AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2018

IS-Terror im Irak "Ich sah die Blutlache, die größer wurde. Mein Blut"

Der "Islamische Staat" ist aus der Stadt Hawidscha offiziell vertrieben - doch nachts kommen die Kämpfer zurück und terrorisieren die Bevölkerung. Ein Besuch.

Simon Prades / DER SPIEGEL

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Die Tage sind klar und hell. Solange man weit sehen könne, sei es sicher, beteuern sie. Solange die Konturen der Baumreihen am Dorfrand, der Sträucher zwischen den letzten Feldern, dem Rand der Wüste zu erkennen seien.

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Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Aber die Tage sind auch kurz, jetzt im Winter. Sobald die Dunkelheit hereinbricht, nach kurzer Dämmerung alle Umrisse, Farben, Bewegungen verschluckt und in ein unterschiedsloses Schwarz taucht, beginne die Angst. Sagen die Bewohner von Gharib und bitten darum, dass man rechtzeitig aufbrechen möge, ihr Dorf, die ganze Gegend wieder zu verlassen.

Denn nachts kehre das Grauen zurück.

Manchmal würden die Hunde anschlagen. Gelegentlich seien am nächsten Morgen Spuren zu sehen. Und oft könne man die Stimmen der Männer hören, die nachts wiederkämen, um all jene zu verhöhnen, zu bedrohen, zu töten, die vom Joch des "Islamischen Staats" (IS) offiziell schon befreit worden sind.

Anfang Oktober war die irakische Armee durch dessen letztes großes Refugium im Land gerollt, den Bezirk von Hawidscha südwestlich von Kirkuk. Nach nur wenigen Tagen und kurzen Gefechten hatte die Regierung den IS für besiegt, vertrieben, vernichtet erklärt. Aber das stimmte nicht, und es stimmt bis heute nicht.

Nicht für die mehr als hundert Dörfer des fruchtbaren, von Flüssen und Bewässerungskanälen durchzogenen Gebiets. Dabei war Hawidscha ein Kampf, den der IS gar nicht gewinnen konnte: Mossul war nach monatelangen erbitterten Gefechten im Sommer von der Armee zurückerobert worden, ebenso die Stadt Tall Afar. Außer ein paar Gegenden in der Wüste blieb als letzte Bastion nur Hawidscha. Jener Bezirk, in dem der erst diskrete Siegeszug des IS im März 2013 seinen Anfang genommen hatte.

Dorthin zu kommen ist für ausländische Journalisten schwierig. Erst nach mehreren Anläufen schaffte es der SPIEGEL-Reporter in den Bezirk. Bis in das Dorf Gharib kam nur sein langjähriger irakischer Rechercheur. Gesprächspartner aus Hawidscha reisten eigens nach Kirkuk, um dort über die Lage in ihrer Heimat zu berichten.

Der IS war im Irak entstanden als Antwort von Teilen der sunnitischen Minderheit auf die politische Übermacht der Schiiten. Die Geschichte dieses Aufstands begann in Hawidscha, kurz nachdem der damalige Premier eine friedliche Demonstration von Sunniten gegen die Willkür der schiitischen Zentralregierung hatte zusammenschießen lassen. Und dieser Bezirk Hawidscha, in dem alles begann, sollte auch als letzter wieder vom IS befreit werden.

Die Regierungstruppen kamen nach Norden unter dem offiziellen Vorwand, den IS vertreiben zu wollen - in Wahrheit aber vor allem, um die rund 60 Kilometer entfernt gelegene Ölmetropole Kirkuk von den Kurden zurückzuerobern. "Die Armee verkündete: Wir haben gewonnen! Aber in Wirklichkeit sind wir überall nur durchgefahren", erinnert sich Oberstleutnant Hussein Araf voller Groll. "Wir haben jenseits der Städte nichts aufgeklärt, keine Truppen zur Sicherung dagelassen. Diese Eile war ein Fehler. Er hätte meinen Sohn beinahe das Leben gekostet."

