AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2018

Integration an Grundschulen Wo Deutsch eine Fremdsprache ist

Deutsche sind in der Minderheit, Migrantenkinder bleiben fast unter sich: Das ist der Alltag an manchen Grundschulen. Wie kann die Integration gelingen?

Zweitklässler in Hamburg-Wilhelmsburg: In den ersten Jahren werden die Weichen gestellt
Helena Lea Manhartsberger / DER SPIEGEL

Zweitklässler in Hamburg-Wilhelmsburg: In den ersten Jahren werden die Weichen gestellt

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Wenn der Wind von Osten weht und ein Flugzeug über die Pestalozzischule donnert, verlieren sich die Kinderstimmen im Getöse. Die Flieger steuern den Frankfurter Flughafen manchmal im Minutentakt an, Raunheim liegt nur vier Kilometer von den Rollbahnen entfernt. Fast immer müssen die Lehrer die Fenster geschlossen lassen, sogar im Sommer bei 30 Grad.

Wer in Raunheim geboren ist, kennt es nicht anders. Eine Schülerin aus Syrien aber erschrak über den Lärm der Triebwerke einmal so sehr, dass sie sich panisch unter ihren Tisch flüchtete. "Da steht man dann als Lehrerin und fragt sich, wie man einem verängstigten Kind, dessen Sprache man nicht spricht, die Situation begreiflich machen soll" sagt Katrin Saner, Konrektorin an der Pestalozzischule.

Sie könnte beim Staatlichen Schulamt um Hilfe bitten. Doch die Psychologin dort hat oftmals erst zwei Wochen später Zeit.

Saner unterrichtet seit zwölf Jahren in Raunheim. Ihre Fächer: Deutsch, Mathematik, Deutsch als Zweitsprache. Die Pestalozzischule ist mit 700 Schülern eine der größten Grundschulen Deutschlands. Knapp 90 Prozent der Kinder haben ausländische Wurzeln. Die meisten von ihnen kommen aus Familien, in denen zu Hause nicht oder kaum Deutsch gesprochen wird.

Das klingt extrem, ist aber für viele Grundschulen in Deutschland normal. Beispiel Nordrhein-Westfalen: An mehr als jeder zehnten der 2750 staatlichen Grundschulen sprechen mehr als die Hälfte der Kinder zu Hause selten oder nie Deutsch. In 78 Schulen sind es sogar mehr als drei Viertel der Kinder.

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Auch die Zahlen aus den Stadtstaaten sind eindrucksvoll. An vielen Schulen sind Kinder in der Mehrheit, in deren Familie nicht Deutsch gesprochen wird: in Hamburg 22 Prozent der Grundschulen, in Berlin und Bremen mehr als 40 Prozent.

Es sind solche Grundschulen, die in diesen Tagen viele Schlagzeilen machen. In Berlin mobbten muslimische Kinder eine Mitschülerin, weil sie nicht an Allah glaubt, und bedrohten sie. Eine andere Grundschule engagierte einen privaten Sicherheitsdienst, um die Gewalt in den Griff zu bekommen.

Die "Bild"-Zeitung berichtete von "Eltern aus ganz Deutschland", die sich nach einem Artikel über den "Islamismus-Alarm" mit eigenen Geschichten meldeten: Eine Mutter aus Bonn habe geschildert, dass muslimische Mitschüler ihrer Tochter in der dritten Klasse gesagt hätten, ihre Eltern würden als Ungläubige in der Hölle verbrennen. Andere hätten geklagt, "dass Schülerinnen gemobbt wurden, weil sie 'unreine' Gummibärchen essen". Die Süßigkeiten enthalten Gelatine aus Schweinefleisch.

Die Grundschulen galten lange als der Ort in Deutschland, an dem Integration gefördert wird und gelingt wie an keinem anderen. Funktioniert nun das Miteinander verschiedener Nationalitäten und Religionen nicht einmal mehr bei Sechs- bis Zehnjährigen?

Häufig ist der Zuwandereranteil vor allem an jenen Schulen besonders groß, die ohnehin schon in Problemvierteln mit hoher Arbeitslosigkeit und Armut liegen. Fast 70 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund in Großstädten besuchten Grundschulen, an denen mehrheitlich Zuwanderer und sozial benachteiligte Schüler lernen, stellte der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Migration und Integration (SVR) fest.

