AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2018

Vordenker der Neuen Rechten Die Offenbarung des Jean Raspail

1973 veröffentlichte ein Franzose einen Zukunftsroman, der von einem Flüchtlingsansturm handelt, einem Schiffsunglück und einem Papst namens Benedikt. Heute verehren Rechte das Buch als Bibel.

Autor Raspail: "Ich kannte diesen Bannon nicht - plötzlich riefen alle an"
Maurice Weiss / DER SPIEGEL

Autor Raspail: "Ich kannte diesen Bannon nicht - plötzlich riefen alle an"


Und sie zogen herauf auf die Breite der Erde und umringten das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt.
Offenbarung des Johannes

Das Wrack der "East Sea" liegt fast tausend Meter tief in einer Rinne am Meeresboden, gleich außerhalb der französischen Hoheitsgewässer. Die genaue Position ist den Freizeittauchern an der Côte d'Azur bekannt, aber von begrenztem Interesse, weil unerreichbar tief. Das Schiff "East Sea" fuhr unter der Flagge Kambodschas, ein 70 Meter langes, mit Ladebaum und zwei Luken versehener Stückgutfrachter. Auf ihm ließen sich Fässer und Ballen laden, Kisten und bei Bedarf auch Menschen.

In den frühen Morgenstunden des 17. Februar 2001 schob sich die "East Sea" steuerbordseitig mit voller Kraft und einem höllischen Kreischen des Metalls zwischen zwei Felsen vor Boulouris, einem Vorort von Saint-Raphaël.

Ein von der Sonne besonders gut angestrahltes Schiff, zernagt vom Zahn der Zeit, vom Wetter, vom Rost, von mangelnder Pflege, von diversen Unfällen, mit einem Wort: vom Elend. Vielleicht hielt es auch niemand an Bord für nötig, sich noch um irgendetwas zu kümmern, da nun der Exodus an den Toren des neuen Paradieses sein Ende gefunden hatte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Besatzung der "East Sea" das Schiff bereits aufgegeben und die Brücke verlassen. Nur die Maschinen arbeiteten weiter, und die Schrauben quirlten am Heck das dunkle Wasser weiß. Im Frachtraum rappelte sich die Ladung auf. 908 Passagiere, zum Großteil Kurden, darunter 182 Frauen und 480 Kinder, von denen 3 auf See zur Welt gekommen waren. Neun Tage waren sie unterwegs, von Beirut aus. Der Schiffbruch war kein Unfall, die Havarie lange geplant.

Ähnliches würde noch oft passieren. Aber damals hatte das Jahrhundert gerade begonnen, und es war eines der ersten Male, dass ein mit Flüchtlingen überladenes Handelsschiff ungefragt an dieser Küste Europas anlandete.

Dem 17. Februar 2001 würde bald der 11. September folgen. Beides Ereignisse, die die Zeit bis heute bestimmen sollten.

Mit einem Schlag hatten sich die Decks mit Männern, Frauen, Kindern gefüllt, die seit der Abfahrt in einer Kloake aus Dreck und Scheiße mariniert worden waren; mit einem Schlag kotzten die geöffneten Luken eine Masse ins Sonnenlicht. Der resultierende Gestank war so massiv, dass man glaubte, ihn buchstäblich sehen zu können.

Wie eine endlose Kaskade aus flüssig gewordenen Körpern. Die Schiffe quollen über wie volle Badewannen. Die Dritte Welt trat über die Ufer, und der Westen diente ihr als Abflusskanal.

Schon in den ersten fünf Minuten dieses kürzesten Tages zeigte sich deutlich, dass sich die Menge seltsamerweise keinerlei Gedanken zu machen schien, ob dieses Land, das sie besetzte, einen rechtmäßigen Besitzer haben könnte.

Diese Sätze (und alle weiteren kursiv gesetzten in diesem Text) sind auf dem Felsen von Boulouris geschrieben worden. Nicht unten am Wasser, sondern etwa hundert Meter weiter das Ufer hoch, in der Villa "Le Castellet", die sich vor Zeiten ein Graf hatte bauen lassen, oben auf dem Felsen und von weither zu sehen.

Es sind Sätze aus dem satirischen Roman "Das Heerlager der Heiligen" von Jean Raspail. Der Pariser Reiseschriftsteller hatte sich ein paar Wochen lang in der Villa einquartiert, schrieb am Fenster der Bibliothek, vor sich bis Afrika nur noch das Mittelmeer und die Frage: Was wäre, wenn ...?

Raspails Roman beschreibt, wie eine Elendsmasse von Flüchtlingen dort anlandet, wo Europas Küste am schönsten ist, an der Côte d'Azur.

Nur erschien das Buch im Jahr 1973. Lange bevor sich die "East Sea" genau hier mit 908 Passagieren im Rumpf unter einem letztem Ächzen auf den Felsen rammte.

Sie werden müde sein, Hunger haben und mit Ihrer schönen Eichentür ein Feuerchen machen. Sie werden auf Ihre Terrasse kacken und sich mit den Büchern Ihrer Bibliothek die Hände abwischen.

