AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2018

Zwei Schicksale in Bagdad Der eine ist Unternehmer, der andere Kidnapper

Zwei junge Männer in Bagdad: Der eine entführt Menschen für Geld, der andere will Start-ups fördern. Wer wird sich durchsetzen?

Frau mit Kind in Sadr City: Sinnbild für die Probleme des Landes, mit den Milizen, der Armut, der Gewalt
Christian Werner / DER SPIEGEL

Frau mit Kind in Sadr City: Sinnbild für die Probleme des Landes, mit den Milizen, der Armut, der Gewalt

Von Fritz Schaap und Christian Werner (Fotos)


Die Zukunft Bagdads spiegelt sich in den Geschichten zweier junger Männer. Der eine will die Gräben der Vergangenheit zuschütten. Der andere braucht die Gräben, denn Krieg ist alles, womit er Geld verdienen kann. Der eine will eine Zukunft ohne die Geister der Vergangenheit. Der andere ist ein Geist der Vergangenheit.

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Heft 21/2018
Wie Verbrecher und Heilige eine Weltmacht schufen

Der eine sagt: "Wir wollen Erfolgsgeschichten wie Viren schaffen. Die sich ausbreiten und das Klima der Angst und der Inkompetenz vernichten." Der andere sagt: "Das Land hat keine Zukunft. Die Oligarchen im Parlament wollen nur reicher werden. Irgendwann werden wir, die Armen, uns erheben. Alle politischen Parteien und ihre Milizen müssen weg."

Der eine ist Mujahed Waisi, der Gründer des ersten Start-up-Inkubators der Stadt. Er hat ein modernes Glashaus in Karrada errichtet, einem gutbürgerlichen Viertel, in dem die Stadt fast normal wirkt. Von hier aus soll eine neue Generation Unternehmer das Land aufbauen und den Kreislauf der Gewalt durchbrechen.

Der andere ist Ali al-Hassan, der davon lebt, Menschen zu entführen und einzuschüchtern. Er wohnt in einem unverputzten Haus in Sadr City, dort, wo die Regierung keine Macht hat, wo die Milizen herrschen. Dort, wo nie etwas besser wird.

Sie beide stehen für Bagdad. Nur dass es wenige gibt wie Waisi und viele wie Hassan. Wie also sieht die Zukunft dieser Stadt, dieses Landes aus, nun da der "Islamische Staat" (IS) militärisch so gut wie besiegt ist? Eines Landes, das in all den Jahren der Kriege - gegen Iran, Kuwait, gegen sich selbst, die Amerikaner, den IS - zersplittert ist. Und in dem die Zukunft mal wieder ungewiss ist, nach dieser Wahl am 12. Mai, bei der überraschend der schiitische Kleriker Muqtada al-Sadr vorn liegt und die bisher Regierenden abgestraft wurden.

Milizmitglied Hassan: "Wir entführen für Geld, und wir entführen für Macht"
Christian Werner / DER SPIEGEL

Milizmitglied Hassan: "Wir entführen für Geld, und wir entführen für Macht"

Vor allem in Bagdad haben die Menschen für Sadr gestimmt, dieser Stadt, die zerrissen ist zwischen Aufbruchstimmung und Resignation, zwischen Hoffnung und Angst; die seit ihrer Gründung im Jahr 762 den Namen "Stadt des Friedens" trägt und deren Geschichte doch von Anbeginn so grausam war, dass sie später den Beinamen "Stadt des Blutes" erhielt.

Dort, wo Bagdad noch heute eher eine Stadt des Blutes ist, im schiitischen Slum Sadr City, benannt nach dem Vater von Muqtada al-Sadr, lebt Ali al-Hassan, der Entführer.

Fährt man nach Sadr City hinein, sieht man zuerst die Fahnen. Grün und Schwarz, die Farben des Islam, Konterfeis schiitischer Imame, zerfetzt an langen Stäben über den unverputzten Häusern, die eng aneinandergedrängt stehen, als könnten sie sich so schützen vor der Stadt, in der sie gebaut wurden.

