AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2017

Schicksale Wie der IS aus zwei Kindern Attentäter machte

Die Brüder Nadim und Khalid sind 12 und 13 Jahre alt, als sie der IS verschleppt. Sie werden gefoltert, umerzogen und mit Sprengstoffwesten nach Kirkuk geschickt. Einer der beiden schreckt im letzten Moment zurück. Dies ist ihre Geschichte.

Gestoppter Attentäter Nadim, irakische Sicherheitskräfte am 21. August 2016 in Kirkuk
REUTERS

Gestoppter Attentäter Nadim, irakische Sicherheitskräfte am 21. August 2016 in Kirkuk

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In eigener Sache
    Dieser Text des ehemaligen SPIEGEL-Redakteurs Claas Relotius hat sich nach einer Überprüfung in wesentlichen Punkten als gefälscht herausgestellt. Darüber hinaus steht die gesamte Berichterstattung von Relotius im Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen (mehr zu den Hintergründen lesen Sie hier). Der SPIEGEL arbeitet den Fall Relotius derzeit auf; Verlag und Redaktion haben eine Kommission aus internen und externen Fachleuten eingesetzt: Sie soll die Vorgänge untersuchen und Vorschläge zur Verbesserung der Sicherungssysteme im Haus machen (mehr dazu hier). Bis die Kommission ihren Bericht vorlegt, bleiben die Artikel von Relotius unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen.
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Vier Minuten bevor Nadim, Kind mit geröteten Augen, den Auslöser an seiner Weste ergriff, um sich mit neuneinhalb Kilo Sprengstoff in den Tod zu reißen, riefen die Muezzine von Kirkuk über Lautsprecher in alle Viertel der Millionenstadt zum Abendgebet. Es war ein Sonntagabend im August, noch immer laut und heiß, genau sieben Uhr. Die Sonne über dem Nordirak war gerade untergegangen, Hunderte Gläubige strömten zur blauen Moschee neben dem Marktplatz, da näherte sich, unbemerkt, aus einer der engen Backsteingassen, ein dünner Junge mit schwarzem Haar und schmalen Schultern.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 8/2017
Welches Fleisch? Wie viel Fleisch? Künstliches Fleisch?

Nadim, 12 Jahre alt, ging vorbei an Imbissläden und Handyshops, an Gemüseständen und Schmuckgeschäften, überall standen Menschen. Er sah alte Männer, die vor den Teestuben Pfeife rauchten, junge Frauen, die Gewürze oder Kleider kauften, Kinder in seinem Alter, die auf der Straße Fußball spielten. Er selbst trug ein viel zu großes rot-blaues Trikot des FC Barcelona, Rückennummer 10, Aufdruck "Messi". Die Ärmel, so sollte später im Terrorbericht der Polizei von Kirkuk stehen, reichten über seine Hände, der Schnitt auffällig weit für seinen Körper; "weit genug, um etwas Schweres darunter zu verstecken".

Nadim atmete schnell und heftig. Über seiner Brust kreuzten sich zwei Drähte, verbanden vier Taschen voll Dynamit mit einem Knopf an seiner Hüfte. Zum Eingang der Moschee, seinem Ziel, waren es nur noch wenige Meter.

Über das, was dann geschah, gibt es heute viele Erzählungen. Es gibt Zeugen, die erinnern sich, Nadims Blick sei "voller Hass" gewesen, und es gibt andere, die sprechen nur von "blanker Angst". Ein Ziegenmilchhändler am Marktplatz sagt, der Junge sei ganz plötzlich losgerannt, schreiend in die Menge. Zwei Schuhputzer behaupten, er habe laut gerufen "Allahu akbar", Gott ist groß. Der Polizist, der Nadim packte und im letzten Moment stoppte, gab noch am Abend, vor Fernsehkameras, zu Protokoll: "Er wollte jeden von uns töten."

Doch keiner dieser Zeugen, kein Mensch in Kirkuk ahnte, dass Nadim, das Kind mit der Bombe um den Bauch, nicht allein gekommen war. Niemand rechnete damit, dass Nadims Bruder, Khalid, ein Junge von 13 Jahren, im Augenblick von Nadims Festnahme auf eine zweite Moschee zulaufen würde, nur in einem anderen Viertel, mit einem weißen Trikot am Leib und der gleichen Sprengweste darunter. Ihre Explosion, so beschwören es Einwohner noch Wochen danach, war in der ganzen Stadt zu hören, sie hallte durch Kirkuk wie ein Donner.

Die Brüder Nadim und Khalid, heißt es dort heute, kamen aus Mossul, um zu morden, als kaltblütige Killer, Kämpfer des "Kalifats". Dabei waren sie einmal einfach nur Jungen, die Söhne eines Bauern, geboren im Irak.

Die Geschichte von Nadim und Khalid ist die Geschichte zweier Kinder, die als Waffen benutzt wurden. Sie handelt von zwei Geschwistern, die der "Islamische Staat" verschleppte und zu Selbstmördern erzog; die in Lagern ohne Entkommen das Töten lernten und eines Tages ausgeschickt wurden, sich unter Kurden in die Luft zu sprengen. Nur einer von ihnen, Nadim, der Jüngere, kann diese Geschichte noch erzählen. Nur er hat überlebt.

