AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2017

Mit drei Kindern in Kriegsgefangenschaft Die verhängnisvolle Liebe einer Deutschen im "Islamischen Staat"

Die Studentin Elif K. folgte einem Dschihadisten aus Solingen ins "Kalifat". Jetzt sind sie und ihre drei Kinder Kriegsgefangene der irakischen Regierung. Wie konnte es so weit kommen?

Irakisches Lager Hammam al-Alil
REUTERS

Irakisches Lager Hammam al-Alil

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Es ist der 25. August 2017, ein glühend heißer Tag im Irak, als Elif K., eine 29-jährige IS-Anhängerin aus Deutschland, eine letzte WhatsApp-Nachricht aus dem "Kalifat" in die Heimat schickt. Die Häuser um sie herum stehen in Flammen, der Lärm der angreifenden Hubschrauber verschluckt ihre Worte, ihre Kinder schreien bei jeder Explosion. Elif sieht, wie die Welt untergeht, in der sie die letzten vier Jahre verbracht hat. "Unser Leben", denkt sie, "geht jetzt einfach so vorbei."

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Heft 39/2017
Zehn Wege für Bildung und Erziehung - Wie Schule endlich gelingt

Elif ist eine schüchterne Frau mit haselnussbraunen Augen, die Kochen und ZDF-Quizsendungen liebt. Seit sie ihr Leben in einer deutschen Kleinstadt gegen den "Islamischen Staat" eingetauscht hat, hat sie ein Abenteuer erlebt, Kinder geboren. Sie weiß auch, wie sich Luftangriffe anfühlen, hat sich Hunderte Male unter dem Bett versteckt, gebetet, geweint und sich gefragt, wie der Tod sich wohl anfühlen werde.

Jetzt schreibt sie dem Vater in Deutschland: "Hallo Papa, uns geht es gut. Ich bin in der Nähe von Tall Afar. Ich muss bald nach Syrien gebracht werden, weil die die ganze Stadt wegbomben. Ich weiß nicht, ob ich noch dreißig Jahre alt werde. Ich melde mich, wenn ich angekommen bin." Dann, wie um zu verdeutlichen, was in den vergangenen Jahren für sie zählte, schickt sie eine letzte Nachricht hinterher: "Lies Koran."

Elif rafft Kleider zusammen, ihr Handy, sie packt die Kinder und rennt aus ihrem Haus. Davor, auf der Straße, liegt ihr Mann. Eine Mörsergranate ist neben ihm eingeschlagen, er ist schwer am Kopf verletzt. Sein Körper ist rot und geschwollen.

Sie ruft seinen Kosenamen: "Hamzi!" Doch Patrick, ihr Mann, Vater ihrer Kinder, ein international gesuchter Dschihadist, reagiert nicht. Der Mann, dem sie ins IS-Gebiet gefolgt war. Er sei am Leben gewesen, erzählt sie, habe sich aber nicht mehr bewegt. "Er sah emotionslos aus", sagt sie leise. "Er lag einfach da." Sie lässt ihn zurück. IS-Männer führen Frauen und Kinder aus der Stadt, die wenig später von Kurden und der irakischen Armee erobert wird.

Elif erzählt diese Szene ihres Abschieds aus dem "Kalifat", zusammengekauert auf einer kleinen Treppenstufe, in einem Gefangenenlager, das die irakische Regierung für ausländische IS-Frauen und ihre Kinder errichtet hat. Elif ist eine zarte und blasse Frau. Ihr Körper ist von einer dunkelblauen Abaja verhüllt, sie zeigt ihr Gesicht, umrahmt von einem schwarzen Schleier, es hat klare Züge. Ein Bügel ihrer Brille ist zerbrochen, aber das bemerkt sie kaum. Elif ist Kriegsgefangene. Zusammen mit 1400 Frauen und Kindern wurde sie von irakischen Sicherheitskräften nach dem Fall von Tall Afar hierhergebracht.

Sie sagt: "Ich weiß nicht, wie es mir geht, ich bin sehr durcheinander. Die Schlacht von Tall Afar war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Diese Bombardierungen."