Ali al-Hassan steigt aus seinem Nissan, schaut sich um, läuft in eine Seitenstraße, die wie eine Scharte in den Slum geschlagen scheint. Dann schaut er sich wieder um und verschwindet in einem Durchgang, eilig verriegelt er das Metalltor des Hofes. Vor dem Tor fährt der Wind in die Plastiktüten, die im Stacheldraht festhängen, der die Mauern krönt.

Vor 32 Jahren wurde Hassan hier geboren, er hat die Hoffnung aufgegeben, jemals wegzukommen. Sein Gesicht ist weich, der Bart ist sauber gestutzt, er wirkt nicht wie ein Mann, der mit Gewalt sein Geld verdient. Seit seiner Kindheit atmet er den Rauch der brennenden Müllkippen, seine Stimme ist davon rau geworden. Er ging nur zwei Jahre zur Schule, und er erinnert sich mehr an die Schläge der Lehrerin als daran, wie man Buchstaben liest.

"Wir entführen für Geld, und wir entführen für Macht", sagt Hassan über seinen Job. "Vor einigen Wochen haben wir einen Abgeordneten verschleppt, um eine Vertragsvergabe zu erzwingen." In anderen Vierteln wird entführt, um Minderheiten wie die Christen zu vertreiben. Meistens aber geht es einfach um Lösegeld. Oder um Arbeitsplätze. Als einer den Job des Vizegeneraldirektors des Ölministeriums haben wollte, ließ er den Mann kidnappen, um seinen Rücktritt zu erzwingen. "Und viele der Entführer", sagt Hassan, "kommen von hier", aus Sadr City.

Zwei Millionen Menschen leben in dem schiitischen Armenviertel, in dem Tiere am Straßenrand in Ställen aus zusammengebundenen Kühlschrankgittern gehalten werden, in dem die Häuser flach und grau sind, die Bilder der Märtyrer hängen, Schafe im Müll nach Essbarem suchen. Und in dem einst, nach der Invasion der Amerikaner 2003, die Armee Muqtada al-Sadrs entstand, die sich heute Friedenskompanie nennt. Sadr City steht sinnbildlich für die Probleme, die das Land hat. Mit seinen Milizen, mit der Armut, der Gewalt.

Die Regierung schickte neben den regulären Soldaten Zehntausende Männer verschiedener, teils mafiöser Milizen in den Kampf gegen den IS. Im Juni 2014 gründete die Führung in Bagdad die Haschd al-Schaabi, einen mehrheitlich schiitischen Milizenverbund, und machte die Milizionäre zum Teil ihrer Streitkräfte. Nun können sie ihren kriminellen Nebengeschäften ganz legal nachgehen, mit Uniformen und Abzeichen der Streitkräfte.

Geier und Adler auf einem Markt in Bagdad: Nach jeder Bombenexplosion machen die Menschen weiter, als wäre nichts gewesen
Christian Werner

Geier und Adler auf einem Markt in Bagdad: Nach jeder Bombenexplosion machen die Menschen weiter, als wäre nichts gewesen

Ali al-Hassan, der früher Taxi fuhr, ist Mitglied solch einer Miliz. Er kämpfte gegen den IS, plünderte auf Befehl eroberte Gebiete, stieg auf zum Kommandeur. Heute führt er eine kleine Einheit an, zuständig für Entführungen und Einschüchterungen. Jede Miliz, sagt er, habe solche Einheiten. "Es geht um viel Geld." Und es geht darum, dass viele Männer ein regelmäßiges Einkommen, eine vorerst gesicherte Zukunft haben. Als Taxifahrer hatte Hassan das nicht.

Der Name seiner Miliz darf nicht genannt werden, auch nicht Hassans wahrer Name, sein Leben wäre sonst in Gefahr.

Er betritt das einzige, karge Zimmer, stellt den Fernseher stumm und setzt sich. Die rohen Klinker sind eierschalenfarben überstrichen. Nachts holen sie die feuchten Matratzen aus dem Anbau und schlafen hier. Wenn ein Familienmitglied hinausmuss zu dem Loch, das die Toilette ist, steigt es über die anderen.

