AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2017

Abschied von einer Liebe Frau Schultz reist in den Krieg

Renate Schultz aus Berlin liebte einen deutschen Kurden. Vergangenes Jahr starb er, im Kampf gegen den IS. Nun fuhr sie in den Irak, weil sie wissen wollte, warum ihr Mann starb, wie er starb - und wer er eigentlich war. Wir haben sie begleitet.

Witwe Schultz im Irak: Eine Frau, die nur Frieden kennt
Christian Werner/ DER SPIEGEL

Witwe Schultz im Irak: Eine Frau, die nur Frieden kennt

Von und Christian Werner (Fotos)


An einem kalten Berliner Wintermorgen packt Renate Schultz, 63 Jahre alt, ihren Rollkoffer, nimmt ein Taxi nach Tegel, steigt in eine Maschine der Lufthansa und fliegt in den Krieg. Sie will nach Mossul reisen, an die Grenze des "Islamischen Staats".

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Heft 16/2017
Demnächst für alle! Wie der Mensch den Tod besiegen will

Im Oktober des vergangenen Jahres hatte Schultz von dort eine Kurznachricht ihres Mannes bekommen. Er schrieb ihr:

"Hallo Rena, hier ist schwierig."

"Das hast du befürchtet", antwortete Schultz, "bleibt es bei deinem Entschluss zurückzukehren?"

"Ja, auf jeden Fall."

"Küss dich", schrieb Schultz.

Drei Tage später war ihr Mann tot.

Schultz und ihr Partner waren ein ungleiches Paar. Dort ihr Mann, Said Cürükkaya, bei seinem Tod 49 Jahre alt, ein Kurde mit deutschem Pass, der so etwas wie ein Doppelleben führte. Er war Besitzer einer Wäscherei, der "RWS Textilpflege", gelegen in einem Einkaufszentrum. In seinem Leben davor war er ein Mann, der getötet hat, der eine Waffe bedienen und eine Tretmine legen konnte. Dieses Leben war eigentlich vorbei, aber er war nie ganz davon losgekommen. Hier Renate Schultz, eine ehemalige Fabrikarbeiterin, die über den zweiten Bildungsweg Jura studiert hatte, während sie ihre drei Kinder großzog. Eine erfolgreiche Anwältin aus Berlin. Eine Frau, die kleine Hundeaufkleber auf ihre Zigarettenschachteln klebt, weil ihr die Bilder der Geschwüre zu hart sind. Es gab vieles, was Said und Schultz trennte, die Sprache, die Kultur, aber er mochte ihre Stärke, und sie mochte, dass er anders war als andere, sagt sie. Ihre Liebe war stärker als der Zweifel, ob so eine Partnerschaft funktionieren könne. Nun ist die Hälfte dieser Liebe gestorben, und ein Raum hat sich geöffnet für die Frage, ob Schultz ihren Mann richtig verstanden hat.

Sie sagt, sie mache diese Reise, weil sie Antworten suche: "Warum musste Said sterben?" und "Wer hat Schuld am Tod meines Mannes?"

Sie hat in Kurdistan ein paar Freunde Saids angerufen und gesagt, sie würde kommen. Einen konkreten Reiseplan gibt es nicht, das sei schwierig mit Kurden, sagt Renate Schultz.

Als sie am Ausgang des Flughafens in Arbil einen alten Freund ihres Mannes erblickt, der sie abholt, steigen ihr die Tränen in die Augen. Schultz ist eine elegante Frau, sie trägt einen schwarzen Mantel eines japanischen Designers und setzt sich eine Sonnenbrille auf, als sie das Flughafengebäude verlässt. Vor ihr erstreckt sich die Wüste bis zum Horizont. Der Fahrer des Jeeps trägt Uniform, hat dicke Muskeln, einen Schnurrbart und lacht nie.

