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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2012

Islam: Der Pate

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Millionen Muslime weltweit verehren ihn: Der türkische Prediger Fethullah Gülen inszeniert sich als der Gandhi des Islam. Seine Gemeinde findet auch in Deutschland neue Anhänger.

Islam: Der Pate Fotos
AP

Das Mädchen trifft die Töne nicht, das Publikum tobt trotzdem. Es singt ein türkisches Lied, die Betonung der Wörter klingt deutsch. Der Saal ist geschmückt mit Luftballons, Girlanden in Schwarz-Rot-Gold, Sichelmonden in Rot-Weiß, die Zuschauer wedeln mit deutschen und türkischen Fähnchen.

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Der Bildungsverein Academy hat zum Vorentscheid der "Kulturolympiade" ins Audimax der Technischen Universität Berlin eingeladen. Tausend Menschen sind gekommen, um sich den Talentwettbewerb anzusehen. Sie jubeln, als der Chor der deutsch-türkischen Tüdesb-Schule auf der Bühne "Mein kleiner grüner Kaktus" singt. Und sie lauschen andächtig, als eine Schülerin ein Gedicht vorträgt. Auf der Leinwand hinter ihr erscheinen Bilder von Frauen, die Kinder im Arm halten. Das Gedicht heißt "Anne", Türkisch für "Mutter"; für einen Augenblick wird der Name des Verfassers eingeblendet: Fethullah Gülen.

Gülen ist nicht irgendein Dichter, jeder im Saal kennt ihn. Gülen, geboren 1941 in der Türkei, wird von Millionen Muslimen in aller Welt verehrt. Er ist einer der einflussreichsten Prediger des Islam. Seine Anhänger haben in 140 Ländern Schulen gegründet, eine Bank, Medienhäuser, Kliniken, eine Versicherung, eine Universität.

Auch der Bildungsverein, der den Wettstreit in der Berliner Uni ausrichtet, beruft sich auf Gülen. Und so kommt es, dass viele der Teilnehmer Gülen-Schulen besuchen; dass Gülen-nahe Unternehmen die Kulturolympiade sponsern und dass Gülen-nahe Medien darüber berichten.

Deutsche und Türken, die voneinander lernen, miteinander musizieren, tanzen, klatschen - das sind die Bilder dieses Abends. Sie sollen vom friedlichen Miteinander der Religionen künden. "Wir sind die erste Bewegung in der Geschichte der Menschheit, die einzig und allein der Wohltätigkeit dient", sagt der Istanbuler Gülen-Vertraute Mustafa Ye¿il.

Menschen, die mit Fethullah Gülen gebrochen haben, die das Innenleben dieser Gemeinde kennen, erzählen eine andere Geschichte. Sie berichten von einem erzkonservativen Geheimbund, einer Sekte wie Scientology. Sie berichten von einer Welt, die mit den gefälligen Bildern der Kulturolympiade nichts zu tun hat.

Die Gemeinde (Türkisch: "Cemaat") ziehe demnach ihre Kader auf der ganzen Welt in sogenannten Lichthäusern heran, einer Mischung aus Wohngemeinschaft und Koranschule. Gülen sei ihr Guru, ein Ideologe, der keinen Widerspruch dulde. Sein Streben gelte Macht und Einfluss, nicht Verständigung und Toleranz. Er träume von einem neuen Zeitalter, in dem der Islam über den Westen herrscht.

Experten kommen zu ähnlichen Einschätzungen. Der niederländische Soziologe Martin van Bruinessen sieht Parallelen zwischen der Gülen-Gemeinde und dem katholischen Geheimbund Opus Dei. Der amerikanische Historiker und Nahost-Kenner Michael Rubin vergleicht den türkischen Prediger mit dem iranischen Revolutionsführer Ajatollah Chomeini. Und US-Diplomaten halten die Gülen-Gemeinde, das geht aus den WikiLeaks 2010 zugespielten Botschaftsdepeschen hervor, für die mächtigste islamistische Gruppierung in der Türkei: "Sie kontrolliert Handel und Wirtschaft und hat die politische Szene tief unterwandert."

Die wenigsten Aussteiger sprechen über ihre Zeit in der Bewegung. Jene, die es tun, bestehen darauf, nicht mit Namen genannt zu werden. Sie haben Angst vor Gülen und seinen Leuten; sie fürchten um ihren Job, ihre Gesundheit, ihre Familie.

Einer dieser Aussteiger - für das Gespräch mit dem SPIEGEL hat er den Namen Serkan Öz gewählt - lebte ein paar Jahre lang in einem Lichthaus in einer deutschen Großstadt. Unmittelbar nach dem Abitur war er dort eingezogen. Die Predigten Gülens, die er im Internet sah, begeisterten ihn, weil sie in seinen Augen die islamische Frömmigkeit mit der westlichen Moderne versöhnten.

Einrichtung und Alltag im Lichthaus, so Öz, glichen eher der Kargheit und Strenge eines Klosters als der Leichtigkeit einer Studenten-WG. In seinem Haus wohnten nur Männer, es gab keinen Damenbesuch und auch keinen Alkohol. Ein Vorsteher, den alle Bewohner "Agabey" (großer Bruder) nannten, bestimmte den Tagesablauf - wann es Zeit war zu arbeiten, zu beten, zu schlafen. "Wir wurden wie in einem Gefängnis bewacht", erinnert sich der Aussteiger. Täglich las Öz im Koran und studierte Gülens Schriften.

Die Lichthäuser sind das Fundament der Bewegung. Junge "Fethullahçis" werden hier zu treuen Dienern erzogen. Lichthäuser gibt es in vielen Ländern: in der Türkei, den USA, allein in Berlin sind es zwei Dutzend. Die Cemaat bietet Schülern und Studenten ein Zuhause, oft kostenlos, und sie erwartet als Gegenleistung, dass sie alle ihr Leben dem "Hizmet" widmen, dem Dienst am Islam.

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Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 77,696 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Binali Yildirim

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