Das Dorf Gharib, aus dem sie kommen, liegt im Norden Hawidschas nahe dem Fluss Zab. Übersetzt bedeutet der Dorfname "seltsam, fremd". Das passt zu der Lage, in die das Gros der Familie nach der offiziellen Befreiung zurückkehrte: Nur 500 der einst 3000 Bewohner sind noch oder wieder da. Kein Schäfer traut sich mehr weit hinaus, seit mehrere von ihnen nachts von IS-Trupps überfallen wurden. Noch Monate nach der Befreiung gibt es nicht einmal Strom, nachts kaum Licht und Angst vor jedem Geräusch dort draußen.

Die Männer des IS, die Gharib mehr als drei Jahre lang in eisernem Griff gehalten hatten, kennen jeden Pfad, jeden Winkel, jedes Haus und auch fast jeden Hund im Dorf. Sie waren keine Fremden. Sie waren Nachbarn, Verwandte. Sie gehörten zum gefürchteten Nassif-Clan am Dorfrand, dessen charismatischer Anführer schon Ende der Neunzigerjahre die ersten Jünger um sich geschart hatte.

Einige der IS-Männer sind bei den Kämpfen im Oktober umgekommen, ein paar in Richtung Türkei geflohen, aber die anderen sind nicht fern. Sie haben sich nur zurückgezogen, in die Dickichte entlang der Flüsse Tigris und Zab, in die Machul-Berge, in die Wüstentäler, alles in fußläufiger Entfernung von Gharib und anderen Dörfern. Schon lange vor dem Untergang ihres "Kalifats" haben sie Verstecke angelegt, Höhlen gegraben, Vorräte dort deponiert.

Und nun kommen sie wieder, nachts, zu Fuß, mit Booten, leise und brennend auf Rache. Die Dörfler halten Wache in Schichten, haben an fast jedem Haus einen Scheinwerfer montiert, um zu sehen, wer sich in der Finsternis nähert. Wobei die Annahme, dass es tagsüber sicher sei, dennoch leichtsinnig ist. Ali, den Sohn von Oberstleutnant Hussein Araf, hat sie ein Knie gekostet. Zwei seiner Cousins hat es noch schlimmer getroffen.

Schmerzgeplagt, das linke Bein mit Metallstangen fixiert, liegt Ali Araf in einem Haus in Kirkuk, wohin die Familie schon 2014 vor dem IS geflohen war, und erzählt seine Geschichte. Sie hatten sich zu den Häusern des Nassif-Clans aufgemacht, die am anderen Ende des Dorfs liegen. Warum? Zuerst druckst Ali herum, dann gibt er zu: "Wir wollten da rein und alles kurz und klein schlagen! Um zu verhindern, dass sie jemals wiederkommen! Die Nassifs haben das Verderben über unser Dorf gebracht."

Der Anführer der Nassifs trägt denselben Vornamen wie Alis Vater, der Oberstleutnant: Hussein.

Als die beiden Husseins auf die Welt kamen, gab es in Gharib, wie im ganzen Irak, eine klare Ordnung: Die Sunniten herrschten über das Land, wie schon die sunnitischen Osmanen zuvor jahrhundertelang über die drei Provinzen geherrscht hatten, aus denen die Briten nach dem Ersten Weltkrieg den Irak schnürten. Und über allem herrschte seit Jahrzehnten der allmächtige Namensvetter: Saddam Hussein.

Die Menschen in Hawidscha, Sunniten, lebten gut in dessen Reich. Die meisten waren zwar Bauern, aber sie waren Günstlinge der Macht. Alis Familie war mit dem Clan von Saddam Husseins erster Ehefrau verwandt. Gern erzählen sie von Sherif Mohammed, jenem Onkel, der Geheimdienstoffizier wurde, der sich benommen und irgendwann auch ausgesehen habe wie Saddam Hussein.

Doch dann brach jene Verwirrung über den Irak hinein, von der das Land sich nie wieder erholt hat: als die US-Armee in nur drei Wochen des Frühjahrs 2003 Saddams Reich einfach hinwegfegte. Als ausgerechnet Sherif Mohammed, der noch bis zur letzten Minute den unfehlbaren Führer Saddam gepriesen hatte, als Erster die durchrollenden amerikanischen Truppen zum Essen einlud. In sein Haus! Die Feinde! Die zionistisch-imperialistisch-kapitalistischen Agenten des Bösen! Aber seit den ersten Apriltagen des Jahres 2003, als die letzten Einheiten der ruhmreichen irakischen Armee sich aufgelöst hatten, eben auch: die Sieger.

