AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2017

Die Frau, die dem IS entkam "Ich empfand gar nichts mehr"

Nadia Murad ist Jesidin aus dem Nordirak. Als der IS ihr Dorf überfiel, geriet sie in Gefangenschaft, wurde gequält, erniedrigt. Sie überlebte. Lesen Sie das große SPIEGEL-Porträt der neuen Friedensnobelpreisträgerin.

Hoffnungsträgerin Murad: "Ich empfand gar nichts mehr"
Sonja Och / DER SPIEGEL

Hoffnungsträgerin Murad: "Ich empfand gar nichts mehr"

Von


Dieses Porträt erschien erstmals in der SPIEGEL-Ausgabe 44/2017.

Auf dem Hügel, auf dem die Knesset über Jerusalem thront, zwischen Olivenbäumen und Soldaten, steigen an einem Julitag zwei Frauen aus einem Wagen. Sie laufen Arm in Arm zum Parlament. Die Frau links blickt der Frau rechts besorgt ins Gesicht. Sie geleitet sie, wie einen Popstar, schützend am Arm.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 44/2017
Forscher entschlüsseln, wie Persönlichkeit und Intelligenz entstehen

Die Frau auf der linken Seite heißt Elizabeth Schaeffer Brown, US-Amerikanerin, schlank, mit Absatzschuhen, blonde Föhnfrisur. Früher hat sie Tiefkühlprodukte verkauft, dann vermarktete sie das erste Sony-Ericsson-Handy mit Kamera.

Rechts geht Nadia Murad, sie stammt aus einem Dorf im Nordirak, 24 Jahre alt, dunkelbraune Augen, ihr Gesicht wirkt blass, ihr Ausdruck ernst. Sie war Gefangene des "Islamischen Staats", bevor sie als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen eine Reise um die Welt begann.

Elizabeth Schaeffer Brown, die Werberin, sieht in Nadia Murad die neue Anne Frank. Ein zweites Mädchen, das der Welt vom Genozid an ihrem Volk erzählt.

Am Eingang der Knesset fahren Autos heran, junge Männer in Anzügen und geschminkte Frauen steigen aus. Nadia schaut die Menschen an, die auf sie zuströmen. "Guten Morgen, wie geht's?", fragt sie in gebrochenem Englisch. Sie nimmt die Hand einer Unterstützerin, legt ihren Kopf an eine Schulter. "Ich freue mich, in Israel zu sein", sagt sie. Dann wird sie still.

Große Erwartungen ruhen auf ihr, die ihrer Gemeinschaft und die ihrer Berater. Noch nie bekam eine Jesidin eine solche Chance, für Gerechtigkeit aufzustehen.

Mehr als drei Jahre ist es her, dass Kämpfer des IS Nadias Dorf überfallen. Sie ermorden jene, die sie für Ungläubige halten. Tausende Jesiden sterben. Tausende Jesidinnen werden entführt.

Uno-Sonderbotschafterin Murad mit Beratern in Jerusalem: "Auf Fall, Buch und Film setzen"
Jonas Opperskalski / DER SPIEGEL

Uno-Sonderbotschafterin Murad mit Beratern in Jerusalem: "Auf Fall, Buch und Film setzen"

Einen Monat lang überlebt Nadia in Gefangenschaft des IS, wird vergewaltigt, bis ihr die Flucht gelingt. Zwei Jahre später ernennt die Uno sie zu ihrer Sonderbotschafterin. Eine unglaubliche Karriere.

Nadia trifft Staatschefs, Regierungsbeamte, Entwicklungshelfer, um vom Schicksal der Jesiden zu erzählen. Fünf Tage lang reist sie durch Israel; auch hier will sie die Regierung dazu bringen, die Massaker an ihrem Volk offiziell als Genozid anzuerkennen. Von den Israelis will sie gleichzeitig lernen, wie eine Gesellschaft mit einem Völkermord umgehen kann.

Nadia Murad wurde für den Friedensnobelpreis nominiert. Staranwältin Amal Clooney will den Fall mit ihr vor den Internationalen Strafgerichtshof bringen. In diesen Tagen kommt ihr Buch "Ich bin eure Stimme" im Knaur-Verlag heraus. Bald soll ein Kinofilm anlaufen.

Ihre Geschichte ist die eines mutigen Mädchens aus einem jesidischen Dorf, das eine der brutalsten Terrororganisationen vor Gericht bringen will. Eine berührende Geschichte, so außergewöhnlich, dass sie sich gut instrumentalisieren lässt.

