AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2018

Interview mit Ex-FBI-Chef über seine bizarren Treffen mit Trump "Die Szene war kaum auszuhalten, sie spielt sich bis heute in meinem Kopf in Zeitlupe ab"

James Comey vergleicht im Interview den US-Präsidenten mit einem Mafiaboss und erklärt, warum er trotz der Russlandaffäre gegen eine Amtsenthebung ist.

James Comey
Béatrice De Géa/ DER SPIEGEL

James Comey

Von und


Das Flatiron Building auf der Fifth Avenue ist eines dieser Hochhäuser in Manhattan, die jeder Tourist kennt: dreieckiger Grundriss, vorn spitz zulaufend, ein eleganter, mondäner Keil. Drinnen, im zweiten Stock, sieht es schlichter aus. Ein dunkler Flur, auf dem Boden Bücherkartons, es riecht nach Filterkaffee. James B. Comey, 57, der frühere FBI-Direktor, zwängt sich in eine Kammer des Verlags Flatiron Books, der die engen Räumlichkeiten belegt.

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Heft 17/2018
Es geht um Freiheit und Demokratie - Macron braucht Hilfe, doch Deutschland versagt

Er wirkt locker, fast vergnügt - es ist sein einziges Interview mit einem deutschsprachigen Medium. Comey ist nach seiner öffentlichen Demütigung auf dem Zenit seines Ruhms angelangt. Vor fast genau einem Jahr, am 9. Mai 2017, warf ihn Donald Trump in einer unerhörten Wutaktion aus dem Amt, weil das FBI dem Präsidenten in dieser "Russland-Sache" - wie er sie nannte - zu nahe gekommen war. Seither hat Comey Trump auf verschiedenste Weise das Leben schwer gemacht. Er spielte der Presse Aufzeichnungen zu, die er als FBI-Direktor nach Begegnungen mit Trump angefertigt hatte, die sogenannten Comey-Memos; er erzählte vor einem Senatsausschuss in literarischer Detailtiefe von einem Zweier-Dinner im Weißen Haus, in dem Trump ihn zur Loyalität zwingen wollte; und schließlich unterschrieb Comey, natürlich, einen Buchvertrag.

"Größer als das Amt" heißt das Werk auf Deutsch, das diese Woche zeitgleich in mehreren Sprachen erschienen ist. Der Titel spielt auch auf die Körpergröße des Autors an, mit 2,03 Metern ist er nur zehn Zentimeter kleiner als der Basketballer Dirk Nowitzki. Es ist das zweite umfassende Enthüllungsbuch der Trump-Ära, nach "Feuer und Zorn" des Journalisten Michael Wolff. Im Gegensatz zu Wolff aber kann Comey einen exklusiven, langfristigen Zugang ins Innerste der Macht vorweisen - außerdem besitzt er das gefährliche Wissen eines Juristen, der das Räderwerk von Washington in- und auswendig kennt.

Comey schreibt mit der Präzision eines Staatsanwalts, dem Talent eines Romanciers und dem Ehrgeiz eines begabten Narzissten. Sein überwölbendes Thema sind die Prinzipien guter, ethischer Führung. Er weiß, dass er, der einstige Republikaner, für das linksliberale Amerika zu einer Art Idol wurde, zum Gegenspieler Trumps. Die saftigsten Zitate aus dem Buch kursierten schon vorige Woche in US-Medien, meist mehr oder weniger persönliche Attacken gegen den Präsidenten, den Comey als notorischen Lügner beschreibt, als Bedrohung für die Vereinigten Staaten und den Westen.

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James Comey:
Größer als das Amt

Auf der Suche nach der Wahrheit - der Ex-FBI-Direktor klagt an

Droemer HC; 384 Seiten; 19,99 Euro

Was dieses Buch spannend macht, ist sein Autor. Comey nimmt den Leser mit in die New Yorker Halbwelt aus Mafiaclans und Finanzbetrügern, wo er seine Karriere als Staatsanwalt beginnt. Er erlebt als stellvertretender Justizminister die Debatte um Folter im irakischen Gefängnis Abu Ghuraib mit, bis ihn Obama zum Chef des FBI ernennt. Sein Vorgänger und Mentor ist übrigens ebenjener Robert Mueller, der dem Präsidenten seit Comeys Rauswurf als Russland-Sonderermittler zusetzt.

