AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2017

Sizilien Die neue Strategie der Mafia

Sizilien, die ärmste Region Italiens, leidet unter Verbrechen, Korruption und Auswanderung. Die Macht der Cosa Nostra wächst.

Marktplatz in Palermo
Paolo Marchetti / DER SPIEGEL

Marktplatz in Palermo

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Das Land, wo die Zitronen viermal jährlich blühen, ist reich. An Sonnenstunden und Weltkulturerbe, an griechischen Tempeln, byzantinischen Fresken, arabischer Kunst; an Sandstränden und Michelin-Sternen.

Ein paradiesischer Flecken: Sizilien.

Wären da nicht die Zahlen: Mehr als jeder fünfte Erwerbsfähige ist arbeitslos, nahezu jeder zweite Inselbewohner arm oder von Armut bedroht. Sizilien wirkt reich, fällt aber immer weiter zurück - nicht nur im Vergleich mit dem industrialisierten Norden des Landes, auch gemessen am Rest des Mezzogiorno. Als "Griechenland Italiens", als Sorgenkind der Nation, gilt inzwischen die teilautonome Insel, die in der Antike zur "Magna Grecia" gezählt wurde.

Am 5. November wurde auf Sizilien eine neue Regionalregierung gewählt. Es gewann Sebastiano Musumeci, ein ehemaliger Postfaschist, der mit dem Segen Silvio Berlusconis antrat. Letztlich allerdings sei es egal, wer das blanke sizilianische Elend künftig verwalte, sagt der Schriftsteller Pietrangelo Buttafuoco: Sizilien "mit seinem Haushaltsloch, seiner Arbeitslosigkeit auf höchstem Niveau, mit der Auswanderung der Jungen und einer Wertschöpfung, die niedriger ist als in der Nachkriegszeit, von Korruption, Kriminalität und Hunger ganz zu schweigen" - diese Insel sei nicht mehr regierbar: "Sie muss zwangsverwaltet werden."

Und in der Tat: Wer Sizilien dieser Tage bereist, der sieht hinter den Kulissen prunkvoller Palazzi bittere Armut in Palermo, Wellblechhüttensiedlungen in Messina, sterbende Städte im Binnenland.

Die Hauptursachen für eine Krise, die große Teile Italiens erfasst hat, werden auf der Insel wie unter dem Vergrößerungsglas sichtbar.

Staatsanwalt Nino Di Matteo
Paolo Marchetti / DER SPIEGEL

Staatsanwalt Nino Di Matteo

Sizilien ist Mafialand. Keiner weiß das besser als Nino Di Matteo, 56 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Der Staatsanwalt ist der meistgefährdete Mann Italiens. Weil die Cosa Nostra seinen Kopf will, lebt Di Matteo seit 23 Jahren rund um die Uhr mit Personenschutz. In Palermo sorgen 42 Beamte im Schichtbetrieb für seine Sicherheit. Die Maschinenpistole geschultert, folgen sie Di Matteo auf Schritt und Tritt. Auch in Rom, wohin er im Sommer versetzt wurde, hat er Leibwächter. Auf Sizilien aber verbringt er seine Wochenenden, dort ist er weiter als Ankläger in jenem Prozess zu sehen, den er zur Herzenssache erklärt hat: dem Verfahren, das klären soll, wie weit der Staat den Mafiosi in den Neunzigerjahren entgegengekommen ist.

Im Konvoi geht es an diesem Nachmittag durch Palermo. Ein Vorauskommando prüft die verabredete Fahrtstrecke, Minuten später folgen drei Jeeps und die gepanzerte Limousine, in der Di Matteo selbst sitzt. Wie sonst nur in Bürgerkriegsgebieten üblich, ist ein Störsender mit an Bord, der ferngesteuerte Sprengstoffanschläge verhindern soll. Mehrere Mordaufträge führender Mafiosi gegen den Staatsanwalt sind verbürgt. Geschlachtet "wie ein Thunfisch" oder "um die Ecke gebracht" solle er werden, heißt es in Abhörprotokollen. 150 Kilogramm Sprengstoff seien bereits nach Palermo geliefert worden.

