AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2012

Islam: Der Pate

Von Maximilian Popp

2. Teil: "Mit der Geduld einer Spinne legen wir unser Netz"

Islam: Der Pate Fotos
AP

Im Buch "Fasildan fasila" schreibt Fethullah Gülen, ein Schüler müsse "Tag und Nacht auf Trab sein", dürfe von niemandem beim Schlafen gesehen werden: "Wenn möglich schläft er drei Stunden am Tag, hat zwei Stunden für andere Bedürfnisse, den Rest muss er voll und ganz Hizmet leisten. Im Wesentlichen hat er außer in einigen bestimmten Situationen kein persönliches Leben."

Bewohner der Lichthäuser sollen auch missionieren. Gülen erteilt in seinen Schriften dafür Ratschläge: Die Schüler sollen die Ungläubigen als Freunde gewinnen, sich notfalls verstellen. "Mit der Geduld einer Spinne legen wir unser Netz, bis sich Menschen darin verfangen."

Je stärker Serkan Öz seinen Alltag nach den Regeln Gülens, den "Hizmet düsturlari", ausrichtete, desto weniger Freiheiten blieben ihm. Die Cemaat wollte ihm vorschreiben, welchen Beruf er ergreifen sollte. Freunde außerhalb der Bewegung hatte er kaum noch.

Andere Aussteiger berichten, wie sie gedrängt wurden, nur innerhalb der Gülen-Gemeinde zu heiraten. In einigen Lichthäusern ist es verboten, fernzusehen oder solche Musik zu hören und Bücher zu lesen, die Gülens Ideologie widersprechen - wie die Werke von Charles Darwin und Jean-Paul Sartre. Manche Bewohner wurden genötigt, den Kontakt zu ihren Eltern abzubrechen, weil diese sich dagegen wehrten, ihre Kinder an die Cemaat zu verlieren.

Serkan Öz beschloss, aus dem Lichthaus auszuziehen. Er war nun ein Abtrünniger, und die Karriere-Türen, die sich ihm geöffnet hatten, schlossen sich. Öz wurde isoliert, er verlor seine Freunde und Bekannten, seine religiöse Heimat und, so sieht er es heute, seinen Platz in der Welt.

Die Deutschen haben sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Islam beschäftigt. Es gibt Islamkonferenzen, Forschungsprojekte über Integration. Über Gülen und seine Bewegung hingegen weiß die deutsche Öffentlichkeit fast nichts. Dabei hat hierzulande wohl kaum jemand so viel Einfluss auf die Muslime wie die Gülen-Gemeinde. "Sie ist die wichtigste und gefährlichste islamistische Bewegung in Deutschland", sagt die Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann. "Sie sind überall."

Mehr als hundert Bildungseinrichtungen betreiben Anhänger der Cemaat: Schulen, Nachhilfezentren. Sie haben um die 15 "Dialogvereine" gegründet, etwa das Forum für Interkulturellen Dialog Berlin (FID). Die Vereine organisieren Konferenzen, auf denen sich Rabbiner, Pfarrer und Imame treffen, sie laden zu Reisen nach Istanbul ein.

Gülen-Anhänger verlegen "Zaman", die auflagenstärkste Zeitung der Türkei, mit einer Europa-Ausgabe und Ablegern in aller Welt, sowie die Monatszeitschrift "Die Fontäne". Sie betreiben die Fernsehsender "Ebru TV" und "Samanyolu TV". Der Unternehmerverein Barex mit 150 Firmen aus Berlin und Brandenburg soll ebenfalls zum Netzwerk gehören.

Die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) sitzt im Beirat des Gülen-Vereins FID in Berlin. Andere Politiker wie der hessische Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP), der Christdemokrat Ruprecht Polenz und der langjährige Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) folgten Einladungen zu Veranstaltungen der Gülen-Gemeinde.