Aus Hünen der Selbstgerechtigkeit wurden über Nacht Wetterfähnchen. Den radikalen Islamisten, früher vom Geheimdienst beargwöhnt, von den Dörflern belächelt, war auf einmal nicht mehr viel entgegenzusetzen. Es war in Gharib wie in ganz Hawidscha anfangs nicht ehrenrührig, zu al-Qaida zu gehen. Gewiss, offiziell waren das Terroristen, gejagt von den US-Truppen. Aber selbst in Bagdad priesen viele der neuen Anführer diskret den "ehrenwerten Widerstand" gegen die Amerikaner, mit denen sie tagtäglich zusammensaßen. Der jahrzehntelang eingeübte Opportunismus, die Lüge als Lebensnotwendigkeit waren 2003 nicht verschwunden. Sie wurden nur den neuen Gegebenheiten angepasst.

In Gharib wurde der spätere IS-Führer Hussein Nassif zum Bannerträger dieses verlorenen Stolzes. Er verbreitete Kassetten, später auch DVDs mit Predigten aus Saudi-Arabien und schwor seine jugendlichen Anhänger bei nächtlichen Treffen ein. Er hatte die Mittelschule abgebrochen, erzählen die Dorfbewohner. Sein eigener Vater hatte ihn verstoßen, aber er war clever und charismatisch. Mehrfach verhafteten ihn die Amerikaner, aber er hatte mächtige Fürsprecher in Bagdad und kam immer wieder frei.

Im Sommer 2014 schließlich kam er nicht mehr als reuiger Freigelassener zurück, sondern als neuer Herrscher, in goldbesticktem Gewand, mit einer Leibgarde aus 30 Cousins. Als Emir des IS war er Herr über Leben und Tod in Gharib, bis zum vergangenen Oktober.

An jenem Mittwochnachmittag im Dezember, erinnert sich Ali, betraten er und die anderen das erste Haus des Nassif-Clans. Sie fanden es leer vor, stürzten Schränke um, zerschlugen Geschirr, zogen weiter zum zweiten Haus. Auch leer. Aber auf dem Lehmdach eines Hauses ganz am Rand der Siedlung, erzählt er, sahen sie glimmende Reste eines Feuers.

Simon Prades / DER SPIEGEL

"Erst brüllten wir noch ,Nieder mit Daisch!'", erinnert sich Ali Araf. "Daisch" ist das arabische Kürzel für den IS. "Dann sagte Abdulrahman Sherif, der Älteste von uns: Gebt mir das Gewehr und das Handy, ich gehe nachschauen! Wir hatten nur eine Kalaschnikow dabei und sammelten noch ein paar Steine auf."

Abdulrahman geht voran. Die Tür ist angelehnt. Das war sie auch schon vor Wochen. Aber hinter ihr liegen Steine, um zu verhindern, dass sie im Wind ganz auffliegt. Die sind neu. Die Eindringenden teilen sich auf, gehen von Raum zu Raum. Es riecht nach Suppe und frischem Brot. Da öffnet Abdulrahman die letzte Tür, die zur Speisekammer hinter der Küche. Das Versteck der IS-Männer, die jählings herausstürzen. "Sie sahen aus wie Monster, die Haare und Bärte lang, zerzaust, sie schossen sofort", schildert Ali den Moment. "Abdulrahman sackte tödlich getroffen zusammen, Hossein brüllte: Ich halte sie auf, rennt, rennt!"

Ali wirft im Laufen einen Blick zurück, sieht seinen Cousin mit einem Stein in der Hand und geöffneten Armen im Hauseingang stehen, hört die Schüsse und rennt um sein Leben. Als sie Hosseins Leiche später aufheben, hat er Einschüsse im Auge, in der Brust. "Ich war 30 Meter weit gekommen", sagt Ali, "als einer der Männer auf mich anlegte, schoss und mein Knie traf."

Der Lärm hat das ganze Dorf alarmiert, die Bewohner laufen herbei. Aber sie kommen nur langsam näher, schießen aus der Ferne. Die IS-Männer gehen in Deckung. Ali schafft es, sich über eine halbmeterhohe Lehmmauer zu wuchten: "Doch der Mann, der mich erwischt hatte, lief genau in meine Richtung, kauerte dann schießend auf der anderen Seite der Mauer."

