AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2018

Iron-Maiden-Sänger Bruce Dickinson "Es war mein Geheimnis"

Bruce Dickinson ist Sänger der Metal-Band Iron Maiden, außerdem Pilot und Krebsüberlebender. Hier erzählt er aus seinem Leben.

Bruce Dickinson am Flughafen in Cardiff
Andrea Artz/ DER SPIEGEL

Bruce Dickinson am Flughafen in Cardiff

Ein Interview von


SPIEGEL: Mr Dickinson, wenn der Sänger einer der ältesten noch aktiven Bands des Heavy Metal seine Autobiografie ankündigt, erwartet man deftige Anekdoten. Die ganze unterhaltsame Schmutzwäsche aus vier Jahrzehnten voller Sex, Drugs und Rock'n'Roll...

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Heft 5/2018
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Dickinson: Ich weiß, jeder hat das erwartet.

SPIEGEL: Auch Ihr Verleger?

Dickinson: Ich habe ihm genau gesagt, was er nicht bekommen wird: "Du erwartest Dreck? Vergiss es!" Erstens bin ich nicht besonders dreckig. Und zweitens ist die wahre Geschichte wesentlich interessanter. Nicht nur für Fans von Iron Maiden, auch für normale Leute.

SPIEGEL: Sie haben selbst geschrieben und nicht schreiben lassen?

Dickinson: Ja. Wenn ich mir einen Ghostwriter nehme, stehe ich nur daneben. Was soll das? Ich habe immer geschrieben, schon in der Schule, Kurzgeschichten. Ich habe nie den ersten Preis in Englisch bekommen, den zweiten aber schon.

SPIEGEL: Schreiben ist die vielleicht stillste aller Kunstformen. War das kein Problem für jemanden, der sich ansonsten der Lautstärke verschrieben hat?

Dickinson: Doch. Vielleicht wollte ich deshalb zuerst etwas Dramatisches daraus machen, mich beispielsweise zum Schreiben auf den Gipfel eines Berges zurückziehen. Aber ich fürchtete mich vor der Langeweile. Das größte Verbrechen beim Schreiben eines Buches ist es, Langeweile zu verbreiten.

SPIEGEL: Wie gingen Sie vor?

Dickinson: Ich habe ein Notizbuch, so ähnlich wie Ihres da. Darin hatte ich mir kleine Dinge notiert, Sachen, an die ich mich erinnere. Manchmal nur drei oder vier Wörter, an die sich dann Sätze anlagerten, aus denen schließlich Geschichten wurden, für die ich mir dann nur noch klare Strukturen überlegen musste. Es sind kleine, abgeschlossene Einheiten. Bei mir hat eine handgeschriebene DIN-A4-Seite etwa 250 Wörter, ich zielte also auf fünf bis sechs Seiten täglich. Und wenn es mehr war, musste ich am nächsten Tag dafür mit Tatenlosigkeit bezahlen. Es ist eben nur eine gewisse Menge an Benzin im Tank.

SPIEGEL: Bruce Dickinson steht also morgens auf, noch im Bademantel, macht sich einen Tee und...

Dickinson: Nein! Ich gehe in den Pub. Ich gehe dort am frühen Abend hin, bestelle mir ein Bier und versuche, mich in den nötigen geistigen Zustand zu versetzen. Und dann schreibe ich. Und nach einer halben Stunde merke ich, dass ich mein Bier noch nicht angerührt habe. Also nippe ich daran. Und schreibe weiter.

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Aus dem Englischen von Daniel Müller, Harriet Fricke, Dieter Fuchs und Matthias Jost

Heyne Verlag, 448 Seiten, 22 Euro

SPIEGEL: Der Schriftsteller sucht, was er als Sänger schon kennt - die Öffentlichkeit?

Dickinson: Ja, aber das war interessant, denn es war mein Geheimnis. Es gab so viele Leute, die mich ansprachen und fragte, was ich da mache. Ich sagte: "Na ja, ich schreibe." Und dann: "Was schreibst du?" Darauf ich: "Ach, nur so Zeug."