Einer der größten Erfolge der Cemaat ist das Tüdesb-Gymnasium in Berlin-Spandau. Die Schule hat einen guten Ruf: kleine Klassen, motivierte Lehrer, moderne Ausstattung - auf jeden Platz kommen mehrere Bewerber. Die Schüler, die meisten türkischer Herkunft, sprechen Türkisch und Deutsch, der Unterricht folgt dem Berliner Lehrplan, manche Lehrer haben von Fethullah Gülen noch nie etwas gehört. Andere sollen der Bewegung jedoch jeden Monat einen Teil ihres Gehalts überweisen. Lange Zeit gab die Schule an, überhaupt keine Verbindung zu Gülen zu haben. Inzwischen bekennt sich der Vorsitzende des Trägervereins Tüdesb offen zu Gülen.

Die Gülen-Bewegung hat zwei Gesichter: eines, das der Welt zugewandt ist, und eines, das sich vor der Welt versteckt. Undurchsichtig sind vor allem die Finanzen. Reiche Unternehmer geben Millionen, aber auch Beamte und Handwerker beteiligen sich an der Finanzierung von Gülen-Projekten. Durchschnittlich zehn Prozent ihres Einkommens stellen "Fethullahçis" der Gemeinde zur Verfügung, einige bis zu 70 Prozent.

Fethullah Gülen selbst inszeniert sich gern als bescheidener Prediger, er möchte wie ein muslimischer Gandhi wirken. Von ihm kommt das Mantra: "Baut Schulen statt Moscheen."

Bis er selbst in die USA zog, diente der Westen Gülen als Feindbild. "Bis zum jüngsten Tag", schrieb er 1979 in seinem Buch "Çag ve Nesil", werde man "kein menschliches Verhalten von den Westlern sehen". Türken, die sich Europa öffnen, verurteilte Gülen als "Schmarotzer", "Parasiten", "Blutkrebs". In einer Videobotschaft forderte er im November 2011 das türkische Militär zum Angriff auf kurdische Separatisten auf: "Lokalisiert sie, umzingelt sie, zerschlagt ihre Einheiten, lasst Feuer auf ihre Häuser regnen, überzieht ihr Klagegeschrei mit noch mehr Wehgeschrei, schneidet ihnen die Wurzeln ab, und macht ihrer Sache ein Ende."

Auch bestreitet Gülen die Evolutionstheorie; sie sei "unwissenschaftlich", eine "Illusion". Wissenschaftliche Fakten sind für ihn nur dann wahr, wenn sie mit dem Koran übereinstimmen.

Aufgewachsen war Gülen als Sohn eines Dorfimam in Anatolien. Gemeinsam mit Cemaleddin Kaplan, dem späteren "Kalifen von Köln", erhielt er Unterricht in einer Moschee in Erzurum, einer Stadt im Osten der Türkei. Zur gleichen Zeit begegnete er den Lehren Said Nursis, eines kurdischen Sufi-Predigers, und schloss sich dessen Gemeinde an.

Als Ankara in den achtziger Jahren im Kampf gegen den Kommunismus die türkisch-islamische Synthese beschwor, ergriff Gülen die Gelegenheit. Er gründete Schulen in der Türkei und im Ausland und beriet die streng säkulare Ministerpräsidentin Tansu Çiller.

In einer Predigt forderte er damals seine Schüler auf, ein neues muslimisches Zeitalter zu begründen. Er riet seinen Anhängern, den türkischen Staat zu unterwandern und sich konspirativ zu verhalten, bis die Zeit zur Machtübernahme reif sei: "Ihr müsst in die Arterien des Systems eindringen, ohne dabei bemerkt zu werden. Ihr müsst warten, bis der richtige Moment gekommen ist, bis ihr die gesamte Staatsmacht an euch gerissen habt. Wenn wir voreilig handeln, wird die Welt uns die Köpfe einschlagen, Muslime überall werden leiden. Es wäre, wie ein Ei zu zerbrechen, ohne die 40 Tage zu warten, bis das Küken schlüpft."

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