Zweisprachig aufzuwachsen könnte ein großer Vorteil sein. Viele Linguisten empfehlen Migranten, mit ihren Kindern zu Hause jene Sprache zu sprechen, in der sie sich heimisch fühlen. Es ist besser, von den Eltern gutes Arabisch, Polnisch oder Türkisch zu lernen als fehlerhaftes Deutsch. Außerhalb der Familie allerdings sollten die Kinder so schnell wie möglich mit dem Deutschen in Kontakt kommen. Was aber, wenn in der Nachbarschaft kaum jemand Deutsch spricht und in den Klassen mehrheitlich Schüler sitzen, die ebenfalls Nachholbedarf haben und auch noch in ärmlichen Verhältnissen leben?

Jeder vierte Grundschüler mit Migrationshintergrund in Deutschland verfüge nicht über "die Lesekompetenz, die er benötigt, um dem Unterricht an einer weiterführenden Schule problemlos folgen zu können", schreiben die SVR-Experten. Auch das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen kommt zu dem Ergebnis, dass Schüler aus zugewanderten Familien in Deutsch und Mathematik "im Durchschnitt signifikant geringere Kompetenzen" erreichten.

Doch in den ersten Jahren werden die Weichen für die Zukunft der Kinder gestellt. Ein Schüler, der so früh schon abgehängt wird, hat es schwer, den Rückstand aufzuholen. Aus benachteiligten Grundschülern können frustrierte Jugendliche werden - und aus frustrierten Jugendlichen gescheiterte Erwachsene.

Konrektorin Saner, Schulleiter Reiss in Raunheim: "Das Jobprofil ist sehr anspruchsvoll"
Tim Wegner / DER SPIEGEL

Konrektorin Saner, Schulleiter Reiss in Raunheim: "Das Jobprofil ist sehr anspruchsvoll"

Die Lehrer aber fühlen sich allein gelassen. Die Kultusminister kündigten schon vor mehr als zehn Jahren an, dass Schulen mit einem hohen Migrantenanteil "spezifische Mittel" erhalten sollten, für mehr Lehrer oder mehr sozialpädagogische Fachkräfte. "Was bisher gemacht wird, hat aber weder Nachhaltigkeit noch Breitenwirkung", sagt der Bildungsforscher Horst Weishaupt. Die wohlklingenden Miniprogramme seien in vielen Bundesländern "nicht mehr als Symbolpolitik".

Katrin Saner hat sich einen Wintermantel angezogen und führt über das Gelände der Pestalozzischule in Raunheim. Es schneit an diesem Mittwoch im Februar. Kinder auf dem Hof versuchen lachend, eine Kugel zu rollen, um einen Schneemann zu bauen. In der Pausenhalle sitzen ein paar Jungs an Holztischen. Sie wurden in die Strafecke geschickt, weil sie sich im Unterricht danebenbenommen haben. "Das wirkt", sagt Saner.

An der Pestalozzischule muss das Kollegium jeden Raum und jede Ecke nutzen. Häufig weichen die Lehrer auf die Flure und Gänge aus, wenn sie Gruppenarbeit mit den Kindern machen wollen. Die Schule wird vermutlich weiterwachsen, eine Hochrechnung für das Jahr 2022 geht von 850 statt 700 Schülern aus. Da die Mieten in Raunheim unter denen in Frankfurt am Main liegen, wächst die Stadt trotz des Fluglärms weiter - stärker, als es der Kommune recht ist und auch als es erlaubt ist.

Ein "nicht unerheblicher Teil der zugezogenen Neubürger" lebe "in nicht genehmigungsfähigen Wohnsituationen zum Teil unter unwürdigen und die Gesundheit gefährdenden Umständen", heißt es auf der Internetseite der Stadt. Man müsse "insbesondere Kinder davor schützen, in krank machenden, unbelichteten und feuchten Räumen aufwachsen zu müssen".

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Das lässt erahnen, was manche der Kinder an der Pestalozzischule zu Hause erleben. Deutsche Grammatikregeln sind ihr kleinstes Problem.

Offiziell hat die Pestalozzischule einen Anspruch auf anderthalb Stellen für Sozialpädagogen. "Optimal wäre eine Stelle für jede Klasse", sagt Rektor Simon Reiss. Aber natürlich wisse er, dass das selbst dann illusorisch wäre, wenn er darauf ein Anrecht hätte: Es gibt nicht genug ausgebildete Fachkräfte.