Ein Junge bringt Tee herein. Seit drei Tagen ist Hassan aus dem Süden der Stadt zurück, sein Auftrag dort: Eine Einheit seiner Miliz hatte sich am Kommandeur vorbei bereichert; sie hatten mehrere Zehntausend Dollar kassiert und dafür Uniformen und Abzeichen verteilt. Hassan fuhr mit zwölf Mann zu ihrem Checkpoint, ließ die Untreuen in eine Lagerhalle zerren und zusammenschlagen. Reich wird hier nur, wer Befehlsgewalt hat. "Korrupt ist jeder, der Macht hat", sagt er, während Fliegen über den Teegläsern kreisen.

Es ist gefährlich für ihn zu reden. Doch die Abscheu vor dem System ist größer als die Angst. "Ich kenne alle Führer der Milizen", sagt er. "Ich kenne ihre Familien, ihre Paläste: Sie sind alle Kriminelle." Selbst der Einstieg in die Gruppe kostet Geld, es ist wie im Staatsapparat, auch dort werden die begehrten Stellen meist gegen Bestechungsgelder vergeben.

Hassan trat seiner Gruppe bei, als der IS vor Bagdad stand. Er kämpfte, bis sich die Islamisten zurückzogen. Nun ist er zurück in Sadr City. Aber Arbeit gibt es immer noch nicht. Und so kämpft er weiter gegen Gegner, die ihm sein Kommandeur am Telefon durchgibt. Einen anderen Job findet er nicht.

Es herrscht ein fragiler Frieden im Irak; wie schon 2010, nach dem Pyrrhussieg über al-Qaida, steht das Land vor einem vermeintlichen Neuanfang. Doch die Probleme der Zukunft zeichnen sich bereits deutlich ab. Mehrheitlich schiitische Milizen, die oftmals ihre Befehle aus Teheran erhalten, kontrollieren Teile der Hauptstadt und des Landes. Ihnen gegenüber stehen zornige Sunniten, die das Wüten der Streitkräfte und Milizen bei der Vertreibung des IS, all die Plünderungen und Morde, nicht vergessen haben. Und über allem liegt unausrottbar die Korruption. "Alles kann sich über Nacht ändern", sagen sie deshalb in Bagdad, "nur die korrupten Politiker nicht." Die Wahl des Populisten Sadr ist ein Ergebnis davon.

Knapp 40 Prozent der Iraker sind nach Saddam Husseins Sturz geboren. Viele kennen nur die Kämpfe, die folgten. Sie wollen Jobs, Sicherheit, ein bisschen Wohlstand. Diese Jugend sieht sich von den Regierenden im Stich gelassen. Redet man in Bagdad mit jenen, die während des Kampfes gegen den IS erwachsen wurden, entsteht Hoffnung, dass die konfessionellen Linien, die das Land lange trennten, verblassen. Diese Generation identifiziert sich mehr mit dem Staat als mit ihrer Religionsgemeinschaft. Und deswegen fordern vor allem junge Iraker nun einen funktionierenden Staat. Gesetze, die eingehalten werden. Ein Ende der Korruption.

Einer von ihnen ist Mujahed Waisi, 33, ein Jungunternehmer, der im Viertel Karrada eine Insel der Normalität schaffen will, in diesem Meer aus Lethargie und Angst. Die Insel wird von einem Fahrradständer angekündigt. Dort steht ein liebevoll restauriertes Hollandrad. Daneben sitzt ein Wächter mit einer Kalaschnikow im Schoß vor einem schweren Metalltor. Dahinter steht ein Haus aus Glas und alten Schiffscontainern.

Unternehmer Waisi
Christian Werner / DER SPIEGEL

Unternehmer Waisi

Hier sollen Start-ups entstehen, soll Bagdad neu gedacht werden. Mujahed Waisi hat seinen Inkubator, die "Station", vor zwei Monaten eröffnet. "Es gibt hier keine Kultur, keinen Nährboden für junge, moderne Unternehmer. Wer sich verwirklichen wollte und konnte, ist ins Ausland gegangen." Gegen diesen Braindrain will Waisi angehen. Er spricht fließend Englisch, betreibt nebenbei eine Produktionsfirma und eine Eventagentur. Ein junger Mann mit rundem Gesicht, den die Stadt älter aussehen lässt, als er ist.

Er sitzt in dem 15 Meter hohen Atrium, dahinter liegt ein Coworking Space, der aussieht, wie solche Orte auch in Amsterdam, Berlin oder London aussehen: lange Tische mit Laptops darauf, von der Decke baumeln nackte Lampenfassungen. Es läuft ein Song von Mark Knopfler.