Man kann die Geschichte von Nadia Murad als die einer Produktwerdung lesen. Auch die gute Sache braucht Stars, um Aufmerksamkeit zu erhaschen, Kampagnen und PR-Berater. Die Berater von Nadia Murad wollen sie in die Erinnerungskultur des Holocaust einschreiben. Auch das ist eine Marketingstrategie.

Im Inneren der Knesset schlüpft Nadia in einen Nebenraum. Es ist ein dunkler, schmuckloser Saal mit Konferenztischen, auf denen Namensschilder stehen. Nadia schiebt die Sitzfläche des Stuhls unter sich und rückt nach vorn zum Tisch. An der Wand leuchtet eine Folie, auf der ihr Name und das Wort "Überlebende" stehen.

"Die Jesiden haben in ihrer Geschichte 74 Pogrome erlebt", sagt sie, "aber wie die Juden haben wir immer überlebt." Und: "Je mehr Länder den jüngsten Genozid anerkennen, desto mehr Gewicht bekommt unser Fall vor Gericht." Die Menschen lauschen ehrfürchtig. "Wie hält sie das aus?", flüstert eine Frau im Publikum.

Nadia erzählt von ihrer Familie, die Bauern waren. Damals in Kocho hielten sie Hühner und Schafe; sie ernteten Kartoffeln, ihre Mutter buk Brot. Im Sommer schlief Nadia mit ihren Geschwistern auf dem Dach, sie erzählten sich Geschichten bis tief in die Nacht. "Manchmal machten wir Ausflüge in die Stadt, um Lammsandwiches zu kaufen", erinnert sie sich.

Am 3. August 2014 überfallen IS-Kämpfer ihr Dorf. Sie erschießen die Männer. Sie bringen Mädchen und Frauen nach Mossul oder Tall Afar, um sie an Kämpfer zu verkaufen. Nadia erlebt, wie der IS ihre Mutter und sechs ihrer Brüder wegbringt. Sie steigt in einen Reisebus mit Dreiersitzen, beleuchtetem Gang und zugezogenen Vorhängen. Ein Mann quetscht ihre Brust. Sie versucht, nicht zu schreien.

Der zweite Mann, der Nadia quält, heißt Hadschi Salman. "Gott will, dass wir euch bekehren, und wenn das nicht gelingt, können wir mit euch machen, was wir wollen", sagt er zu ihr. Er schmiert Honig auf seine Zehen, den sie ablecken muss. Ein anderer legt behutsam seine Brille weg, bevor er sie benutzt. Einmal schläft sie nach einer Vergewaltigung ein. Am nächsten Morgen bemerkt sie, wie sie ein Bein über den Mann neben sich geschoben hat; so wie als Kind, wenn sie bei ihrer Mutter schlief.

Der IS benutzt die Jesidinnen als Belohnung für seine Kämpfer. Als Motivation, sich seinem "Kalifat" anzuschließen.

"Ich empfand gar nichts mehr", erinnert Nadia sich. Nach einem Monat kann sie fliehen, weil einer der Männer eine Tür nicht abschließt; sie ist 21 Jahre alt.

In der Knesset gefriert ihr Gesicht. Nadia dankt den Anwesenden für ihre Zeit. Sie lauscht den Vorträgen der NGOs. Eine Abgeordnete liest einen Gesetzesentwurf vor, der anerkennen soll, dass es einen Genozid an den Jesiden gegeben hat. Wäre es nicht eine Idee, am Jahrestag des Überfalls eine Kampagne für die Jesiden auf Facebook zu starten? "Ähnlich wie die Ice Bucket Challenge?", fragt die Politikerin. Alle im Raum nicken. Nadia verzieht gequält das Gesicht, sie wirkt, als könne sie die Idee schwer ertragen.

Zwei blonde Frauen ziehen sie für ein Selfie in die Ecke; eine NGO bittet um Spenden. Es geht zum Mittagessen in die Kantine der Holocaust-Gedenkstätte, später sind noch Interviews angesetzt.

Die Berater haben Nadia geraten, Details ihrer Gefangenschaft nicht mehr öffentlich zu erzählen. Sie wollen sie schützen, sagen sie. Bei ihren Auftritten soll es nicht um sie als Person gehen. Nadia soll für alle Jesiden sprechen. Wer mehr über sie erfahren will, kann das Buch erwerben.

