AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2017

Förderschulen Warum ein Kultusminister die Inklusion für gescheitert hält

In Deutschland sollen Kinder mit Behinderungen auf Regelschulen statt auf Förderschulen geschickt werden. Marco Tullner, Kultusminister in Sachsen-Anhalt, hält das für den falschen Weg.

Bildungsminister Marco Tullner
Hendrik Schmidt / Picture Alliance / ZB / DPA

Bildungsminister Marco Tullner

Ein Interview von


Seit gut eineinhalb Jahren ist Marco Tullner, 49, Kultusminister in Magdeburg. Vor wenigen Tagen überraschte der CDU-Politiker mit einem Konzept zur "Weiterentwicklung der Förderschulen" - und widerspricht damit dem vorherrschenden Leitbild, dass Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf immer zusammen lernen sollen.


SPIEGEL: Herr Tullner, seit in Deutschland 2009 die Uno-Behindertenrechtskonvention in Kraft trat, gilt die Förderschule als Auslaufmodell. Sie wollen die Schulform wieder stärken. Warum?

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Heft 52/2017
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Tullner: Förderschulen in Deutschland sind ein hohes Gut, das wir in der Inklusionsdebatte leichtfertig aufs Spiel gesetzt haben. Wir werden auch in Zukunft Förderschulen dringend brauchen. Leider werden sie in vielen Landstrichen still geschlossen, weil die Schülerzahlen sinken.

SPIEGEL: Sie müssten sich doch eigentlich freuen, dass mehr Förderkinder zusammen mit ihren Altersgenossen lernen.

Tullner: Ich glaube, wir tun einem Teil unserer Schüler damit keinen Gefallen. Sowohl die Kinder als auch die Lehrer sind überfordert, das beobachte ich an Grund-, aber auch an weiterführenden Schulen. Die Schülerschaft ist extrem heterogen, durch die Inklusionsschüler, aber auch durch die Zuwanderung, die wir im Osten so nicht gewohnt sind. Viele Lehrer wurden darauf nicht vorbereitet.

SPIEGEL: Manche Länder bieten dazu mittlerweile Fortbildungen an. Helfen die nicht?

Tullner: Natürlich. Aber dafür braucht es Zeit. Fast überall in Deutschland herrscht dramatischer Lehrermangel. Es fehlt teilweise an Ressourcen, um den Unterricht abzudecken. Zwar haben wir Sonderpädagogen, die als zweite Lehrkraft stundenweise in Inklusionsklassen unterstützen, aber allen Kindern können Sie nicht gerecht werden.

SPIEGEL: Ist es dann nicht Unsinn, zwei Systeme aufrechtzuerhalten und die Förderschulen sogar noch stärken zu wollen?

Tullner: Wir haben den gemeinsamen Unterricht eingeführt, obwohl absehbar war, dass uns Lehrkräfte fehlen werden. Wir haben nun Sonderpädagogen an Grundschulen, die eigentlich für die Förderschüler eingeplant waren. Es ist eine Illusion, mit den Sonderpädagogen an Regelschulen jeden Förderbedarf abdecken zu können. Dafür sind die Aufgaben zu vielschichtig. Individuelle Förderung braucht gute Rahmenbedingungen.

SPIEGEL: Das heißt doch nicht, dass die Idee vom gemeinsamen Lernen falsch ist.

Tullner: Nein. Die Inklusion ist eine richtige Idee, aber auch eine wissenschaftliche Diskussion im Elfenbeinturm. Eine Elitendiskussion. Das, was die Menschen in der Praxis in ihrem Alltag erleben, ist davon ganz weit entfernt. Wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, verfolge ich ein politisches Ziel, das nicht erreichbar sein kann.

SPIEGEL: Hätte die Politik mehr tun müssen, damit die Inklusion gelingt?

Tullner: Bestimmt. Man kann immer mehr tun. Allerdings ist die Bildungspolitik in den letzten Jahren unter dem Sparzwang der Länder vor allem von Kostendiskussionen dominiert worden, nicht nur in Sachsen-Anhalt. Es wurde lange davon geträumt, in Qualität investieren zu können, weil die Schülerzahlen sanken. In der Vergangenheit wurde aber vor allem Personal abgebaut. Meine Priorität besteht jetzt nicht darin, theoretischen Konzepten nachzueifern, von denen wir nicht mal wissen, ob jedes Kind davon wirklich profitieren kann. Dafür haben wir in der Praxis zu viele Baustellen.

SPIEGEL: Wollen Sie den gemeinsamen Unterricht abschaffen?

Tullner: Nein. Wenn Förderschüler an der Regelschule erfolgreich sind und sich wohlfühlen, habe ich damit kein Problem. Ich möchte aber, dass Eltern die Wahl haben, das zu tun, was sie für ihre Kinder richtig finden. Und dafür brauchen wir ein stabiles Netz an gut ausgestatteten Förderschulen. Ich bin davon überzeugt, dass es Kinder mit Förderbedarf gibt, die dort besser betreut werden können als in einer heterogenen Regelklasse.

SPIEGEL: Wer wie viel lernt, ist die eine Sache. Aber bei der Inklusion sollen Kinder auch verstehen, dass eine Gesellschaft vielfältig ist, und sich gegenseitig akzeptieren.

Tullner: Ich glaube, die Uno-Behindertenrechtskonvention wird in Deutschland einseitig interpretiert.

SPIEGEL: Inwiefern?

Tullner: In dem Dokument ist von "Zugang zu Bildung" und "Teilhabe an der Gesellschaft" die Rede. In Deutschland hat man daraus die Inklusion gemacht, bei der alle Kinder dieselbe Schule besuchen sollen. Das ist eine Überinterpretation.

SPIEGEL: Was lesen Sie darin?

Tullner: Ich verstehe Teilhabe so, dass wir alle Kinder befähigen, gleichberechtigt am Leben teilzunehmen. Wir müssen vom Kind her denken und schauen, ob es die Kenntnisse dafür nun im Regelunterricht oder auf der Förderschule bekommt.



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