"Bagdad", sagt Waisi, "ist eine Stadt mit begrenzten Möglichkeiten." Wer sie nutzen kann und wo die Grenzen liegen, darüber entscheiden allein Vermögen und Kontakte. Damit die Start-ups, die hier eingezogen sind, schnelles Internet bekamen, musste jemand im Kommunikationsministerium bestochen werden.

Waisi hat vieles miterlebt: Saddam Hussein, die Zeit des verheerenden Embargos, den Einmarsch der Amerikaner, die Plünderungen und Entführungen, den Krieg al-Qaidas und des IS. Aber er möchte darüber nicht mehr reden. Er wolle eine Zukunft haben, sagt er, die nicht mehr von der Vergangenheit diktiert wird. Und tatsächlich hat er Hoffnung.

Das Leben in der Innenstadt, in Karrada und Mansur, normalisiert sich. Die Menschen haben sich die Straßen, die Nächte zurückerobert. Die Restaurants sind voll, Nachtklubs werden eröffnet, Motorradklubs, Literaturvereine, Festivals, Galerien. Nur noch alle vier Stunden fällt der Strom aus, manchmal wird sogar der Müll eingesammelt. Auf der Mutanabbi-Straße werden wie immer Bücher verkauft, liegen alte Ausgaben von Ernest Hemingway neben denen von Simone de Beauvoir, finden sich arabische Übersetzungen fast aller europäischen Klassiker. Im Qishleh-Park am Flussufer stehen freitags die Dichter und rezitieren ihre Werke, sitzen Pärchen und picknicken Familien. In den bürgerlichen Vierteln antworten sie auf die Frage, wie das Leben in Bagdad denn heute sei, mit einem Wort: besser.

Bagdad, das ist auch immer dieser im Bombenhagel gehärtete Wille weiterzumachen. Und nun vor allem die Entschlossenheit, neu anzufangen.

Aber natürlich ist das nur eine Seite dieser Stadt. Mehrere Hundert Entführungen gibt es noch immer jedes Jahr, allein in Bagdad. 745 registrierte Fälle waren es in den ersten neun Monaten des Jahres 2016, neue Zahlen gibt es nicht. Und in den ersten vier Monaten dieses Jahres starben laut Uno bereits mindestens 180 Menschen bei Anschlägen oder bewaffneten Auseinandersetzungen im Gouvernement Bagdad, 500 wurden verletzt.

Es fehle der ordnende Staat, sagt Ali al-Hassan, der Entführer, ausgerechnet. "Früher, unter Saddam, hatten wir eine eiserne Faust, heute haben wir Dutzende."

Über Jahrzehnte hatten sich die Menschen an einen bis in jeden Winkel präsenten Staat gewöhnt. Im Schlechten, aber auch im Guten: Die Schulen funktionierten, die Wasserversorgung, die Müllabfuhr. Seit mehr als 15 Jahren ist da nun ein Vakuum, und bei vielen sei deswegen der Wunsch nach starker Führung gewachsen. Aber dass es in Sadr City eher immer schlimmer als besser werde, das sei nicht nur die Schuld der Regierung, sagt Hassan. Es sei vielmehr die Schuld der Menschen hier.

"Sobald die Regierung Aufträge vergibt, wollen alle ihren Anteil haben", sagt er. "Als die Türken den Auftrag bekommen haben, hier zu bauen, haben Männer von Kataib Hisbollah die türkischen Arbeiter erst bedroht und sie dann entführt." Seitdem wird nicht mehr gebaut. "Die Leute denken nicht an die Zukunft. Das Morgen war so lange so unsicher, dass alle nur noch an das Heute denken und daran, wie sie zu Geld kommen können." Das werde, sagt er, bevor er aufbrechen muss, auch die neue Regierung nicht ändern können.