Trump steht nun durch seine Affären, Mueller, die FBI-Ermittlung gegen seinen Anwalt Michael Cohen sowie das Comey-Buch stärker unter Druck denn je. Und das in einer Zeit, in der ihn auch die Weltpolitik herausfordert.


Im Video: Der Rächer
SPIEGEL-Korrespondent Christoph Scheuermann über das Gespräch mit dem ehemaligen FBI-Chef James Comey und dessen Enthüllungsbuch "Größer als das Amt"

SPIEGEL: Herr Comey, lassen Sie uns gleich zur Sache kommen.

Comey: Ja. Haut drauf, haut drauf!

SPIEGEL: Sie haben ein Buch über gute Führung geschrieben, in dem es bei Weitem nicht nur, aber doch sehr viel um Donald Trump geht. Und nun haben Sie auch noch gesagt, Trump sei "moralisch ungeeignet", Präsident zu sein. Warum?

Comey: Wer über Frauen spricht und sie behandelt, als wären sie ein Stück Fleisch, wer dauernd große und kleine Lügen verbreitet und wer bei den Vorgängen in Charlottesville im vergangenen Jahr eine moralische Äquivalenz sah zwischen Rechtsextremisten und jenen, die gegen sie protestierten - der ist in meinen Augen moralisch ungeeignet, Präsident zu sein. Ich habe es auch deshalb gesagt, weil nach "Feuer und Zorn" die Frage kursierte, ob er aus gesundheitlichen Gründen ungeeignet sei. Dafür wiederum habe ich keine Anzeichen gesehen.

SPIEGEL: Es ist fast genau ein Jahr her, dass Donald Trump Sie überraschend als Direktor des FBI gefeuert hat. Wie haben Sie das damals erlebt?

Comey: Es war surreal. Ich war gerade zu Besuch im FBI-Büro in Los Angeles und hielt eine Rede vor Mitarbeitern. Sie waren in einem großen Raum versammelt, an dessen Rückwand drei Fernsehbildschirme hingen. Ich sprach über die Werte des FBI und unsere Mission, als ich plötzlich die Meldung auf den Bildschirmen sah: "Comey tritt zurück." Ich dachte, es sei ein Scherz meiner Mitarbeiter. Ich sagte: "Da habt ihr euch aber viel Arbeit gemacht." Dann wechselte die Nachricht zu "Comey gefeuert". Eine bizarre Erfahrung.

SPIEGEL: Wollten Sie sich mit dem Buch an Trump rächen?

Comey: An Rache bin ich wirklich nicht interessiert. Eigentlich würde ich das alles viel lieber nicht tun, aber ich habe mir gesagt: Ich kann nützlich sein, vor allem jetzt. Ich habe eine Pflicht, das zu tun. Und deshalb tue ich es.

SPIEGEL: Der Präsident hat Sie einen "Schleimbolzen", einen "Lügner", einen "Leaker" genannt, und klargemacht, dass Sie ins Gefängnis gehörten. Ihre Reaktion?

Gefeuerter Comey vor dem Senat am 8. Juni 2017
AFP

Gefeuerter Comey vor dem Senat am 8. Juni 2017

Comey: Erstens ein Schulterzucken. Und zweitens: Das kann uns allen nicht gleichgültig sein. Es ist nicht normal in diesem Land, dass der Präsident sagt, ein Bürger müsse ins Gefängnis. Das steht nicht im Einklang mit amerikanischen Werten, und es ist sehr wichtig, dass wir nicht einfach abstumpfen. Unsere Anführer dürfen sich nicht auf diese Weise verhalten. Wir können das nicht als eine Art Hintergrundrauschen akzeptieren.

SPIEGEL: Sie greifen Trump in Ihrem Buch aber auch persönlich an und schreiben, dass er klein wirke, mit einem orangefarbenen Teint und hellen Halbmonden unter den Augen, vermutlich von der Schutzbrille im Solarium. Sie erwähnen sogar, dass seine Hände kleiner seien als Ihre. Beschädigen Sie mit diesen etwas billigen Attacken nicht Ihr eigenes Argument über Moral und Anstand?