Bisher konnte Reiss zumindest noch alle offenen Lehrerstellen besetzen, viele davon mit Quereinsteigern. Ab Mai allerdings wird sich eine Lücke von 50 Stunden auftun, zum neuen Schuljahr fehlen drei bis vier ausgebildete Klassenleitungen. "Das Jobprofil ist sehr anspruchsvoll", sagt er. Ein Grundschullehrer müsse gleichzeitig Erzieher, Sozialarbeiter und Experte für Deutsch als Fremdsprache sein und dazu noch Förderschulkompetenz haben. "Solche Leute findet man nicht so einfach."

Lange waren die Politiker damit beschäftigt, davor zu warnen, dass die Gesellschaft vergreise. Seit einigen Jahren aber steigen die Geburtenzahlen wieder, und es kommen mehr Migranten.

Die Landesverbände der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) haben nachgezählt: 2017 konnten demnach rund 2000 Lehrerstellen nicht besetzt werden, trotz mehrerer Tausend Quer- und Seiteneinsteiger. Dass Grundschullehrer in den meisten Bundesländern deutlich schlechter bezahlt werden als ihre Kollegen an den Gymnasien, trägt nicht zur Attraktivität des Berufs bei. Auf Leitungsebene sieht es nicht besser aus: Rund tausend Schulleiterstellen an deutschen Grundschulen sind derzeit nicht besetzt.

Vor allem in sozialen Brennpunkten ist der Job hart. Kornelius Knettel, 37, Schulleiter an einer Grundschule in Düsseldorf-Oberbilk ist notgedrungen Experte für Mangelverwaltung geworden. "Irgendwo gibt es eigentlich immer einen Engpass", sagt er.

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Mehr als 300 Kinder besuchen seine Grundschule Sonnenstraße, etwa 80 Prozent von ihnen sprechen zu Hause nicht Deutsch. In der Regel sitzen 29 Kinder in einer ersten Klasse. In Oberbilk sind die Armutsrate und auch der Migrantenanteil höher als in den meisten anderen Stadtteilen Düsseldorfs. Akademikerkinder sind an Knettels Schule rar. "Oftmals fahren diese Eltern lieber in einen anderen Stadtteil, um ihre Kinder dort einzuschulen", sagt er. "Das ist leider die Wahrheit. Es fehlt die Durchmischung."

Während Knettel erzählt, klopft es, eine Schülerin steht aufgeregt in der Tür. "Shirin ist wieder weggelaufen", sagt sie. "Da ist irgendwas Blödes im Heim passiert." Knettel bittet sie, zu einer Kollegin zu gehen, damit die sich kümmere. Die Achtjährige aus Syrien sei nicht zum ersten Mal davongelaufen, erzählt er. Sie sei allein mit ihrer Schwester nach Deutschland geflüchtet und im Heim ohne die Eltern "sehr unglücklich". Es sind Probleme, mit denen der Pädagoge, der selbst fünf Kinder hat, fast täglich konfrontiert ist.

Knettel macht auch Hausbesuche, etwa wenn ein Kind nicht regelmäßig zum Unterricht erscheint. Als er zusammen mit einem Kollegen zu einer Familie ging, weil eine Schülerin tagelang nicht im Unterricht erschienen war, schlief die Neunjährige um neun Uhr morgens noch - gemeinsam mit zwei anderen Kindern auf dem Wohnzimmersofa. Die Kinder trugen noch die Kleider vom Vortag, nicht einmal die Schuhe hatten sie ausgezogen. Knettel schaltete das Jugendamt ein.

Immer wieder drückten sich Schüler auf den Fluren herum, weil sie keine Lust hätten, nach Hause zu gehen, wo sie nur Trostlosigkeit erwarte. "Das tut weh, wenn man so etwas sieht", sagt er.

Der Schulleiter hat mithilfe der Bezirksregierung einen Fußballplatz bauen lassen, eine Stiftung hat 20 iPads gesponsert, zudem gab es weitere Spenden. "Wir sind dafür sehr dankbar. Aber es fühlt sich nicht gut an, wenn man immer als Bittsteller auftreten muss", sagt er. "Wir Schulleiter müssen uns ständig Strategien überlegen, um an Geld zu kommen. Das ist bitter und kostet viel Zeit, die wir an anderer Stelle brauchten." Das alles sei eine große Herausforderung, der er sich aber noch immer gern stelle.

