Indien dringend Fortschritt braucht. Noch immer leben hier mehr hungrige Kinder als in vielen Teilen Subsahara-Afrikas; noch immer arbeitet fast die Hälfte der erwerbstätigen Bevölkerung als Bauern. Aber es ist schlecht, weil sich Indien hinter dem Mantra des Aufstiegs versteckt. Es ignoriert die mittlerweile offenkundigen Schwächen seines Premiers.

Die versprochenen "guten Tage" sind bislang nicht eingetreten. Der Traum vom sozialen Aufstieg ist für viele nach wie vor ein Traum. Modi müsste dafür sorgen, dass der neue Reichtum verteilt wird. Indien wird sein Potenzial nicht entfalten können, wenn es jene vernachlässigt, auf deren Schultern das versprochene neue Indien entstehen soll.

Sehen Sie im Video historische Aufnahmen von den Unabhängigkeitsfeiern in Indien und Pakistan:

imago/United Archives International


insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
raly 23.08.2017
1. ...
Werter Spiegel, das kann nicht euer ernst sein, oder? Gestern habe ich eine fantastischen Artikel zum BER gelesen, wirklich brilliant und heute sowas (hinter einer pay-schranke). Wuerde mich mal interessieren wie diese Berichte zusammengestellt werden. Ihre Schlussfolgerung zu Modi ist nun, er hat es nicht geschafft Indien in 3 Jahren zu modernisieren und gegen die Muslime hetzt er auch noch, und nebenbei, die Bevoelkerungsexplosion wie auch die landwirtschaftlich gepraegte Wirtschaft stellen auch ein Problem dar, nein, sagen sie bloss, haette ich nicht gedacht! Haette auch vermutet, dass der Modi das Land befriedet, eine bullettrain Verbundung zwischen allen grossen Staedten aufbaut, das durchschnittliche Einkommen verzehnfacht und eventuell sogar den einen oder anderen Flughafen hinstellt. Aber mal ganz im Ernst, ich haette mir doch gewuenscht wenn man hier ein wenig genauer hingeschaut haette: was kann ein indischer Premier in 3 Jahren (oder 5, oder 10) realistisch erreichen, hat Modi da was erreicht oder nicht? wie hat sich demonetarisierung auf die Wirtschaft ausgewirkt, was sind die Gruende fuer die steigenden Gewallt (haengt vielleicht auch mit mehr Bildung und einhergehender Ideologisierung zusammen - hat man ja oft gesehen im sich entwickelnden Europa oder anderen Laendern), und im Uebrigen, bezueglich der Gewalt, da gibt es nicht nur die hindu-muslim Komponente sondern auch marxistische Terrorgruppen und Sezessionsbewegungen im Nordosten. Wie gesagt, da gibt es doch so viele interessante Fragen und Entwicklungen, ich wuerde mir wuenschen, wenn man das auch mal journalistisch bearbeiten koennte (vielleicht sogar beinahe so detailreich wie den BER Artikel?) beste Gruesse!
mailo 23.08.2017
2.
Religiöse und Nationalisten in der Politik waren schon immer die Freunde der Wirtschaft. Einen großen Teil ihrer Wählerschaft interessieren Gesetze zu Lasten des Geldbeutels der normalen Leute weniger da ihre Priorität auf Religion/Nationalismus liegt. Stimmenverluste fallen demnach geringer aus.
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