Ihr Sohn Abdul Wadud, zwei, schlingt seine Hände um ihren Hals. Sein blonder Kopf wirkt groß auf seinem unterernährten Körper. "Er hat eine Beule, die nicht verschwindet", sagt Elif. Ihre Tochter Maryam, drei, trägt ein schmutziges Kleid und reibt sich die Augen, aber spricht nicht. Abdur Rahman, fünf, der Älteste, hat Leishmaniose, eine durch Parasiten ausgelöste Hautkrankheit, auf seinen Armen nässen Geschwüre.

"Männer haben eine Rakete auf meinen Papa geworfen. Mein Papa ist krank", sagt er. "Mein Papa blutet." Sein Tonfall klingt fast erwachsen, als erklärte er etwas.


Im Video: Irak - Im Lager der IS-Frauen
SPIEGEL-Redakteurin Katrin Kuntz über ein Camp in der Nähe Mossuls, in dem Hunderte Frauen und Kinder von IS-Kämpfern leben.

MARCEL METTELSIEFEN / DER SPIEGEL

Elif wirkt jünger, als sie ist. Das liegt an ihrem mädchenhaften Äußeren, aber auch an ihrer einfachen Art zu sprechen. Sie fragt sich, warum sie eingesperrt ist. "Warum lassen sie uns nicht frei? Wir haben mit dieser Sache nichts zu tun."

Dies ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich in einen Mann verliebte, mit dem sie zum IS nach Syrien ging. Die Geschichte von Elif und Patrick handelt von einer verhängnisvollen Liebe und von einer großen Verirrung.

Elifs Name und einige biografische Details sind in dieser Geschichte verschleiert, um ihre Verwandten zu schützen. Das Auswärtige Amt in Berlin kennt ihren Fall.

Das Lager, in dem Elif Anfang September festgehalten wird, liegt in Hammam al-Alil, einem staubigen Nest im Nordirak, berühmt für seine Badequellen. Es ist nicht weit von Tall Afar, der Stadt, aus der Elif geflohen ist. Das Camp der IS-Frauen ähnelt einem Freiluftgefängnis, groß wie ein Fußballfeld, umgeben von Stacheldraht. 1400 Frauen und Kinder sind hier eingesperrt, die meisten stammen aus der Türkei, aus Usbekistan, Tadschikistan, aber auch aus China, Frankreich und Deutschland. Eine Hilfsorganisation hat Zelte aufgebaut. Darin liegen, auf Matratzen und Decken, erschöpfte Frauen. Sie tragen dunkle Abajas, wie im IS-Gebiet.

Die irakischen Soldaten, die das Camp mit Kalaschnikows bewachen, zeigen ihren Hass offen. Ein Wächter sagt: "Wir würden diese Frauen umbringen, wenn die internationalen Helfer nicht da wären." Es dauert Stunden, bis sie einem Interview zustimmen, zwischendurch unterbrechen sie es mehrfach. Sie verbieten zu fotografieren.

Elif will ihre Geschichte erzählen. Sie hofft auf Hilfe. Sie will nur noch nach Hause, frei sein und leicht, wie früher.

Elif fragt sich, warum sie eingesperrt ist. "Wir haben mit dieser Sache nichts zu tun."

Das Chaos im Camp ist groß, doch Elif wirkt ruhig, fast apathisch. Während sie erzählt, stillt sie ihren Jüngsten. Und egal wie oft sie von den Soldaten gestört wird, Elif reagiert ergeben. Abdur Rahman, ihr ältester Sohn, schaut einem Mann im Camp hinterher, einem Soldaten. "Hey Papa", ruft er. "Papa? Heyyy Papa!"

Bald wird der "Islamische Staat" im Irak wohl militärisch besiegt sein. Dann wird es um Strafe und Versöhnung gehen, nicht nur im Irak, auch in den Ländern, aus denen IS-Anhänger ausgereist sind.

