AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2017

"Islamischer Staat" Die letzte Schlacht des "Kalifats"?

Die Gebietsverluste des "Islamischen Staats" sind enorm, viele Anführer tot, die Gruppe zerbricht. Ist der IS am Ende? Und was heißt das für die Terrorgefahr in Europa?

Irakische Offensive auf die IS-Hochburg Tall Afar am 20. August
REUTERS

Irakische Offensive auf die IS-Hochburg Tall Afar am 20. August

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Kaum jemand im Westen kennt die Stadt, deren Erstürmung Iraks Premier Haider al-Abadi am vergangenen Sonntag ankündigte. "Ergebt euch oder sterbt", sagte er in einer Fernsehansprache, ein martialischer Auftritt, er trug die schwarze Uniform einer berüchtigten Antiterroreinheit. Tall Afar heißt der Ort, er liegt westlich der kürzlich befreiten Metropole Mossul und ist eine der letzten Hochburgen des "Islamischen Staates" im Irak.

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Heft 35/2017
40 Jahre Deutscher Herbst - Der einstige RAF-Mann Peter-Jürgen Boock über Terror damals und heute

Tall Afar ist so etwas wie eine der beiden Heimatstädte der Terrororganisation, aus der mehrere der ranghöchsten IS-Anführer stammten. Schon unter Saddam Hussein war die Stadt ein Laboratorium des Hasses: Die turkmenische Mehrheit hier misstraute der arabischen Minderheit; und innerhalb der turkmenischen Gemeinschaft wiederum spielte Saddam Sunniten gegen Schiiten aus, ließ die Sunniten Karriere im Geheimdienst machen und sich auf Kosten ihrer Nachbarn bereichern.

Als der IS im Juni 2014 Tall Afar eroberte, ermordete oder vertrieb er alle Schiiten. Die berüchtigten schiitischen Milizen drängen daher schon seit Ende vergangenen Jahres darauf, in vorderster Reihe zu stehen bei der Rückeroberung der Stadt, in der noch rund 10.000 der einst 200.000 Bewohner ausharren. Es ist auch ein Krieg der Rache, der hier in die nächste Runde geht.

Das "Kalifat" des IS, das Abu Bakr al-Baghdadi im Juli 2014 ausrief und das damals von al-Bab in Nordsyrien bis Tikrit im Irak reichte, ist heute Geschichte. Das Herrschaftsgebiet der Terrororganisation ist dramatisch geschrumpft. Der IS hat Mossul im Irak verloren. Er hat Sirt in Libyen und fast alle seine Ölquellen eingebüßt. Er wird demnächst seine Hochburg Rakka in Syrien verlieren.

80 bis 90 Prozent der obersten Führung sind tot, sie wurden in den vergangenen drei Jahren zumeist von amerikanischen Drohnen und Raketen getroffen. Darunter die fünf wichtigsten IS-Kommandeure, die von 2012 an die Eroberung Nordsyriens planten und umsetzten. Es gibt keine zentrale militärische Kommandokette mehr, jede Einheit kämpft für sich. Order werden auf Zetteln ohne Signatur per Kurier übermittelt.

Gleichzeitig werden im Namen des IS, in seinem Geist, so viele Terrorattacken in Europa verübt wie noch nie. Allein in diesem Jahr gab es in London, Manchester, Paris, Stockholm, Sankt Petersburg und Istanbul Anschläge. Vergangene Woche dann Barcelona und Cabrils, 15 Tote und fast 100 Verletzte. Stunden nach der Tat übernahm der IS die Verantwortung.

So erschütternd jeder einzelne Anschlag sein mag: Es ist technisch von monströser Einfachheit, mit Autos in Menschenmengen zu fahren, mit einer Kalaschnikow auf Feiernde zu schießen, mit einem Messer auf Menschen einzustechen. Die Attentäter von Barcelona scheiterten daran, Gasflaschen als Bombe einzusetzen.

Kein Vergleich zum IS-Beschaffungswesen, das 2013 Hunderte Tonnen Industriesprengstoff aus aller Welt über die Türkei nach Syrien importierte.