SPIEGEL: Sie sind vor einer Weile an Krebs erkrankt und haben ihn besiegt.

Dickinson: Ja, in meiner Zunge wuchs ein Golfball, die Lymphknoten waren auch befallen. Für mich persönlich war das ein guter Ausgangspunkt, über mein Leben zu schreiben.

SPIEGEL: Erinnert Sie das Schreiben als kreativer Prozess eher an Songwriting? Oder an Ihren früheren Nebenberuf, das Fliegen, wo es doch auch um Gleichgewicht geht?

Dickinson: Fliegen ist zu 90 Prozent ein Arbeitsablauf. Es geht darum, Vorschriften zu folgen, Schritt für Schritt. Als Passagier werden Sie sich keinen kreativen Piloten wünschen, der sagt: "Mal sehen, was passiert, wenn ich jetzt auf diesen Knopf hier drücke!" Kommt es aber zu unvorhergesehenen Situationen, brauchen Sie einen Piloten, der außerhalb der Vorschriften denkt. Da kommt Kreativität ins Spiel. Es geht dabei weniger um das Fliegen selbst als vielmehr um den schöpferischen Umgang mit den Leuten, mit denen man in der Luft ist.

SPIEGEL: Und in der Musik?

Dickinson: In einer Band ist es genauso. Du musst mit all den verschiedenen Leuten arbeiten. Wenn du das nicht hinbekommst, trennt ihr euch bald. Bei Iron Maiden müssen wir uns verstehen und kennen, mit all unseren Vorteilen und Schwächen. Wir sind keine Schulfreunde. Aber wir haben über die Jahre gelernt, uns zu respektieren. Da mussten wir kreativ sein. Wenn wir uns schon seit der Schulzeit kennen würden, müssten wir diesen Aufwand gar nicht treiben. Dann würden wir uns einfach hassen und fertig.

SPIEGEL: Ist die Band eine Marke, ein Unternehmen?

Dickinson: Iron Maiden ist eine musikalische Identität. Das ist das Zentrum. Wenn wir das nicht sehen, ist der Rest schöpferisch leer. Dann ist da nichts mehr. Alben und Liveshows, das ist das Zentrum. Um aber zu existieren, muss das Geschäft laufen. Klar sind wir eine Marke! Jede Band, die erfolgreich ist, ist eine Marke - ob sie das mag oder nicht.

Rockgruppe Iron Maiden mit Sänger Dickinson (Zweiter von Rechts) 1984
Rex Features / action press

Rockgruppe Iron Maiden mit Sänger Dickinson (Zweiter von Rechts) 1984

SPIEGEL: Was verkaufen Iron Maiden eigentlich, was ist das Produkt?

Dickinson: Wir verkaufen Kopfkino. Und das beinhaltet alles: Leidenschaft, Gewalt, Zärtlichkeit, Traurigkeit, Größe, Brutalität, alles. Drama. Unsere Cover sind theatralisch, unsere Shows sind theatralisch. Wir kommen alle aus einer Ära - späte Sechziger, frühe Siebziger -, in der es viel theatralische progressive Musik gab, Genesis beispielsweise, aber auch härtere Sachen, bluesorientiert, mit bösen Riffs, so wie Black Sabbath. Wir haben beides miteinander verbunden. Wir hatten kein Problem damit.

SPIEGEL: Sie werden dieses Jahr 60 Jahre alt und spielen Metal, der teilweise jahrzehntealt ist, für die Teenager von heute. Kommen Sie sich da nicht manchmal lächerlich vor?

Dickinson: O nein, ich habe Spaß. Für mich ist das ein musikalischer Hindernislauf, wir haben Leitern und Rampen und Pyrotechnik und so ein Zeug. Ich kann nach Herzenslust herumrennen.