Nadia Murad spricht seit fast zwei Jahren für die Jesiden, aber ohne klares Resultat. Etwa 5000 Jesiden hat der IS laut Uno getötet, 7000 Frauen und Mädchen hat er verschleppt. Jene, die überlebten und nicht ausgewandert sind, warten in Camps. 3000 Jesidinnen bleiben vermisst. Leider interessiert sich kaum jemand für sie. Die Jesiden haben Schlimmstes erlebt. Aber für die Menschen im Westen sind sie weit weg. Was fehlt, ist eine große Erzählung. Eine Figur, die für den Genozid steht. Nadias Berater sagen: Niemand personifiziere das Leid ihres Volkes so gut wie sie.

Am nächsten Mittag checkt das Team in Tel Aviv in ein Penthouse ein. Luftige Räume, großer Balkon, eine Putzfrau wischt durch. Nadia läuft der Gruppe hinterher. Es gibt Diskussionen über einen Pressebericht, mit dem die Berater nicht zufrieden sind. Sie rücken Nadia ein Kissen zurecht. Kann sie heute Abend eine Frauengruppe treffen? Nadia hört kaum zu. Sie sagt: "Okay."

Vor der Tür liegt der Szenebezirk Jaffa, Nadia will etwas essen gehen. Die Bars stehen voll plüschiger Sofas und Wohnzimmerlampen. Nadia läuft zögerlich daran vorbei. "Die Lokale sind mir zu sauber", sagt sie. Dann findet sie eins. Drinnen erzählt sie von Okraschoten, saftigen Tomaten, von ihrem Leben vor dem IS. Aus ihrem neuen Leben - kaum ein Wort.

Zurück ins Penthouse, dort hat Elizabeth Schaeffer Brown, die Beraterin, gerade Yoga gemacht. Sie trägt Sportkleider, sie ist stets leicht nervös, immer ein wenig zu gut gelaunt. Sie berührt Nadia am Arm, bevor diese sich hinlegt.

Schaeffer Brown war eine erfolgreiche Werberin. Früher verkehrte sie in New Yorker Frauenzirkeln, um die Welt zu verbessern. Dann kam eine Sinnkrise, Schaeffer Brown ließ Tiefkühlprodukte und Handys sein und begann, "Ideen zu verkaufen".

Sie gründete eine Firma, die globale Themen multimedial aufbereitet: Erziehung in Afghanistan. Erdbeben in Haiti. Fairer Kaffee. Sie arbeitet für Projekte des Ex-Chefanklägers am Internationalen Strafgerichtshof und will jetzt Nadia promoten.

Das Besondere an Nadias Geschichte sei, dass sie einen "fortlaufenden Genozid" repräsentiere, "eine anhaltende Krise", so drückt Schaeffer Brown sich aus. Sie kann ihre Aufregung über die Möglichkeiten, die darin liegen, nicht ganz unterdrücken.

In einer E-Mail schildert sie ihre Gedanken über "Das Tagebuch der Anne Frank", das ihr als 15-jährige Schülerin in den USA den Holocaust vermittelte. Sie sei in einer protestantischen Umgebung in Neuengland aufgewachsen. Genozid sei nie Teil des Familiengedächtnisses gewesen. Das Tagebuch habe ihre Weltsicht geprägt. "Ich habe das Gefühl, dass Nadias Kampf und Geschichte eine ähnliche Power wie die von Anne Frank haben", schreibt sie.

"Auch wenn unsere Politiker nicht handeln, kann durch Nadias Geschichte eine neue Generation erzogen werden." Nadias Geschichte könne "die Art und Weise beeinflussen, wie künftige Generationen auf die Welt blicken". Sie selbst könne "an nichts Wichtigeres denken als an die Chance, dazu beizutragen - indem wir auf den Fall, das Buch und den Film setzen".

Anne Frank reloaded, das ist Schaeffer Browns größenwahnsinnige Idee.

Sie hat die E-Mail zuerst an Nadias Team geschickt, "bevor wichtige Entscheidungen anstanden". Nach der Israelreise leitet sie den Text an die Reporterin weiter.

Anne Frank wurde nach ihrem Tod berühmt. Sie begann ihr Tagebuch im Alter von 13 Jahren zu schreiben, in Amsterdam, wohin sie mit ihrer Familie aus Deutschland geflüchtet war. Der letzte Eintrag entstand, kurz bevor die Gestapo sie fand. Anne Franks Buch hat sich millionenfach verkauft. Warum sollte nicht auch Nadia zu einer Ikone werden?

