AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2018

Erlebnisse einer deutschen Studentin Fünf Tage unterwegs mit iranischen Sittenpolizistinnen

Die Frauen der Basidsch-Miliz dienen dem Regime in Iran und schlagen die Proteste ihrer Mitstudenten nieder. Unsere Autorin hat sie bei einer Schulung begleitet.

Basidsch-Frauen in Gedenkstätte in Chusestan: "Nieder mit Amerika, nieder mit England, nieder mit Israel"
Luisa Hommerich/ DER SPIEGEL

Basidsch-Frauen in Gedenkstätte in Chusestan: "Nieder mit Amerika, nieder mit England, nieder mit Israel"

Von  (Text und Fotos)


An Tag zwei der Reise müssen wir durch einen Bombenhagel. Es ist Nacht, wir laufen durch eine Schlucht, links und rechts von uns brennen die Felshänge. Die Explosionen drücken auf die Brust wie platzende Ballons, jedes Mal blitzt es grell auf. Wir sind in der Provinz Chusestan im Südwesten Irans, die irakische Grenze muss in Rufweite liegen.

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Heft 4/2018
Warum sich SPD, Grüne und Linke neu erfinden müssen

Wir, das sind 300 Frauen zwischen 17 und 30 Jahren, Studentinnen der Universität Teheran, gekleidet in den schwarzen Tschador, einen Ganzkörperschleier, der nur das Gesicht frei lässt. An diesen fünf Tagen im Frühjahr 2017 sind wir "Rahian-e Nur", Reisende des Lichts. Es ist eine Reise, die die Studentinnen einschwören soll auf die Ziele der regimetreuen Basidsch.

Es waren Basidsch, die bei den Massenprotesten der "Grünen Revolte" 2009 Studierende verprügelten und erschossen. Und auch bei den jüngsten Protesten rasten wieder Basidsch-Mitglieder auf Motorrädern durch die Menschenmenge und knüppelten auf Demonstranten ein.

Wo immer Iran sich gerade öffnet, sind sie eine Gegenkraft. Ihr voller Name: Basidsch-e Mostasafin, "Mobilisierte der Unterdrückten". Ihre Netzwerke durchziehen die Gesellschaft. An den Universitäten schwören sie die künftige Elite auf Regimetreue ein - durch Lesekreise, Filmabende und Reisen wie diese. Ein Faktor ihrer Macht ist kaum bekannt: Ein großer Teil ihrer Mitglieder sind Frauen.

Jedes Jahr im Frühling gehen Tausende Iraner auf diese Reise. "Aber das hier", sagt Motahare, eine der Organisatorinnen, "das hier gibt es dieses Jahr zum ersten Mal." Sie meint die Bomben. Vor uns rennen die anderen, nur Motahare geht ruhig über den Sandboden, auf ihrer randlosen Brille spiegeln sich die Explosionen. Das Inferno veranstaltet die Armee für uns. Vorher haben die Soldaten schon mit Gewehren auf uns geschossen. Es waren nur Platzpatronen drin. Die Bomben aber sind echt. Wir sollen fühlen, wie es ist, Todesangst zu haben - so wie die Soldaten, die hier im Irak-Iran-Krieg von 1980 bis 1988 starben.

Die Reise wurde beworben auf dem schwarzen Brett meiner Fakultät, wo ich für "Iranische Studien" eingeschrieben war. Als ich Motahare fragte, ob ich mitkommen könne, sagte sie nur: gern. Motahare ist in meinem Wohnheim die "Repräsentantin des Revolutionsführers", sie ermahnt Studentinnen, die im Hof rauchen oder zu kurze Mäntel tragen. Sie ist 30 und promoviert über die diplomatischen Beziehungen Großbritanniens. Vor ihr und allen anderen trete ich auf als interessierte Austauschstudentin.

Am Ende der Reise werden sich Freundschaften gebildet haben, es werden Tränen geflossen sein und mehrere Studentinnen werden sagen, dass sie für ihr Land sterben möchten. Wir werden Kissenschlachten machen, Geschichten vom Tod hören und dreimal täglich zusammen beten. Wir werden in alten Bunkern, Lazaretten und Kasernen schlafen, unter Wolldecken auf dem Boden, so dicht beieinander, dass man den Atem der anderen spürt.