"Mir ist jede Freiheit im Leben genommen", sagt der Staatsanwalt, nachdem er sein Büro im Justizpalast erreicht hat: "Schon morgens, noch bevor ich die Haustür öffne, muss ich die Eskorte verständigen. Ich fühle mich, als fehlte mir die Luft zum Atmen, dabei hätte ich solche Lust, mal einen Spaziergang allein zu machen." Wie ein Schwerkrimineller, auf den ein Kopfgeld ausgesetzt ist, so lebt der Ermittler.

Zwar sind in Palermo die Zeiten vorbei, als regelmäßig blutüberströmte Leichen auf der Straße lagen. Doch der Kampf gegen die Mafia ist noch lange nicht gewonnen. Die sizilianische Cosa Nostra folgt nur einer veränderten Strategie. Sie bekämpft den Staat nicht mehr mit Waffen, sie unterwandert ihn oder, besser: geht in ihm auf. Sie investiert Geld in der realen Wirtschaft und setzt ihren Vormarsch fort. "Die Mafia entsteht hier bei uns im Süden, aber sie frisst sich fett im Norden", sagt Leoluca Orlando. Der massige Mann, Jurist und Bürgermeister von Palermo, war in den Achtzigerjahren das, was Staatsanwalt Di Matteo heute ist: Spitzenreiter auf der Abschussliste der Cosa Nostra. Auch 32 Jahre nach seiner ersten Wahl zum Stadtoberhaupt kämpft Orlando noch immer für ein anderes Palermo, für Transparenz, Bürgersinn und Widerstand gegen das organisierte Verbrechen. Am Rathaus ließ er ein Spruchband anbringen: "Palermo steht zu Di Matteo." Das ist mutig in einer Stadt, in der Verschwiegenheit das Überleben erleichtert.

Siziliens Metropole sei "eine nahöstliche Stadt auf europäischem Boden, mehr Tripolis als Frankfurt am Main", sagt Orlando in seinem Amtszimmer. Er aber, der in Heidelberg studiert und in Paris gelebt hat, will das ändern, und so hat er sich im Sommer noch einmal zur Wahl gestellt - mit Erfolg. Palermo soll zu "einer Insel auf der Insel" werden, zur Ausnahme von der sizilianischen Regel, die vorsehe, möglichst wenig zu verändern, sagt Orlando: "Nur so haben wir die Chance zu überleben."

Bürgermeister Leoluca Orlando
Paolo Marchetti / DER SPIEGEL

Bürgermeister Leoluca Orlando

Auf fast ein Zehntel des Bruttoinlandsprodukts wird der Umsatz sämtlicher italienischer Mafiaorganisationen geschätzt. Seit auch Prostitution und Drogenhandel der nationalen Wertschöpfung zugerechnet werden, dürfte der Anteil noch größer geworden sein. Tiefer denn je wurzelt das organisierte Verbrechen in der Gesellschaft und der lokalen Wirtschaft. Selbst an Mietwagen und Mortadellabrötchen für die Crews, die auf Sizilien Mafiafilme drehen, verdient die Cosa Nostra mit.

"Für mich ist die Mafia das Kardinalproblem ganz Italiens, auch ohne Leichen", sagt Ermittler Di Matteo: "Die Ausbreitung ihrer Methoden und Gelder bis hinein in die legale Volkswirtschaft beschädigt unsere Demokratie."

Der Staatsanwalt kann das vor der eigenen Haustür beobachten, im Zentrum von Palermo, wo sein Wohnhaus steht, abgeriegelt wie eine terrorgefährdete Botschaft in Bagdad oder Kabul. Di Matteos Viertel zählt zum Einflussbereich einer Mafiafamilie, die ihre Schutzgeldforderung gegenüber Gewerbetreibenden auf geschliffene Art vorzubringen pflegt: "Wenn es Ihnen passen sollte, zu Ostern oder zu Weihnachten, schicke ich Ihnen jemanden vorbei, und Sie machen ihm dann, im Rahmen Ihrer Möglichkeiten, ein kleines Geschenk."

Für einen Barbetreiber in Di Matteos Wohngebiet bedeutet so ein "Geschenk" etwa 6000 Euro weniger Gewinn pro Jahr. Viele Unternehmer können, manche wollen sich das nicht mehr erlauben. Auf mehr als tausend Schaufenstern in und um Palermo prangen mittlerweile Aufkleber der Organisation Addiopizzo. Sie ermutigt zum Kauf in Geschäften, die den "pizzo", die Schutzgeldzahlung, verweigern.