Schaeffer Brown achtet auf sie. Sie begleitet Nadia zur Toilette. Sie bringt ihr etwas zu essen. Schaut ihre Fotos auf dem Handy an. Dass Nadia gelernt habe, Englisch zu sprechen, sei ein Wendepunkt für ihr Verhältnis gewesen, erzählt sie. Am Anfang habe sie gedacht, Nadia sei "eine Marionette", das sei aber nicht wahr. "Sie trifft eigene Entscheidungen." Es klingt zwischen anerkennend und ärgerlich.

Am Abend setzt Nadia Murad sich allein auf einen Stuhl vor Publikum. Junge Frauen schauen sie erwartungsvoll an. Die Moderatorin kündigt sie an: "Bitte stellt keine persönlichen Fragen, und genießt jetzt eine der berühmtesten Menschenrechtsaktivistinnen!" "Danke, dass ich hier sein darf", sagt Nadia. Es ist ihr peinlich.

Die Aktivistinnen der israelischen Frauengruppe haben im Vorraum ihres Saals Platten mit Kuchen angerichtet, draußen rauscht der Feierabendverkehr. "Der Plan für dieses Event ist es, schnell reinzuhuschen, die Geschichte zu erzählen und wieder rauszugehen. Exakt eine Stunde", hatte eine Beraterin gesagt.

"Waren Sie auch als Kind Aktivistin?", fragt eine Frau, als Nadia fertig ist.

Nadia sagt: "Ich verteilte als Kind Kleider und Essen an die Armen, wenn meine Mutter etwas übrig hatte."

"Woher kommt Ihre Stärke?", fragt eine zweite. Nadia sagt: "Die verlorenen Seelen treiben mich an, mehr zu arbeiten."

"Haben Sie eine Botschaft an die gefangenen Sexsklavinnen?", fragt eine dritte. Nadia sagt: "Wenn es keine Menschlichkeit mehr gibt, sollen sie ihren Glauben stärken." Und dann sagt Nadia: "Ich weiß aber nicht, ob meine Nachricht sie erreicht."

Vor der Tür wartet Elizabeth Schaeffer Brown auf sie. Neben ihr steht Kerry Propper, der zweite Berater, der Nadia bei dieser Israelreise umschwirrt.

Propper ist ein untersetzter Mann, gut geschnittener Anzug, Lederschuhe, der ungern mit Journalisten spricht. Er ist Geschäftsmann, sein Lebensthema ist Genozid. Er hat einen preisgekrönten Dokumentarfilm zu dem Thema mitproduziert. Er sagte einmal über sich, dass er ein "doppeltes Leben" führe. Nicht nur als Philanthrop, er besitzt auch eine Bank, interessiert sich für Investitionen in Afrika, vielleicht im Nordirak; man sieht ihn nie mit Nadia sprechen. Aber er folgt ihr, sie öffnet Türen zu den Mächtigen. Während Nadia vorhin auftrat, saß er in einer Bar.

Die Maschinerie um Nadia Murad nahm in Proppers New Yorker Apartment ihren Anfang. Dort organisiert er erste Hilfsmissionen für die Jesiden im Nordirak.

Man kann Propper glauben, dass es ihm bei seinem Einsatz um Menschen geht. Aber die Jesiden bieten den Beratern auch die Chance, sich international zu profilieren. Jesiden sind weder Christen noch Muslime, sie beten zu Engeln. Als Minderheit lassen sie sich gut präsentieren.

Die Berater recherchieren im Jahr 2015 zum ersten Mal im Land, sie bereiten einen Bericht für den Internationalen Strafgerichtshof vor. Die Truppe hat mit Ex-Chefankläger Luis Moreno Ocampo den besten Helfer. Kerry Propper plant und finanziert das Ganze, sie befragen Zeugen. Es fehlt ihnen nur die eine Stimme für internationale Aufmerksamkeit.

Nadia lebt damals schon in Baden-Württemberg. Sie kommt über ein Sonderprogramm des Landes, das 1000 traumatisierte Frauen aufnimmt. Sie geht zur Therapie bei Jan Ilhan Kizilhan, einem Traumaspezialisten. Später sagt sie, sie brauche das nicht. "Die Auftritte reichen mir."