Das Hochsicherheitsgefängnis der Autonomen Region Kurdistan ist eine schwere, sandfarbene Festung, gebaut für 3000 Gefangene, inmitten einer Wüste. Sie liegt nahe der Stadt Dschamdschamal, eine knappe Autostunde östlich von Kirkuk, fünf Stunden nördlich von Bagdad, nahe der Grenze zu Iran.

Wer als Journalist an diesen Ort fährt, wer sicher hinter seine Mauern führen lässt, um Nadim zu besuchen, der muss durch insgesamt sechs Sicherheitsschleusen; vorbei an Checkpoints, vor denen Soldaten mit Maschinengewehren wachen, vorbei an meterhohen Stacheldrahtzäunen, bis hinter zwei gepanzerte Türen, die vom Trakt für verurteilte Schwerverbrecher in den Trakt für Kämpfer des "Islamischen Staates" führen. Mehr als 150 Männer sitzen dort in den Zellen, Gefangene aus dem ganzen Irak, Terroristen, Mörder, Massenmörder und seit 30 Tagen auch ein Kind.

Seine Zelle liegt am Ende eines langen Flures, ein kalter Raum hinter einer Eisentür, 1,8 Meter lang, 2,5 Meter breit, ohne Fenster. Eine Glühbirne flackert, aus einem Loch im Boden, der Toilette, steigt übler Geruch. Daneben, auf einer Pritsche, liegt Nadim und starrt gegen die Decke. Ein Junge in Häftlingskleidern, mit hoher Stimme und tiefen Augenrändern, "Marhaba", hallo, sagt er leise.

Es ist ein Nachmittag Ende November, drei Monate nach dem Anschlag seines Bruders, drei Monate nachdem Nadim in Kirkuk verhaftet wurde. Er sieht jetzt noch dünner, kindlicher aus als auf den Fotos, die damals um die Welt gegangen sind; verwackelte Bilder, gesendet im kurdischen Fernsehen und in den Nachrichten auf CNN, sie zeigten einen weinenden, halb nackten, in Panik schreienden Jungen, festgehalten von Soldaten, die ihm die Sprengweste vom Körper schnitten.

Nadims Festnahme
REUTERS

Nadims Festnahme

Nadim wehrte sich kaum, er schlug nicht um sich, er rief nur den Namen seines Bruders: "Khalid, Khalid!" Vielleicht, sagt einer der Soldaten, habe er sie warnen wollen. Wahrscheinlich, sagt ein anderer, sei es dafür schon zu spät gewesen.

Nachdem die Bombe im benachbarten Stadtteil Kirkuks explodiert war, nachdem sie Nadim in einem Polizeitransporter ins Gefängnis der Stadt gebracht hatten, sprach der Junge fast kein Wort. Er aß nicht, schlief nicht, tagelang. Jede Nacht, berichten Wärter, kreiste er im Dunkel seiner Zelle wie ein Tier. Jeden Morgen, sobald es hell wurde, holten ihn Männer in Uniformen, brachten ihn in einen grellen Raum, wo sie ihn neun Stunden am Tag verhörten. Nadim saß in Handschellen auf einem Stuhl aus Plastik, er sah keinem der Männer in die Augen. Woher er komme, wer ihn und seinen Bruder geschickt habe, fragten sie, wieder und wieder, aber Nadim antwortete nicht. Er schwieg Tage, Wochen, fast zwei Monate.

Als im Oktober, etwa 150 Kilometer entfernt, die Offensive der irakischen Armee auf Mossul begann, als der "Islamische Staat" bald darauf Viertel in ganz Kirkuk angriff, wurde Nadim verlegt und aus der Stadt gebracht. Er kam nach Dschamdschamal, zusammen mit anderen Gefangenen, erst hier fand er eines Morgens im November, ängstlich, seine Stimme wieder.

Es begann mit einer Handvoll bunter Wachsmalstifte. Ein Gefängnisarzt ließ sie ihm geben, dazu Bögen aus Malpapier, halb so groß wie seine Pritsche. Nadim sollte malen, worüber er nicht sprechen konnte. Er sollte zeichnen, was ihm widerfahren war. Es vergingen drei Tage und vier Nächte, und dann nahm er die Stifte, dann begann er zu sprechen, dann zeichnete und malte er Seite um Seite, in dunklen Farben und in so einfachen Bildern, wie nur Kinder sie malen, seine eigene Geschichte auf.

Einige dieser Bilder handeln von einer friedlichen Kindheit, von bunten Tieren und von Jungen, die Fahrrad fahren oder auf Berge klettern. Andere zeugen von Gewalt, von Folter, Schlägen und Enthauptungen, von bärtigen Männern, die finster und riesengroß erscheinen.

Na­dim-Zeich­nung ei­ner Ent­haup­tung

Na­dim-Zeich­nung ei­ner Ent­haup­tung

Nur Nadim selbst kennt ihre ganze Wahrheit. Aber das, was seine Bilder zeigen, ähnelt den Berichten anderer Kinder, die dem "Islamischen Staat" entkommen sind.