Es gibt keine nachweisbaren Verbindungen der Täter in Spanien zur Führung in Syrien oder im Irak, die Bekennermeldungen des IS sind stets bar allen Täterwissens. Der IS hat längst eine Terrorwelle entfacht, zu deren Fortgang er nicht mehr benötigt wird. Aber die beabsichtigte Wirkung der Attentate entspricht der Lehre des IS: Hass und Ressentiments gegenüber den Muslimen im Westen sollen geschürt werden, um Europas Gesellschaften zu spalten - und die hier lebenden Muslime dadurch der Terrorgruppe zuzutreiben.

Bislang haben sich die Europäer als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen gegenüber dem Schrecken, dessen Ende nicht absehbar ist - auch weil niemand weiß, wie diese Anschlagswelle zu stoppen ist, solange Unbekannte sich einfach ein Auto besorgen und Gas geben müssen, um den Westen zu treffen.

Die Zunahme der Anschläge in Europa kommt nicht überraschend: Je stärker das "Kalifat" schrumpft, desto weniger hat der IS zu verlieren - er kann jetzt den Terror einsetzen, ohne dessen Konsequenzen fürchten zu müssen.

Ist der "Islamische Staat also am Ende?

Man sollte vorsichtig sein mit dem Abgesang. Denn der IS schien schon einmal geschlagen zu sein. Vor sieben Jahren hatten amerikanische Militärs und irakische Sicherheitskräfte die Kommandoebene der Organisation fast vollkommen ausgelöscht. Im Juni 2010 verkündeten US-Generäle, der IS, damals noch bekannt unter dem Namen "Islamischer Staat im Irak", sei "am Boden zerstört". Doch die Amerikaner beschleunigten damit einen Generationswechsel innerhalb der Führung, der die Organisation erst zu jenem Monster heranwachsen ließ, das die Welt von 2014 an in Schrecken hielt.

DER SPIEGEL

Die neuen Anführer waren seit Langem in den Rängen des IS, überdies fähiger und älter als die meisten anderen. Es einte sie ein Makel, der bis dahin ihrem raschen Aufstieg im Weg gestanden hatte: Sie alle waren Offiziere in Saddam Husseins Geheimdiensten und der Armee gewesen. Profis in Militärführung, Geheimdienstaufbau, strategischer Planung, kurz: Männer, mit denen man Staat machen konnte.

Der jähe Siegeszug der Terrormiliz 2014, lange diskret vorbereitet, war ihr Werk. Die ideologische Fassade des IS mochte der von al-Qaida ähneln, doch beide Gruppen unterscheiden sich fundamental. Kern der Erfolgsstrategie des IS im Irak, in Syrien und in Libyen waren Unterwanderung, blitzartige Angriffe, anschließend eine alles umfassende Kontrolle der eroberten Gebiete und die Todesangst der Unterworfenen. Islamistische Propaganda war dabei das Mittel, den Eroberungszügen Legitimität zu verleihen und freiwillige Kämpfer aus aller Welt anzulocken.

Ihre Strategie wäre aufgegangen, hätte der IS seinen Kalifatstaat halten können.

Und nun, was folgt dieses Mal dem Untergang?

Expertenprognosen reichen von voreiligen Siegesmeldungen des irakischen Premiers bis zu Mutmaßungen, der IS werde als Terrorbewegung weitermachen und von nun an vor allem den Westen mit Attentaten in Angst und Schrecken versetzen. Es gibt sogar die Theorie, die Niederlage in Mossul sei bewusst einkalkuliert worden, um weitere Anhänger zu rekrutieren.

Tatsächlich hat der IS seine Großstädte eingebüßt, Symbole der Herrschaft, aber mitnichten alle Gebiete. Insgesamt kämpft er noch an etwa elf Fronten, und an keiner zieht er sich ohne massiven Widerstand zurück. Auf syrischer Seite hält er vor allem noch das fruchtbare und dicht besiedelte Euphrattal zwischen der Stadt Deir al-Sor und der irakischen Grenze, wohin sich viele Führungskader zurückgezogen haben sollen.