Comey: Ich finde nicht, dass das Angriffe sind, so habe ich das zumindest nicht beabsichtigt, und ich glaube auch nicht, dass sie so verstanden werden können. Ich bin zum ersten Mal Autor, mein Verleger hat mir den Tipp gegeben: Nimm den Leser mit, zeig ihm, was dir durch den Kopf geht, er soll mit dir im selben Raum sein. Und als ich zum ersten Mal Trump gegenüberstand, fiel mir sein oranges Gesicht auf - er hatte diese Ringe unter den Augen, auch sein Haar war sehr beeindruckend. Ich wollte mich nicht über die Größe seiner Hände lustig machen. Ich erinnerte mich daran, dass es im Wahlkampf einmal diese Episode mit der Größe von Trumps Händen gab. Daran musste ich denken, als ich ihm zum ersten Mal die Hand schüttelte - wie groß ist sie?

SPIEGEL: Sie haben wirklich nicht erwartet, dass Trump zurückschlägt, wenn Sie über die Größe seiner Hände schreiben?

Comey: Der Gedanke ist mir nie gekommen. (Er grinst.)

SPIEGEL: Sie trafen Trump zum ersten Mal Anfang Januar 2017, als Sie ihn mit den Chefs von CIA und NSA zur Einmischung Russlands in die Präsidentschaftswahl informierten. Das Treffen im Trump Tower in New York erinnerte Sie an die Begegnung mit einem Mafiaboss. Wie kommen Sie darauf?

Comey: Ich kenne die Mafia gut von meiner Arbeit als Staatsanwalt in Manhattan in den Neunzigerjahren. Als der gewählte Präsident und sein Team sofort darüber sprachen, was der beste politische "Spin" für dieses Russland-Thema wäre, während wir noch mit am Tisch saßen, da drängte sich dieses Bild in meinen Kopf. Es fühlte sich an wie der Versuch eines Mafiabosses, Neulinge in die Familie zu integrieren. Ich versuchte, das Bild zu verdrängen, es wirkte erst ein wenig dramatisch auf mich, aber es kam wieder, auch bei weiteren Treffen.

SPIEGEL: Trump als Mafiaboss - ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Comey: Ich sage nicht, dass er Beine bricht, Brandbomben in Läden wirft oder Lastwagen entführt. Aber der Führungsstil ähnelt sich. In der Mafia ist der Boss alles, das oberste Gebot ist Loyalität. Die meisten ethisch verantwortlichen Anführer haben externe Referenzpunkte, an denen sie sich bei Entscheidungen orientieren - sei es Philosophie, Religion, Logik, Tradition, Geschichte. Aber bei den Mafiachefs, mit denen ich über die Jahre zu tun hatte, geht es immer nur um den Boss. Was kannst du für mich tun, wie dienst du mir? Mich erinnerte das an Trumps Führungskultur.

SPIEGEL: Trump geht es nur um Trump?

FBI-Chef Comey mit Präsident Trump im Weißen Haus am 22. Januar 2017
AP

FBI-Chef Comey mit Präsident Trump im Weißen Haus am 22. Januar 2017

Comey: Sein einziges Referenzsystem scheint intern zu sein: Was ist gut für mich? Was bringt mir die Bestätigung, die ich brauche?

SPIEGEL: Sie schreiben, er habe von Anfang an versucht, Sie zu einer Art Komplize zu machen. Bei einem Treffen im Weißen Haus schien er Sie sogar auf die Wange zu küssen.

Comey: Dieser angebliche Kuss war kein Kuss. Aber die Szene war kaum auszuhalten, sie spielt sich bis heute in meinem Kopf in Zeitlupe ab. Ich wollte mit allen Mitteln vermeiden, dass es so aussieht, als stünde ich dem Präsidenten nahe. Seit Watergate gibt es in den USA eine Tradition, dass das FBI eine Distanz zum Präsidenten einhält - zu große Nähe war damals einer der Fehler von FBI-Chef J. Edgar Hoover.

SPIEGEL: An jenem Tag empfing Trump die Mitarbeiter von Sicherheitsbehörden, um ihnen für ihre Arbeit während seiner Amtseinführung zu danken. Sie als FBI-Chef wollten zuerst gar nicht hingehen...