Reglos liegt Ali an der kalten Lehmwand: "Ich sah die Blutlache, die rasch größer wurde. Mein Blut. Der IS-Mann legte seine Waffe genau dort, wo ich lag, auf die Mauer. Ich betete still, dass er nicht herüberschaue. Er schoss, wie von Sinnen, und ich spürte, wie die heißen Patronenhülsen auf mich fielen, auf meine Brust, auf mein Gesicht."

Er erinnert sich an die wütenden Rufe der IS-Männer: "Das ist die Strafe für jene, die uns vertreiben, die unsere Familien in die Lager schicken, die unsere Häuser zerstören!" Mindestens fünf seien es gewesen, und er habe ihre Stimmen erkannt. Wer da keinen halben Meter entfernt auf der anderen Seite der Lehmmauer hockte, das sei Omar Nassif gewesen. Als Chef des IS-"Sicherheitsdienstes" war er der Henker für die Kreisstadt Abassi und die umliegenden Dörfer. Eine Aufgabe, die er mit Stolz verrichtete, wie mehrere Bewohner erzählen. Jeder kannte ihn und seine Prahlereien. "Ich würde auch meinen Bruder hinrichten", habe er gern erzählt. "Es ist eine Freude, Köpfe abzuschlagen."

Einmal, werden sich später mehrere aus Gharib erinnern, habe Omar Nassif ihnen von seiner dreijährigen Tochter erzählt. Die sei sonst immer angerannt gekommen, ihn zu umarmen. Aber als er einmal direkt vom Köpfen nach Hause gekommen sei und noch nach Blut gerochen habe, "da ging sie langsam auf mich zu, guckte nur und hat mich nicht mehr umarmt, eine ganze Woche lang".

Warum er ihnen das erzählte? Sie wiegen die Köpfe. Wollte er ihr Mitgefühl, dass er sich aufopfere als Scharfrichter Gottes? Wollte er sie testen? Oder war es nur eine weitere Drehung seines irren Hirns, die sich aller Erklärung entzog? Sie wissen es nicht. So, wie sie auch damals nicht mehr zu antworten wussten, als zustimmend zu nicken.

Es wird dunkel, kälter, und die IS-Männer schießen immer weiter, erzählt Ali: "Ich war mir sicher, die Armee kommt nicht." Aber dann taucht doch das röhrende Motorengeräusch von Humvees auf, den klobigen amerikanischen Geländewagen der irakischen Streitkräfte. Mischt sich das Feuer der schweren 14,5-Millimeter-Maschinengewehre ins Knattern der Kalaschnikows. Die Armee. Die Dschihadisten rufen einander zum Rückzug, verschwinden einer nach dem anderen im Feuerschutz der übrigen.

Ali, frierend und geschwächt vom Blutverlust, liegt trotzdem in der Falle: Alle im Dorf müssen glauben, er sei tot. "Hätte ich gewinkt, hätten die Soldaten sofort geschossen." Zu oft gab es Hinterhalte. Mit zitternden Fingern fischt er sein Handy aus der Hosentasche und schickt um 18.37 Uhr eine SMS an einen Freund im Dorf: "Sag der Armee, dass ich hinten an der Lehmmauer liege, 30 Meter von einem Humvee entfernt."

So finden sie ihn schließlich. Ein Wagen bringt ihn ins Krankenhaus nach Kirkuk, die anderen Soldaten müssen sofort weiter: Ein Bauer habe sieben andere IS-Männer beobachtet, wie sie in einem Kahn fast lautlos im Schutz des Schilfsaums auf dem Fluss Zab unterwegs seien. Diesmal hat die Armee das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Die Soldaten versuchen nicht einmal, die Männer lebend zu stellen, sondern erschießen alle.

In Gharib ist der IS-Trupp entkommen. Erst am Morgen offenbart eine blutige Schleifspur, die nach einigen Dutzend Metern endet, dass einer von ihnen verletzt, vielleicht getötet wurde. Zurückgelassen haben sie ihn nicht. Als seien sie ein Geist, der offiziell vertrieben ist - aber der einfach wiederkommt, im eigenen Haus den Herd anfeuert und Suppe kocht, der zwei Menschen erschießt, sich ein zweistündiges Gefecht liefert und dann verschwindet.