Das schmale Tal wäre leichter zu erobern als die Städte. Aber zum einen liegt es weit entfernt vom Aufmarschgebiet der kurdischen Milizen, die mit US-Unterstützung derzeit Rakka angreifen. Zum anderen kommt dem IS die Topografie des Tals entgegen: Es läuft zu beiden Seiten in Steppe und Wüste aus, die Terroristen könnten sich schnell zurückziehen.

Hinzu kommt, dass die Bekämpfung des IS für Syriens Machthaber Baschar al-Assad und seine russischen sowie iranischen Verbündeten entgegen allen Beteuerungen weit unten auf der Agenda steht. Zu nützlich waren die Dschihadisten für Assad, um ihn in den Augen der Welt als kleineres Übel erscheinen zu lassen.

Im Irak herrscht die Terrorarmee neben der nun angegriffenen Stadt Tall Afar bis heute noch über ein größeres Territorium: den Bezirk von Hawidscha, südwestlich von Kirkuk, eine Region mit mehr als 40 Quadratkilometer fruchtbarem Land, mehreren Kleinstädten, etwa hundert Dörfern und Zehntausenden Bewohnern.

Hawidscha war eine der ersten Hochburgen des IS im Irak - und wird wohl als Letztes untergehen. Der Bezirk ist ein Mikrokosmos, an dem sich Zerfall wie Zähigkeit der Terrororganisation ablesen lassen. SPIEGEL-Informanten von dort haben monatelang Details zusammengetragen. Sie berichten über einen Verfall der früheren Disziplin von Kämpfern und Kadern, von massiven Streitigkeiten unter den verschiedenen Fraktionen.

So versuchten der "Hisba"-Patrouillendienst und der IS-interne Geheimdienst "Amnijat" zu verhindern, dass Zivilisten aus der Region fliehen. Denn ohne menschliche Schutzschilde wird es schwieriger, das Gebiet zu verteidigen. Die IS-Kämpfer an den Frontlinien und äußeren Kontrollposten hingegen verdienen ein Vermögen damit, Zivilisten passieren zu lassen oder sie selbst durch die Minengürtel zu schmuggeln.

"Wir waren 200 Menschen in unserer Gruppe", erinnert sich ein Geflohener. "Der IS-Mann, der uns rausbrachte, umarmte den Wächter am Checkpoint, sie kannten sich." In den Orten, so berichten Augenzeugen, würden IS-Männer den Schmuggel organisieren, während IS-Greifkommandos schon beim Verdacht der Fluchtvorbereitung Menschen festnähmen.

Trotz allem: Der IS hat Hawidscha eisern im Griff. Als ihr Sicherheitschef für die Kleinstadt Abbasi Ende Juni ermordet wurde, verhafteten Kämpfer des IS Hunderte und brachten sieben der eigenen Männer um, darunter zwei Ortskommandeure. In Hawidscha scheint das Ende noch fern, aber auch hier ist es absehbar. Städte und Dörfer werden dann in Trümmer gelegt, Frauen und Kinder wohl als Selbstmordattentäter in die Reihen der irakischen Soldaten geschickt, die ihrerseits die Gefangenen erschießen werden. Der IS hinterlässt verbrannte Erde. Wo er untergeht, soll alles mit ihm untergehen. Es ist ein Vorgeschmack auf die Apokalypse und deckt sich mit den steten Verlautbarungen der IS-Propaganda.

Doch innerhalb des Kalifats herrscht Arbeitsteilung. Das Personal setzt sich aus unterschiedlichen Gruppen zusammen: Neben den Strenggläubigen und "Märtyrern", die lieber im Kampf sterben als aufzugeben, gab es auch immer die Opportunisten, die auf Geld- oder Machtgewinn aus waren. Solange der IS siegreich blieb, waren diese Bruchlinien kaum wahrnehmbar. Aber unter Druck verändert sich die Lage. In Mossul war im vergangenen Herbst zu beobachten, dass viele IS-Kader die Stadt verließen, während andere dort eintrafen, wissend, dass sie nicht lebend herauskommen würden.