SPIEGEL: Angesichts Ihres Alters hätten Sie damals eigentlich Punk sein müssen. Was ist da schiefgelaufen?

Dickinson: Ich war auf einem College im Osten von London, und im East End haben damals viele Punkbands geheime Konzerte gegeben, The Jam, Sex Pistols. Es ging alles los damals. Ein Freund von mir, Steve Dagger, wurde später Manager von Spandau Ballet. Er studierte Geografie, ich Geschichte, und wir gingen abends immer zusammen saufen, in einer Bar mit Jukebox. Ich erinnere mich, dass wir das Streitgespräch damals schon führten: "Rock ist tot", sagte er. "Das neue Ding ist Punk!" Und ich hielt dagegen: "Blödsinn! Das ist nur eine Mode!" Ich war 18 Jahre alt und in einer Rockband. Wir hatten einen Keyboarder, der ein bisschen spielte wie der Typ von den Stranglers. Aber die Stranglers waren keine Punks. Sie waren eine Rockband, die merkte, dass sie davon leben könnte, sich eine Punkband zu nennen. Es gab viele dieser Gruppen, die das damals machten. Heute gibt es keine mehr davon, bis auf die Stranglers vielleicht.

SPIEGEL: Warum haben Sie sich denn dann dieser Bewegung nicht angeschlossen?

Dickinson: Iron Maiden funktioniert nach dem "Was du siehst, das bekommst du auch"-Prinzip. Es sollte das sein, was auch Punk war. Ich sehe da keine Unterschiede. Ich finde es bis heute enttäuschend, dass sich die Musik damals in Stämme aufgeteilt hat. Daran sind die Medien schuld. Der "New Musical Express" erfand den Begriff New Wave, um sich gegen jegliche andere Musik und andere Magazine abzugrenzen. Also erfand die Zeitschrift "Sounds" den Begriff "New Wave of British Heavy Metal". Einfach weil sie gegeneinander einen Auflagenkrieg führten. Sie waren etwa gleichauf, und das eigentliche Opfer dieser Sache war der "Melody Maker". Die erfanden überhaupt nichts und wurden nur noch gekauft, weil Musiker die Anzeigen im hinteren Teil so wichtig fanden.

SPIEGEL: Heavy Metal gilt als reaktionäres Genre. Die winzigste Abweichung von der Tradition kann da schon zur Verbannung führen.

Dickinson: In der Welt des Streamings ist es vollkommen irrelevant geworden, zu welchem Stamm jemand gehört. Ich kann einen Song von Iron Maiden hören und gleich danach Lust auf The Clash haben. Das ist kein Problem mehr. Das hätte nie ein Problem sein sollen. Gegen Leute mit verstopften Ohren oder Seelen kann man nichts machen.

Frontmann Dickinson während eines Konzerts in Monterrey, Mexiko, 2016
John McMurtrie / Warner Music

Frontmann Dickinson während eines Konzerts in Monterrey, Mexiko, 2016

SPIEGEL: Zum Heavy Metal gehören auch Tätowierungen. Kann es sein, dass Sie der einzige Mann in diesem Business sind, der kein nennenswertes Tattoo hat?

Dickinson: Ja, wahrscheinlich ist das so. Mein Onkel musste ins Gefängnis, als ich noch ein Kind und er ein Jugendlicher war. Er kam mit einem dieser Knasttätowierungen nach Hause und ließ sie sich später entfernen, auf sehr primitive Weise. Es sah aus wie eine fürchterliche Brandwunde. Dieser Anblick hat mich zeitlebens davon abgehalten, eine ähnliche Dummheit zu begehen.

SPIEGEL: Ein winziges, medizinisch notwendiges Tattoo haben Sie nun doch. Könnten Sie das zeigen?

Dickinson: (knöpft sein Hemd auf und zeigt einen winzigen Punkt auf dem Brustbein) Kann man das erkennen? Dieses Tattoo diente dazu, mich für die Chemotherapie zu fixieren. Stimmt, nun hat es mich doch noch erwischt.