Die Regierung, der Hassan so misstraut, sitzt noch immer in der Grünen Zone, verschanzt hinter Mauern aus Stahlbeton, die vor Bomben schützen sollen. Auch deswegen wirkt sie für die meisten Menschen so fern. Die Ministerien erheben sich wie mittelalterliche Trutzburgen aus der flachen braunen Stadt, die sich an das Ufer des Tigris kauert. Zwar hat die Armee nach eigenen Angaben mehr als 70.000 dieser Mauerteile abgebaut, aber sie sind trotzdem noch überall. Der Staat ist in Bagdad vor allem präsent in Gestalt von Sicherheitskräften, darüber hinaus scheint die Stadt sich selbst überlassen.

In seinem Glashaus in Karrada holt sich Mujahed Waisi einen Tee und läuft an dem Buchhändler vorbei, der im Eingangsbereich die Werke junger irakischer Autoren verkauft. "Die Leute sind des Krieges müde, aber der Krieg hat sie alle gezeichnet. Nicht die Korruption ist das größte Problem, sondern ein Mangel an Wissen und Qualifikation", sagt er und geht dann hinauf in den Saal, wo die Vorbereitungen für ein Rockkonzert am Wochenende gerade beginnen. Er gibt ein paar Anweisungen und eilt wieder hinunter.

Coworking-Café in Karrada: "Den geistigen Stillstand beenden"
Christian Werner / DER SPIEGEL

Coworking-Café in Karrada: "Den geistigen Stillstand beenden"

Niemand bekomme hier eine gute Ausbildung, sagt der Unternehmer. Alle wollten in den Staatsdienst, die wenigsten hätten weiterreichende Ambitionen. Ein Job als Beamter, das sei die größte finanzielle Sicherheit, die dieses Land biete. Und andere Jobs gebe es ohnehin kaum.

Tatsächlich sind die alten Fabriken im Süden der Stadt fast alle geschlossen. Die Industrieproduktion ist zusammengebrochen, das meiste muss importiert werden. Der Hauptarbeitgeber ist der Staat, einen Großteil der durch den Ölexport eingenommenen 60 Milliarden Dollar wendet er für die Gehälter seiner Angestellten auf.

"Es ist ein Denken wie in einer Planwirtschaft", sagt Waisi. "Es kam zu einem geistigen Stillstand. Den wollen, den müssen wir hier beenden." Er schaut nach draußen, auf den Wächter mit der Kalaschnikow, das Tor, die Schutzmauern.

Auch er weiß, dass es nicht einfach wird.

Die Bomben, die noch bis 2017 den Takt der Stadt angaben, sind weniger geworden, manchmal explodiert eine ganze Woche lang nichts. Aber sie sind nicht verschwunden. Die IS-Kämpfer haben sich in den sunnitischen Vorstadtring um Bagdad zurückgezogen. Die Terrorgruppe mag besiegt sein, verschwunden aber ist sie nicht.

Bagdad, so die Armeeführung, sei nun wieder das Hauptziel des IS.

"Die Bomben", sagt Waisi, "sind Teil der Stadt geworden. Aber die Menschen interessiert das nicht mehr. Auf eine gewisse Art und Weise sind sie alle verrückt geworden. Wenn etwas explodiert, geht das Leben bald weiter wie zuvor."

Waisi tritt vor die Tür, wo junge Männer mit sauber getrimmtem Bart und Tätowierungen an ihrer Zigarette ziehen.

"Den Menschen in Bagdad fehlt es an rudimentären Dienstleistungen. Trinkwasser, Strom, gute Schulen - es gibt fast nichts. Eigentlich sind das doch ideale Bedingungen für den privaten Sektor. Es ist Zeit für große Veränderungen. Für junge Unternehmer", sagt er.

Das Problem ist, dass niemand in Bagdad einfach aufsteigen kann. Für alles braucht es Geld, für das schnelle Internet, aber auch für die Sicherheit. Die Menschen in Karrada zahlen auch heute noch Schutzgeld, das Männer wie Ali al-Hassan für ihre Bosse eintreiben.

"Die Veränderungen, die man sieht", sagt der Entführer, als er einige Tage später zu einem Waffenschmuggler fährt, "die Cafés, die Restaurants, die Shoppingmalls, die Klubs - davon haben wir armen Leute nichts." Dann schaut er aus dem Autofenster, ein Esel zerrt verzweifelt an einem Karren, der in einem Schlagloch festhängt.

"Wir müssen entweder Diebe oder Mörder werden. Oder arm sterben. Für uns wird sich nichts ändern."



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