Comey: Als ich dann dort war, habe ich versucht, mich mit meinem blauen Anzug zwischen den blauen Vorhängen unsichtbar zu machen. Nach der ganzen Aufregung mit Hillary Clinton war ich besorgt, dass ein falscher Anschein entstehen könnte. Aber Trump rief mich zu sich. Ich ging quer durch den Raum, entschlossen, mich nicht umarmen zu lassen. Das konnte ich zwar vermeiden, aber Trump zog mich nach unten und flüsterte mir ins Ohr: "Ich freue mich wirklich auf unsere Zusammenarbeit." Weil die Kameras auf der anderen Seite waren, haben alle, auch meine Kinder, einen Kuss gesehen, obwohl da keiner war. Das sah gar nicht gut aus.

SPIEGEL: Es kam dann zu einem mittlerweile berühmten Abendessen zu zweit. Dort verlangte Trump, dass Sie ihm Ihre persönliche Loyalität zusichern. Warum haben Sie nicht einfach gesagt, dass sich dieses Ansinnen nicht gehört?

Comey: Das ist eine sehr gute Frage. Vielleicht, weil ich nicht so stark bin, wie ich sein sollte. Vielleicht, weil ich überrascht, fassungslos war. Aber ich weiß auch nicht, wie viele Leute sagen würden: "Herr Präsident, das dürfen Sie nicht sagen." In gewisser Weise habe ich das ja aber getan, weil ich auf seine Bitte zunächst mit Schweigen reagierte und, obwohl es schwierig war, überhaupt zu Wort zu kommen, immer wieder erwähnte, wie wichtig die Distanz zwischen dem Präsidenten, dem Justizministerium und dem FBI ist. Trotzdem kam er wieder darauf zurück und fragte noch einmal.

SPIEGEL: Am Ende haben Sie beide sich dann auf "ehrliche Loyalität" geeinigt.

Comey: Ja. Er sagte noch einmal, dass er Loyalität brauche, und ich sagte: "Sie werden von mir immer Ehrlichkeit bekommen." Er antwortete: "Das ist es, was ich will. Ehrliche Loyalität." Das habe ich dann akzeptiert, um irgendwie aus dieser unangenehmen Konversation herauszukommen und auch weil ich dachte, dass ich klargemacht hätte, wie er "ehrliche Loyalität" verstehen soll.

SPIEGEL: Bei Ihrem ersten Treffen mit Trump am 6. Januar 2017 mussten Sie ihm von einem Bericht des britischen Ex-Spions Christopher Steele erzählen. Darin wird unter anderem behauptet, er sei in Moskau in einem Hotelzimmer mit Prostituierten gewesen. Was haben Sie ihm genau gesagt?

Comey: Ich wollte ihn darauf aufmerksam machen, dass dieses Material in der Welt ist. Ich habe ihm nicht gesagt, dass ich die Anschuldigungen glaube - aber wir von den Sicherheitsbehörden dachten, es sei unsere Pflicht, ihn zu informieren. Ich habe nicht alle Details genannt. Ich habe von Prostituierten in Russland gesprochen, aber ich hielt es nicht für notwendig, über den Teil zu sprechen, der auch als "golden shower" bezeichnet wird. Mir war das alles sehr unangenehm. Ich schaute auf mich selbst herunter und dachte: Was mache ich hier? Wie bin ich hier hineingeraten?

SPIEGEL: Sie haben ihm also nicht gesagt, dass die Prostituierten laut dem Bericht aufeinander uriniert haben sollen?

Comey: Nein, das habe ich nicht.

SPIEGEL: Wie hat er reagiert?

Comey: Abwehrend. Er hat mich sehr schnell unterbrochen und fing an, über die Anschuldigungen zu reden, die etliche Frauen gegen ihn erhoben hatten. Er stellte mir die Frage - ich denke, sie war rhetorisch gemeint -, ob er aussehe wie ein Typ, der die Dienste von Huren brauche. Das Gespräch geriet nach meinem Gefühl außer Kontrolle, und da habe ich ihm gesagt, dass wir nicht gegen ihn persönlich ermitteln. Ich dachte, das sollte er wissen, weil klar war, dass die Medien bald darüber berichten würden. Eine unserer Aufgaben beim FBI ist es, das Präsidentenamt zu beschützen. Und wenn jemand in Gefahr ist, erpresst zu werden, dann gehen wir unter anderem so vor, dass wir die betroffene Person informieren, dass wir davon wissen.