In einem Hotel im christlichen Viertel Arbils trifft Renate Schultz einen Scheich, der die Hälfte des Jahres in Bottrop lebt und in der anderen Hälfte im Irak mit seiner Kalaschnikow Terroristen tötet, wie er sagt. Der Scheich sagt, er sei einer der besten Freunde Saids gewesen. Als Said sterbend im Krankenhaus gelegen habe, habe er neben dem Bett gesessen.

Er stellt eine Flasche Johnnie Walker auf den Tisch, schenkt sich ein und lässt von einem Pagen Pistazien rösten, die er heiß verzehrt. Schultz fragt, was passiert sei am 26. Oktober des vergangenen Jahres.

"Said hat gesagt, wenn wir nicht kämpfen, nimmt der IS Rom ein", sagt der Scheich. Es ist keine Antwort. Dann fällt der Strom aus, und alles liegt im Dunkeln.

Schultz fragt weiter in die Finsternis hinein, sie lächelt dazu, aber das Lächeln verschwindet langsam, als sie auf keine Frage eine Antwort bekommt. Sie fängt an zu rauchen, "American Spirit", eine nach der anderen. Der Scheich redet vor sich hin, er gibt Antworten auf Fragen, die niemand stellt. Zwischendurch ruft er immer wieder Menschen in Deutschland an, die dann ein paar Sätze sagen, bevor der Scheich auflegt. Einer dieser Männer am Telefon sagt: "Said war ein Symbol."

Für Schultz war Said kein Symbol, sondern der Mann, mit dem sie 15 Jahre ihres Lebens teilte.

Sie sah ihn zum ersten Mal, als er mit abgelatschten Schuhen in ihre Kanzlei spazierte, ein kleiner Mann mit Olivenaugen, der lächelte. Er war mit gefälschten Papieren nach Deutschland gereist. Schultz arbeitete für eine Kanzlei, die spezialisiert war auf Asylanträge. Said wurde ihr Mandant.

Fahne mit Gesicht des Verstorbenen Cürükkaya: Seine Haut roch nach Schwarzpulver und Blut
Christian Werner/ DER SPIEGEL

Fahne mit Gesicht des Verstorbenen Cürükkaya: Seine Haut roch nach Schwarzpulver und Blut

Er erzählte ihr, wie er in einem Bergdorf in der Türkei aufgewachsen war, wie er unter einem Dach mit Ziegen gelebt hatte. Wie die Eltern Paprika pflanzten und Brot aus selbst gedroschenem Weizen buken.

Was er erzählte, klang nach einer schönen Kindheit. Aber Schultz fragte sich, wie schön eine Kindheit sein kann, wenn Kinder ihre Sprache nur flüstern dürfen.

Saids Muttersprache ist Zazaki, eine Sprache der Kurden. Die Türken hatten Zazaki verboten. Said gehörte zu einem Volk, das sich nicht regieren durfte, dem an manchen Orten der Zugang zum Wasser und das Land gestohlen wurden.

Schultz hatte viele kurdische Mandanten und wusste, wie dieses Volk litt. Wie die Türken die Felder der Kurden abbrannten, damit die Schafherden verhungerten, wie türkische Polizisten arbeiteten.

Die Polizei nahm Said zum ersten Mal fest, als er Medizin studierte. In Saids Heimatdorf hatte jemand "Faschismus ist Mord" an eine Wand gemalt. Said war es nicht gewesen, sagte er, aber die türkischen Polizisten sperrten ihn zwei Wochen lang ein und schlugen ihn, damit er gestehe. Er erzählte Renate Schultz nie genau, wie er gefoltert wurde, aber er sagte, dass ein Autoreifen dafür eingesetzt wurde.

Bis zu seiner Festnahme war Said ein unpolitischer Mann gewesen.

Er erhielt seine Ausbildung zum Guerillero in Syrien. Ein halbes Jahr lang lernte er, wie man schießt und Bomben baut. Er wurde ein Kämpfer der PKK, der kurdischen Terrororganisation.

Said erzählte Schultz, wie die PKK alles kontrollierte, was er tat, wie sich die Kämpfer gegenseitig bespitzelten, dass es in der PKK keine Freiheit gab.