Der Kampf gegen das organisierte Verbrechen auf Sizilien beruft sich auf große Vorbilder. Im Mai wurde der 25. Jahrestag des tödlichen Bombenanschlags auf den Staatsanwalt Giovanni Falcone begangen. Falcone wie auch sein wenig später ermordeter Mitstreiter Paolo Borsellino, an dessen Sarg Di Matteo Wache hielt, trieben jene Prozesse voran, die am Ende Hunderte Mafiabosse für zusammengerechnet 2665 Jahre ins Gefängnis brachten.

Im "Bunker", in dem damals die Verfahren unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen stattfanden, kämpft Di Matteo seit 2013 die Schlacht seines Lebens. Zusammen mit Kollegen vertritt er die Anklage in einem spektakulären Verfahren, bei dem der italienische Staat quasi sich selbst den Prozess macht: Es soll bewiesen werden, dass Politiker und Staatsdiener ab 1992 der Mafia Zugeständnisse gewährten, um das Blutvergießen zu beenden.

Kurz: dass die stolze Repubblica Italiana vor Massenmördern in die Knie ging.

Di Matteo ist überzeugt, dass es diese Abmachung zwischen Mafiabossen wie Totò Riina und Vertretern des Staatsapparats gab und dass diese Erbsünde der Republik gesühnt werden sollte. "Wenn Politiker und Mitglieder der Polizei oder der Geheimdienste als Bindeglied zur Mafia gedient und deren Erpressungsversuche weitergeleitet haben", sagt er, dann stehe es vor allem den Angehörigen der Ermordeten zu, die Wahrheit zu erfahren.

Ankläger Di Matteo, für viele Sizilianer Held und Hoffnungsträger, fällt den Mächtigen erkennbar lästig. Bisweilen, wenn die Überwachungskameras ausgeschaltet sind, erhält er unerbetene Post direkt auf seinen Schreibtisch - darunter "Drohbriefe, die zeigen sollen, dass man genau weiß, wann ich wo bin".

Die Privatadresse des Staatsanwalts in Palermo, den 42 Leibwächter beschützen, steht übrigens im Telefonbuch. Niemand befand es für nötig, den Eintrag zu löschen.

Sizilien ist Auswandererland. Nirgendwo in Italien verlassen mehr Menschen ihre Heimat: Jeder siebte Sizilianer lebt mittlerweile im Ausland.

Am stärksten betroffen ist die Provinz Agrigent. Hier liegt das Tal der Tempel, ein dem Meer vorgelagertes Gelände mit 2500 Jahre alten Kultstätten aus griechischer Zeit - einer von immerhin fünf Orten auf Sizilien, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählen.

Das Geschäft mit ausländischen Touristen allerdings ging zuletzt um mehr als ein Drittel zurück. Sizilien ist ein Juwel, das entstaubt werden müsste, und Giuseppe Parello, Direktor des Archäologieparks im Tal der Tempel, weiß das. Er hat 2016 ein Google-Camp am Fuß des Concordia-Tempels ausrichten lassen, einen Luxusworkshop für Manager und Gäste wie die Königin von Jordanien oder Angelina Jolie.

So wie er dasteht und über seine Pläne redet, ein eleganter Herr zwischen den Überresten monumentaler dorischer Ringhallentempel, hat Parello einen für sizilianische Verhältnisse überdurchschnittlichen Vorrat an Ideen parat. "In einer Industriewüste wie hier müssen wir jungen Leuten die Möglichkeit bieten, in ihrer Heimat zu bleiben", sagt er. "Wir Sizilianer sind sehr mit unserem Boden verbunden."

Jugendliche vor dem Justizpalast in Palermo
aolo Marchetti / DER SPIEGEL

Jugendliche vor dem Justizpalast in Palermo

Die Jugendarbeitslosigkeit auf der Insel aber liegt bei 57 Prozent, es muss also etwas geschehen. Parello hat seit seinem Amtsantritt die Einnahmen des Parks verdoppelt und begonnen, mit Wein, Oliven, Mandeln, mit allem also, was zwischen den Tempeln wächst, zusätzliche Erträge zu erzielen. Mit dem bisherigen "Fast-Food-Tourismus" nämlich, so der Direktor, blieben Siziliens Weltkulturerbestätten das, was sie sind: "Kathedralen in der Wüste".

