AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2017

Firmenchroniken von Jägermeister und Madsack Spuren in die Nazizeit

Bei Jägermeister und beim Verlag Madsack schlummern Arbeiten zur Firmengeschichte in der Schublade. Was verbergen die Chroniken?

Fensterdekoration mit Kultgetränk Jägermeister: "Stets tadellos geführt"
Christian Beutler / Keystone / Laif

Fensterdekoration mit Kultgetränk Jägermeister: "Stets tadellos geführt"

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Die Romane von Sylvia Madsack lassen sich so zusammenfassen: Ihr Stanislaw Graf von Lugosy ist ein Vampir, der auf ewig nach dem Blute junger Frauen dürstet. Da erweckt die betörende Flötistin Daphne nie gekannte Gefühle in ihm, so voller Verehrung, Verzehrung und Entbehrung, wie sie nur der reinsten Liebe zu eigen ist. Als aber der fiese Blutsauger Kyrill auftaucht ... und plötzlich Daphne ... und dann Kyrills teuflischer Plan ...

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Heft 32/2017
Wie Bundesregierung und Konzerne den Ruf der Auto-Nation Deutschland ruinieren

Na ja, so in etwa.

Man muss leider sagen, dass das Verhältnis der Schriftstellerin Madsack zum Buch ein unglückliches, wenn nicht tragisches ist. Die Vampir-Romane, die sie veröffentlicht hat, sind nicht der Rede wert; der jüngste Band stand bei Amazon diese Woche auf Platz 1309565 der Bestsellerliste.

Jenes Buch aber, über das man wirklich gern reden würde, will sie partout nicht veröffentlichen. Sie hat es nicht geschrieben, sondern in Auftrag gegeben, bei einem Historiker. Es erzählt die Geschichte von Madsack in Hannover, dem großen deutschen Medienkonzern, in dem die "Hannoversche Allgemeine", die "Leipziger Volkszeitung" und 13 weitere Tageszeitungen erscheinen. Ein Haus, das pikanterweise davon lebt, Dinge zu veröffentlichen, nicht unter Verschluss zu halten.

So wie in den Romanen von Sylvia Madsack geht es auch in der Konzernchronik nicht nur um Edelmut und Hingabe, sondern auch um mögliche Fiesheiten. Allerdings echten, aus der Nazizeit, als jüdisches Geld im Verlag steckte.

Bis heute ist weitgehend unbekannt, wie die Madsacks mit den jüdischen Finanziers umgingen. Was nun den Verdacht erregt, dass die Firmenhistorie gerade deshalb nicht erscheint.

Schon im März hatte der SPIEGEL berichtet, dass Siemens eine kritische Studie weggeschlossen hat. Der Konzern hatte zwei renommierte Historiker angeheuert, um den großen Korruptionsskandal aufzuarbeiten. Als das 800-Seiten-Werk 2014 fertig war, reichte es aber angeblich nicht für die hohen Ansprüche des Hauses. Oder war es so, dass dem Konzern das Fazit nicht passte, wonach Tausende Verdachtsfälle gar nicht aufgeklärt wurden?

Nun gibt es zwei weitere Firmenchroniken, die Fragen aufwerfen: bei Madsack und bei Jägermeister.

Zum Fall Madsack findet man im Netz nur einen dürren Hinweis, auf der Seite des Hamburger Historikers Jens Flemming. In seiner Werkliste steht der Titel "Vertrauen auf den menschlichen Anstand des Partners". Die Rede ist von einer Arbeit über die jüdische Familie Sichel und ihre Unterbeteiligung am Madsack-Verlag, 52 Seiten lang, vorgelegt 2008. Daneben ein Vermerk: MS für Manuskript, also unveröffentlicht. Das jüdische Kapitel ist Teil einer größeren Studie über Familie und Verlag. Auch die: MS. Unveröffentlicht.

Sylvia Madsack, nach der SPD-Holding DDVG die zweitgrößte Gesellschafterin des Verlags, hatte Flemming 2007 unter Vertrag genommen. Zwar hatte sich die Enkelin des Gründers vorsichtshalber alle Rechte am Werk gesichert. Aber geplant war eine Veröffentlichung, ein Buch.