Zehn Jahre lang lebte Said mit der Waffe in der Hand in den türkischen Bergen. Er ließ türkische Güterzüge entgleisen, er stürmte Polizeistationen und tötete Polizisten. Einen Winter lang hungerte er und ernährte sich von Grashalmen. Einmal schlich er nachts in das Dorf seiner Eltern, um seiner Mutter einen Kuss zu geben.

Schultz mochte diesen Mann, der Freiheit zum Prinzip seines Lebens erklärt hatte. Sie mochte, dass ihm ein wenig Brot und Käse reichten, um den ganzen Abend lachend zu verbringen. Sie mochte es, dass seine braunen Augen weich wurden, wenn sie zu zweit waren, und dass diese Augen in Sekunden kalt werden konnten.

Irgendwann verließ Renate Schultz ihren ersten Mann. Er war ein Staranwalt, präzise, klug, erfolgreich, wohlhabend, aber er hatte nie in den Bergen gelebt. Schultz entschied sich für Said Cürükkaya, einen Mann, der eine Zeit lang mit internationalem Haftbefehl gesucht worden war.

Sie heirateten nie, das brauchten sie nicht, um zu wissen, dass sie zusammengehören. Nachts schliefen sie Hand in Hand.

Sie brachte ihm bei, wie man Fahrrad fährt, und lief neben ihm her, damit sie ihn auffangen konnte, falls er stürzte. Er wollte ihr für den gemeinsamen Urlaub im Irak eine Pistole schenken, damit sie sich verteidigen könne.

Said lernte Deutsch im Goethe-Institut, er studierte Sozialpädagogik, danach eröffnete er einen Dönerimbiss und einen Kiosk. Er half anderen Kurden bei der Flucht. Schultz sagt, am Ende kannte Said das Asylgesetz besser als sie. Er aß am liebsten Spaghetti aglio e olio, bekam ein Bäuchlein und spielte gern Computer. Er wurde Deutscher. Das war die eine Hälfte.

In Arbil fährt Renate Schultz zu einem Haus, das den Peschmerga gehört, der Miliz der Kurden. Im Keller des Hauses befindet sich ein Raum, in dem noch Saids Schreibtisch steht. Darauf liegen Kneifzangen, eine Plastikschale mit Zündern, ein Schraubendreher und ein paar entschärfte Minen. Said hat sie entschärft. Das war die andere Hälfte dieses Mannes.

Als er in Deutschland lebte, versteckte Said seine Vergangenheit vor Fremden hinter seinem Lächeln.

Wenn er schlief, wusste Schultz, dass sie ihn nur aus der Entfernung wecken durfte, weil er sonst vor Schreck um sich schlug. Wenn er Blut sah, ging Said aus dem Zimmer, weil er, wie er sagte, so viele Freunde gesehen hatte, die in ihrem Blut gestorben waren. Einmal war Said mit Renate auf den Jahrmarkt gegangen, um Autoscooter zu fahren. Er erzählte ihr, dass ihm ein Freund, mit dem er in den Bergen gewesen war, immer erzählt hatte, dass er so gern mal auf den Jahrmarkt wolle. Der Freund sei dann im Krieg gestorben, und jetzt, sagte Said, wolle er ihm diesen Wunsch stellvertretend erfüllen.

Krieg und Frieden passen nicht zusammen, eigentlich. Menschen, die lang im Krieg gelebt haben, kommen im Frieden schlecht zurecht. Und umgekehrt. Hier war nun eine Frau, die nur Frieden kannte und sich einen Mann suchte, dessen Geschäft der Krieg war. Und hier war ein Mann, der den Krieg kannte und der sich eine Frau des Friedens suchte. Vielleicht funktionierte diese Beziehung nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Spannung.

Im Keller an Saids Schreibtisch streicht ein junger Mann über die Zünder. Er trägt eine Uniform in Flecktarn. Es ist Mohamad Bukar, 30, Saids Meisterschüler im Umgang mit Minen. "Ich hätte für ihn mein Augenlicht gegeben", sagt Mohamad.