Und das nicht einmal für lange: In der nächsten Nacht, die Toten sind gerade erst begraben, lodert am Dorfrand ein riesiges Feuer. Panisch rufen die Bewohner beim Armeestützpunkt an: Daisch sei wieder da, die Soldaten sollten zurückkommen! Doch der Diensthabende erwidert, es sei dunkel und die Gefahr eines Hinterhalts zu groß. Da kämen sie nicht. Die Bewohner sollten Türen und Fenster geschlossen halten.

Die Angst im Irak hat viele Formen. In Hawidscha war es für mehr als drei Jahre die Angst der Mehrheit vor jenen, die sich dem IS angeschlossen hatten. Eine große Furcht, aber wenigstens berechenbar, versucht Adnan Sherif zu erklären, der Bruder der beiden Getöteten. Anders als jetzt.

Als die Armee im Herbst in die Gegend kam, sagt er, hätten sich die IS-Leute vielerorts kurz gewehrt, aber "in Gharib sind die Dawaisch", die Männer vom IS, "einfach abgehauen". Noch Stunden zuvor habe Hussein Nassif, der Furcht gebietende Anführer, eine donnernde Ansprache in der Moschee gehalten: "Ich schwöre euch, der Sieg ist nah! Ich schwöre!" Danach sei er verschwunden, habe sich vermutlich ins Gebiet der Kurden gerettet.

Doch die Armee rollte weiter, es blieben nur ein paar Männer der örtlichen Stammesmiliz. Die Angst kehrte zurück. Ein Schäfer erzählt, wie er zwei Wochen vor dem Vorfall draußen bei seinen Schafen übernachtete, als ihn plötzlich eine Stimme anherrschte: "Wach auf!" Zehn IS-Männer hatten sich unbemerkt um ihn versammelt. "Wo ist die Armee? Hast du ein Handy? Gib her! Wie viel willst du dafür?"

Er brauche es, habe er geantwortet, aber wenn sie es ihm nehmen würden, könne er nichts tun.

"Nein, nein", sie seien wütend geworden, "wir müssen es bezahlen!" Sie seien wie betrunken gewesen. Und mit einem Mal wieder verschwunden. Das Telefon ließen sie ihm.

Die Kleinstädte Hawidschas mögen halbwegs sicher sein, der Hauptort zerstört und weiterhin fast menschenleer. Aber wer sich mit den Menschen aus der Gegend unterhält, der erfährt, was die Behauptung, der IS sei vertrieben, in Wirklichkeit bedeutet.

In Saifi, einem Dorf im Süden Hawidschas, wurde in einer Nacht die Familie eines Obersten umgebracht, der die Offensive mit befehligt hatte. Sie hatten gedacht, es sei sicher, nach Hause zurückkehren.

In Rabsa, einem Dorf im Osten, tarnten sich die IS-Kämpfer als Männer der lokalen Hilfsmiliz der Armee, errichteten einen Kontrollposten, und als ein Militärkommandeur des Bezirks auf dem Heimweg vorbeikam, töteten sie ihn.

"Geht nicht nach der Dämmerung raus!", warnt jeder Bauer, jeder Ladenbesitzer. "Sie sind noch da! Sie sind überall!" Der IS kommt nachts, um zu terrorisieren, zu töten und sicherzustellen, dass seine diabolische Saat aufgehen wird: die des Hasses zwischen den Familien der Täter und jenen der Opfer.

Simon Prades / DER SPIEGEL

Selbst wenn seine verwilderten, besessenen Killer irgendwann ganz verschwunden sein werden: Der "Islamische Staat" hat eine Mechanik der Rache und Vergeltung in Gang gesetzt, die jede Rückkehr zu einem währenden Frieden verhindern wird. Seine Jünger schüren die Angst vor ehemaligen Nachbarn, vor Cousins, Söhnen. Und den Hass auf deren Väter, Cousins, Mütter.

Im Januar kam die Armee schließlich mit 100 Mann und durchkämmte tagelang die Umgebung des Dorfes Gharib. Die Soldaten erschossen 14 IS-Männer, als sie deren Höhle entdeckten.