Der IS hätte Mossul aufgeben, die Stadt und Tausende der eigenen Kämpfer retten können. Er hat es nicht getan, stattdessen die militärische Niederlage hingenommen, um den Hass zwischen Sunniten und Schiiten weiter zu schüren. Er hat damit die Sunniten Racheaktionen ausgeliefert, sie stehen nun allesamt unter dem Generalverdacht, Terroristen zu sein.

Systematisch zerstören jetzt dieselben schiitischen Milizen, die in Mossul als Wohltäter und Befreier auftreten, in Dijala, Babil, Tus Churmatu sunnitische Dörfer, verschleppen junge Männer, die nie wieder auftauchen, vertreiben die Familien, demontieren Fabriken. Selbst wer vor dem IS flieht, findet bei dessen Feinden keinen Schutz. Für viele der Hunderttausende Vertriebenen ist der Weg nach Bagdad oder in den Süden versperrt. Sie werden an den schwer bewachten Provinzgrenzen nicht durchgelassen, vegetieren in miserabel versorgten Lagern.

Verletzte Zivilisten im irakischen Mossul
IVOR PRICKETT/The New York Times/LAIF

Verletzte Zivilisten im irakischen Mossul

Die Investition in Hass und Vergeltung ist eine strategische Konstante des IS. Schon Abu Mussab al-Sarkawi, Gründer der Vorläuferorganisation "al-Qaida im Irak", setzte von 2003 an darauf, nicht den "fernen Feind" in Amerika und Europa mit Terror zu überziehen, sondern die eigenen Nachbarn, Iraks schiitische Bevölkerungsmehrheit. Das Kalkül war: Die darauf folgende Vergeltung der Schiiten würde dem IS seine Klientel, die sunnitischen Muslime, direkt in die Arme treiben. Und genau das geschah 2014. In Mossul, Tikrit und anderswo wurden die IS-Angreifer von vielen Sunniten als Befreier begrüßt.

Nichts wird die Maßlosigkeit der Sieger über die verhasste Terrorgruppe diesmal bremsen. Zumal die Schiitenmilizen in den vergangenen Jahren Teil einer beängstigenden multinationalen Schattenarmee geworden sind, die in Syrien wie im Irak kämpft, zusammengesetzt aus afghanischen und pakistanischen Rekruten sowie libanesischen Hisbollah-Angehörigen, kontrolliert von Irans Revolutionswächtern.

Die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad hingegen ist so dysfunktional und korrupt, dass sie noch nicht mal ihre eigenen Leute versorgen kann, geschweige denn die sunnitische Bevölkerung. In einem der ölreichsten Länder der Welt lebt ein Drittel der Menschen unterhalb der Armutsgrenze, bezahlt der Staat viele seiner Beamten nicht mehr. Auch für den Wiederaufbau Mossuls gibt es bis heute keinen Plan und kein Geld. Und so wird es weiter Hass geben, weiter den Wunsch nach Vergeltung. Neue Dschihadisten werden nachwachsen, an Wütenden ist kein Mangel.

Doch eines ist nicht zu ersetzen: eine ganze Führungsgeneration von Militär- und Geheimdienstoffizieren, die den IS so mächtig gemacht hatte wie nie zuvor. 100.000 Quadratkilometer Land mit mehreren Millionen Einwohnern beherrschte die Organisation zu ihren Hochzeiten; ein ungeheurer Apparat hielt dieses neue Reich am Laufen.

Aber die Ausrufung des Kalifats machte den IS auch verwundbar. Wer sichtbar ist, wird Ziel. Als Washington im August 2014 schließlich den Kampf gegen die Terrormiliz aufnahm, begann eine Eskalation, die der IS nur verlieren konnte. Die Hinrichtungen amerikanischer und britischer Geiseln, der Terror in Europa und in der Türkei hatten keine abschreckende Wirkung auf die Staaten der Anti-IS-Koalition. Im Gegenteil. Aller Welt den Krieg zu erklären war zwar für den IS eine gute PR-Maßnahme - doch den folgenden Luftangriffen hatten die Kalifatkrieger wenig entgegenzusetzen.