SPIEGEL: Hat Trump verstanden, dass es um etwas Ernstes geht?

Comey: Ich glaube schon, denn später rief er mich wieder an, weil er mit mir darüber reden wollte.

SPIEGEL: Das FBI soll das Präsidentenamt beschützen, aber zur gleichen Zeit ermittelten Sie gegen Leute, die dem Präsidenten nahestanden, wegen der russischen Einflussnahme auf die Wahl. Ist das nicht ein grundsätzlicher Konflikt?

Comey: Das kann es sein. Es gibt ein natürliches Spannungsverhältnis zwischen den Verpflichtungen des FBI, die Regierung zu beschützen und gegen Teile der Regierung zu ermitteln. Aber ich denke, das ist ein Konflikt, der sich bewältigen lässt.

SPIEGEL: Hielten Sie dieses sogenannte Steele-Dossier damals für wahr?

Comey: Damals wusste ich es nicht. Es kam von einer verlässlichen Quelle, die ein bestehendes Netzwerk von russischen Kontakten hatte. Und ich wusste auch, dass eine zentrale Feststellung dieser Materialsammlung zutreffend war, nämlich dass die Russen eine gewaltige Anstrengung unternommen hatten, um die Wahl zu beeinflussen. Die Leute sagen immer wieder, das Dossier sei unbestätigt. Dieser Teil war wahr. Was den Rest angeht, inklusive der schlüpfrigen Teile, wusste ich es einfach nicht. Als ich gefeuert wurde, gab es Anstrengungen, das Dossier tiefer auszuwerten, und ich weiß nicht, wie das ausgegangen ist.

SPIEGEL: Im Zentrum dieser Angelegenheit steht die Frage, ob Teile der Trump-Kampagne im Wahlkampf geheime Absprachen mit Russland getroffen haben. Gab es die?

Comey: Das herauszufinden ist die Aufgabe des Sonderermittlers Robert Mueller. Für unsere Ermittlungen gab es jedenfalls eine Basis. Das FBI wusste, wie inzwischen allgemein bekannt ist, dass ein Mitarbeiter Trumps mit einem Vertreter Russlands in Kontakt war. Es ging darum, E-Mails zu erhalten, die Hillary Clinton schaden könnten. Ich weiß nicht, welche Schlüsse daraus folgen werden, aber wenn Mueller seine Arbeit zu Ende machen darf, wird er die Wahrheit herausfinden.

SPIEGEL: Hat Trump die Justiz behindert, als er Ihnen nahelegte, die Ermittlungen gegen seinen kurzzeitigen Sicherheitsberater Michael Flynn einzustellen, und Sie darauf schließlich entließ?

Comey: Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Es gibt Indizien dafür, dass er sich der Justizbehinderung schuldig gemacht hat, vor allem im Zusammenhang mit dem Treffen, in dem es um Flynn ging. In dieser Sache bin ich ein Zeuge, ich kann nicht sagen, zu welchem Schluss der Sonderermittler kommt.

Béatrice De Géa/ DER SPIEGEL

SPIEGEL: Sollte gegen Trump ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet werden?

Comey: Zunächst einmal werden die Gesetze, die Fakten und unsere Verfassung darüber entscheiden. Aber ich hoffe, auch wenn es seltsam klingen mag, dass es kein Impeachment-Verfahren gibt. Denn damit würden die Amerikaner aus der Verantwortung entlassen. Wir haben gemeinsame Werte, die bedeutsamer sind als unsere politischen Kämpfe. Und wenn Trump aus dem Amt gejagt wird, zementieren sich nur unsere Differenzen. Wir sollten besser bei der nächsten Wahl für unsere Werte eintreten.

SPIEGEL: Machen Sie sich Sorgen, dass Trump Sonderermittler Mueller feuern könnte?

Comey: Natürlich mache ich mir Sorgen. Es wäre ein enormer Fehler und ein Angriff auf den Rechtsstaat. Es wäre auch aus praktischer Sicht ein Fehler, denn so wichtig der Sonderermittler ist, ich bin mir sicher, dass die Arbeit von anderen fortgesetzt würde. Um das zu verhindern, müsste der Präsident jede einzelne Person im Justizministerium und im FBI feuern, und das kann er nicht.

"Es ist nicht normal in diesem Land, dass ein Präsident sagt, ein Bürger gehöre ins Gefängnis."