Die Geschichte von Nadim und Khalid setzt sich zusammen aus dem, was er einem Gefängnisarzt von Dschamdschamal erzählt und anvertraut hat, in leisen Worten und in Skizzen von Unsagbarem. Sie beginnt irgendwann vor einem Jahr, im entlegenen Osten des Irak, in einem Bauerndorf der Provinz Dijala.

Nadim ist zwölf, ein schmales Kind, das lieber Rechenbücher als den Koran studiert, das nach der Schule angeln geht oder seinen Eltern, Viehhirten, bei der Arbeit hilft. Sein Bruder Khalid ist 13, schüchtern und blass. "Er hatte Angst vor Ziegen und Kühen", sagt Nadim, auf jedem Bild von seiner Heimat kommen Tiere vor.

Die Familie lebt in einem erdbraunen Haus aus Stein und Lehm. In den Garten davor hat Nadim hohe, strichförmige Palmen gezeichnet, deren Kronen voller roter und gelber Punkte sind, es sollen Granatäpfel und Datteln sein.

Die Brüder teilen sich ein Zimmer. Beide gehen in die dritte Klasse, beide haben schon einmal etwas vom "Islamischen Staat" gehört, haben marschierende Kämpfer im Fernsehen gesehen. Mossul, die irakische Hochburg der Dschihadisten, liegt nur ein paar Stunden entfernt, aber ihre Eltern haben keine Furcht. Ihre einzige Tochter, Ayalah, 16, soll im Frühling heiraten. Sie planen ein großes Fest, auf Nadims Bildern liegt Schnee auf den Bergen, als eines Abends im Winter zwei Dutzend Fremde auf Pick-up-Fahrzeugen ins Dorf kommen.

Die Männer tragen Turnschuhe, Kampfanzüge und lange Bärte, auf ihren schwarz-weißen Fahnen die Schahada, das Bekenntnis zum Islam. Sie recken Gewehre in die Luft, überfallen jedes Haus und befehlen den Familien, sich am Dorfbrunnen zu sammeln. Dort trennen sie die Alten von den Jungen, zerren Mädchen aus den Armen ihrer Mütter, schießen denen, die sich wehren oder fortrennen, in den Rücken.

Nadim und Khalid wehren sich nicht. Mit ihrer Schwester Ayalah und anderen Jungen und Mädchen steigen sie stumm auf einen Laster. Ihr Vater, Muhammad, fleht um seine Tochter. Ihre Mutter, Amira, bittet, den Kindern nichts anzutun. Nadim hört, wie seine Eltern weinen, er hört ihre Stimmen, dann vier oder fünf Schüsse, plötzlich wird alles still.

Als die Kinder auf dem Laster das Dorf verlassen, sehen Nadim und Khalid ihre Eltern auf der gefrorenen Erde liegen. Die Mutter auf dem Rücken. Den Vater auf dem Bauch.

Die Fremden fahren mit ihnen, in Dunkelheit und Kälte, die ganze Nacht durch die Wüste. Auf Bildern, die Nadim fast ein Jahr später im Gefängnis malen wird, sind viele der Kinder gefesselt. Nadim malt kleine Strichmännchen ohne Gesicht, manche haben kurze Haare, andere haben Zöpfe, um ihre Arme und Beine malt er Kreise, die aussehen wie Seile.

Na­dim-Zeich­nung ei­ner IS-Fah­ne

Na­dim-Zeich­nung ei­ner IS-Fah­ne

Als der Laster im Morgengrauen, am Ufer des Tigris, eine große Stadt erreicht, sehen Nadim und Khalid ockerfarbene Häuser, Tempel, Märkte, auf den Straßen nur Männer, keine Frauen. Schwarz-weiße Fahnen wehen über Mossul.

Ihre Entführer bringen sie in ein Lager, zusammen mit mehr als hundert Jugendlichen. Es sind Jungen und Mädchen aus allen Gegenden des Irak, aus eroberten Städten und aus niedergebrannten Dörfern, die ältesten von ihnen sind 16, die jüngsten noch keine 8.

Die Männer geben ihnen Süßigkeiten. Sie sagen den Kindern, sie würden jetzt hier leben und ihre Eltern nie mehr wiedersehen. Die Mädchen, sagen sie, sollen den Kämpfern Mossuls dienen und dem "Islamischen Staat" neue Kinder schenken. Die Jungen, sagen sie, sollen im "Kalifat" zur Schule gehen, den Umgang mit Waffen üben und jeden Tag mehr über den "heiligen Krieg" erfahren. Und eines Tages, wenn sie stark genug seien, Großes zu vollbringen, würde man ihnen den Namen "Laith" geben, Löwen.

Nadim und Khalid verstehen nicht, aber sie fürchten sich und stellen keine Fragen. Die Männer sperren sie in ein großes, dunkles Haus, so beschreibt es Nadim, mit 70 anderen Jungen sollen sie auf dem Boden schlafen wie Soldaten. In der ersten Nacht schläft keines der Kinder und auch nicht in der zweiten.