Man kann Nadias erste Rede vor den Vereinten Nationen im Netz ansehen. Dezember 2015. Sie sitzt leicht vornübergebeugt über einem Pult im Saal des Uno-Sicherheitsrats in New York, die Fingerspitzen unter ihrem Manuskript aneinandergelegt, um sie herum Uno-Mitarbeiter mit Kopfhörern. Das Thema der Sitzung: Kampf gegen Menschenhandel.

REUTERS

Als Zeugin hatten die Amerikaner zuerst eine Frau eingeladen, die Opfer der Terrorgruppe Boko Haram wurde. Offenbar gab es Probleme bei der Einreise, deshalb fragen sie bei den Jesiden an.

Nadia fliegt in der Nacht vor dem Event nach New York. Die Rede schreibt sie mit einem jesidischen Berater im Hotel. Sie denkt an Kocho und die 44 Menschen ihrer Familie, die durch den IS starben. "Wir wurden als Geschenke herumgereicht", sagt Nadia vor der Uno. Zuerst sei ein großer Mann auf sie zugekommen, "er sah aus wie ein Minister". Sie hatte Angst vor ihm. "Ich sagte, ich will dich nicht, ich sagte ihm, du bist zu groß für mich." Ein anderer Kämpfer näherte sich.

Jesidischer Soldat in Kocho: Ein Dorf, von neun Massengräbern umgeben
REUTERS

Jesidischer Soldat in Kocho: Ein Dorf, von neun Massengräbern umgeben

"Ich sah seine Füße, er hatte kleine Füße, ich flehte ihn an, mich zu nehmen, so große Angst hatte ich vor dem kräftigen Kämpfer." Nadia erzählt vom Sklavenmarkt in Mossul, bei dem die IS-Männer wie auf einem Flohmarkt feilschen. Jeder Satz, den sie spricht, klingt wie eine Ohrfeige. Nach jedem Punkt hebt sie den Kopf.

Am Ende bittet Nadia Murad die internationale Gemeinschaft, die Jesiden zu unterstützen; sie schaut auf ihre Hände. Sie glaubt, ihre Gemeinde retten zu können, wenn sie oft genug ihre Geschichte erzählt.

Danach Medienanfragen, eine Einladung ins Weiße Haus, Treffen mit Präsidenten. Der Auftakt für die große Erzählung, von der die Berater träumen, beginnt.

Nadia lernt die Staranwältin Amal Clooney kennen. Eine Frau mit libanesischen Wurzeln, hoch kompetent, sehr attraktiv. Kerry Propper hat die Begegnung angestoßen. Nadia speist mit Clooney in einem Londoner Edelrestaurant. Wenig später nimmt sie Nadia als Klientin an. Kein Werber hätte sich die Story besser ausdenken können.

Clooney will Nadias Anliegen in Politik überführen. Als lebendige Zeugin des Mordens soll Nadia Murad erreichen, was das Mädchen Anne Frank in seinem Versteck nicht vermochte: das Schicksal zu lenken.

Bisher kommen die meisten Kämpfer des IS straflos davon; nationale Gerichte versagen. Und der Irak hat sich der Gerichtsbarkeit des Internationalen Strafgerichtshofs nicht unterworfen. Amal Clooney fordert den Uno-Sicherheitsrat auf, eigenständig Ermittlungen zu beginnen und seine Ergebnisse an das Weltstrafgericht zu übermitteln. Der ICC kann dann ein Tribunal schaffen, wie für Ruanda.

Vor wenigen Wochen beschließt der Uno-Sicherheitsrat, ein Investigativteam in den Irak zu schicken, das Beweise für IS-Verbrechen sammeln soll. Es ist ein kleiner Erfolg für Nadia. Er kommt spät.

Sechs Wochen nach der Israelreise sitzt Nadia Murad in einem Café in Stuttgart. Vor ihr steht eine Tasse heißes Wasser mit einer Zitronenscheibe darin. Sie ist müde.

"Warum ist kaum etwas passiert bisher?", fragt sie. "Auf Videos im Netz entdecken wir IS-Männer, die wir kennen. Sie spazieren als freie Menschen herum. Dabei sind alle Beweise da, man muss nichts ermitteln", sagt sie. "Die Gerichte brauchen so lange, dass ich mir wünsche, dass die IS-Leute im Krieg sterben."