Im Oktober 2014 - das 430-Seiten-Manuskript war fast fertig - soll ein Vertrauter der Erbin jedoch gebremst haben. Man müsse Umbauten im Verlag abwarten. Deshalb kein Buch vor 2018. Im Februar 2015, so Flemming, habe er dann erfahren, dass die Erbin gar kein Buch mehr wolle.

Der Hamburger Historiker will wegen einer Geheimhaltungsklausel nichts über seine Forschungsergebnisse verraten. Offenbar ist er aber darauf gestoßen, dass Verleger August Madsack seinen "Hannoverschen Anzeiger" 1893 auch mit jüdischem Geld gegründet hatte. Der Frankfurter Bankier Jakob Sichel war nicht direkt beteiligt, sondern hatte sich bei einem Finanzier der ersten Stunde mit einer Unterbeteiligung eingekauft. Damit hatten die Sichels im Verlag nichts zu sagen, kassierten aber Monat für Monat eine Ausschüttung, abhängig vom Gewinn.

Als Hitler 1933 die Macht übernahm, kam der liberale "Anzeiger" sofort unter Druck. Um die von Nazis als "Judenblatt" geschmähte Zeitung zu retten, brachte Augusts Sohn Erich sie in kurzer Zeit auf Parteilinie - so wie auch andere bürgerliche Zeitungen plötzlich braun wurden.

Schon Ende April 1933 kappte der Verlag die direkten Zahlungen an die jüdische Familie. Das Geld sollte künftig über den Gesellschafter laufen, der sie unterbeteiligt hatte. 1934 drängte Erich Madsack darauf, dass ein befreundeter Jurist der Sichels, selbst kein Jude, ihre Unterbeteiligung pro forma übernahm. Das sollte den jüdischen Hintergrund besser kaschieren; immerhin erhielt die Familie so weiter ihr Geld.

1938 ließ sich aber auch die Treuhänderlösung nicht mehr halten, und die Brüder Paul und Erich Madsack kauften den Sichels ihre Anteile ab. Die sollen entsetzt gewesen sein, dass man sie zum Verkauf gezwungen habe - auch noch zu einem Preis, den die Madsacks diktiert hätten, weit unter dem echten Wert.

Nach dem Krieg, Mutter Sichel und eine Tochter waren in der Mordmaschine der Nazis umgekommen, kämpften zwei Söhne aus den USA darum, die Anteile zurückzubekommen. Doch Erich Madsack sperrte sich. Es dauerte, bis er den Behörden überhaupt meldete, dass es jüdische Ansprüche gab. Dann behauptete er offenbar, gar nicht gewusst zu haben, dass hinter dem Verkäufer der Anteile eine jüdische Familie Sichel gestanden habe. Und später, dass die Sichels doch mehr oder weniger aus freien Stücken verkauft hätten. Sie hätten nicht mehr daran geglaubt, mit einer Zeitung in Deutschland noch Geld verdienen zu können.

Erst als ihm ein Unterhändler der Familie Sichel von Mann zu Mann ins Gewissen geredet habe, soll Madsack nachgegeben und die Familie am Verlag beteiligt haben. Die Sichels zeigten sich zufrieden. Später, nach dem Tod mehrerer Erben, kaufte Madsack fast alle Anteile wieder auf.

Sind diese Verstrickungen der Grund, warum Sylvia Madsack die Chronik unter Verschluss hält? Ist ihr die jüdische Beteiligung zu heikel?

Es gab nämlich einen Erben, der nicht verkaufen wollte, in Australien. Dessen Sohn Paul Foulkes, Psychiater in Melbourne, sagte dem SPIEGEL, dass sein Vater sich zäh geweigert habe. Umso mehr wundert sich Foulkes junior, dass "zu keinem Zeitpunkt irgendein Vertreter von Madsack auf mich zugekommen ist" und er auch keine Ausschüttung bekommen habe. Er werde nun mit Madsack sprechen.