Die einen kämpften trotzdem weiter, andere nicht. Kurz nach Jahresbeginn verschwanden eine Reihe nachgeordnete Kommandeure und kleine Eliteeinheiten spurlos. Viele von ihnen wurden vom IS für tot erklärt, Opfer dieses oder jenes Luftangriffs. Westliche Geheimdienste jedoch kennen durch Quellen im Inneren des IS die ungefähren Aufenthaltsorte von manchen der Terroristen. "Wir wissen von mindestens zwei, drei Fällen, dass die betroffenen Personen gar nicht dort waren, wo sie angeblich umgekommen sind", sagt ein europäischer Nachrichtendienstler. Was dafür spricht, dass sie diskret aus der Schusslinie genommen wurden.

Ende März versetzte der IS-Nachrichtenkanal Aamaq die Bewohner von Rakka in Panik, als er verkündete, der flussaufwärts gelegene Tabka-Damm sei von Amerikanern bombardiert worden und stehe unmittelbar vorm Bersten. Alle Einwohner sollten sofort fliehen. Was sie auch taten, innerhalb eines Tages leerte sich die Stadt. Stunden später schon kam die Order: Alle wieder zurück! Der Damm werde nicht brechen - was der IS die ganze Zeit wusste. Doch wozu wissentlich ein falsches Gerücht verbreiten?

Nach Aussagen eines IS-Kämpfers aus Rakka, der Anfang April geflohen ist, war die Massenflucht ein geplantes Ablenkungsmanöver: "Damit konnte die Führung unbehelligt von Drohnen die Stadt verlassen", so der Mann Ende Mai gegenüber dem SPIEGEL. Die fliehenden Zivilisten waren als menschliche Schutzschilde benutzt worden.

Bereits um den Jahreswechsel soll "Kalif" Abu Bakr al-Baghdadi über das Dorf Asawija südwestlich von Hawidscha nach Syrien gebracht worden sein. Schon Ende Oktober hatte der IS dort viele Kämpfer zusammengezogen. Der Transport selbst verlief geheim, aber anschließend brüsteten sich IS-Männer damit, der Kalif sei nun in Sicherheit.

Baghdadis Flucht aus dem Irak wurde Wochen später auch von der US-Regierung bestätigt. Als hingegen Anfang Juli abermals gemeldet wurde, der IS-Anführer sei tot, basierte dies auf einer einzigen Quelle: Innerhalb des IS kursierte die Nachricht von seinem Ableben. Es könnte stimmen - oder gezielt gestreut worden sein, um den Verfolgungsdruck zu mindern.

Und wie wird es nun weitergehen? Solange genug todeswillige Kämpfer und verführte Kindersoldaten da sind, wird der IS wohl Ort um Ort in mörderischen Schlachten untergehen lassen. Einen Teil der Führung, der Elitekämpfer und der immensen, 2014 in Mossul und anderswo erbeuteten Goldreserven aber hat er längst evakuiert, um dort weiterzumachen, wo er sich schon früher am geschicktesten bewegte: im Untergrund. Um sich zu reorganisieren, abzuwarten und unter einem neuen Namen und vielleicht einem neuen Profil wieder aufzutauchen.

Der entscheidende Grund für den IS, von 2013 an wieder offen unter seinem Namen zu operieren, war die Aussicht auf einen eigenen Staat. Wie aber stehen die Aussichten auf eine erneute Wiederkehr? Das Markenimage des "Islamischen Staates" ist verbrannt, aber weiterhin nützlich für die Propaganda. Nichts ruft amerikanische Drohnenattacken verlässlicher hervor als die schwarz-weiße Fahne des IS.