SPIEGEL: Muellers Ermittlung dreht sich auch um die Frage, ob der Präsident die Justiz behindert hat, dafür sind Sie einer der wichtigsten Zeugen. Besteht nicht die Gefahr, dass Sie sich durch Ihr Buch und Ihre deutlichen Kommentare über den Präsidenten selbst beschädigen?

Comey: Das ist eine begründete Frage, aber ich denke das nicht. Meine Aussage ist abgeschlossen, ich habe vor dem Senat darüber Auskunft gegeben. Ich habe Memos über die wichtigsten Begegnungen geschrieben, das heißt, es gibt Protokolle. Und ich erzähle konsistent die Wahrheit.

SPIEGEL: Aber Sie könnten als parteiisch gesehen werden und damit die Glaubwürdigkeit Ihrer Aussagen beschädigen.

Comey: Vielleicht. Wenn mich allerdings jemand ins Kreuzverhör nähme, würde er die gleichen Fragen stellen, ob ich nun ein Buch geschrieben habe oder nicht. Deshalb sehe ich das nicht als Problem.

SPIEGEL: Sie sind jetzt für viele Trump-Unterstützer der Erzfeind, im Oktober 2016 war es umgekehrt - damals teilten Sie dem US-Kongress nur elf Tage vor der Wahl mit, dass das FBI die Ermittlungen gegen Hillary Clinton wieder aufnehme, weil ein Laptop mit E-Mails aufgetaucht war. Clintons Leute griffen Sie damals an, Trumps Unterstützer verteidigten Sie.

Comey: Es ist wirklich lustig. Meine Frau hat mal gesagt: "Du wusstest immer, dass du die Hälfte des politischen Spektrums verärgern würdest. Ich dachte nie, dass du es fertigbringst, beide Hälften gegen dich aufzubringen." Es stimmt, sowohl Demokraten als auch Republikaner sind wütend auf mich, logisch ist das nicht - ich kann ja nicht sowohl auf Trumps wie auf Clintons Seite gewesen sein.

SPIEGEL: Haben Sie Hillary Clinton die Präsidentschaft gekostet? Sie selbst ist davon überzeugt.

Wahlkämpferin Clinton im Oktober 2016
Doug Mills/ The New York Times/ Laif

Wahlkämpferin Clinton im Oktober 2016

Comey: Ich hoffe es wirklich nicht, aber ich weiß es nicht.

SPIEGEL: Clintons Umfragewerte brachen damals ein. Ihr Brief hatte also offensichtlich einen Einfluss.

Comey: Das kann sein, aber ich habe nicht aus politischen Erwägungen heraus gehandelt. Ich habe einen großen Teil meines Berufslebens Institutionen gewidmet, an denen ich geliebt habe, dass sie nichts mit Politik zu tun haben. Aber manchmal sitzen Sie einfach zwischen den Stühlen.

SPIEGEL: Sie beschreiben im Buch aber, dass Sie selbst politische Überlegungen anstellten: Sie gaben zum Beispiel im Juli 2016 eine umstrittene Pressekonferenz, in der Sie persönlich über die Einstellung der Ermittlungen gegen Clinton informierten, obwohl das die Aufgabe des Justizministeriums gewesen wäre. Sie wollten damit Ihre Unabhängigkeit demonstrieren. Warum sind Sie nicht einfach nach Lehrbuch vorgegangen?

Comey, SPIEGEL-Redakteure (Christoph Scheuermann und Mathieu von Rohr in New York): "Ich empfand großen Respekt für Obama"
Béatrice De Géa/ DER SPIEGEL

Comey, SPIEGEL-Redakteure (Christoph Scheuermann und Mathieu von Rohr in New York): "Ich empfand großen Respekt für Obama"

Comey: Dieses Lehrbuch hätte ich gern. Erinnern Sie sich an 2016, das war eine katastrophale Ausgangslage. Das FBI führt Ermittlungen gegen eine Präsidentschaftskandidatin wegen ihrer E-Mails, mitten in einer der politisch zerrissensten Phasen unserer Geschichte. Ich will niemanden überzeugen, dass ich recht hatte, sondern lediglich aufzeigen, wie jemand in meiner Position versucht, ethisch zu handeln. Ich bete dafür, dass kein FBI-Direktor mehr solche Entscheidungen treffen muss. Es war eine Reihe von No-Win-Situationen, alle Optionen waren furchtbar.