Am Anfang, berichtet Nadim, beginnen alle Tage mit Gebeten. Ihre Schule ist eine zerstörte Moschee, ihr einziger Lehrer ein Mann, der sich Imam nennt und beim Predigen ein Messer in der Hand hält. Er redet laut auf sie ein, befiehlt ihnen, Verse nachzusprechen, die Nadim und Khalid zu Hause, im Koranunterricht ihrer Dorfschule, noch nie gehört haben.

Nadim hat keinen dieser Verse vergessen. Er sitzt in seiner Zelle, er sagt sie nacheinander auf, wie schüchterne Kinder Gedichte aufsagen, zu Boden sehend, atemlos.

Sure 9, Vers 41: Ziehet aus, leicht und schwer, und eifert mit Gut und Blut in Allahs Weg.

In Mossul lernen sie diese Verse auswendig, sechs Stunden am Morgen, vier Stunden am Abend.

Sure 2, Vers 193: Und bekämpfet sie, bis die Verführung aufgehört hat und der Glaube an Allah da ist.

Der Lehrer bringt ihnen bei, dass es nur einen wahren Glauben gebe und nur ein wahres Kalifat.

Sure 2, Vers 191: Und erschlagt sie, wo immer ihr auf sie stoßt.

Zehnmal am Tag, in weißen Gewändern, singen sie Lieder über Mossul, Rakka und Blutvergießen, bis Nadim und Khalid davon träumen.

Sure 9, Vers 39: So ihr nicht auszieht, wird Er euch strafen mit schmerzlicher Strafe.

Sie singen, mit schwarzen Stirnbändern, dass nicht zu kämpfen Sünde sei und im Krieg zu sterben das kostbarste Geschenk.

Sure 4, Vers 74: Und so soll kämpfen in Allahs Weg, wer das irdische Leben verkauft für das Jenseits. Und wer da kämpft in Allahs Weg, falle er oder siege er, wahrlich, dem geben wir gewaltigen Lohn.

Einmal in der Woche, wie bei einer Prüfung, fragt der Imam die Verse ab. Macht einer der Jungen Fehler, werden alle bestraft, mit Peitschenhieben und Schlägen. Bärtige Männer prügeln mit Stöcken auf ihre Rücken, 200 Hiebe auf nackte Haut, bis die jüngsten Kinder bewusstlos werden. In stillen Nächten, wenn sie nebeneinander im Schlafsaal liegen, hört Nadim andere Jungen weinen. Auch Khalid, seinen Bruder.

Sie wissen nicht, wo sie sind, weshalb sie festgehalten werden und wie lange noch. Sie wissen, dass ihre Eltern tot sind, aber wollen es nicht glauben. Heimlich sprechen sie zu ihnen, beten um Hilfe, aber niemand hört sie, niemand kommt, um sie zu retten.

Nach zwei oder drei Monaten, als der Winter vorüber ist, so erzählt es Nadim, lernen sie, in kleinen Gruppen Sprengsätze zu basteln. Sie lernen an Holztischen wie in Klassenzimmern, wie man schwarzes Pulver und Nägel vermischt, in Taschen füllt, diese Taschen durch Drähte miteinander verbindet, sie gezielt zur Explosion bringt.

Einmal, als sie auf einer Straße in Mossul das Zünden üben, sehen sie in der Ferne ihre Schwester. Sie erkennen sie nur an ihrem Gang, schwarz verhüllt bis auf die Augen, ein schwerer, grauhaariger Mann an ihrer Seite. Ayalah nickt ihren Brüdern zu, aber sie redet nicht mit ihnen. Sie verschwindet in einem Haus, der Mann geht hinter ihr her. Es ist das letzte Bild, sagt Nadim, das er von seiner Schwester hat.

In Dschamdschamal sitzt der Junge, in sich zusammengesunken, auf seiner Pritsche. Seine nackten Füße hängen in der Luft, berühren kaum den Boden. Er sieht keinem Fremden, der in seine Zelle tritt, je in die Augen, er weicht allen Blicken aus. Manchmal, wenn er erzählt, spricht Nadim hastig wie ein Kind und manchmal kalt und fluchend wie ein Greis. Aber er spricht nie geordnet, immer durcheinander, so als würden in seinem Kopf zu viele Stimmen laut.

Er hat die Mädchen aus seinem Dorf nie wiedergesehen, sagt Nadim, er weiß nicht, ob sie und seine Schwester heute noch am Leben sind.

Über Mossul wird es Frühling, Khalid und er hören die Vögel singen, erzählt Nadim, als für die Jungen in der Moschee das Beten endet. Der Imam bestellt einen Fernseher und zeigt den Jungen ein Video. Dieses Video, stundenlang, unterlegt mit den aufgezeichneten, hellen Gesängen der Kinder, zeigt explodierende Autos und Häuser, Panzer, die auf Menschen schießen, Männer, die Knienden den Kopf abschlagen, Frauen und Soldaten, die in Käfigen verbrennen. Keiner der Jungen darf wegsehen. Nadim und Khalid wird schwindelig, ihr Bauch zieht sich zusammen, sie müssen sich übergeben. Das Video, es verfolgt sie Tag und Nacht, aber bald zeigt der Imam es jeden Morgen, bald sollen die Jungen selbst das Töten lernen.