Die deutschen Behörden vermuten, dass es noch etwa 70 deutsche IS-Frauen im Irak gibt. Rund 940 Islamisten sind aus Deutschland nach Syrien und in den Irak gereist, die meisten von ihnen Muslime mit Migrationshintergrund. Noch sind mehr als die Hälfte von ihnen im Ausland, viele aber wollen zurück. Wie soll Deutschland mit den IS-Ehefrauen umgehen? Welche Schuld tragen sie? Was gilt für die Kinder, die Opfer ihrer Eltern wurden?

Frankreich und andere Länder haben den Irakern die Daten der Ausgereisten gegeben und wünschen, dass sie dort vor Gericht gestellt werden, aus Sicherheitsgründen. Die deutschen Behörden fürchten dagegen außergerichtliche Exekutionen - oder Schauprozesse, weil die Iraker demonstrieren wollen, dass viele Ausländer den IS unterstützten. Auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung steht im Irak die Todesstrafe. Gegen die 16-jährige IS-Anhängerin Linda W. aus Sachsen, die vor einigen Wochen in Mossul festgenommen wurde, wurde in Bagdad inzwischen ein Strafverfahren eröffnet.

Elif K. fragt sich, was mit ihr und den Kindern geschehen wird. "Ich wollte immer meinen Studienabschluss machen", sagt sie. Sie wurde als Tochter von Einwanderern in einer deutschen Kleinstadt geboren, ein Uniabschluss hätte viel bedeutet. Elif wächst auf in einem Reihenhaus mit Garten, einer kleinen und ordentlichen Welt. Sie fährt mit der Familie im Urlaub ans Meer, einmal sogar in ein Fünfsternehotel. Elif liebt den Strand und das All-inclusive-Büfett. Sie sagt: "Ich habe es aber nicht ausgenutzt." Es ist ein für sie typischer Satz. Sie legt Wert darauf, dass sie sich stets angepasst und an die Regeln gehalten habe.

In ihrer Jugend hat Elif dieselben Freunde wie ihre Geschwister, trainiert im Fitnessstudio, geht mit Freundinnen shoppen. Sie trinkt nicht und raucht nicht. Ein Mädchen, das gut sein will. Ihre Eltern wissen stets, was sie gerade macht. Doch Elif ist keine gute Schülerin, sie sagt, dass ihre Geschwister in allem besser gewesen seien. Trotzdem schafft sie den Schulabschluss, studiert sogar ein paar Semester. Wenn sie davon erzählt, klingt es, als verschwände ein Mädchen hinter seinem Bemühen.

Elif wächst in einem muslimischen Haushalt auf, in dem Religion aber keine Rolle spielt. Auch sie interessiert sich nicht für den Islam, bis sie 2011 neue Freunde und den Mann kennenlernt, der sie in eine andere Welt entführt. In der Stadt, in der sie studiert, trifft sie marokkanische und pakistanische Freundinnen. Eine von ihnen stellt ihr Patrick K. vor, gleich alt, einen zum Islam konvertierten Deutschen.

Elif sagt, Patrick habe ihr äußerlich gefallen, vom Typ her. Genauer kann sie nicht erklären, warum sie sich in ihn verliebte. Zuerst tut er ihr leid. Er ist im Heim groß geworden, hat seine Mutter nie gesehen, der Vater kümmert sich nicht um ihn. Die beiden lernen sich online besser kennen. Vor dem ersten Date tauschen sie per Messenger Fragen aus.

Wie kamst du zum Islam?

Welchen Schulabschluss hast du?

Was machst du beruflich?

Warum möchtest du heiraten?

Wie stellst du dir eine Ehe vor?

Welche Eigenschaften sollte eine Frau haben?

Wann möchtest du Kinder?

"Ganz normale Fragen eben", sagt sie.