SPIEGEL: Sie haben auch zugegeben, dass Sie von der Annahme beeinflusst waren, dass Clinton gewinnt, als Sie im Oktober den Brief an den Kongress schrieben.

Comey: Ich erinnere mich nicht daran, über Meinungsumfragen nachgedacht zu haben. Aber damals ging das ganze Land davon aus, dass Clinton gewinnt. Hatte das einen Einfluss auf mich? Möglich.

SPIEGEL: Der Vorwurf gegen Sie lautet, Sie hätten sich zu sehr ins Rampenlicht gedrängt. Sie geben selbst zu, manchmal zu sehr von Ihrem Ego angetrieben zu werden. Sind Sie zu egozentrisch?

Comey: Was erlauben Sie sich? (Er lacht.) Die Frage kann niemand über sich selbst beantworten. In meinem Buch schreibe ich aber, dass ich mir schon als Teenager Sorgen über meinen Stolz und mein Ego gemacht habe, weil ich weiß, dass sie zu meinen Schwächen gehören.

SPIEGEL: Sie haben als Staatsanwalt, stellvertretender Justizminister und FBI-Chef viele der großen Affären in den USA hautnah miterlebt. Sie waren in den Neunzigerjahren an Ermittlungen wegen umstrittener Immobiliengeschäfte der Clintons beteiligt, zuvor am Verfahren gegen den Milliardär Marc Rich. Sie waren in die Frage involviert, ob US-Soldaten im Irak gefoltert haben...

Comey: Sie haben das Buch wirklich gelesen!

SPIEGEL: Natürlich. Und doch kommen Sie immer wieder auf Trump zurück. Warum?

Comey: Man kann nicht über ethische Führung schreiben, ohne Trump zu nennen, als Antithese.

SPIEGEL: Trumps jetziger Stabschef John Kelly wollte kündigen, nachdem Sie gefeuert wurden. Sie baten ihn zu bleiben - sagen aber auch, Trump beschmutze alle, die mit ihm arbeiten. Was sollen seine Mitarbeiter also tun? Bleiben oder gehen?

Comey bei der Vorstellung als designierter FBI-Chef am 21. Juni 2013
Olivier Douliery/ ddp images

Comey bei der Vorstellung als designierter FBI-Chef am 21. Juni 2013

Comey: Eine gute Frage, die aber nur der Betreffende für sich beantworten kann. Von außen kann ich nicht sagen, ab wann das Gleichgewicht nicht mehr stimmt zwischen der Anstrengung, das Land zu beschützen, und den persönlichen Kompromissen. Ich glaube, in Trumps Stab sind Leute, die dieses Land lieben und unsere Werte bewahren wollen. Jeder muss selbst urteilen, ab welchem Punkt er so beschmutzt ist oder zum reinen Gehilfen wird, dass es keinen Sinn mehr ergibt zu bleiben.

SPIEGEL: Sie wären geblieben?

Comey: Ich wäre auf jeden Fall geblieben, weil ich mich verpflichtet gesehen hätte, das FBI zu beschützen.

SPIEGEL: Sie vergleichen diese Präsidentschaft mit einem Waldbrand. Was macht Trump so gefährlich für Amerika?

Comey: Einer der wichtigsten Werte in diesem Land ist die Wahrheit. Wir haben Präsidenten immer nach der Entfernung beurteilt, die sie zur Wahrheit hatten. Als George W. Bush über den Irakkrieg sprach oder Barack Obama über das Gesundheitswesen, haben wir immer gefragt: Erzählen sie uns die Wahrheit? Die Gefahr ist, dass Donald Trump so häufig lügt, dass wir dieses Fundament verlieren.

SPIEGEL: Ein Waldbrand - glauben Sie, dass Trump alles niederbrennt?

Comey: Ich hoffe nicht. Am Ende wird das Feuer gelöscht, und dann können wieder bemerkenswerte Dinge gedeihen. Das passiert teilweise schon jetzt, wie nach der Schießerei in Parkland, als Schüler im ganzen Land auf die Straße gingen und über Waffen redeten. Das hat mich stark beeindruckt. Im ganzen Land diskutieren Eltern über Werte, über Wahrheit. Mir ist egal, ob der nächste Präsident Republikaner oder Demokrat ist. Mir geht es nicht um Parteipolitik. Der nächste Präsident sollte diese Werte verkörpern, in Amerika und der gesamten Welt.