Nadia chattet jeden Tag über WhatsApp mit ihrer Schwester in einem Camp im Nordirak. Sie haben dort eine Erinnerungswand für Nadia gestaltet. Ein Foto von ihr und ihrer getöteten Mutter. Eines von Nadia und Ex-Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Nadias Familie setzt ihre ganze Hoffnung auf sie. Sie können nicht nach Kocho zurück; wem ihr Dorf gehört, ist politisch umstritten. Es ist von neun Massengräbern umgeben. Das Essen im Camp ist so schlecht, dass sie es an Hirten verkaufen. Nadias Tante sucht das Grab ihrer Tochter, die als Gefangene starb. Befreite Mädchen sind so traumatisiert, dass sie nicht sprechen.

In Stuttgart sitzt Nadia mit dem Rücken zum Fenster im Nebenraum des Cafés. Ihr Haar hat sie zusammengebunden, ihre Ohrstecker glitzern im Sonnenlicht. Am Tag zuvor war sie beim "Global Positive Forum" in Paris. Dort trat sie neben einem Astronauten auf. "Ich versuche, keine Fehler zu machen", sagt Nadia. Die Uno. Die Jesidenvertreter. Die Berater. Ihre Familie - sie hat das Gefühl, jeder habe Forderungen an sie.

Die Arbeit an ihrem Buch sei ihre größte Anstrengung gewesen. Sie hat ihre Lebensgeschichte ganz erzählt, sie zog sich dafür mit einer Journalistin auf eine Farm zurück. Bald begann sie zu weinen, weil es so anstrengend war. Aber sie hatte einen Vertrag unterschrieben. Auf Facebook kündigt man später Nadias "Memoiren" an.

Memoiren unterscheiden sich von einer Autobiografie. Ihre Verfasser sind meistens Funktionsträger mit gewichtiger Rolle.

Das nächste Fernsehteam wartet schon vor dem Café, Nadia schaut durch das Fenster. Es ist ein heller Tag. "Machen wir noch einen Spaziergang?", fragt sie.

Sie geht zwischen Supermärkten und Hochhäusern entlang. Vor ihr läuft Abid, 28, auch er Jeside, geboren in Nadias Heimat. Als sei es ein Geheimnis, flüstert sie: "Wir wollen vielleicht heiraten." Abid ist ihr Freund. Er lebt in den USA, wo er Autos verkaufte, bis der IS den Irak überfiel. Seitdem engagiert er sich bei Yazda, einer Jesidenorganisation. "Nadia ist eine starke Frau, die viele Tränen zurückhält", sagt Abid. Und: "Ich will sie beschützen."

Nadia erzählt, wie sie Abid morgens anrufe und ihm von ihren Träumen erzähle. Bei jedem schlechten Traum bitte sie ihre Schwester im Irak, den Armen Brot zu schenken. So wolle sie Unglück abwehren.

Die beiden können lange von ihrer Heimat erzählen, von Schreinen, Talismanen, Hochzeiten, Ritualen und Bergen.

"Ich vermisse alles", sagt Nadia.

Murad Ismael verfolgt dasselbe Interesse wie Nadia. Er trägt eine Funktionsjacke, einen Bürstenhaarschnitt, wartet an einem diesigen Oktobertag am Hauptbahnhof von Hannover. Er sucht das Café Extrablatt in der Fußgängerzone aus, Barhocker, laute Musik, ein Wasser. Nach zehn Minuten stellt er sein Glas ab. Er weint.

"Wir haben so frei begonnen", sagt er. "Wir waren verletzt worden und wollten uns verteidigen." Als Nadia Murad vor der Uno gesprochen habe, habe er an Martin Luther King gedacht, so kraftvoll sei ihre Rede gewesen. "So etwas Besonderes für eine Jesidin, vor der Uno zu stehen. Wir Jesiden wurden in unserer Geschichte immer benachteiligt", sagt er. "Jetzt bestimmten wir zum ersten Mal die Agenda mit."

Murad Ismael stammt aus der gleichen Provinz wie Nadia. Er zog in die USA, weil er sich nach seiner Arbeit für die US-Armee nicht mehr sicher fühlte. Er begleitete Nadia zum Uno-Sicherheitsrat. Ihr dritter Berater, wenn man so will.

Früher seien Nadia und er einfache Menschen gewesen. Ismael las als Ingenieur Bücher über das All und schrieb Gedichte. "Nadia war eine typische Jesidin, die dauernd mit ihren Freundinnen plauderte." Niemals hätten sie sich verändern wollen. "Jetzt prägt der Genozid unsere Identität."