SPIEGEL: Als Pilot standen Sie zehn Jahre lang in Diensten der Fluggesellschaft Astraeus und nahmen, wenn Sie mit Iron Maiden unterwegs waren, unbezahlten Urlaub. Warum?

Dickinson: Lieber hätte ich einen Job als Freelancer beim Luftrettungsdienst angenommen, das ist aufregender. Da fliegst du dann mitten in der Nacht mit dem Herz eines Menschen von A nach B, kannst landen, wo du willst - zack, Mission erledigt. Aber diese Jobs sind nur schwer zu bekommen. An der Passagierluftfahrt gefällt mir der Aspekt der Betriebsmäßigkeit. Fliegen mit einem Grund, nicht nur zum Spaß. Hinzu kommt, dass in der Unterhaltungsindustrie nie Feierabend ist. Nie. Das war das Schöne als Pilot: Es war der erste Job, dessentwegen ich mal Nein sagen konnte. Da kam dann ein Anruf, ob ich dieses oder jenes für Iron Maiden erledigen könne. Und ich sagte: "Nein. Ich bin zu Hause, auf Stand-by."

SPIEGEL: Iron Maiden charterten für ihre letzte Tournee eine Boeing 747, genannt Ed Force One...

Dickinson: Wir landeten in Chicago, und der Secret Service kam an Bord und wollte sich umsehen. Weil die Air Force One am folgenden Tag in Chicago landen sollte. Ich sagte ihm, dass da kein großer Unterschied sei - bis auf die Tatsache, dass Ed Force One viel jünger ist als Air Force One. Die hat neue Triebwerke, ist aber sehr alt. Die Beamten brachten uns Merchandising mit, und deshalb habe ich noch Air-Force-One-Spielkarten, Air-Force-One-Zündhölzer, Air-Force-One-Flaschenöffner und auch Air-Force-One-M&M's mit Autogramm von Obama. Ich dachte, hey, was geschieht da an Bord? Glücksspiel, rauchen, trinken und ein Zuckerrausch.

SPIEGEL: Auf dem Flughafen von Zürich kam es 2016 zu einem kuriosen Schnappschuss, der die beiden vergleichsweise bescheidenen Regierungsflugzeuge des französischen Präsidenten und der deutschen Kanzlerin zeigt - dahinter ragt das Iron-Maiden-Flugzeug auf wie der Botschafter eines dunklen, teuflischen Königreichs...

Iron-Maiden-Flugzeug in Zürich hinter dem Flugzeug von Angela Merkel und François Hollande im Juni 2016
INTERTOPICS/ Dalle

Iron-Maiden-Flugzeug in Zürich hinter dem Flugzeug von Angela Merkel und François Hollande im Juni 2016

Dickinson: ...und das ist es ja auch! Herrlich, ich konnte es kaum glauben, als ich das Bild sah. Purer Zufall.

SPIEGEL: Iron Maiden spielen seit ihren Anfängen offensiv mit britischer Ikonografie, vielleicht ironischer als Rammstein...

Dickinson: ...ach, die sind auch sehr ironisch, ich liebe sie. Aber bitte, sie dürfen nicht auf Englisch singen!

SPIEGEL: Ist dieses Spiel mit nationalen Symbolen nicht gefährlich, so oder so?

Dickinson: Halt, halt, halt! Es ist höchste Zeit, damit aufzuhören, sich wegen der Nazis schuldig zu fühlen. Das hat nichts zu tun mit den Menschen, die heute in Deutschland leben. Menschen, die geboren wurden, lange nachdem dieser Scheiß passiert ist. Ihr Deutsche könnt empfinden, was alle Menschen über die schrecklichen Taten der Nazis empfinden. Aber es hat mit euch nichts mehr zu tun. Sie haben das nicht getan!

SPIEGEL: Nein, aber meine Großväter haben es getan.

Dickinson: Okay. Okay, aber das ist nicht Ihr Fehler.