SPIEGEL: Vermissen Sie Barack Obama?

Comey: Ja. Jawohl. Ja. Ich habe ihm das am Ende seiner Amtszeit auch gesagt. Am Anfang war ich skeptisch, ich hatte seinen Gegnern Geld gespendet. Am Ende empfand ich großen Respekt für ihn. Er ist nicht perfekt, aber er schätzt die demokratischen Institutionen.

SPIEGEL: Das FBI hat Ihr Buch vor der Publikation - ist "zensiert" ein angemessenes Wort?

Comey: Vorüberprüfung. Wir nennen es nie "Zensur".

SPIEGEL: Hat das FBI viele Eingriffe vorgenommen?

Comey: Nein.

SPIEGEL: Gar keine?

Comey: Doch, ein paar schon. Ich war der FBI-Chef und wollte, dass das Buch für das FBI akzeptabel ist. Mir war schon klar, dass ich keine geschützten Informationen verwenden kann, keine heiklen Details aus Ermittlungen, und das habe ich auch nicht getan. Die Dinge, die sie vorgeschlagen haben, waren alle marginal.

SPIEGEL: Ihr Ziel, das sagen Sie auch im Buch, war es, das FBI aus der Politik herauszuhalten. Doch nun kommt von beiden Seiten des politischen Spektrums der Vorwurf, Sie hätten das FBI politisiert. Was haben Sie falsch gemacht?

"Trumps einziges Referenzsystem scheint intern zu sein: Was bringt mir Bestätigung?"

Comey: Ich weise die Prämisse zurück. Ich glaube wirklich nicht, dass das FBI politisiert ist. Das FBI wird politisch attackiert, vor allem von den Republikanern, und das ist sehr kurzsichtig.

SPIEGEL: Sie haben zu Beginn Ihrer Amtszeit gesagt: "FBI-Chef ist der beste Job, den ich je hatte."

Comey: Stimmt.

SPIEGEL: Was kommt danach?

Béatrice De Géa/ DER SPIEGEL

Comey: Ich weiß es nicht. Ich habe ein Buch geschrieben. Ich werde über Ethik und Führung sprechen, und ich werde nächstes Studienjahr an meiner früheren Universität lehren, am College of William and Mary in Virginia, darauf freue ich mich sehr. Aber ich werde meinen FBI-Job stets vermissen. Ich wollte ihn schließlich sechs weitere Jahre machen.

SPIEGEL: Werden Sie für ein politisches Amt antreten?

Comey: Nein.

SPIEGEL: Niemals?

Comey: Niemals.

SPIEGEL: Das hört sich definitiv an.

Comey: Ja, so ist es. Das ist nicht meins.

SPIEGEL: Kurz bevor Sie gefeuert wurden, fingen Sie an zu twittern. Sie wählten als Pseudonym den 1971 verstorbenen US-Theologen Reinhold Niebuhr. Warum?

Comey: Niebuhr hat mich sehr stark beeinflusst, als ich Student war, und ich dachte, die Leute würden nicht herausfinden, dass ich es bin...

SPIEGEL: ... lange hat es nicht gedauert.

Comey: Und Niebuhr bedeutet mir immer noch viel.

SPIEGEL: Inwiefern?

Comey: Für Niebuhr sind die Menschen zu unglaublich Schlechtem fähig, aber das ist für ihn keine Ausrede, nicht trotzdem zu versuchen, Gerechtigkeit in die Welt zu bringen. Und das gefiel mir, denn ich konnte die dunkle Seite der Menschheit sehen, aber Niebuhr konnte das in einer Weise darstellen, die sagt: "Na und? Du hast eine Verpflichtung, es zu versuchen und den Leuten zu helfen und Gutes zu tun." Er hat die Amerikaner auch an die Ironie ihrer eigenen Geschichte erinnert, dass die Leute gute Absichten nicht immer wertschätzen. Und schließlich war er mir ein steter Mahner. Er schrieb über "die Sünde des Stolzes", und das ist eine Sache, über die ich bei mir stets besorgt bin.

SPIEGEL: Herr Comey, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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