Ende Januar meldete ein Bauer aus Gharib, er habe eine Blutspur neben den mittlerweile demolierten Häusern des Nassif-Clans gefunden. 50 Milizionäre machten sich auf den Weg dorthin - und fuhren geradewegs in einen Hinterhalt. Drei von ihnen wurden erschossen, ihre Fahrzeuge in Brand gesetzt, bis auf zwei, die das IS-Kommando erbeutete. Danach verschwand es spurlos.

In Gharib fiel den Milizionären ein Mann auf, der in einem der beiden Dorfläden immer wieder haufenweise Biskuits, Schokolade, Kekse kaufte, obwohl er keine Kinder hat, allein lebt. Er war nicht beim IS. Aber wozu so viele Kekse? Eine Gruppe Dorfmilizionäre folgte ihm, als er, wie so oft, aus dem Dorf in die Wüste ging. Sie verloren ihn in den Senken. Doch wie aus dem Nichts tauchten plötzlich IS-Männer auf, schossen sofort, töteten zwei Männer und verschwanden. Der Spaziergänger erschien Stunden später wieder im Dorf, als wäre nichts geschehen, ohne die Kekse und Schokolade.

In den Höhlen, die nach und nach entdeckt werden, finden Dorfbewohner alte Konserven, Linsen - aber auch Nahrungspakete des Roten Halbmonds, die erst nach der Befreiung verteilt wurden. Sie finden frisch geladene Handys. Wer versorgt die mordenden Geister?

Wie ein Geschwür frisst sich das Misstrauen durch die Dörfer, es verschärft den unlösbaren Konflikt: Was tun mit den Verwandten der IS-Männer? Wer von ihnen ist ein Unterstützer, wer selbst Opfer? Das Gesetz kann diese Fragen nicht klären. Alle, die dem IS ihren Treueeid ablegten, sind im Gefängnis, tot oder flüchtig. Gegen ihre Familien liegt nichts vor, sie stehen nicht auf den Fahndungslisten.

Doch die Regeln der Stämme sind andere: Auch ein Verwandter kann verantwortlich gemacht werden für die Taten eines Familienmitglieds. Es sind Regeln für Friedenszeiten, um kleine Brandherde auszutreten. Nichts, um dem Rachedurst dieser Tage entgegenzutreten. Was sollen die Scheichs nun tun?

Sie treffen sich an einem diesigen Winternachmittag wieder einmal im Büro des Stadtratsvorsitzenden von Abassi. Scheich Sabhan Challaf Saqr, Oberhaupt des Clans der Albu Wahsh, ist der Ranghöchste: "Wollen wir alle Familien der Dawaisch verbannen? Wir hatten 500 Kämpfer, multipliziert mit 5 - wollt ihr die alle in Lager schicken? Das ist gegen die Menschenrechte. Und gegen das Gesetz."

Sofort widerspricht ein anderer: "Ich bin auch im Lager gelandet, als ich vor dem IS floh. Das ist nur fair, wenn die jetzt auch eine Weile so leben müssen."

Saqr: "Zehn Jahre Verbannung, das gilt für Mord. Haben sie gemordet?"

Allgemeines Murmeln: "Nein."

Ein anderer, aufbrausend: "Die Dawaisch haben meinen Bruder umgebracht, und ich will die nie wiedersehen, auch deren Familien nicht. Außerdem helfen sie denen doch immer noch!"

Zustimmendes Raunen. Wenn die Familien blieben, sekundiert der Mann neben ihm, werde es Fehdemorde geben.

"Aber wenn wir die Mütter mit ihren Kindern in Lager schicken", hält ihm ein anderer entgegen, "züchten wir Monster! Wenn die nach Jahren wiederkommen, sind sie garantiert Dawaisch, alle von denen!"

Wieder zustimmendes Raunen. Die Männer lassen ihre Gebetsperlen durch die Hände wandern, ohne den Blick zu heben. Wie ein Kreisel dreht sich die Debatte, stimmt die Mehrheit nacheinander den gegensätzlichen Positionen zu: Lassen wir sie bleiben? Oder schicken wir sie in die Lager? "Wir stecken bis zum Hals in der Scheiße", bricht es aus Saqr heraus. "Wenn ich etwas gegen Deportationen sage, bringe ich unsere Dörfer in Gefahr. Wenn ich dafür bin, löse ich auch nichts - und Daisch wird mich umbringen."