Über neun Monate später werden einige dieser Studentinnen "Gott ist groß, Khamenei ist unser Führer" auf Pro-Regime-Demos schreien, sie werden in sozialen Netzwerken gegen die Demonstranten hetzen. Sie werden einen offenen Brief mitverfassen, in dem sie den moderaten Präsidenten Hassan Rohani zum Rücktritt auffordern. Sie werden also genau das tun, was ihnen auf dieser Reise eingeimpft wurde.

Tag eins, auf dem Weg nach Süden, im Nachtzug: Sechs Mädchen löffeln Hühnchen und Reis aus Styroporschalen, draußen rauscht die Wüste vorbei. Sie zeigen Fotos von Pilgerorten. "Das war in Kerbela im Irak", sagt Zohre, 19, eine blasse, dünne Politikstudentin mit Nerdbrille. Auf dem Selfie steht sie mit ihrer Familie vor der Moschee mit der goldenen Kuppel, dem zweitheiligsten Ort der Schiiten. Dort ermordeten Truppen des sunnitischen Kalifen im Jahr 680 Imam Hussein, einen Enkel des Propheten. Weil er sich gegen den Kalifen stellte, ist er für Schiiten bis heute eine zentrale Figur: ein Märtyrer im Kampf gegen ungerechte Herrschaft. Zohre legt die Hand auf die Brust. "Wir lieben die Märtyrer", sagt sie. "Wir lieben sie, wirklich!"

Ruhollah Khomeini gründete die Basidsch 1980, ein Jahr nach dem Sieg der iranischen Revolution, als Freiwilligenmiliz. Sie sind eine Untergruppe der Revolutionswächter, die jede Bedrohung vom Regime abwenden sollen. Inzwischen sind die Revolutionswächter zum Staat im Staate geworden, mit eigenen Kampftruppen, Wirtschaftsbetrieben und enormem Einfluss auf die Politik. Ohne die Revolutionswächter und die ihnen untergeordneten Basidsch geht in Iran nichts. Sie sind es auch, die in Syrien aufseiten von Baschar al-Assad gegen die Rebellen kämpften und im Irak gegen den "Islamischen Staat".

Damals, ab 1980, nach Saddam Husseins Angriff auf Iran, zogen Revolutionswächter und Basidsch gegen die irakische Armee in den Kampf, darunter auch Jugendliche. Nach dem Krieg wandelten sich die Basidsch zur Massenorganisation, verdrängten große Teile der Zivilgesellschaft.

Wie viele Mitglieder sie haben, ist umstritten, Schätzungen zufolge sind es vier bis fünf Millionen. Nur noch wenige Mitglieder erhalten intensives Militärtraining, die Organisation ist vor allem: Jugendbewegung, Kaderschmiede, Moralpolizei.

Der gesamte Zug ist für uns Reisende des Lichts gemietet, es gibt keinen Mann weit und breit, trotzdem legen Zohre und zwei andere selbst im Abteil ihr Kopftuch nicht ab. Auf der Reise werden einige sogar damit schlafen. Sie werden sagen, dass sie es zu sehr liebten, um es abzulegen. "Ein gutes Kopftuch hilft auch gegen eklige Taxifahrer", sagt Sara, eine 20-Jährige mit breitem Lächeln, die Islamische Studien studiert. Wenn ich etwas auf Farsi nicht verstehe, wiederholt sie es für mich auf Spanisch, das sie sich mithilfe lateinamerikanischer Popsongs beigebracht hat. Einen Widerspruch zur Ideologie der Basidsch sieht sie darin nicht. "Wir glauben an Gott und versuchen uns ständig zu verbessern. Eine gute Person ist erfolgreich im Studium, hilft den Armen, bildet sich religiös weiter. Das ist alles", sagt sie.

Tag zwei, in der Schlucht. Wir laufen nicht nur vor Bomben davon, die Armee schickt auch einen Panzer hinter uns her und jagt Leuchtraketen und Rauchgranaten über uns in den Himmel. Als die letzte Explosion verhallt ist, lotsen Soldaten uns aus der Schlucht. "Wow, das war aufregend", sagt Zohre.


Im Video: Beim Training der Basidsch
Inszenierter Bombenhagel und Trauermärsche zum Märtyrergrab: SPIEGEL-Mitarbeiterin Luisa Hommerich schildert, was sie bei ihrer Undercover-Recherche bei den Basidsch erlebt hat.

DER SPIEGEL

Wir setzen uns um ein Lagerfeuer. Ein Mann beginnt zu singen, erst leise, dann leidvoll und getragen. "Er erzählt die Geschichte von Imam Hussein", flüstert Zohre. "Und wie unsere Soldaten für ihn gefallen sind, damals, als hier Krieg war." Dann bricht ihre Stimme.