Simon Prades/ DER SPIEGEL

Elif erzählt, wie sie den Koran wiederentdeckte. "Die Verse gingen direkt in mein Herz." Ihre Lieblingssure sei Nummer 56. Die Gläubigen werden dort eingeteilt in die Gefährten zur rechten Seite, die Gefährten von der unheilvollen Seite und die "Vorausgeeilten". Die Vorausgeeilten? "Die Vorausgeeilten, das sind diejenigen, die Allah nahegestellt sein werden, in den Gärten der Wonne." Sie sagt: "Ich wollte immer zu den Vorausgeeilten gehören." Patricks Lieblingssure sei Nummer 78 gewesen. Sie handelt von Vergeltung und Strafe, aber auch vom "Gewinn für die Gottesfürchtigen: Obstgärten und Rebstöcke und gleichaltrige Frauen mit schwellenden Brüsten und Becher, bis zum Rand gefüllt".

Sie warten nicht lange mit der Hochzeit. Elif ist 23. Im selben Jahr schlachten sie ein Schaf, zur Feier laden sie nur seine Freunde ein. Elif bricht ihr Studium ab und zieht zu ihm. Patrick isoliert sie von ihrer Familie. "Ich war plötzlich immer zu Hause. Ich wollte gern meine Eltern sehen. Aber das ging nicht." Der Kontakt ist ihr verboten. Ein Jahr später kommt Abdur Rahman zur Welt, ihr Erstgeborener.

Elif spricht gern über ihr Leben vor dem IS und sagt immer wieder, wie gut ihre Eltern und Geschwister seien. Sie hört sich so an, als habe sie nicht verstanden, in welcher Situation sie sich befindet. Ein wenig orientierungslos, wie jemand, der daran gewöhnt ist, Befehle zu empfangen.

Sie sagt, Patricks Arbeit habe damals darin bestanden, bei islamischen Festen zu kochen. Abends schauen sie Videos von Notleidenden in Syrien an. Sie gehen zu Benefizveranstaltungen des Vereins Helfen in Not. Die Sicherheitsbehörden hegen den Verdacht, dass dieser Verein dschihadistische Organisationen unterstützt.

"Die Videos haben mich persönlich sehr angesprochen", sagt Elif. "Ich wollte etwas tun." Sie habe ihre Freunde um Spenden gebeten. "Und dann kam diese Sache, dass wir nach Syrien geflogen sind." Mitarbeiter des Vereins, erzählt sie, brachten das Ehepaar und seinen Sohn im Sommer 2013 zum Flughafen. Sie reisten in die Türkei, nach Gaziantep an die syrische Grenze.

Elif und ihr Mann backen Pizza, sie schauen ARD und ZDF. Es ist ein fast deutsches Leben.

Elif ist im vierten Monat schwanger, als sie mit einem Koffer über die grüne Grenze laufen. "Ich hatte nicht vor, lange zu bleiben", sagt sie. "Ich habe mir keine großen Gedanken gemacht, dass die zum Beispiel mit Raketen schmeißen."

Sie kommen in der Stadt Asas an, nahe der Grenze zur Türkei, hier herrscht damals der IS. "Die waren sehr nett und haben sich gefreut, dass wir gekommen sind, um zu helfen", sagt Elif. Eine Wohnung ist vorbereitet. Miete zahlen sie nicht.

Doch sie sind im Krieg gelandet. Asas ist damals umkämpft. Elif sagt, sie habe zurückgewollt, als ihr das klar geworden sei. Patrick habe geantwortet: "Du bist doch gerade erst angekommen, bleib noch, das ist weit weg." Sie fügt sich, sie bleiben ein halbes Jahr lang in Asas. "Es gab Tote, Kämpfe, Schüsse. Mir hat das eigentlich von Anfang an da nicht so richtig gefallen", sagt Elif. Sie sei viel im Haus geblieben, auch weil sie schwanger war. Ihre Tochter kommt im Dezember 2013 in einem Geburtshaus zur Welt. Patrick freut sich sehr über das Kind. Schwanger zu werden gehört zu den Pflichten der Frauen im "Kalifat", schließlich werden Bürger gebraucht.