Ihm kommt zugute, dass Düsseldorf keine arme Stadt ist. Häufig allerdings haben gerade diejenigen Kommunen, in denen sich Brennpunktschulen häufen, nicht genug Geld, um Zuschüsse für Hausaufgabenhilfe, Sozialarbeiter oder Ganztagsbetreuung zu gewähren. Von den maroden Gebäuden ganz zu schweigen: Auch dafür müssen meist die Kommunen zahlen.

Bund oder Länder müssten sich stärker einbringen, sagt Bildungsforscher Weishaupt. "Es geht hier nicht darum, soziale Wohltaten zu verteilen, sondern dafür zu sorgen, dass diese Gesellschaft langfristig qualifizierte Arbeitskräfte hat." Es gebe durchaus Möglichkeiten, dem Abwärtstrend etwas entgegenzusetzen.

Die Stadt Hamburg verteilt einen beträchtlichen Teil der Gelder für Bildung nach einem sozialen Index. Vereinfacht ausgedrückt: Je schwieriger die Schülerschaft, desto mehr Mittel gibt es. Eine Schule kann bis zu zwei Drittel mehr Wochenstunden pro Schüler erhalten und zur individuellen Förderung einsetzen. Seit 2013 gibt es für rund 30 Schulen mit besonders schwierigen Bedingungen weitere Unterstützung: zusätzliche Lehrerstellen oder mehr Stunden für Fortbildungen oder Elternarbeit.

Die Elbinselschule im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg profitierte bis vor Kurzem von dem Programm. Ihre Vorgängerin, die Grundschule Buddestraße, war im Jahr 2000 in Verruf geraten. Ein Kampfhund hatte einen Sechsjährigen auf dem Schulgelände totgebissen. Eltern, denen ihre Kinder wichtig waren, wählten spätestens von diesem Zeitpunkt an eine andere Schule oder zogen weg.

Viele Wilhelmsburger machten sich Sorgen um die Zukunft des Viertels. Eine neue Elterninitiative engagierte sich für das Konzept der heutigen Elbinselschule. Diese bietet "Englisch immersiv" mit einem Großteil des Unterrichts auf Englisch. "Das macht die Schule für viele bildungsinteressierte Eltern wieder attraktiv und war vor allem in der Gründungsphase ein wichtiger Anker, um die Schülerschaft zu verändern", sagt Schulleiter Christoph-Boris Frank. Ein anderer Zweig der Schule ist musisch-kreativ. Jedes Kind kann dort ein Instrument lernen, im Chor singen oder Theater spielen.

Besonders wichtig: die Sprachentwicklung der Kinder. "Das gilt für die Schüler mit Defiziten genauso wie für die Leistungsstarken", sagt Frank. Offene Stellen konnte der Schulleiter bisher immer besetzen. Viele junge Kollegen fänden das Konzept interessant, sagt er. Bald soll auch eine Schulkrankenschwester an der Elbinselschule anfangen. Sie wird weniger für die alltäglichen Blessuren zuständig sein als für Prävention: gesundes Essen, Hygiene, Zahngesundheit, Sexualkunde.

Das Schulzentrum ist im Rahmen der Internationalen Bauausstellung neu entstanden: die Klassenzimmer groß und hell, die Bibliothek gut ausgestattet, eine moderne Mensa mit hohen Fenstern. In den Klassen lernen im Schnitt weniger als 20 Kinder. Die Elbkinderschule ist eine verbindliche Ganztagesschule.

Sigrid Skwirblies unterrichtet nur 17 Kinder. In ihrem Klassenzimmer riecht es an diesem Donnerstagmorgen wie bei einem Herrenfriseur, das kommt im Deutschunterricht öfter vor. Um das Buchstabieren zu trainieren, ist eine Wanne mit Rasierschaum gefüllt. Darin sollen die Kinder mit dem Finger Wörter schreiben. Auf dem Gang hat die Lehrerin ein Trampolin aufgebaut. Ein Mädchen versucht beim Hüpfen, das Wort "Äpfelchen" zu buchstabieren.

Auch an der Elbinselschule haben mehr als 80 Prozent der Kinder eine ausländische Herkunftssprache, mittlerweile stimme aber die soziale Mischung wieder, sagt Frank. Vielen Eltern sei es wichtig, dass ihre Kinder etwas lernen. Das alles wirke sich auf die Leistung aus. Schon innerhalb der ersten zwei Jahre nach Gründung der Schule habe man die Zahl der Schüler, die die Mindeststandards im Unterricht nicht erfüllen können, halbiert.



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