Politische Kämpfe wurden in der Geschichte Irans immer wieder religiös gerechtfertigt. Als ab 1978 das halbe Land auf die Straße ging, um den Schah zu stürzen, verglichen viele Protestierende den unbeliebten Herrscher mit dem "bösen Kalifen". Die Islamische Republik hat den Märtyrertod dann zur Popkultur gemacht. In den Städten hängen überall Porträts junger Männer. Die meisten von ihnen starben nicht während der Revolution, sondern in den Achtzigerjahren. Und zwar genau hier, in Chusestan.

Saddam Hussein wollte das ölreiche Chusestan erobern; der Westen und die Sowjetunion feuerten den Krieg mit ihren Waffenlieferungen an. Das iranische Regime erklärte den Krieg zum Märtyrerkampf. Doch als es zwei Jahre später die Chance auf Frieden gab, lehnte Khomeini ab: Das Regime sah sich auf dem Weg zum Sieg, es hoffte, die "islamische Revolution" in den Irak exportieren zu können. Am Ende war etwa eine halbe Million Menschen tot. Die Grenzen blieben die gleichen.

Inzwischen herrscht seit 29 Jahren Frieden, Ali Khamenei ist auf Ruhollah Khomeini gefolgt, und doch holen die Basidsch noch immer die Schrecken des Krieges hervor. Sie wollen die Islamische Republik in permanenter Bedrohung zeichnen.

Eine Frau schlägt jetzt mit der Faust auf den Sandboden, presst einen Schrei aus ihrer Kehle, kratzt sich mit den Fingernägeln über die Wangen. Andere beginnen, sich durch das Kopftuch hindurch an den Haaren zu reißen. Motahare kauert ein paar Meter abseits und weint still.

"War das nicht schrecklich?", frage ich, als wir zurück zu unserer Schlafstätte wandern. "Nein, wieso?", fragt Zohre zurück. "Ich bin jetzt ganz ruhig und habe keine Angst mehr. Das war keine echte Traurigkeit. Wir haben Kraft gewonnen. Wir wissen jetzt, was zu tun ist." Was ist zu tun, Zohre? "Wenn Khamenei uns ruft, dann sind wir da", sagt Zohre.

"Wenn Donald Trump uns angreift und ich habe Söhne, schicke ich sie in den Kampf", sagt Sara.

Stellung aus dem Irak-Iran-Krieg: "Das war aufregend"
Luisa Hommerich/ DER SPIEGEL

Stellung aus dem Irak-Iran-Krieg: "Das war aufregend"

Wir sind an den Waschräumen angekommen, drinnen spülen sich die Mädchen den Staub von den Wangen. Komplimente werden gemacht, Zöpfe werden neu geflochten und unters Kopftuch gestopft.

Donald Trump, sagt eine Studentin, zeige das wahre Gesicht Amerikas. "Soll er den Atomdeal ruhig kaputtmachen, der war nie gut für uns." Das Abkommen brachte Iran im Januar 2016 eine Aufhebung der meisten Sanktionen. Im Gegenzug verpflichtete sich das Land zur Kontrolle seines Atomprogramms. Vor allem den Konservativen ist der Vertrag verhasst.

"Es geht gar nicht um Atomwaffen oder Menschenrechte", sagt Zohre. "In Wirklichkeit akzeptiert der Westen unser islamisches System einfach nicht."

"Feinde sind Feinde", sagt Sara achselzuckend, "auch wenn sie manchmal so tun, als wären sie keine."

Tatsächlich war die Einmischung Großbritanniens, Russlands und der USA immer wieder verheerend für das Land. Ab 1908 beutete die Anglo-Persian Oil Company Arbeiter aus, das Land profitierte kaum. 1953 stürzte die CIA den Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh, weil das iranische Parlament das Erdöl verstaatlicht hatte. Später unterstützten die USA den Irak im Krieg gegen Iran.

Die Basidsch sehen all das als Beleg für eine andauernde Verschwörung des Westens gegen Iran. Die Figur des "bösen Kalifen" - sie wird von den Konservativen nur noch im Ausland gesucht. Donald Trump passt da perfekt in ihr Muster.

"Ich glaube, diese Reise macht uns stark. Wir können so viel bewegen, wenn wir zusammenstehen", sagt Zohre.

"Ja, zusammen bringen wir Israel zu Fall", sagt Sara. Dann schlagen die beiden ein und lachen.