Es gibt Versuche, eine Mittellinie zu finden: Wer unter demselben Dach mit einem IS-Verwandten lebte und vom selben Tisch aß, soll verbannt werden. Wer fortzog, floh, vor Gericht unterschrieb, dass er sich losgesagt habe von seinem Cousin, Bruder, Sohn, der soll unbehelligt bleiben.

Als die Versammlung vorbei ist, bleibt der Mann, der seinen Bruder verlor, mit anderen auf der Straße stehen: "Egal, was die beschließen. Auch wir können die Nächte nutzen. Ich werde meinen Bruder rächen."

Es ist ein sonniger Nachmittag, als in Gharib die Trauerversammlung für die beiden im Haus der Nassifs erschossenen Brüder beginnt. Drei Tage lang, so ist es Brauch, dauert die Dschanasa, in der Kondolenzgäste kommen, unter freiem Himmel sitzen, Kaffee trinken, reden. Viele sind gekommen, aber keiner möchte mit Namen zitiert werden. "Wenn Daisch erfährt, dass wir hier waren, töten sie uns", sagt ein alter Mann nüchtern, als spräche er über nasse Erde nach dem Regen.

In der Ferne steigen Rauchsäulen auf, ist das malmende Geräusch von Baggern zu hören. Die ersten Häuser jener Familien, die Verwandte beim IS hatten, werden von Dorfmilizionären und Angehörigen der Opfer zerstört. "Und, bist du jetzt glücklich?", herrscht eine alte Frau in Schwarz ihren Nachbarn an. Ihr Haus verschwindet gerade in einer Staubwolke. Er schaut wortlos.

Am Rand des Hofs voller Kissen und Matten sitzt ein junger Mann und hält sich nervös an seinem Kaffeeschälchen fest: "Ich musste hier sein", sagt er zögerlich und nennt seinen Vornamen, Muthanna. "Die beiden waren meine besten Freunde." Seinen Nachnamen nennt er zögernd: Nassif, vom Clan der IS-Männer.

Er sagt, er hätte es verstanden, wenn die Trauernden ihn fortgejagt hätten. Zu kommen wagte er erst, als der große Bruder der beiden Toten ihm versprach, dass er unbehelligt bleiben, ja kommen müsse, um klarzumachen, auf welcher Seite er stehe. "Omar, der Mörder, ist mein Cousin", so erklärt sich Muthanna Nassif. "Ich habe mich von denen immer ferngehalten, trotzdem hatte ich Angst, zur Trauerfeier zu kommen. Doch wir müssen uns klar bekennen, als Einzelne, sonst bleiben wir Geiseln der Vergeltung. Dann hört es nie auf."

DER SPIEGEL

Für SPIEGEL-Korrespondent Christoph Reuter, 50, war das jähe Auftauchen des "Islamischen Staates" 2013 in Syrien das Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Schon 2005 hatte Reuter in Syrien, im Irak und in Saudi-Arabien die Spuren der damals noch als "al-Qaida im Irak" firmierenden Terrorgruppe verfolgt, die Tausende von Ausländern über Syrien in den Irak schleuste - mit Billigung und Hilfe des syrischen Militärgeheimdienstes. Ab 2013 berichtete Reuter über den Aufstieg der Organisation in Syrien, die mehrfach ihren Namen, aber nicht ihre Führung wechselte. Er deckte ihre strategischen Eroberungspläne auf. 2015 schrieb er den SPIEGEL-Bestseller "Die schwarze Macht" über die Anfänge des IS, der den deutschen Sachbuchpreis des NDR erhielt. Den Untergang der Terrorgruppe verfolgt Reuter seit 2016 in Mossul, Rakka und zig kleineren Orten, das schrumpfende "Kalifat" auf syrisch-irakischem Terrain regelrecht umrundend. Bis zur letzten Hochburg auf irakischer Seite: Hawidscha. Dort, wo die angebliche Befreiung vom IS in einem Albtraum mündete.



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