Mohamad und Said entschärften zusammen. Die IS-Kämpfer versteckten Minen in Teddybären, in goldenen Uhren, in einem Spielzeugauto. Keine andere Waffe bringt in diesem Krieg mehr Menschen um.

Als Said verletzt wurde, stand Mohamad mit der Waffe im Anschlag ein paar Meter entfernt und sicherte die Peripherie, so erzählt er es. Sie waren in Baschika, einem Ort vor Mossul. Mohamad hörte einen Knall und spürte die Druckwelle, er wusste, dass jeder Stein vermint sein könnte, aber in diesem Moment, so erzählt er es, rannte er einfach zu seinem Freund.

Said habe am Tag davor gesagt: "Die haben die Taktik geändert. Die Minen sind nicht mehr wie früher."

Mohamads Cousin, der vor Said gegangen war, um Minen zu räumen, lag tot da, Schrapnelle steckten in seinem Hals. Said lag auf dem Bauch. Er atmete. Sein Blut floss in den Staub. Mohamad drehte ihn um und legte Saids Kopf in seinen Schoß. "Lass mich nicht allein", sagte Said.

Eins seiner Augen fehlte, im anderen steckten Splitter.

"Bitte nicht reden", sagte Mohamad.

Kämpfer Mohamad vor Mossul
Christian Werner/ DER SPIEGEL

Kämpfer Mohamad vor Mossul

Ein Hubschrauber brachte Said nach Arbil. Am Abend fuhr Mohamad ins Krankenhaus. Er erinnert sich, dass seine Haut nach Schwarzpulver roch und nach Blut.

Niemand hat ihn danach gefragt, aber Mohamad sagt zu Schultz: "Der Unterschied zwischen dir und mir ist, dass du ein Land hast und dass ich keins habe."

Renate Schultz nickt, als würde sie verstehen, was das bedeutet, aber vielleicht ist das unmöglich, wenn man aus Deutschland kommt.

Saids Heimat Kurdistan hat keine festen Grenzen. Es liegt in den Ländern Türkei, Syrien, Irak und Iran. Es gibt auf der Welt circa 30 Millionen Kurden. Sie sind gespalten in verschiedene Gruppen, manche sind Jesiden, manche Muslime, manche Kommunisten, manche Terroristen, manche bekämpfen sich gegenseitig, aber sie haben gemeinsam, dass sie sich einen souveränen Nationalstaat wünschen.

Schultz sagt, Said sei von diesem Wunsch getrieben gewesen, auch wenn er alles Mögliche andere machte. Er vernetzte sich mit Kurden in ganz Deutschland und blieb nie lang an einem Ort, er studierte in Bremen, hielt Vorträge in Bottrop, besuchte kurdische Aktivisten in Köln. Schultz und er sahen sich an den Wochenenden, beide brauchten die Zeit dazwischen für sich, sagt Schultz.

Ein paar Jahre vor seinem Tod eröffnete Said in Hamburg-Harburg eine Wäscherei. Sie liegt heute noch im Phoenix-Einkaufszentrum, neben dem Bekleidungsgeschäft New Yorker. Das Einkaufszentrum ist hell wie eine Zahnarztpraxis. Im Fußboden kann man sich spiegeln. Said hatte gekämpft, gehungert und gefroren für seine Ideale, nun wusch er hier für 1,60 Euro Hemden für Menschen, von denen die wenigsten auf einer Landkarte zeigen konnten, wo Kurdistan liegen könnte. Wahrscheinlich war ihm seine Wäscherei fremd, ein Mittel nur, um irgendwie Geld zu verdienen; jedenfalls stand er selten selbst in seinem Geschäft, er tauchte ab und zu auf, um zu prüfen, ob das Geld in der Kasse stimmte, und war dann wieder weg.