Murad Ismael hat Angst vor dem Moment, in dem Nadia aufhören will. "Ich wünsche mir, dass sie der nächste Nelson Mandela wird", sagt er. "Die Welt braucht ihre Stimme, ihr Bild und ihre Kampagne. Viele Menschen opfern ihr Leben für andere." Aber die Welt sei ein Ort voller Interessengruppen. Jeder habe seine Agenda. Murad Ismael fürchtet, dass Nadia unter dem Druck aufgeben wird. "Man kann die Inspiration in niemanden einpflanzen. Sie will ihr einfaches Leben zurück."

Das aber ist weit weg. Nadia Murad besucht die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und läuft durch das "Denkmal für die Kinder". Ein nachtschwarzer Raum, in dem Kerzen so gespiegelt werden, dass ein Himmel voller Sterne entsteht. Vom Band erklingen die Namen der ermordeten Kinder, ihr Alter, der Ort, an dem sie geboren sind. Nadia ist still. Ausgerechnet hier kann sie sich kaum konzentrieren. "Auf meinem Handy kommen SMS von zu Hause an. Jeder hat Probleme", sagt sie.

Jesidin Murad in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem: "Damit ihr wisst, was ihr verloren habt"
Jonas Opperskalski / DER SPIEGEL

Jesidin Murad in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem: "Damit ihr wisst, was ihr verloren habt"

Yad Vashem liegt am Herzlberg in Jerusalem. Vor dem Eingang fahren Reisebusse heran, Schulklassen lärmen. Jedes Jahr kommen über zwei Millionen Besucher. Der weißhaarige Shoshi, Überlebender des Holocaust, führt durch das Museum. Nadia stolpert ihm nach. Sie schaut Aufnahmen der Pogromnacht an, geht über Steine aus dem Warschauer Getto. Sie betrachtet Schuhe der Juden, die in Auschwitz starben. Sie sieht einen Nachbau des Schriftzugs "Arbeit macht frei". Fotos der Ermordeten, mit ihren Namen.

Vor einer Videoinstallation, in der Zeugen des Holocaust sprechen, sagt Shoshi: "Wenn ihr eines Tages ein Museum baut, stellt ihr Überlebende vor eine Kamera."

Nadia wird lange an diesen Satz denken.

Sie sagt: "Wir wollen lernen, wie man mit einem Genozid umgeht." Die Jesidenvertreter möchten eine Gedenkstätte bauen. Die Erzählung braucht auch einen Ort.

In einem braun ausgekleideten Konferenzraum empfängt der Direktor der International School for Holocaust Studies. Die Berater fragten, wie sie die Zeugenaussagen der Jesiden am besten archivieren sollen. Wie man sie gut präsentiert.

Der Direktor, ein gesetzter Mann, erklärt, dass man im Memorial mit Erzähltechniken arbeite. Mit Filmen und Bildungsmaterial. Er empfiehlt Nadia, sich an ihren kulturellen Reichtum zu erinnern. "Damit ihr wisst, was ihr verloren habt." Zum Abschied überreicht er ihr eine Plastiktüte mit acht Büchern und Videos darin.

Vor den Jesiden liegt eine große Aufgabe. Sie sollen eine Erinnerungsmaschine bauen, um die Vergangenheit lebendig zu halten. Dass Nadia Murad von den Jesiden erzählt, reicht nicht. Wie sie von den Jesiden erzählt - das interessiert die Berater.

Nadia Murad soll Anne Frank werden, damit jeder die Jesiden hört - und ihre Geschichte kauft. In einer Zeit, in der Aufmerksamkeit rar ist, bietet es sich an, Emotionen zu nutzen, die schon im historischen Gedächtnis verankert sind. Für den englischen Titel von Nadias Buch haben Berater "Das letzte Mädchen" gewählt.

Draußen lehnt sich Nadia an eine Mauer unter dem wolkenlosen Himmel von Jerusalem. "Ich werde weiter erzählen, bis die Jesiden gehört werden", sagt sie.

Mitte Oktober hat Nadia den nächsten großen Termin. Ihre Berater erscheinen auf Facebook-Fotos aus Paris. Elizabeth Schaeffer Brown, High Heels, und Kerry Propper, Beine breit, sitzen strahlend auf vergoldeten Sesseln im Élysée-Palast. Die beiden sehen aus, als hätten sie die Zeit ihres Lebens.



© DER SPIEGEL 44/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.