Wir schlafen in dieser Nacht in einem Bunker, eng aneinandergeschmiegt. In jedem Raum hängen Fotos von Khomeini und Khamenei, zwei alten Männern mit langen, weißen Bärten.

Märtyrerbild in Teheran: "Wie lieben sie, wirklich!"
Luisa Hommerich/ DER SPIEGEL

Märtyrerbild in Teheran: "Wie lieben sie, wirklich!"

Tag drei, im Bunker. Morgens um sieben gibt es Brot mit Fleischsuppe, dazu läuft ein Lied mit dem Refrain "Nieder mit Amerika". Sara erzählt, wie sie zu den Basidsch gekommen ist. Anders als die meisten hier, die aus eher ärmeren Verhältnissen stammen, ist sie aus der Teheraner Mittelschicht. Ihr Vater ist IT-Spezialist, ihre Mutter Beamtin - fromm, aber keine Basidsch. Mit 13 habe sie angefangen, Zeitungen zu lesen und zu begreifen, dass es in Iran, wie nirgendwo sonst auf der Welt, eine erfolgreiche islamische Revolution gab. Es war die Zeit, in der Schlägertrupps der Basidsch die "Grüne Revolte" niederschlugen. "Von da an wollte ich etwas dagegen tun, dass solche Leute unsere Errungenschaften bedrohen." Zu Beginn ihres Studiums füllte sie den Mitgliedsantrag aus.

Zohre dagegen suchte zunächst schlicht Anschluss, als sie vor einem Jahr aus der Provinz in die Hauptstadt zog. Sie ist die Erste in ihrer Familie, die studiert. "Am Anfang kannte ich niemanden, dann habe ich mir ein Herz gefasst und bin zu den Basidsch gegangen", sagt sie. "Meine Eltern sind froh, weil die Organisation sicher ist für junge Frauen. Und dann fand ich es gut, dass es hier um Themen geht, die in meinem Politikstudium wichtig sind."

Viele Basidsch erhoffen sich Vorteile. Der Miliz gehören Supermarktketten, Banken, Verlage, Tourismusbüros, Autofabriken und Baufirmen. Diese stellen nur Basidsch ein - und rekrutieren ihr Führungspersonal aus den ehemaligen Studenten-Basidsch. Und obwohl Khomeini die Gruppe ausdrücklich aus der Politik heraushalten wollte, drängte sie ab 2005 unter Ex-Präsident Mahmoud Ahmadinejad immer weiter nach oben. Mehrdad Bazrpash zum Beispiel, der frühere Chef der Basidsch an der Teheraner Sharif-Universität, saß bis 2016 im Parlament, leitete lange Zeit die beiden größten Autohersteller, war Vizepräsident und Vorstand der Finanzstiftung der Revolutionswächter. Auch der Ex-Landeschef der Studenten-Basidsch war bis 2010 Abgeordneter, auch er ist ein Vertrauter von Ahmadinejad.

Wichtige Aufträge wie der Bau der Autobahn in Teheran und der Grenzmauer zu Pakistan wurden unter Ahmadinejad wettbewerbslos an Unternehmen der Basidsch vergeben. Seit Hassan Rohani regiert, ist ihr direkter politischer Einfluss zurückgedrängt worden, die wirtschaftlichen Seilschaften aber sind intakt.

Für weibliche Basidsch ist eine solche Karriere keine Option, sie sollen Hausfrauen und Mütter werden. Trotzdem sind auch Akademikerinnen in der Organisation. Offizielle Stellen geben einen Frauenanteil von bis zu 40 Prozent an; auf vielen öffentlichen Veranstaltungen dominieren Frauen sogar das Bild. Auch sie versprechen sich Vorteile. Sie bilden Netzwerke bei den Basidsch - und sie treffen Männer. Allein fünf Tage wegfahren, das wäre den meisten, die nach Chusestan mitreisen, sonst kaum erlaubt. Materielle Anreize gibt es ebenfalls: leichteren Zugang zu Krediten, Studienplätzen, Lehrstühlen, Jobs.

Auf unserer Reise gibt niemand solche Motive zu. Wie Sara erzählen sie dagegen von einem Hunger, den sie anders schlecht stillen können: dem Hunger nach Politik.