Wollte Sylvia Madsack diese Sache ruhen lassen? Oder hat sie am Zürichsee, wo sie residiert, schlicht das Interesse am schnöden Sachbuch verloren, weil sie ihren Namen eher mit belletristischen Blutsaugern verbunden wissen will? Sylvia Madsack ließ Fragen des SPIEGEL unbeantwortet. Laut einer Sprecherin befand sie sich im Urlaub im Ausland und sah sich daher nicht in der Lage, die Fragen rechtzeitig zu beantworten. Der Verlag wollte sich nicht äußern.

Historiker Flemming beklagt heute "einen unglaublichen Mangel an Respekt vor wissenschaftlicher Arbeit". Er frage sich immer noch, warum man "mich lange Zeit in gutem Glauben gelassen hat, wenn am Ende 'April, April' gerufen wird".

Ähnlich geht es auch seinem Kollegen Paul Erker aus München. Der Historiker ist Autor einer umfangreichen Unternehmenschronik der Marke Jägermeister - die ebenfalls unveröffentlicht im Archiv liegt.

Dabei hat der Likörhersteller durchaus Interesse an der eigenen Konzerngeschichte. Gerade erst hat er das Leben seines Patrons Curt Mast (1897 bis 1970) erzählen lassen, der 1935 den Jägermeister erfunden hatte. Tenor der Biografie: recht freundlich.

Dass Erker nicht ganz so gnädig mit Mast und seiner Nähe zum Naziregime umgeht - ein Grund für die ausbleibende Veröffentlichung? Die Firma mit dem Hirschgeweih bestreitet das. Richtig, man habe jetzt im Mai erst einmal die Biografie herausgebracht, geschrieben vom Göttinger Historiker Thomas Klingebiel. Doch auch Erkers Firmengeschichte auf 381 Seiten werde erscheinen. Nur nicht jetzt, eher in einem oder eineinhalb Jahren.

Hermann Göring mit einem erlegten Elch
Getty Images

Hermann Göring mit einem erlegten Elch

Dabei liegt schon seit Ende 2014 ein Manuskript vor, seit Dezember 2016 eine überarbeitete Version. Jägermeister hatte beide Bücher 2012 bestellt, um vor allem zwei Fragen beantworten zu können: Wie sehr sich Mast mit den Nazis einließ, und ob er mit dem Namen des Likörs dem Reichsjägermeister Hermann Göring huldigen wollte. Was immer mal vermutet wurde.

Jägermeister sagt, es gebe ganz banale Gründe dafür, dass die Studie noch in der Schublade schlummere. Man habe einfach zu viel um die Ohren gehabt. Zwei Bücher gleichzeitig, dafür habe der Apparat nicht gereicht. Zum Beweis, dass man nichts zu verbergen habe, lädt Jägermeister ins Archiv. Der SPIEGEL kann Erkers Arbeit neben die veröffentlichte Biografie legen.

Es ist nicht so, dass Klingebiel mit Jägermeister-Geld ein Jubelopus geschrieben hätte. Zwischen den Zeilen - und manchmal auch in den Zeilen - kann man sehr wohl lesen, dass Curt Mast ein sehr wendiger Mann war, der seine Gesinnung dorthin bog, wo er gerade das beste Geschäft witterte. Auch in der Nazizeit.

Aber an vielen Stellen wird Klingebiel auffallend mild. Etwa, wenn er spekuliert, dass Mast nur in die NSDAP gegangen sei, um "mäßigenden Einfluss auf die politische Umwälzung in seiner Heimatstadt zu nehmen". Oder wenn er ihn mit seiner Nachkriegslegende durchkommen lässt, er sei nie Parteimitglied gewesen, nur Anwärter. Für Klingebiel ist das "alles andere als unglaubwürdig", schließlich sei die Mitgliedschaft "noch nicht formalisiert" gewesen. Und so geht es weiter: Mast war für die Liberalen in den Stadtrat von Wolfenbüttel eingezogen und nach dem Wechsel zur NSDAP dort sitzen geblieben - "ausgeharrt" nennt Klingebiel das.

Glaubt man ihm, dann war Mast, der sich neun Monate vor Kriegsende für die Freilassung eines verhafteten Angestellten eingesetzt hatte, sogar ein Helfer des Widerstands. Ganz so, wie sich Mast später gegenüber den Alliierten dargestellt hatte.