Der IS verliert in Asas an Boden, Frauen und Kinder werden nach Rakka gebracht, in die inoffizielle syrische Hauptstadt des "Kalifats". Dort kommt Elif mit den Kindern im Winter 2014 in einer verlassenen Villa unter, zusammen mit anderen Familien. Sie warten auf Patrick, der zurückgeblieben ist, um die Stadt zu verteidigen. Als er nachkommt, zieht die Familie in eine eigene Unterkunft. Rakka gefällt ihr nicht. "Es war nirgendwo so schlimm", sagt sie.

Im Oktober 2014 registrieren deutsche Behörden im Internet Einträge und Fotos, in denen Patrick sich zum IS bekennt und mit einer Kalaschnikow posiert. In der Fahndungsnotierung heißt es: Die Bilder lassen darauf schließen, "dass sich K. in Syrien befindet und dort an Kampfhandlungen teilnimmt".

Elif behauptet, ihr Mann sei kein richtiger Kämpfer gewesen. "Manchmal war er bei islamischen Veranstaltungen und hat gefilmt. Oder Wache gehalten." Niemanden getötet? "Nein." Sicher? "Ich kenne meinen Mann." Wenn der Emir, also einer der Befehlshaber beim IS, Patrick befohlen habe, in den Kampf zu ziehen, habe der geantwortet: "Nein, ich kann nicht. Ich habe Angst. Meine Fitness ist nicht gut." Dann habe der Emir gesagt: "Okay, kein Problem, geh nach Hause." Was davon stimmt, lässt sich nicht nachprüfen, wie die meisten von Elifs Aussagen.

In Rakka sieht Elif vom IS getötete Menschen auf der Straße. Sie klingt zögerlich, wenn sie darüber spricht: "Ich habe zum Beispiel gesehen, da liegt eine Leiche. Ich wusste nicht, dass der Islam das erlaubt. Ich habe einfach weggeguckt. Man hat ja viel mit dem Tod zu tun, dann wird das plötzlich normal." Die Luftangriffe verstören sie. "Jedes Mal, wenn ich im Bett das Dröhnen der Flugzeuge über mir hörte, dachte ich, okay, das trifft mich jetzt." Patrick habe seine Decke über den Kopf gezogen. Sie habe gedacht: "Okay, dem geht es ja auch nicht gut, obwohl er ein Mann ist."

Die Monate vergehen, und Elif versteht immer weniger, was sie in Syrien soll. "Was mache ich denn hier?", fragt sie ihren Mann. "Ich gebe ja keine Spenden mehr. Ich tue nichts." Sie will nach Hause, doch ihr Mann sagt: "Das erlauben die nicht." Sie könne es versuchen, aber die Kinder müssten bleiben. Und wenn man sie erwische, werde man sie töten. Elif bleibt. Sie zeigt ihrem Sohn Videos auf dem Computer. "Sendung mit der Maus" oder "Löwenzahn".

Patrick weiß, wie man Menschen manipuliert. Davon kann ein Mann viel erzählen, der ihn kennt, seit Patrick viereinhalb Jahre alt war. Der Mann bezeichnet sich als eine Art Ziehvater, lebt im Rhein-Main-Gebiet und soll hier nur J. heißen. Er ist Künstler, 76, ein Rentner, der in seinem Atelier Stillleben von Vasen malt. Bis heute steht auf dem Gelände, auf dem er wohnt und arbeitet, das Waisenhaus, in das Patrick als Kleinkind kam. Der kleine Patrick kommt immer wieder in seine Wohnung, und J. nimmt sich des Jungen an, er macht Ausflüge mit ihm ins Museum.

Patrick war ein kratziges Kind, niemand durfte ihn umarmen, sagt sein Ziehvater. Die Betreuer sind überfordert mit Patrick, er verprügelt andere Kinder. Als er 15 Jahre alt ist, zieht ein Erzieher mit ihm für ein halbes Jahr in ein französisches Dorf, wo er Holz hacken und im Wald toben soll. Der Ziehvater schenkt ihm eine Kamera. Er zeigt Bilder, die damals entstanden sind: ein Hund, ein Pfau, Lagerfeuer, Nebel. "Die beste Zeit seines Lebens", sagt J., "er wünschte sich immer dorthin zurück."