Zum Jahresanfang stehen zahlreiche männliche Basidsch vor dem Tor der Universität Teheran, sie demonstrieren für das Regime. Daneben strecken mindestens hundert Frauen im Tschador ihre Fäuste in die Luft, man hört sie rufen: "Inflation, Preiserhöhung, jetzt antworte mal, Rohani!" und "Unsere Schande, unsere Schande ist unsere Regierung, die unser Leiden nicht versteht!" Auf den Plakaten steht: "Die Uni ist kein Platz für Verführer." Gemeint sind die regimekritischen Demonstranten. Ich habe mir die Videoaufnahmen dieser Pro-Regime-Demo angeschaut, und auch wenn ich keine der Frauen von der Reise erkenne, bin ich mir sicher, dass einige von ihnen dabei sind.

Die Basidsch der Teheraner Universität mobilisierten gegen die jüngsten Proteste, seit die erste systemkritische Parole fiel. Auf ihrer Website zeigen sie Fotos von ihren Gegendemonstrationen, auf ihren Plakaten steht: "Der Marxismus ist im Müll gelandet, ihr auch!", "Nieder mit der BBC, der britischen Verführung" und "Ausnutzen der Bedürfnisse des Volkes verboten".

Am Nachmittag des dritten Tages der Reise laufen wir ohne Schuhe über brennend heißen Sand, aus Respekt vor den Toten. Pappfiguren gefallener Soldaten stehen am Rand, aus versteckten Lautsprechern kommen Schüsse und Schreie. Dann redet ein einhändiger Ex-General über die Heldentaten seiner Soldaten.

Propaganda-Wandbild: "Wenn Trump uns angreift, schicke ich meine Söhne in den Kampf"
Luisa Hommerich/ DER SPIEGEL

Propaganda-Wandbild: "Wenn Trump uns angreift, schicke ich meine Söhne in den Kampf"

"Einer war hundertmal angeschossen und starb nicht", ruft er. "Einer betete, er möge in tausend Stücke zerfallen, wenn er sterbe, und Gott gewährte es ihm. Einer hatte keine Arme und Beine mehr, aber er robbte noch sieben Stunden weiter. Und einer", er macht eine Pause, viele haben schon Tränen in den Augen, "einer wollte unbedingt als Märtyrer sterben, aber sein Wunsch ging nie in Erfüllung." Motahare verteilt Papiertaschentücher.

Später im Bus knacken wir Sonnenblumenkerne, einmal in der Stunde ruft irgendwer "Gott ist groß, Khomeini ist unser Führer", und alle stimmen ein. Danach folgt meistens noch "Nieder mit Amerika, nieder mit England, nieder mit Israel".

Eine der Organisatorinnen geht durch den Bus und verkauft kleine Märtyrer-Buttons. Ich kaufe den Mann mit dem schönsten Lächeln, für etwa zehn Cent. Er hat ein breites Kinn und trägt ein gelbes Stirnband. "Hadi Zolfaghari", kreischt meine Sitznachbarin: "Mein Lieblingsmärtyrer! Du hast einen guten Geschmack." Der Theologiestudent starb 2015 bei einem Anschlag des "Islamischen Staats" im Irak. Seitdem die Basidsch auch in Syrien und im Irak kämpfen, entstehen in Teheran neue Wandbilder. Die Toten darauf tragen jetzt modernere Brillen.

Tag vier, im Gebetsraum. Ich sitze mit den Mädchen, die ihre Tage haben und deswegen nicht beten dürfen, am Rand auf dem Teppich. Alle anderen legen die Stirn auf den Boden, knien, richten sich wieder auf. Es raschelt und murmelt.

Mehrnaz, eine 23-jährige Jurastudentin mit rotem Kopftuch unterm Tschador, zeigt mir auf ihrem Handy, wie sie früher aussah: Die Augenbrauen zu hohen Bögen geschminkt, die Lippen violett und das Kopftuch lose über dem blondierten Haar, so ist sie bis vor einem Jahr auf die Straße gegangen. Sie flüstert mir ins Ohr: "Sag's keinem, aber ich hatte sogar einen Freund." Irgendwann habe sie angefangen, schiitische Theologen zu lesen. Heute hat sie Hunderte Fotos und Videos von Märtyrern auf ihrem Handy. "Ich fühle mich so gut, seitdem ich mich vernünftig bedecke, in der Teheraner Partywelt ging es nur um Äußerlichkeiten", sagt sie. "Hier geht es um Gott und unser Land. Für beides würde ich sterben. Ich wünschte, ich könnte es."