Zudem sind die Verhältnisse im Nahen Osten, das tiefe Misstrauen zwischen Sunniten und Schiiten, die Kriege und der Kontrollverlust, ein perfekter Nährboden für den erneuten Aufstieg einer sunnitischen Kadertruppe. Von 2010 an hatte die IS-Führung die Geduld, die Ideen und die Disziplin, um aus solchen Verhältnissen als mächtigste Terrororganisation der Welt aufzusteigen.

Heute gibt es diese Führung nicht mehr. Die entscheidende Frage ist deshalb: Sind noch genügend fähige Kommandeure, Planer am Leben oder nachgewachsen, um den IS im Untergrund zusammenzuhalten?

Falls ja, dann dürfte jener europäische Geheimdienstmann recht behalten, der den Aufstieg des IS schon vor 2014 intensiv verfolgte: "Sie haben immer einen Plan B, einen Plan C und einen Plan D gehabt. Es gibt keinen Grund, warum sie uns nicht abermals überraschen sollten."



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darkwukong 30.08.2017
1. Naivität
Personen die glauben, dass es einfach genügen würde, ein paar Terroristen zu töten, um den Terrorismus aus der Welt zu schaffen, kann man nur der Naivität vorwerfen. Terrorismus ist mittlerweile eine Ideologie geworden. Ein Lebensweg für viele junge Männer, wie Frauen. Ein Gedankengut, das sich besonders in ärmeren und sozial kritischeren Schichten verbreitet und wenn diese jungen Menschen sehen, was mit den Terroristen geschieht, die diese Ideologie verbreiten, was glaubt man dann, wird passieren? Kehren sie von dieser Ideologie ab oder greifen diese erst Recht zu den Waffen?
decathlone 30.08.2017
2. Es wäre schon viel erreicht....
wenn es keine Rückzugsgebiete für die Terroristen gäbe. Aber solange sie aus Saudi-Arabien, Katar und wie diese Länder alle heissen unterstützt werden und dort unterkriechen können, werden wir die Probleme nicht los. Wo versteckt man denn zum Beispiel das im Artikel angesprochene Gold, wenn man keine Unterstützung von Aussen hat? Unterstützt die Türkei immer noch logistisch? Solange dort Freund und Feind nicht klar benannt werden und entsprechender Druck ausgeübt wird, hat der IS leichtes Spiel und der islamische Faschismus geht in die nächste Runde. Wenn dann eines Tages das Öl alle ist oder es keine strategischen oder anders liegenden Interessen in dieser Region gibt, dann wird man sich verwundert die Augen reiben, wie schnell Regime wie das in Saudi-Arabien oder in Katar am Pranger stehen und beseitigt werden - wie in Lybien oder im Irak...
christerix 01.09.2017
3. Man hat unnötig Blut vergossen
Anstatt die Geldgeberländer fianziell zu isolieren / auszutrocknen, hat man viele Schlachten geführt. Man hat hingenommen, dass eine Flüchtlingswelle nach der nächsten kam, weil man Russland und Syrien hat machen lassen. Und letztlich wurden die USA für den brutalen Angriffskrieg (als einer der ersten Ursachen für die Instabilität) nie zur Rechenschaft gezogen - wohlweislich, dass es nie Massenvernichtungswaffen gab. Der Sicherheitsrat mit dem unangefochtenem Veto-Recht hat wieder gezeigt, dass er nicht gegen Kriege auszurichten vermag, weil die Kriegsparteien jede ihnen unliebsame Resolution unwirksam machen. Solange es diesen Weltsicherheitsrat mit Veto-Recht gibt, solange den Atomstaaten der Atomwaffenbesitz erlaubt ist, während andere mit Sanktionen belegt werden, solange zugeschaut wird, wie die ärmeren Länder durch Konzerne der reichen Länder ausgeplündert werden, ist das alles eine Lüge. Das allerschlimmste ist, dass die Bevölkerungen es nicht wahrhaben wollen, dass alles Gerede über Weltfrieden und Gerechtigkeit nur eine Lüge ist.
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