Wieder in Deutschland, randaliert Patrick und schwänzt die Schule. Immer wieder sucht er vergebens Kontakt zu seinem leiblichen Vater. Als er 17 ist, vermittelt ihm das Jugendamt eine Wohnung. Der Absturz beginnt. Patrick macht Schulden, er wird kriminell. Als er 18 oder 19 ist, teilt er seinem Ziehvater bei einer Autofahrt mit: "Ich bin zum Islam übergetreten." J. ist erstaunt, aber er sagt: "Ich dachte, das klingt ja gut, weil er sich Regeln gibt."

Patrick isst kein Schweinefleisch mehr, betet im Atelier, trägt einen "Theologenbart". J. fährt ihn zu einer Hinterhofmoschee in Solingen, dort kommt er bei einer Clique radikaler Salafisten unter. Er schenkt dem Ziehvater einen Koran. Der liest ihn nicht, aber seine Hilfsbereitschaft kennt keine Grenzen. Er leiht ihm ein Auto, einen Computer. Weil Patrick ihn darum bittet, malt J. nach einer Vorlage IS-Fahnen auf Leinwand, die Patrick dann an seine Freunde verschenkt. J. kennt die Bedeutung der Symbole nicht.

Plötzlich teilt Patrick ihm mit, dass er heirate. J. fährt mit dem Paar zu Ikea, zum Supermarkt, mit der schwangeren Elif zum Frauenarzt. Die Frau sei unter einer "schwarzen Tüte" versteckt gewesen, sagt er. Eine angenehme Art, eine warme Stimme habe sie gehabt. "Aber ich habe nie ihre Augen gesehen." In Deutschland sieht der Ziehvater auf einem Foto der Reporterin aus dem Camp zum ersten Mal Elifs Gesicht. "Sieht nett aus", sagt er. Und fragt, ob Patrick gewalttätig gewesen sei, ob sie dazu etwas gesagt habe. Hat sie nicht.

Illustration: Simon Prades / DER SPIEGEL

Ein einziges Mal, in Frankfurt, im Büro einer Anwältin, habe Elif nach der Heirat ihre Eltern getroffen, erinnert sich der Ziehvater. Er sei derweil Runden um den Block gefahren. Die Abfahrt sei "sehr konspirativ" abgelaufen. Patrick sei schnell mit ihr eingestiegen, weil die Eltern sie angeblich festhalten wollten.

Am 5. Mai 2012 kommt es in Bonn-Bad Godesberg zu Ausschreitungen von Salafisten, bei denen zwei Beamte mit Messerstichen verletzt werden. Laut Polizei ist auch Patrick an dem Tag dabei. Er gilt als "Hochkaräter im islamischen Spektrum" mit "Kontakten in alle Himmelsrichtungen zu etlichen Gefährdern", so ein Vermerk des Bonner Staatsschutzes. Der Ziehvater bekommt Besuch vom Verfassungsschutz.

Mitte 2013 verschwindet Patrick plötzlich. Wochen später, am 27. Juni, sendet er eine E-Mail an den Ziehvater: "Ich bin jetzt in der Türkei und werde erst einmal eine lange Zeit, wenn nicht für immer, hier bleiben. Es wäre sehr nett, wenn du mich vielleicht jeden Monat mit einem kleinen Einkauf unterstützen könntest." Er bestellt ein Paket bei ihm. "Gesichtspflegecreme Calendula für Babys von Bübchen", "2x Oregano, 2x Pommesgewürz, 5x Gläser Senf mittel", einen "E-Book-Reader" und "Schwarzbrot (in Vakuumverpackung)". Abzugeben in einem Handyladen in Herne.