Said hatte ein Diplom, eine Frau, einen deutschen Pass, aber nachts, wenn er dachte, dass Schultz schlief, schaute er sich auf dem Computer Waffen an, sagt sie. Sie wusste, dass er als Kommandeur der Guerilla Hunderte Soldaten befehligt hatte, und fragte sich, ob er sich in Deutschland manchmal nutzlos fühlte.

Als die Terroristen des IS im Jahr 2014 Sindschar einnahmen, waren Schultz und Said im Urlaub auf Mallorca. Sechs Tage lang saß Said auf einem Hocker im Flur, weil das drahtlose Internet dort am besten war, und las Nachrichten aus Kurdistan. Am Ende des Urlaubs sagte er: "Ich gehe da hin."

"Was willst du da machen?", fragte Schultz.

"Ausbilden und kämpfen", sagte Said.

Die kommenden zwei Jahre pendelte er zwischen Berlin und Kurdistan.

Renate Schultz wusste nichts von Minen, sie dachte, Said sei vor allem Ausbilder. Er mochte es nicht, wenn sie ihm Fragen stellte, das war immer so gewesen. Wenn er nach Hause kam und sie ihn fragte, wo er gewesen sei oder mit wem er telefoniert habe, fühlte er sich an die Bespitzelung der PKK erinnert. Sie hatte akzeptiert, dass dieser Mann anders war. Sie stellte keine Fragen mehr.

Mit jeder Stunde, die Schultz im Irak verbringt, mit jedem Glas süßem Tee, das sie trinkt, und mit jeder Frage, die sie jetzt stellt, wird klar, dass diese Reise auch eine ist, bei der es um die Frage geht, wer der Mann war, den sie liebte.

Im Herbst vergangenen Jahres besuchte Schultz ihn im Irak. Sie aßen Hammel mit den Peschmerga, spielten mit den wilden Hunden vor dem Camp, Said erzählte Schultz, er hoffe, für seine Dienste ein kleines Haus als Dank zu erhalten, in das sie zusammen einziehen könnten. Sie wunderte sich bei dieser Reise, wie müde ihr Mann wirkte. Er hatte kein Geld, kein Auto, keine Wohnung. Sie begriff die Befehlsstrukturen nicht, in die er eingebunden war, aber sie ahnte, da stimmte etwas nicht. Sie stellte keine Fragen.

Vor dem Abschied fragte Said: "Rena, soll ich dir den Schlüssel zurückgeben?" Er meinte den Schlüssel für die gemeinsame Wohnung in Berlin.

"Das ist ein schlechtes Omen, der bleibt bei dir", sagte Schultz.

In einem weißen Jeep, geschützt durch Soldaten mit Sturmgewehren, fährt Schultz Richtung Mossul. Mohamad, der Minensucher, sitzt neben ihr. 30 Kilometer von der Front entfernt rollt der Jeep in ein Lager der Peschmerga. Davor weht an einem Mast eine Fahne in den Farben Kurdistans, auf der Saids Gesicht abgebildet ist. Es ist so unwirklich, dass man mehrmals hinschauen muss, aber da weht im Wüstenwind tatsächlich eine Fahne mit dem Gesicht von Said Cürükkaya.

Schultz weiß, dass manche Kurden ihren toten Mann für einen Märtyrer halten, aber das hier ist mehr. Hier vor Mossul auf der Fahne schaut er in die Welt wie ein kurdischer Che Guevara. Schultz blickt kurz auf die Fahne und dann wieder weg.

In einem Zelt empfängt sie ein General, der einen Patronengurt um die Hüfte trägt. Am Sofa lehnen Gewehre voller Kratzer. Der General trägt Badelatschen.

"Waren Sie der verantwortliche General?", fragt Schultz.

"Ja."

"Von wem hat Said die Anweisungen bekommen?"

"Er hat alles für sich allein entschieden."

Saids Einheit hieß "Feuereinheit". Mohamad sagt, dass sie aus freiwilligen Zivilisten bestand, die nicht zuschauen wollten, wie die Terroristen morden. Man kann es mutig nennen, als Zivilist in den Krieg zu gehen, oder tollkühn oder dumm.