SPIEGEL: Es ist ein Fehler, den ich im Kopf haben muss. Vor allem im Ausland, wo ich besser nicht auf eine Weise auftrete, dass man mich für einen Gestapo-Offizier halten könnte.

Dickinson: Das ist ein Stereotyp.

SPIEGEL: Stereotype neigen dazu, in der Realität verankert zu sein.

Dickinson: Es gibt viele Stereotype über Engländer. Manche treffen zu, andere nicht. Für jedes Stereotyp finden Sie eine Person, auf die es passt. Und jemanden, bei dem das nicht der Fall ist. Sie dürfen aber nicht Ihre nationale Politik auf Basis von Stereotypen machen, das ist verrückt. Neulich habe ich einen interessanten Artikel gelesen mit der These: "Ich wünschte, die Amerikaner würden nicht Englisch sprechen. Dann würden wir merken, was für ein fremdes Land das ist." Wir denken, sie wären uns Engländern ähnlich. Das sind sie nicht. Sie haben ein völlig anderes Arsenal an Traditionen, Gesetzen, Parametern und so weiter. Ich finde das verblüffend. Wir denken noch immer, sie wären uns irgendwie nah, weil wir in zwei Weltkriegen zusammen gekämpft haben und bla, bla, bla. Nein, nicht wirklich. Diese Leute sind auch schon alle tot. Die Welt ist zu kompliziert und ihr Zustand zu wichtig, als dass wir in Stereotypen schwelgen dürften. Obwohl Politiker genau das versuchen, um Angst zu verbreiten und Stimmen zu bekommen.

SPIEGEL: Angst vor den Russen?

Dickinson: O, vor deren Außenpolitik dürfen wir uns durchaus ein wenig fürchten. Aber als jemand, der Geschichte studiert hat und daran noch immer interessiert ist, habe ich mich sehr über ein Buch mit dem Titel "Das Ende der Geschichte" amüsiert...

SPIEGEL: ...in dem der US-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1992 die liberale Demokratie zum Endsieger aller historischen Entwicklungen erklärt hat.

Dickinson: Genau. Bullshit. Sag das mal den Leuten in Sarajevo. Das ist die typische Arroganz von Leuten, die glauben, die Welt würde nach Zahlen funktionieren. Die Welt funktioniert aber mit Menschen. Letzte Woche habe ich auf einer Konferenz in Zürich gesprochen. Die Organisatoren veranstalten eine Art Digital-Davos, für das sie mich als Keynote-Sprecher gebucht haben. Thema: "Das Ende der Nation". Die erwarteten von mir, dass ich das für eine gute Sache halte: "O, Apple wird die Welt regieren, ein Algorithmus wird uns mit Jobs versorgen." Das sehe ich nicht so. Nationen sind keine Nationalismen. Sondern Gemeinschaften von Menschen, die sich selbst und ihre Wirtschaften organisieren.

SPIEGEL: Gemeinschaften auf welcher Basis? Identität? Abstammung? Geld?

Dickinson: Ah! Wir haben nichts anderes als die Nation als historisches Gebilde. Wenn ich will, dass die Sachen laufen, muss ich mit diesen historischen Gegebenheiten arbeiten - und dafür sorgen, dass sie funktionieren. Ich kann nicht sagen: "Hier ist meine Regel: Die Welt hat sich geändert!" Das klappt nicht.

SPIEGEL: Aber Ideen und Vorstellungen lassen sich ändern.

Dickinson: All diese Hippies im Silicon Valley träumen davon, die Welt zu verändern - indem sie alles zerstören, was diese Welt funktionieren lässt. Indem sie die Existenzen von Taxifahrern vernichten, die Jobs von Menschen im Einzelhandel, in Fabriken, weil deren Arbeit von Robotern billiger und schneller gemacht werden kann. Was macht man mit den Menschen, denen auf diese Weise die Lebensgrundlage entzogen wurde? Daran wird kein Gedanke verschwendet. Unglücklicherweise sind Nationen nichts anderes als Völker, die aufstehen und gegen dieses Zeug kämpfen werden. Deshalb habe ich für den Brexit gestimmt.