Der Kontakt hält über die Jahre. Es gibt E-Mails und Chatprotokolle, in denen es um Geld geht, ums Wetter. Von lebensbedrohlichen Problemen schreibt Patrick nichts. Man wohne in einer besseren Wohnung als in Deutschland, berichtet er, und fahre bessere Autos. Über seinen Aufenthaltsort sprechen die beiden nie. Im April 2015 mailt Patrick: "Mal im Iraq mal in Libyen mal in Nigeria, in Afghanistan Jemen Algerien Saudi Arabien mal in Syrien. Halt immer da wo gut ausgebildete deutsche Killermaschinen gebraucht werden. :)"

Die letzte Nachricht kommt im August 2017 aus Tall Afar: "Die Bekloppten werfen wild mit ihren Bomben rum." Weiter: "Dies ist der Weg, den wir uns ausgesucht haben und bis zum Ende gehen werden."

Im irakischen Camp bricht ein neuer Tag an. Elif tritt aus ihrem Zelt. Sie ist erschöpft, sie hat schlecht geschlafen.

"Sehen wir etwa aus wie Extremisten?", fragt sie. "Von unserer Kleidung abgesehen, sind wir ganz normale Menschen." Und ja, sie habe einen Fehler gemacht, als sie nach Syrien ging, "ohne böse Absicht". Elif sagt, sie sei traurig über die Menschen, die durch Luftschläge im IS-Gebiet starben, nach IS-Anschlägen in Europa fragte sie sich: "Warum machen die so ein Drumherum, wenn da zwei, drei Leute sterben? Hier sterben Hunderte jeden Tag. Warum töten die uns?" In ihrer Logik ist es der IS, der schuldlos attackiert wird.

Elif beschönigt, wenn sie erzählt, vielleicht auch, um sich zu schützen. Das Leben im "Kalifat" sei für Frauen nicht so schlimm gewesen. "Wenn eine auf der Straße nicht korrekt gekleidet war, wurde sie ermahnt. Bitte nicht so enge Sachen. Bitte die Augen bedecken. Aber ganz höflich, glaube ich." Von den öffentlichen Auspeitschungen, die es unter dem IS gab, erzählt sie nichts. Dafür von einer Steinigung, die sie erlebte, als die Familie nach Tall Afar weiterzog. Eine Menschenmenge hatte sich um eine Frau versammelt, die "Unzucht" begangen haben soll. Die Frau habe sich freiwillig gestellt. "Sie hat bereut, dass sie Unzucht begangen hat, und wusste, dass sie gesteinigt wird", sagt Elif. "Sie wollte das wahrscheinlich, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte. Sie war verheiratet und konnte so nicht leben", das ist ihre Erklärung für eine bestialische Tötung.

In Tall Afar, im Nordirak, war das Leben nach den Strapazen in Asas und Rakka endlich gut. Patrick und sie hätten sich wohlgefühlt, wie zu Hause. Elif spricht im Präsens, als habe sie noch nicht verstanden, dass sie eine Gefangene ist.

"Ich lebe schon zweieinhalb Jahre in Tall Afar", sagt sie. "Es ist fast wie in Deutschland." Sie bewohnten eine Villa mit Pool, viele Bewohner Tall Afars waren geflohen und hatten ihre Besitztümer zurückgelassen. "Schön kaltes Wasser, wie im Urlaub."

Elif bringt hier ihr drittes Kind zur Welt. Die beiden verdienen Geld, indem sie zu Hause Pizza backen. Elif belegt den Teig in der Küche, und Patrick kümmert sich um die Lieferung an eine Bäckerei. Im Fernsehen empfangen sie ARD und ZDF. Es laufen "Die Küchenschlacht" oder Quizsendungen. Ein fast deutsches Leben.

Doch dann kamen die Luftangriffe, und ihr Leben im "Kalifat" habe plötzlich geendet, sagt Elif. "Schneller als gedacht."

Viertausend Kilometer entfernt von Elifs Camp steht neben einer deutschen Autobahn ein einsamer Mann, der sein Kind verloren hat. Der Mann ist Elifs Vater. Man darf nicht schreiben, wer er ist oder wo er wohnt; die Schande findet er für die Familie zu groß. Er soll in dieser Geschichte namenlos bleiben. Der Mann ist Einwanderer, sein Leben lang hat er hart gearbeitet, um für seine Familie eine Existenz aufzubauen. Seit seine Tochter Patrick nach Syrien gefolgt ist, wacht er nachts manchmal auf und schreit.