Schultz steigt in den Jeep und fährt weiter Richtung Front. Baschika, der Ort, an dem Said gestorben ist, wurde von Kurden erobert, aber er ist durchzogen mit Tunneln, die ins Innere von Mossul führen, und er ist voll mit Minen, Sprengfallen, dem Tod.

Die letzten Meter dieser Reise geht Schultz nur in Begleitung von Mohamad und dem Fotografen des SPIEGEL, er dokumentiert, was sie tut und sagt.

Entschärfte Sprengfallen der Terroristen
Christian Werner/ DER SPIEGEL

Entschärfte Sprengfallen der Terroristen

Baschika galt vor dem Krieg als die Stadt der Oliven. Der Jeep mit Renate Schultz auf dem Rücksitz rollt vorbei an Straßenhändlern, die dicke schwarze Oliven anbieten, aber kaum Kunden haben. Die Stadt liegt in Trümmern. Schwarzer Rauch steigt aus einigen Häusern. Die Luft riecht nach Zementstaub und Sprengpulver. Schwer bewaffnete Peschmerga begleiten Frau Schultz aus Berlin. Sie schaut auf zerrissene Häuser, auf zerbrochene Möbel, auf verkohlte Olivenhaine, auf die Reste dessen, was mal eine Stadt war.

Der Jeep hält vor einem Haus, von dem nur noch zwei Wände stehen. Schultz steigt aus, unter den Sohlen ihrer Turnschuhe knirschen zerborstene Glasscheiben. Auf dem Boden liegen Steinbrocken und Splitter, ein verbogenes Bettgestell, eine Decke, ein Blechteller, eine Gefriertruhe. Überall hier, sagt Mohamad, verstecken sich Minen.

Schultz folgt ihm neben die Ruine des Hauses. Dort klafft ein vielleicht 40 Zentimeter tiefes Loch in der Erde, das die Mine sprengte, die Said das Leben nahm.

Mohamad steht neben dem Loch und erzählt Renate Schultz, wie es war. Sein Cousin habe die Mine ausgelöst. Es war eine Antifahrzeugmine, die die Kraft hatte, Panzerstahl zu spalten. Said trug keinen Helm und keine Platten in der Splitterschutzweste. Beim Gespräch im Peschmerga-Camp hatte der General gesagt, dass er Said verboten habe, die Minen in Baschika zu räumen. "Said hat das getan, was er wollte, im Leben und im Krieg", sagte er.

Schultz weint am Erdloch. Sie spricht zu ihrem toten Mann und sagt: "Was machst du denn schon wieder für Sachen?"

Sie hat ihn nie eingeschränkt in seiner Freiheit. Sie wusste, er ist ein Wolf, sagt sie, und Wölfe lassen sich nicht festhalten. Einmal, so erzählt sie es, sagte er zu ihr: "Rena, seit ich dich kenne, weiß ich, was Liebe ist."

Schultz steht in den Trümmern Baschikas wie eine Erscheinung, gehüllt in ihren schwarzen Mantel, um den Hals trägt sie ein violettes Tuch. Sie gehört hier nicht her. Um sie herum stehen die Kämpfer der Peschmerga mit geladenen Sturmgewehren, mit Gesichtern voller Schatten, in deren Falten sich der Staub sammelt. Said war einer dieser Männer. Es gibt Fotos von ihm, die ihn im Krieg zeigen, auf manchen trägt er in der Hand ein russisches Scharfschützengewehr. Wer sich die Fotos anschaut und Saids Lächeln darauf sieht, weiß, wo der Mann hingehörte.

Am Horizont ist Mossul zu sehen, man hört das Geräusch einschlagender Raketen.

Schultz ist in den Krieg gefahren auf der Suche nach Antworten. Aber die Antworten, die sie findet, geben ihr keine Ruhe.

Wer gab Said die Befehle?

Niemand.

Warum musste er sterben?