Frauen durften bisher nur einmal kämpfen: Im sechsten Kriegsjahr, als es nicht mehr genug Männer gab. Khomeini erlaubte 100.000 weiblichen Basidsch den Zugang zu Militärtraining, etwa 7000 starben. Heute werden nur noch besonders glühende weibliche Mitglieder im Kampf ausgebildet. Bei Demonstrationen sollen sie sich um Störerinnen kümmern.

Ansonsten ist es ihre Aufgabe, den Geist der Revolution in ihre Familien zu tragen - und in die Gesellschaft. Basidsch-Frauen geben Keuschheits- und Ehekurse, werben für den Tschador, rekrutieren Mitglieder und demonstrieren gegen liberale Feministinnen. Im Internet bloggen sie begeistert über den Revolutionsführer und kontern reformistische Ansichten. Ihre vielleicht wichtigste Aufgabe aber ist: Väter, Brüder, Ehemänner, Söhne und Kommilitonen zu motivieren, als Märtyrer zu sterben. Die Organisation lebt von der Bewunderung der Frauen für den Mut der Männer.

Der Bus bringt uns zu einem Grab, wo eine Witwe berichtet, wie ihr Ehemann von den Irakern verbrannt wurde. Danach erzählt am Ufer des Grenzflusses ein Redner mit Mikrofon, wie ein 13-Jähriger sich hier einen Sprengstoffgürtel umschnallte und sich damit vor einen Panzer warf. Khomeini erklärte ihn zum Helden.

"Ist es nicht grausam, einen 13-Jährigen sterben zu lassen?", frage ich Mehrnaz. "Der Feind war in der Stadt", sagt sie ernst, "er musste es machen."

Studentinnen in der Wüste bei Dezful: "Hier geht es um Gott und unser Land"
Luisa Hommerich/ DER SPIEGEL

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Es ist über 40 Grad heiß, die Sonne brennt auf unsere schwarzen Schleier. Wir haben kein Wasser, keinen Schatten. Den anderen scheint es egal zu sein. "Nicht dass du hier was falsch verstehst", mischt sich Motahare ein: "Wir Iraner sind friedlich, wir verteidigen uns nur. Krieg an sich ist nie gut. Aber gegen einen übermächtigen Gegner, der seine Macht missbraucht, da kann Krieg gerecht sein."

Der Redner hat sich in Rage geredet. "Jetzt war die Uni hier auf den Schlachtfeldern", sagt er. "Jetzt müsst ihr zurückgehen und die Uni zum Schlachtfeld machen."

Tag fünf, auf der Rückfahrt. Im Zug erzählt Motahare, wie sie vor ein paar Wochen einen Funktionär der Basidsch anrief und ihn anflehte, nach Syrien reisen und dort im Lazarett arbeiten zu dürfen. Der Funktionär lehnte ab. Nur bei einem Krieg innerhalb Irans sei es vertretbar, dass Frauen sich engagierten. Solange der Krieg im Ausland stattfinde, müssten sie zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern.

Aber Motahare hat keine Kinder, und sie wollte mehr. Eines Morgens, erzählt sie, sei sie in ein Reisebüro gefahren. Wenn die Organisation ihr kein Ticket bezahle, müsse sie sich eben selbst drum kümmern. "Aber ich hatte nicht genug Geld. Ich bin traurig, dass ich nicht mehr tun kann. Männer haben es da einfacher. Sie sind glücklich, dass sie als Märtyrer sterben dürfen." Neun Monate später werde ich Motahare via Telegram fragen, was sie über die Proteste denkt.

"Wie immer berichten die westlichen Medien nicht die Wahrheit über die Situation in Iran", schreibt sie. "In allen Ländern gibt es Formen von Gewalt unter den Bürgern. Aber ich will, dass du weißt, dass die Iraner sich lieben - obwohl sie verschiedene Ansichten haben. Und sie lieben ihr Land und ihr politisches System. Aber die USA betreiben viel Gehirnwäsche und bezahlen ein paar Heuchler... die meisten von denen sind jetzt verhaftet." Sie schickt ein Victory-Zeichen und ein "Daumen hoch".

"Hast du keine Angst?", das ist eine meiner letzten Fragen auf dieser Rückfahrt im März, nachdem Motahare gesagt hat, dass sie als Märtyrerin sterben wolle.

Motahare guckt mich an und lacht. Dann antwortet sie mit einer Gegenfrage: Ob ich nach fünf Tagen denn gar nichts verstanden hätte? "Wenn Gott will, dass wir sterben, dann sterben wir. Und wenn nicht, dann eben nicht."

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