Der Mann setzt sich ins Auto, nimmt die Reporterin mit in sein Zuhause. Er ist wütend auf seine Tochter. In der Küche wärmt er Reis auf, schneidet Obst. Das Haus ist ordentlich, hübsche Vasen, funktionale Einrichtung. Er sagt, Elif habe ein "sauberes Herz" gehabt. Sie sei leichtgläubig gewesen, nie religiös. "Wir haben kaum gemerkt, wie sie uns entglitt." Am nächsten Mittag, als der Vater in einem Park sitzt, ruft Elif aus dem Camp auf dem Handy der Reporterin an.

Der Vater rennt mit dem Telefon zu einem See; ein Mann, allein in seiner Welt. Er hört die Stimme seiner Tochter zum ersten Mal seit fünf Jahren. Sie sagt ihm, sie sei da in eine Sache hineingeraten, aus der sie sich nicht befreien konnte. Elif hat sich für das Gespräch auf der Toilette des Camps versteckt. "Papa, ich möchte nach Deutschland zurück. Ich habe einen Fehler gemacht." Der Vater hat ihre Stimme danach noch lange im Ohr. Er beginnt, Elif langsam zu verzeihen. Ein paar Tage später nennt er sie vorsichtig "mein Schatz".

Niemand weiß, wann und ob sie zurückkehren werden. Elif ist ohne Anklage in Gefangenschaft. Der Irak besteht bisher darauf, Fälle wie ihren juristisch selbst zu verfolgen. Sollte sich herausstellen, dass Elif für den IS gekämpft hat, droht ihr Gefängnis oder Tod durch Erhängen. Falls sie sich nicht strafbar gemacht hat, wird sie wohl an die deutsche Botschaft überstellt.

Die Bundesregierung geht davon aus, dass es eine Art Deal mit dem Irak geben wird und die IS-Frauen nach Deutschland zurückkehren können. Die Staatsschützer fragen sich aber, wie radikalisiert und gefährlich die Frauen sind. Sie müssen in Deutschland mit einem Verfahren wegen Unterstützung einer Terrorgruppe rechnen. Das nachzuweisen wird schwierig. Viele werden vermutlich straffrei ausgehen.

Im Camp hat Elif über eine Zukunft in Deutschland nachgedacht. Sie wolle wieder bei ihren Eltern wohnen. Die Kinder sollen eine Schule besuchen. Es sei falsch gewesen, nach Syrien zu fahren. "Ich dachte, wir machen so etwas wie Urlaub. Weil es guttut, mal woanders zu sein."

Sie sagt, sie wisse nicht, ob ihr Mann noch lebe. Sie fürchte, dass er tot sei. Abdur Rahman, der älteste Junge, der vier Jahre unter dem IS lebte, turnt im Camp neben seiner Mutter umher. Er sagt: "Wenn du nicht betest, kommst du in die Hölle, okay. Und wenn du betest, kommst du ins Paradies, okay." Elif schaut beschämt.

Den Wunsch zu helfen hat sie immer noch. "Vielleicht kann ich ja in Deutschland mit Flüchtlingen arbeiten", sagt sie. Elif hat gehört, es gebe großen Bedarf. Wegen der Menschen, die aus Syrien und dem Irak fliehen. Dass diese Menschen vor dem Krieg geflohen sind, den der IS mitbefördert hat, dazu sagt sie nichts.

Diesen Montag, gut eine Woche nach dem Treffen im Camp, bringt die irakische Regierung Elif und ihre drei Kinder in ein Militärgefängnis nach Tall Kaif, nördlich von Mossul. Dort sollen die IS-Frauen befragt werden. Am Mittwoch erreicht Elifs Vater sie am Handy, er kann sie kaum verstehen. Sie sagt, sie habe sehr große Angst.

Mitarbeit: Jörg Diehl, Matthias Gebauer, Rodi Hesen



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