Er musste nicht sterben. Er trug keinen Helm, seine Weste hatte keine Keramikplatten, ein Mann vor ihm trat auf eine Mine.

Warum musste er sterben?

Weil es Krieg ist.

Ein paar Wochen nach ihrer Reise, als Schultz wieder in ihrer hellen Wohnung in Berlin sitzt, vor sich ein Glas Weißwein, sagt sie, sie verstehe jetzt, dass niemand die Verantwortung trage am Tod ihres Partners außer ihm selbst. Sie habe diese Reise gemacht, um Abschied zu nehmen von einem Land und ihren Freunden. Ihre Erkenntnis sei, dass Said so starb, wie er lebte. Das deutsche Leben, das sie mit ihm teilte, war keine Lüge, da ist sie sich sicher, aber es war nur die halbe Wahrheit.

Said Cürükkaya wurde am 28. Oktober des vergangenen Jahres von Arbil ins Militärkrankenhaus in Koblenz geflogen und starb dort.

Zur Trauerfeier in Deutschland kamen viele Menschen und schwenkten die kurdische Fahne. Die Wäscherei in Harburg führt Saids Geschäftspartner allein weiter. Im Hinterzimmer hängt ein Foto von Said an der Wand, in das jemand mit Photoshop ein paar Flügel auf seinen Rücken montiert hat. Schultz überlegt, ob sie in Zukunft für eine Hilfsorganisation arbeiten will, die sich in Kurdistan engagiert.

Saids Leiche wurde in die Türkei ausgeflogen. Er wurde in dem Bergdorf beerdigt, in dem er aufwuchs.

Seine letzte Nachricht an Renate Schultz hieß: "Ich vergesse dich nicht."



insgesamt 7 Beiträge
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Nordstadtbewohner 17.04.2017
1. Ungute Verhätnisse.
Was mir bei solchen (Liebes)Beziehungen immer wieder auffällt, ist, wie wenig sich die beiden Partner überhaupt kennen. Es ist nicht nur der Altersunterschied (Sie 63, er 49), sondern auch die sprachliche Barriere, was sich aus den Kurznachrichten herauslesen lässt. Dazu kommt, dass der Mann sich an militärischen, also gewaltsamen, Auseinandersetzungen beteiligt, was illegal ist und der Frau als Rechtsanwältin klar sein müsste.
manicmecanic 17.04.2017
2. militärische Auseinandersetzung = illegal ?
Da redet einer der wohl gar keine Ahnung hat von Völkerrecht.Es stimmt keinesfalls daß solche "Auseinandersetzungen" pauschal illegal wären.Vielleicht in Ihrer schönen heilen Welt oder in Takatukaland.
Sabrina19 17.04.2017
3. Vielen Dank, Spiegel!
Ein sehr schöner und ergreifender Aufsatz, der uns auch zeigt, auf welcher Seite wir stehen sollen und wofür wir uns engagieren können.
fire ant 17.04.2017
4. Vielen Dank!
Gerade vor dem Hintergrund des Ergebnisses des Referendums in der Türkei ein sehr nachdenklich stimmender Artikel. Es ist für eine/n Deutsche/n ja kaum nachvollziehbar was es wirklich heißt, keine Heimat zu haben und für eine eigene Identität und Heimat in so eine Art von Krieg zu ziehen. Sehr bewegend, dass sich da zwei Menschen, allen Unterschiedlichkeiten zum Trotz, gefunden haben und ein Stück Weg zusammen gegangen sind.
ulbri01 21.04.2017
5. Blut und Bodenromantik
Was auffällt an diesem Artikel, wie Blut, Krieg, die Berge, Oliven und Käse und die schwarzen Augen des Mannes gleichgesetzt werden. Krieg und Gewalt zog schon immer manche Frauen an, wurden romantisiert. Terroristen weden dann als Che Guevara aufgerüscht. Ist allen bekannt mit welcher Lust dieser Che Guevara getötet hat, hingerichtet hat?
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