Die Männer geben ihnen scharfe Messer und Stoffattrappen in orangefarbenen Overalls, mit heller Haut und blonden Haaren. Sie sagen, sie sollen das Enthaupten üben.

Die Jungen gehorchen. Sie schneiden den Puppen die Kehle durch, dann trainieren sie es an Hühnern und an Hunden.

Eines Morgens, als Vermummte einen Mann an Ketten ins Lager der Kinder führen - einen Ungläubigen, sagen sie -, drücken sie einem der Jungen einen Dolch in die Hand, befehlen ihm, den Gefangenen zu schächten. Der Junge, keine 14 Jahre alt, Sommersprossen, weint, schlägt die Hände vor sein Gesicht. Sie geben ihm eine weiße Pille, er spült sie mit Wasser oder Limonade hinunter. Dann tötet er, zitternd, einen Menschen.

Nadim sieht die Bilder noch immer vor sich, er hört noch immer die Geräusche. Ein halbes Jahr später, im Gefängnis von Dschamdschamal, hockt er in seiner Zelle und macht die Bewegung nach, führt Daumen und Zeigefinger an seinen Hals wie eine Klinge.

Er habe das Töten in Mossul hundertmal geübt, sagt er. An Puppen. An Tieren. Auch an Menschen? Nadim schüttelt den Kopf, sieht zu Boden. Vor ihm, auf kaltem Beton, liegen Bilder, die er Stunden zuvor gemalt hat. Es ist vor allem Gewalt darauf zu sehen, viel Rot, viel Blut, es hat auf Nadims Hände abgefärbt.

Kann ein Junge wie er beides sein, Opfer und Attentäter? Geisel und Killer? Kind und Terrorist? In Dschamdschamal suchen sie nach einer Antwort.

Das Gefängnis war einmal Fort, es gehörte der irakischen Armee, Saddam Hussein diente es als Folterkerker. Später, als US-Truppen in den Irak einmarschiert waren, als Nadim und Khalid bald nach dem Krieg geboren wurden, bauten die USA Dschamdschamal zur Anstalt aus, schickten Häftlinge aus Bagdad und Abu Ghuraib hierher. Es gilt heute als eines der modernsten Gefängnisse des Nordirak, mit Einzelzellen und Hochsicherheitstrakten, mit Krankenstation und Haftrichtern. Aber worauf niemand vorbereitet war, nicht die Anstaltsleitung, nicht die Wärter, nicht die Richter, war ein Kind.

Nadims Zellentür wird dreimal am Tag geöffnet. Einmal am Morgen, wenn Wärter ihn, getrennt von allen anderen Insassen, zu den Duschen führen. Einmal am Mittag, wenn Wärter ihn, getrennt von allen anderen, in den Speisesaal bringen und über den Hof spazieren lassen. Die Kämpfer des "Islamischen Staates" dürfen nur alle drei Tage aus ihren Zellen, aber es sind viele, und jede Woche werden es mehr, jede Woche kommen neue Gefangene hierher. Jeder dieser Kämpfer könnte Nadim kennen, jeder ein Komplize oder eine Bedrohung sein. Die Wärter, die auf den Jungen aufpassen, die einmal stündlich durch eine kleine Luke in seine Zelle blicken, sie sollen ihn bewachen und gleichzeitig beschützen.

Tür­lu­ke in Na­dims Gefäng­nis­zel­le
Claas Relotius / DER SPIEGEL

Tür­lu­ke in Na­dims Gefäng­nis­zel­le

Wenn sich die Tür das dritte Mal am Tag öffnet, tritt ein schmächtiger, freundlich lächelnder Herr herein, der keine Uniform, sondern Wollpullover trägt und Nadim sagt, dass er ihn Mahmud nennen soll. Mahmud, 39, einer von drei Gefängnisärzten, stammt aus Mossul, er hat bis vor zweieinhalb Jahren dort gelebt, an einem Krankenhaus gearbeitet. Als eines Abends schwarz gekleidete Kämpfer die Stadt überfielen, als ihr Anführer dort das "Kalifat" ausrief, packte Mahmud seinen Rucksack, ließ sein Haus und seinen Job zurück und floh nach Kurdistan.

Er sei kein Psychologe, keiner, der sich mit Kindern oder Mördern auskenne, sagt er, "nur ein einfacher Arzt". Aber weil es in Dschamdschamal keine Psychologen gibt, soll er sich um Nadim kümmern. Er soll herausfinden, ob das Militär den Jungen entlassen darf oder ob Nadim, der an unruhigen Tagen noch immer die schwarzweiße Fahne der Terroristen malt, weiterhin eine Gefahr ist.