Sagt's, steigt in seinen Wagen und fährt los, hinein ins industrielle Ödland hinter Agrigent. Lagerhallen, Fabrikruinen, selten ein Mensch. Nach 15 Kilometern tritt Parello auf die Bremse, er ist in Aragona angekommen. Hier ist er zu Hause.

Aragona, früher die Stadt der Schwefelarbeiter, leidet stärker unter Abwanderung als jeder andere Ort Italiens. Von offiziell 17.954 Einwohnern lebt knapp die Hälfte im Ausland. Die Häuser, einst mit dem Geld der Gastarbeiter aufgestockt, stehen nun ganz oder teilweise leer. Pro Kind ein Stockwerk, so planten sie hier in guten Zeiten. Doch die Kinder kommen nicht mehr zurück, Sizilien hat ihnen wenig zu bieten. In den Häusern wohnen nun unten die Alten und oben die Tauben.

Eine Mittelschule, drei Apotheken und eine Handvoll Bars gibt es noch, dazu ein Restaurant an der Via Roma. Im alten Palast des Fürsten Naselli an der Piazza sind mittlerweile Dutzende schwarzafrikanische Flüchtlinge untergekommen.

Zum Glück ist da noch Nino Seviroli, das Gedächtnis dieser sterbenden Stadt. Der Sänger, Schauspieler, Anarchist und Menschenfreund hütet in der Stadtbibliothek die Bücher und in seinen Liedern die Erinnerung an die Geschichte Aragonas. Auswandern zu müssen sei traurig, aber nicht jede Veränderung ein Verlust, sagt Seviroli und steuert seinen Fiat zu den rostbraunen Abraumhalden des Schwefelbergbaus, zu leer stehenden Schmelzöfen und Sprengstofftürmen hoch über der Stadt.

Als die letzten Minen in den Sechzigerjahren schlossen und die Kumpel weiterzogen in die Kohlenreviere Nordeuropas, da ging auch Seviroli, die Gitarre im Gepäck. Er musizierte in Belgien mit Jacques Brel, spielte in Rom unter Andrea Camilleri Theater und lernte ein Stück von der Welt kennen. Seither beklagt er bitterer denn je, dass auf Sizilien nichts vorangehe.

"Hier gibt es Schwefelminen, Naturschutzgebiete, Nobelpreisträger, griechische Tempel, wir haben etwas vorzuweisen - doch was passiert? So gut wie nichts", sagt Seviroli. "Diese Stadt wird aufhören zu existieren, weil hier für jeden, der etwas kann, das Auswandern keine Option ist, sondern ein Muss."

Sizilien ist Mafia- und Auswanderer-, aber auch Schlaraffenland. Zumindest für Politiker wie Francantonio Genovese, den sie den "König von Messina" nennen. Im Januar wurde er zu elf Jahren Haft verurteilt, wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, Geldwäsche und Betrug. Genovese soll, samt Ehefrau, Schwager, Schwägerin, Millionen an EU-Geldern kassiert haben, die für die berufliche Weiterbildung gedacht waren. Von "vollständig erfundenen Leistungen und überzogenen Rechnungen" sowie von beispiellosem Mangel an Schuldbewusstsein schreiben die Ankläger: "Die fühlten sich immun."

Genoveses Geschichte erzählt viel über Sizilien und darüber, wie ein Paradies geplündert wird. Über die Ohnmacht einfacher Leute, über die Gier der politischen Klasse und die Macht der Dynastien. Schon Genoveses Vater war Senator und ein Onkel achtmal Minister in Rom. Genovese selbst hat es im römischen Parlament zum Mitglied der Mafia-Untersuchungskommission gebracht. "Es gibt keinen Bereich, keinen Raum, keinen Winkel in der Verwaltung oder in den Schaltzentralen der Macht", wo die Genoveses nicht die Kontrolle ausübten, schreiben die Staatsanwälte in ihrer Anklageschrift.