Bei Erker liest man dazu allerdings, dass sich von den neun Entlastungszeugen, die Mast benannt hatte, keine Aussage in den Akten finde. Und dass Mast als "Antifaschist" persilscheinsauber aus einem englischen Sonderverfahren kam, habe er vor allem seinen guten Drähten zu den Engländern zu verdanken. Die versorgte Mast, wie vorher die Wehrmacht, mit seinem Kräuterschnaps.

Dass der Jägermeister-Chef lediglich Parteianwärter gewesen sei, nennt Erker "schlichtweg falsch". Aus einem Prozess, in dem Mast sich 1941 wegen einer schwarz verschobenen Zuckerlieferung verantworten musste, präsentiert der Historiker einen Vermerk des Oberstaatsanwalts: "Der Angeklagte gehört der NSDAP seit Herbst 1932 an." Warum auf der Mitgliedskarte der 1. Mai 1933 steht, kann Erker auch nicht aufklären; Klingebiel erwähnt den Widerspruch nicht mal.

Genauso wenig die Beurteilung: Mast habe sich "stets tadellos geführt und die NSDAP schon vor der Machtergreifung geldlich unterstützt". Das schrieb das NS-Amt für Gnadensachen, nachdem Mast im Zucker-Prozess neun Monate Haft kassiert hatte. Braunröcke aus dem Braunschweiger Land bis hoch zum Naziministerpräsidenten setzten sich für den Fabrikanten ein; ins Gefängnis musste er dann nicht.

Ende 2014 gab Erker sein erstes Manuskript ab; nach einem Treffen im April 2015 "habe ich ein Jahr nichts von Jägermeister gehört, ohne jegliche Begründung", sagt er heute. Erst im März 2016 setzte man sich wieder zusammen. Die Firma wünschte sich ein paar Änderungen: mehr dazu, wie Jägermeister zur Weltmarke aufstieg, weniger über die zahllosen Markenschutzprozesse. Um die Nazizeit ging es nicht; "wir haben nie versucht, darauf Einfluss zu nehmen", sagt Jägermeister-Sprecher Michael Eichel.

Das bestätigt Erker, aber die Firma habe ihm geraten, doch bitte die Ergebnisse von Klingebiel zu berücksichtigen. "Was ich strikt abgelehnt habe", so Erker. Mehr noch: Er habe den damaligen Vorstandssprecher "deutlich" gewarnt. Die Biografie des Kollegen liefere ein "ziemlich beschönigendes Bild zur Rolle von Curt Mast in der NS-Zeit". Jägermeister sagt dagegen, Erker habe nicht vor konkreten Inhalten gewarnt. Und Klingebiel? Verwahrt sich dagegen, etwas schöngefärbt zu haben. Auch er sehe Mast in der NS-Zeit kritisch.

Dass sein Werk noch erscheinen würde, erwartete Historiker Erker im März 2016 nicht mehr. "Darüber wurde damals gar nicht geredet, nicht über den Zeitpunkt, nicht über einen Verlag." Jetzt soll aber doch alles anders kommen. Natürlich werde man veröffentlichen, sagt der Konzern. Wenn Jägermeister überhaupt Probleme mit Erkers Arbeit habe, dann damit, dass die Studie bis 2013 reicht, bis in die noch lebende Managergeneration hinein. An den Kapiteln zur Nazizeit habe man nichts auszusetzen. Die sind in einem Punkt für Jägermeister sogar erfreulich: Reichsjägermeister Göring hat beim Namen nicht Pate gestanden. Da sind sich beide Historiker ausnahmsweise einig.



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imlattig 08.08.2017
1. Als juedisches....
Geld im verlag steckte. Das ist Oton 3. Reich. Als journalist waere ich bei so einer schreibe vorsichtiger.
cs01 08.08.2017
2.
Mast war also schon zu Nazizeiten Hans Dampf in allen Gassen. Was anderes hätte mich bei einem derart umtriebigen Menschen auch gewundert. Auf Prozessvorbringen eines Angeklagten würde ich mich aber nicht unbedingt verlassen. Klar, dass er versucht, sich so gut wie möglich aus der Affäre zu ziehen. Da ist man denn lieber 100%iger Nazi, als in den Knast zu wandern. Und bei den Briten versicht man denn als Antifaschist durchzukommen.
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