Am Anfang, als Nadim in diese Zelle kam, wusste Mahmud kaum einen Weg, mit ihm zu sprechen. Er habe keine eigenen Kinder, sagt er, er habe nie die richtige Frau gefunden. Alles, was Mahmud wusste, war, dass er den Jungen nicht zwingen konnte zu reden, aber dass fast alle Kinder gern malen. Also ließ er ihm das Papier und die Stifte geben. Also hoffte er, anhand der Bilder, die Nadim zeichnen würde, seine Gefühle und Gedanken zu erkennen.

Nadim nennt den Arzt nie Mahmud. "Doktor", sagt er, aber Mahmud ist der Einzige, dem Nadim in die Augen schaut. Sie spielen häufig mit Murmeln, schnippen mit kleinen, runden Steinen gegen die Zellenwand. Wenn Nadim gewinnt, wälzt sich Mahmud auf dem Boden und singt ein arabisches Kinderlied über einen dicken Käfer, so lange, bis Nadims Züge weicher werden, bis über sein Gesicht beinahe ein Lächeln huscht. Wenn Mahmud gewinnt, setzt er sich neben den Jungen, legt eine Hand auf dessen Knie oder einen Arm um dessen Schulter und bittet ihn, von Mossul zu erzählen.

Sie sitzen jetzt, im grellen Licht der Zelle, genauso nebeneinander. Sie könnten Vater und Sohn sein, wenn die schwere Eisentür nicht wäre, der Notizblock in Mahmuds Händen und die Angst in Nadims Augen.

Der Junge sagt dem Doktor, dass es für ihn und Khalid kein Entkommen gab. Dass er andere Jungen fliehen sah und dass die Männer, die sie schnappten, ihnen einzelne Finger oder die Hand abhackten. Er erzählt, dass Weinen unter Strafe stand und dass die Männer jeden Monat, nach dem Freitagsgebet, Menschen von Häusern "hoch wie Türme" warfen. Nadim sagt Mahmud, mit geschlossenen Augen, Khalid und er "wollten nie töten", nicht in Mossul und auch nicht in Kirkuk.

Der Befehl, sich in Kurdistan in die Luft zu sprengen, kam irgendwann im Sommer. Nadim hat versucht, Mahmud auch diesen Teil seiner Geschichte zu erzählen, mehr als ein Dutzend Mal, aber er hat es nie ganz geschafft, er kam nie bis zu der Stelle, als er die Bombe auf dem Marktplatz zünden sollte.

Er sitzt im Schneidersitz auf seiner Pritsche, umklammert mit beiden Händen seine Füße, wippt mit dem Körper auf und ab. "Langsam, langsam", sagt Mahmud, "keine Angst." Nadim hat ein großes Blatt Papier neben sich liegen, ein paar bunte Stifte, er beginnt schwarze Kreise zu malen, vier Räder, ein dunkles Fahrzeug. Er atmet schwer, er erzählt ganz leise.

Es ist eine Nacht Mitte August, als die Männer ihn und Nadim wecken und beiden Brüdern die Augen verbinden. Sie führen sie aus dem Schlafsaal, schieben sie in ein Auto und fahren sie aus Mossul heraus. Als der Morgen graut, nehmen sie ihnen, scheinbar irgendwo am Stadtrand, die Augenbinden ab, Khalid sitzt auf dem Beifahrersitz, Nadim dahinter. Er sieht neben sich zwei Männer mit Kampfanzügen und langen Bärten. Im Fußraum, vor ihnen, liegen Sprengwesten, die gleichen, mit denen sie wochenlang trainiert haben.

Nur der Mann am Steuer des Autos, ohne Kampfanzug und ohne Bart, fährt mit den Brüdern weiter. Es ist nicht klar, welche Route er nimmt, wie genau er mit den Kindern nach Kurdistan gelangt, aber wahrscheinlich ist, dass er von Mossul aus nach Süden fährt, bis zu der Stadt Hawidscha, von dort aus Richtung Nordwesten, durch arabische Dörfer und Provinzen, über unbewachte Grenzen. Nadim kann aus dem Fenster sehen, er sieht am Anfang nur Wüste, dann weite Ölfelder, von denen schwarzer Rauch aufsteigt, schließlich, als sich dahinter eine große Stadt erhebt, erreichen sie Kirkuk.

Sie ziehen dort in eine Wohnung, mit Männern, die arabisch sprechen. Sie bleiben für fünf oder sechs Tage. Jeden Abend, ehe der Muezzin zu rufen beginnt, führen die Männer sie zu den Märkten, in die Einkaufsviertel, zu den schiitischen Moscheen. Nadim und Khalid sollen die Ungläubigen sehen, sie sollen sich merken, wo sie beten, wo sie lachen, wo sie am einfachsten zu töten sind.

Die Männer gehen den Plan mit ihnen durch wie eine Choreografie. Abend für Abend binden sie den Jungen kiloschwere Gewichte um, ziehen ihnen Fußballtrikots darüber, die Jungen überall auf der Welt tragen, eines von Messi und eines von Ronaldo. So führen sie beide, durch die arabischen Viertel, in die Altstadt von Kirkuk, Khalid in den Westen, Nadim in den Osten. Dort sollen die Brüder warten, bis zum Sonnenuntergang, bis zur Gebetszeit, bis die Plätze vor den Moscheen voll mit Menschen sind. Erst dann, sagen die Männer, sollen "Allahs Löwen" den Knopf an ihrer Weste drücken.