Sitzt Francantonio Genovese nun wieder im Gazzi-Knast von Messina, wie schon während der Untersuchungshaft? Nein, bis auf Weiteres steht er - und zwar am Tresen der Bar im italienischen Parlament, wo er sich Tee, ein Cornetto und Orangensaft hat kommen lassen, Rüstzeug für einen weiteren Tag als Volksvertreter. Genovese, mittlerweile mit seinem siebten Parteiwechsel übergelaufen von Renzis Sozialdemokraten ins Lager Silvio Berlusconis, darf im Palazzo Montecitorio auf Sitz 536 so lange debattieren und Diäten kassieren, bis seine Berufungsverhandlung abgeschlossen ist. Und ehe in Italien ein letztinstanzliches Urteil ergeht, sind Korruptionsdelikte fast immer verjährt.

Ob Genovese sich schuldig fühlt oder gar plant, seinen Posten als Abgeordneter niederzulegen, ist schwer zu sagen. Fragen beantwortet er nicht, weder im Parlament noch am Telefon oder schriftlich.

16 Millionen Euro soll der Politiker an der Steuerbehörde vorbeigeschleust haben. Die Hinterziehung von Abgaben ist sizilianischer Nationalsport: Nicht weniger als 52 Milliarden Euro betragen die Außenstände seit 2006 - eine Summe, die den Inselhaushalt für volle drei Jahre decken würde. Bei einer Großrazzia fielen den Fahndern Teile des Fuhrparks der Steuerschuldner in die Hände: 33 Ferrari, 119 Porsche, 49 Jaguar, 17 Maserati, 2 Rolls-Royce, 3 Cadillac, 4 Hummer und ein Privatjet.

Zu fehlenden Einnahmen kommen überhöhte Ausgaben. Sechsmal mehr als die größere und reichere Lombardei gibt Sizilien für seine öffentlichen Bediensteten aus. Seit 1948 mit Sonderstatus an Italien gebunden, genießt die Insel üppige Zuwendungen aus Rom und weitgehende Eigenständigkeit in politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Fragen. Die Folge sind aufgeblähte Behörden und eine Kaste großzügig versorgter Politiker. So hat sich nach ganzen fünf Sitzungen ein Abgeordneter in Palermo Zulagen von lebenslang 2000 Euro netto pro Monat gesichert. Siziliens Sonderstatus im hoch verschuldeten Italien ist eine verfassungsrechtlich wasserdichte Ermutigung zum Nichtstun.

Der Politiker Genovese, der sämtliche Vorwürfe abstreitet, wird derzeit in einem zweiten Verfahren beschuldigt, in seiner Heimatstadt Messina ein mafiöses System entwickelt zu haben, bei dem Minijobs im öffentlichen Dienst als Tauschware für Wählerstimmen gehandelt wurden. Dreimonatszeitverträge sollen gegen jeweils zehn Wählerstimmen für Genovese und die Seinen vergeben worden sein.

Im Stadtteil Giostra etwa, wo in elenden Baracken zwischen Pferdeställen und Madonnenschreinen die Nachkommen der Erdbebenopfer von 1908 hausen, erhielt das Genovese-Lager überdurchschnittlichen Zuspruch. Laut Staatsanwaltschaft waren manche Wähler "dermaßen verzweifelt, dass sie sich mit einer Tüte voller Lebensmittel" als Bezahlung für ihr Votum begnügten. Bei den Vorwahlen des Partito Democratico 2012 war Genovese der italienweit meistgewählte Bewerber. Von seinem herrschaftlichen Anwesen am Strand nördlich von Messina blickt der Abgeordnete bis hinüber zum Festland. Von dort bis vor Genoveses Haustür soll irgendwann einmal jenes Jahrhundertprojekt reichen, das die sizilianischen Sonderlinge näher ans Mutterland ketten würde: der "ponte sullo stretto", eine 3,3 Kilometer lange Brücke über die seit Homer sagenumwobene Meerenge.

Von acht Milliarden Euro Baukosten und einem symbolträchtigen Brückenschlag zum "Kontinent", wie die Sizilianer sagen, ist die Rede. Doch das Projekt, seit anderthalb Jahrhunderten im Gespräch und seit 1971 vom Parlament genehmigt, kommt nicht voran. Francantonio Genovese, den "König von Messina", stört das nicht - seine Familienholding verdient Millionen am Fährverkehr über die Meerenge. Aber auch fürs Milliardengeschäft mit der Hängebrücke wäre sie bestens gerüstet.



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