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Ausgabe 8/2018

Klimawandel Warum Tuvalu nun doch nicht untergeht

Seit Jahrzehnten warnt die Uno, dass der steigende Meeresspiegel flache Inseln zerstört. Doch stattdessen wachsen einige sogar. Wie ist das möglich?

Strand in Tuvalu: Kein Anlass für den Exodus
Michael Runkel/ Robert Harding/ Laif

Strand in Tuvalu: Kein Anlass für den Exodus

Von Marco Evers


Tuvalu ist ein winziges tropisches Inselparadies in den Weiten der Südsee. Auf seinem Staatsgebiet von nur 26 Quadratkilometer Landfläche leben an die 11.000 Menschen, und um deren Zukunft ist es offenbar nicht gut bestellt: Weil die übrige Menschheit so viele fossile Brennstoffe verheizt, steigt der Meeresspiegel an, und bald schon könnten die Atolle von Tuvalu in den Fluten versunken sein wie Atlantis.

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Heft 8/2018
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Seit Jahrzehnten warnt die Uno, dass Tuvalu wegen des Klimawandels der Untergang drohe. Auch jetzt wieder, als eine neue Studie der University of Colorado in Boulder ergab, dass der Meeresspiegel rasanter steigt als gedacht, war die Rede von den bedrohten Inselstaaten. Und kaum eine Klimakonferenz geht über die Bühne, ohne dass ein Abgesandter des Archipels den Mächtigen ins Gewissen redet.

Hier, am Ende der Welt, erscheint das Ende der Welt näher als irgendwo sonst, und darum ist Tuvalu längst zum Symbol geworden für die geknechtete Natur, eine Art Eisbär des Südens.

Ein neuseeländischer Forscher hat nun untersucht, wie der Klimawandel das Inselreich verändert - und ist zu verblüffenden Ergebnissen gekommen: Paul Kench von der University of Auckland hat alle 101 Tuvalu-Inseln auf Luftaufnahmen und Satellitenbildern aus den Jahren 1971 bis 2014 studiert.

In dieser Zeit ist der Meeresspiegel in Tuvalu jedes Jahr um vier Millimeter gestiegen, etwa doppelt so schnell wie durchschnittlich in den Weltmeeren. Wie viel Land mag das bedrängte Inselreich in diesen Jahrzehnten an den Ozean verloren haben?

Kenchs Resultat, jetzt veröffentlicht im Fachblatt "Nature Communications": Nur ein unbewohntes Eiland ist erwartungsgetreu abgesoffen. 27 Inseln sind geschrumpft, einzelne sogar um mehr als die Hälfte. Der größte Teil von Tuvalu aber ist auf wundersame Weise gewachsen - netto um fast drei Prozent seit 1971. Obwohl das Wasser höher steht, hat das niedrige Inselreich sein Terrain um 73,5 Hektar erweitert, eine Fläche, die mehr als hundert Fußballfeldern entspricht.

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Und das kam so: Wann immer das Wasser Sand abtrug von der Küste Tuvalus, landete es anderswo wieder Sand an. Wenn hohe Wellen eine Insel überspülten, blieben die im Wasser mitgeführten Sedimente auf dem Land zurück. Die wegen des Klimawandels heftiger gewordenen Stürme brachen Korallen von den umliegenden Riffen ab, die dann als neues Baumaterial auf die Strände geschwemmt wurden.

Die Küstenverläufe haben sich über die Jahrzehnte teils beträchtlich verändert. Manche Inseln sind auf ihren Riffen regelrecht gewandert. Aber nie stand Tuvalu in Gefahr, von der Landkarte zu verschwinden.

Atolle, so resümiert Kench, seien in Wahrheit dynamische Landmassen, die sich gegenüber dem Wasser weitaus widerstandsfähiger zeigten, als allgemein angenommen werde. Kench zufolge wird Tuvalu auch in 100 Jahren und auch in einem Szenario zunehmenden Klimawandels noch bewohnbar sein - und ebenso die Malediven im Indischen Ozean, Kiribati und die Marshall-Inseln im Pazifik. Für den schon angedachten Exodus der Bevölkerung Tuvalus in sicherere Gefilde werde es keinen Anlass geben.

Erst wenn der Meeresspiegel tatsächlich um einen ganzen Meter bis 2100 steigen sollte, wie das extremste Szenario des Weltklimarats es beschreibt, könne es gefährlich werden für die Inselstaaten, sagt Kench, weil dann die geologischen Prozesse, die den Selbsterhalt des Archipels bislang sicherstellen, vielleicht durcheinandergeraten.

Bisher besiedeln die Tuvaluer vor allem zwei Atolle. Kench empfiehlt ihnen, künftig auch die mittelgroßen Eilande zu bewohnen, da diese sich in den vergangenen 40 Jahren als die stabilsten erwiesen haben. Die kleinsten Inseln hingegen zeigten sich besonders empfindlich gegenüber den Kräften der Erosion.

Im Übrigen rät der Forscher den Inselbewohnern, sich von dem Narrativ des Untergangs zu verabschieden - dieses mache ihnen das Leben unnötig schwer und verstelle den Blick bei der Lösung der tatsächlich anstehenden Aufgaben. Der Klimawandel setze Tuvalu nämlich weiterhin zu, nur anders als gedacht. Häufigere Dürren gefährden zum Beispiel die Trinkwasserversorgung, salzigere Böden erschweren die Nahrungsmittelproduktion.

Belehrungen dieser Art sind auf Tuvalu allerdings wenig willkommen. Gerade die Rolle des unschuldigen Opfers verleiht dem Zwergstaat eine gewisse politische Relevanz. Premierminister Enele Sopoaga hat erst im November auf der Bonner Klimakonferenz wieder vorgetragen, wie sehr sein Volk "um seine Zukunft fürchtet, jeden einzelnen Tag".

Jetzt ist Sopoaga wütend auf den neuseeländischen Forscher. Kench habe seine Studie nicht mit Tuvalus Behörden abgestimmt, klagte Sopoaga gegenüber der "Fiji Times". Was er da schreibe, sei falsch. Tuvalu wachse nicht und versinke eben doch.

Regen Zuspruch, wenn auch ungewollten, bekommt Kench hingegen vom anderen Ende des Meinungsspektrums. Leugner des Klimawandels feiern seine Studie in den sozialen Medien als Eingeständnis eines Forschers, dass die viel beschworenen Gefahren durch die globale Erwärmung eben doch nichts als Hysterie seien.



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