Na­dims Tri­kot

Na­dims Tri­kot

Der Tag, an dem es geschehen soll, ist ein Sonntag. In der Nacht davor sitzen die Männer mit Nadim und Khalid in ihrem Versteck an einem Tisch. Sie geben ihnen viel zu essen, sagen, das Paradies sei voller Süßigkeiten, aber die Jungen können nichts essen.

In der Wohnung läuft ein Radio. In arabischen Nachrichten hören sie, am gleichen Abend, in einer Stadt in der Türkei sei eine Bombe explodiert. Sie hören, 50 Menschen, Hochzeitsgäste, seien jetzt tot. Der Attentäter, verstehen Nadim und Khalid, war ein Kind.

Nadim schläft nicht in dieser Nacht. Die Brüder liegen, bewacht und getrennt voneinander, in zwei Zimmern, sie können sich nicht sehen, nicht mehr miteinander sprechen.

Irgendwann am nächsten Tag, Nadim erinnert sich kaum, wie verschwommen, legen die Männer ihnen die Sprengwesten um, befestigen sie mit zwei Gurten an ihren Schultern und mit Leinentüchern um ihre Hüften. Nadim sagt, dass ihm die Männer Angst machten. Dass sie ihm drohten, seiner Schwester wehzutun, würden er und Khalid fortrennen oder Hilfe rufen. Er erzählt, dass sie ihm weiße Pillen gaben. Er weiß nicht, was es war, bloß, dass er, sobald er diese Pillen hinunterschluckte, fast kein Gefühl mehr spürte, nur noch ein Pochen in der Brust.

So verließ er wohl am späten Nachmittag, auf den Straßen von Kirkuk war es fast 40 Grad Celsius heiß, die Wohnung. Khalid, der Ältere, ging zuerst, Nadim, der Jüngere, ging nach ihm.

Nadim hat kaum noch Erinnerungen an den Weg, weiß nicht mehr, ob er Minuten oder Stunden bis zur Altstadt lief. Er sieht heute, mit verzerrtem Gesicht, nur noch einzelne Bilder vor sich, die Frauen auf den Märkten, die Männer vor den Teestuben, die Fußball spielenden Kinder. "Sie haben gelacht", sagt Nadim. Dann ist es, als breche sein Gedächtnis ab, als seien die Augenblicke danach wie ausgelöscht.

Um 19.04 Uhr, vermerkten Polizisten aus Kirkuk in ihrem Bericht, "lief ein Junge schreiend über den Marktplatz ... er griff unter sein Trikot, versuchte, sich mit einer Bombe in die Luft zu sprengen".

Es gibt von diesem Augenblick, von den Sekunden auf dem Marktplatz, nur ein Handyvideo, von einem Passanten zufällig gefilmt. Es zeigt, anders als manche Polizisten es beschreiben, anders als die meisten Zeugen sich erinnern, wie Nadim nicht auf die Moschee zulief, sondern weg von ihr, weg aus dem Gedränge, weg vom Marktplatz, vielleicht 80, 90 Meter weit, auf eine unbefahrene, fast menschenleere Straße.

Nadim weiß nicht mehr, weshalb. Er kann heute nicht mehr sagen, warum er nicht tat, was die Männer ihm befohlen hatten; warum er, anstatt zum Eingang der Moschee zu gehen, dahin rannte, wo er niemanden mehr töten konnte.

Um 19.33 Uhr, eine halbe Stunde später und rund tausend Meter entfernt, steht im Bericht der Polizei, "explodierte in Kirkuk eine Bombe". Es gibt kein Video davon und fast keine Zeugen, niemanden, der Khalid, einen Jungen im Ronaldo-Trikot, kommen sah.

Be­kenn­er­fo­to von Khalid, 2016

Be­kenn­er­fo­to von Khalid, 2016

Die Explosion in einer Gasse nahe der drittgrößten Moschee der Stadt, aber weit entfernt von ihrem Eingang, weit entfernt vom Pulk der Gläubigen, sprengte drei Häuserwände, verletzte vier Menschen, Männer und Frauen, schwer. "Der Attentäter", als Einziger getötet und laut Ärzten nicht mehr zu erkennen, "war ein Kind männlichen Geschlechts".

Es vergingen drei Tage, dann tauchte am selben Ort eine schwarz-weiße Karte auf, die Visitenkarte des IS. Sie trug ein Siegel aus Blut und Sprengstoffpulver, auf ihrer Rückseite das Foto eines Jungen: ein Foto von Khalid.

In Dschamdschamal malt Nadim heute, drei Monate danach, manchmal das Paradies. Es ist kein Blut auf diesen Bildern, keine Gewalt, nicht einmal Menschen, nur Täler, Flüsse, kleine Tiere. Die Landschaft, sie sieht aus wie in Dijala, seiner Heimat, ein Junge wie er könnte dort Kühe oder Ziegen treiben, jeden Morgen klettern, jeden Abend angeln gehen.