SPIEGEL: Und eine Welle von Fremdenfeindlichkeit in Kauf genommen?

Dickinson: Ich habe nichts gegen Polen, die arbeiten hart. Es gibt viele Engländer, die ich gern loswerden würde. Je mehr davon durch Polen, Italiener oder Deutsche ersetzt würden, umso besser. Kein Problem damit.

SPIEGEL: Wo ist dann das Problem?

Dickinson: Mein Problem mit der Europäischen Union ist die Europäische Union, nicht Europa. Mein Vorwurf ist, dass in Europa professionelle Politiker am Werk sind. Eine Beamtenklasse, die keine wirkliche Verantwortung ausübt, weil sie nicht gefeuert werden kann. Das ist ein Desaster. Schauen Sie sich den Berliner Flughafen an. Jedes einzelne Land hat solche Projekte. Wer sollte solche Länder regieren? Wie bekommen wir das wieder hin? Ich habe keine Ahnung. Das Management der Nationen ist fundamental schwach, und die Regierungen sind es dann auch. Es gibt eben keine Leader mehr.

SPIEGEL: Und Emmanuel Macron?

Dickinson: Macron macht einen tollen Job, wenn es darum geht, Europa zu regieren. Weil es eben außer ihm da keine anderen Leader mehr gibt. Angela Merkel wartet doch nur darauf, in Rente zu gehen. Oder?

SPIEGEL: Winston Churchill, war das ein Leader nach Ihrem Geschmack?

Dickinson: Ja. Wo sind all die Leader, die Typen mit dem Mut, den Churchill hatte? Margaret Thatcher war eine sehr kontroverse Figur, natürlich. Sie hat viel getan, womit ich nicht einverstanden bin. Aber: Sie stand allein und stand es durch, als alle zu ihr sagten: "Das können Sie nicht machen!" Und deshalb ist Großbritannien heute die fünftgrößte Wirtschaft der Erde.

SPIEGEL: Wie fanden Sie es, als sie die Macht der Gewerkschaften zerschlug?

Dickinson: Wissen Sie, ich habe die Siebzigerjahre in England erlebt. Ich hockte bei Kerzenlicht zu Hause, weil es für drei Nächte in der Woche keinen Strom gab, weil die Bergleute streikten, um die Regierung zu stürzen.

SPIEGEL: Ihr Großvater, bei dem Sie zunächst aufgewachsen sind, war Bergarbeiter und starb an der Staublunge!

Dickinson: Ja, und er hasste die Gewerkschaften. Sie haben nie etwas für ihn getan.

SPIEGEL: Sie haben das Ethos eines Arbeiters nicht übernommen?

Dickinson: Ich bin kein Sozialist. Ich mag humanistische Werte und soziale Verantwortung. Aber Sozialismus im Sinne des Marxismus? Für mich eine völlig gescheiterte Doktrin. Genau genommen hasse ich alles, was einen "ismus" am Ende hat.

SPIEGEL: Werden Sie wissen, wann es Zeit ist, das Mikro wegzulegen, in Rente zu gehen?

Dickinson: Ich glaube nicht, dass ich mich in eine dieser Karikaturen verwandeln werde, die noch immer in Turnhallen oder auf Volksfesten spielen müssen. Vor ein paar Jahren kam einer zurück, Gott schütze ihn, er ist inzwischen verstorben: Leonard Cohen. Mit 79 Jahren rauszukommen auf die Bühne und so fantastisch zu sein, so cool. Ich dachte: "Genau so muss man das anstellen, nicht in Rente zu gehen."

SPIEGEL: Mr Dickinson, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Im Video: SPIEGEL-Mitarbeiter Arno Frank erklärt das Eddie, das Maskottchen von Iron Maiden

Tim Wegner


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