Es gibt Tage, da fragt Nadim, wo Khalid, sein Bruder, heute ist, im Paradies oder in der Hölle. Mahmud, der Doktor, antwortet dann, dass Khalids Überreste auf einem Friedhof nahe Kirkuk liegen. Er sagt auch, dass Allah kein Monster, sondern voller Gnade sei.

Oft beten sie gemeinsam, für Nadims Bruder, für seine Eltern und für seine Schwester, die vielleicht immer noch in Mossul ist, vielleicht auch nicht. Wenn Mahmud die Zelle verlässt, betet er häufig, auf dem Flur oder an seinem Schreibtisch, noch ein zweites Mal, für Nadim.

Der Doktor sieht ihn an, und er sieht nicht einen Killer, nur ein Kind. Er sieht dieses eine Video aus Kirkuk, sieht wie Nadim von der Moschee fortrennt und die Menschen um ihn herum nicht tötet, sondern vor dem Tod bewahrt. Er stellt sich auch dessen Bruder Khalid vor, und er sieht nicht einen Mörder, der hundert Menschen mit sich riss, sondern einen, der nur vier von ihnen verletzte. Mahmud sieht, mit jedem Tag klarer, dass in zwei Jungen, "vollgepumpt mit Bösem", sagt er, "ganz plötzlich etwas Gutes siegte".

Er glaubt nicht, dass Nadim gefährlich ist, aber er weiß auch nicht, wohin mit ihm.

In seinem Arztzimmer in Dschamdschamal, der Blick durchs Fenster geht weit hinaus in die Wüste, hört Mahmud jede Woche von neuen Anschlägen im Irak, in der Türkei, in Europa. Er hört, dass der "Islamische Staat" in Mossul immer schwächer wird, aber auch, dass immer mehr Kinder, Jungen und Mädchen von dort aus in den Krieg ziehen. Die meisten von ihnen sterben wie Khalid. Einige, wie Nadim, überleben, aber welches Leben, sagt Mahmud, steht Nadim noch offen?

Vor ein paar Tagen saß der Doktor mit ihm bis spät am Abend in seiner Zelle. Da war eine Frage, auf die er spät gekommen war und die ihm keine Ruhe ließ. Mahmud fragte Nadim, weshalb er nicht auf Hilfe gewartet habe; warum er, als er in Kirkuk auf dieser menschenleeren Straße stand, trotzdem den Auslöser an seiner Weste griff, trotzdem versuchte, sich in die Luft zu sprengen.

Nadim stritt das nicht ab, er senkte nur seinen Kopf, nahm seine Bilder und fing an, das, was er gezeichnet hatte, mit einem einzigen Stift zu übermalen.

Vielleicht wollte er nie wieder etwas sehen, fühlen, erinnern. Vielleicht suchte er damals, in Kirkuk, nur Erlösung. Er malte alles schwarz.

Über den Autor: Claas Relotius, 1985 in Hamburg geboren, studierte Kultur- und Politikwissenschaft und schreibt seit 2014 für das Gesellschaftsressort des SPIEGEL. Während seiner Recherche im Nordirak beobachtete er, wie Gefängniswärter vor den Zellenfenstern von IS-Kämpfern einen Weihnachtsbaum mit Lebkuchen schmückten. Im Radio lief "Jingle Bells".



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
jott-el 22.02.2017
1. E n t z e t z l i c h
Es ist ein entsetzlich schreckliches Leben, dass diese Kinder am Anfang ihres "Leben" erfahren müssen. Dieser Bericht geht mir furchtbar nah, dass ich keine Worte finde... ich fühle mich so ohnmächtig.
schafschuetze 22.02.2017
2. Prävention ...
könnte bedeuten dieses arme Kind in eine geeignete Therapieeinrichtung inkl. Familienanschluss zu bringen, damit er nicht eines Tages ent- und verlassen den Falschen in die Arme läuft. Im Krieg wohl firstworld-Wunschdenken, aber ich bewundere seinen Mut und die Kraft, im richtigen Moment das Gute und einzig Richtige zu tun. Vielleicht wäre er dem Gefängnisarzt ein guter Sohn.
mickt 23.02.2017
3. Die blanke Hölle
Es ist nur schwer zu ertragen, das zu lesen. Ich Erde für die Familie und Nassim beten. Mehr kann ich nicht tun. Ein wichtiger und sehr guter Bericht. Danke dafür.
noerglerfritz 23.02.2017
4. Ganz toll geschrieben
Ja, auch mir geht dieser Bericht nahe und ich danke dem Autor dafür. So soll es sein. Am liebsten möchte man diesen Jungen zu sich holen und ihm zeigen, wie die Welt auch sein kann. Ich hoffe, er kann sich wieder berappeln.
troy_mcclure 23.02.2017
5. Schockierend
Beim Lesen des Berichtes im Printspiegel war ich zutoiefst schockiert. Dieser Artikel macht einem wieder einmal bewusst, wie gut es uns hier in Deutschland geht.
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© DER SPIEGEL 8/2017
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