Jean Raspail steht heute im 93. Jahr. "Ich hatte das Ganze eigentlich schon vergessen. Aber ein Lokaljournalist erinnerte sich an mein Buch, als da plötzlich ein ganzer Frachter mit Flüchtlingen an Bord auftauchte, nicht nur kleine Schlauchboote. Ich glaube, es waren Syrer. Alle waren überrascht, die Gendarmen, alle. Und wo lief der Kahn aufs Riff? Exakt dort, wo ich das Buch geschrieben hatte, quasi zu meinen Füßen. Das hat die Auflage enorm gesteigert."

Havarierte "East Sea" 2001: Mit voller Kraft aufs Riff
Marine Nationale / DPA

Havarierte "East Sea" 2001: Mit voller Kraft aufs Riff

Eine hagere und aufrechte Gestalt mit Kapitänsgesicht und streng krawattiert, seine Wohnung im 17. Pariser Bezirk die eines Reisenden, die Wände bedeckt mit Buddelschiffen, Marinebildern und einer Indio-Tapisserie aus Feuerland: "Patagonien. Das ist eine andere Geschichte."

Es war jene eigenartige Mischung aus Demut und Erregung, wie sie einen manchmal überkommt, wenn man seine Gedanken intensiv auf das Unendliche oder Ewige richtet. An diesem Karsamstagabend belagerten 800.000 Lebende und Tote friedlich die Grenze des Abendlandes.

Raspail hat etwa 40 Bücher geschrieben, meist Reiseberichte und Historienromane, keines mit wirklich großem Erfolg. Bis auf eins.

"Ich stand also am Fenster, schaute aufs Meer und fragte mich: Diese ganzen Elenden da drüben, wenn die jetzt herüberkämen? Das Buch hat sich dann wie von selbst geschrieben. Es war wie eine Eingebung. Voilà."

Auf dem Teetisch liegt ein deutsches Buch: "Der letzte Franzose". Damit ist er selbst gemeint. Es ist eine Sammlung seiner Texte (erschienen im Antaios-Verlag des Neuen Rechten Götz Kubitschek), in denen Raspail vor der Zerstörung der europäischen Identität warnt. Frankreich bliebe nur die Rückkehr zur Monarchie, ihm selbst die innere Emigration angesichts von Politikern, die das Tor zur Festung Europa offen stehen ließen.

"Es geht in dem Roman nicht so sehr um den Einfall in die westliche Welt, von wem auch immer", sagt Raspail. "Es geht um die Willenlosigkeit, die Schlappheit hierzulande und Feigheit." Oder wie es sein Alter Ego im "Heerlager" ausdrückt: "Der Wolf will nicht mehr Wolf sein. Das ist es wohl."

Sie sind zu einem Verächter des Abendlandes geworden. Glauben Sie denn, dass die armen Teufel, die Ihnen nachlaufen, das nicht merken? Blasse Haut und blasse, schwächliche Überzeugungen, das ist in Ihren Augen eins. Sie wittern deutlich, dass Sie sich selbst aufgegeben haben. ... Eine Flut, eine unkontrollierbare Flutwelle bahnt sich an.

Das ist hinlänglich bekannter Sarrazinismus und wäre nicht der Rede wert, wenn Raspails Visionen vom Untergang nicht weltweit ein Echo gefunden hätten.

"Das Heerlager der Heiligen" ist bislang in neun Sprachen übersetzt und rund zwei Millionen Mal verkauft worden. Im Herbst 2015, während der Flüchtlingskrise, stand es kurz an der Spitze der Amazon-Verkaufsliste in Frankreich. Die Kenntnis des Buches ist ein Erkennungszeichen der neuen, bürgerlichen Rechten. Es ist das "1984" der abendländischen Ich-sehe-schwarz-Seher und für manche das Buch zum Film "Willkommenskultur".

Marine Le Pen verwendete Passagen aus "Le Camp des Saints" in ihrem Wahlkampf. Und Stephen Bannon, der frühere Chefberater des amtierenden US-Präsidenten, zitiert "The Camp of the Saints" wie einen Klassiker.

"Eine merkwürdige Geschichte", sagt Raspail. "Ich kannte diesen Bannon nicht. Ich wusste nur, dass Ronald Reagan das Buch gelesen hatte. Plötzlich riefen alle Zeitungen an und wollten wissen: Wer ist dieser Franzose, der da Einfluss hat auf die amerikanische Politik?"

In der Schweizer "Weltwoche" rezensierte Matthias Matussek das "Heerlager" auf drei Seiten: "Ein Meisterwerk ... der große Roman zur heutigen Zeit." Raspail erzählt, er habe Zustimmung auch aus dem eher linken Establishment erhalten, er erwähnt die Namen der Schriftsteller Max Gallo oder Bertrand Poirot-Delpech. Auch Michel Houellebecq hat Raspail genannt als Inspiration für "Unterwerfung", seinen Roman über die Islamisierungsangst.

Der Ansager zögerte. Man konnte ihn nur zu gut verstehen! Wie sollte man denn diese unermeßliche und elende Menge korrekt bezeichnen? Als "Feind"? "Horde"? "Invasion"? Als "Dritte Welt auf dem Vormarsch"?

Raspails Plot ist rasch erzählt. Hundert Handelskähne machen sich von Kalkutta aus auf den Weg, gekapert von Elenden, eine "Armada der letzten Chance", die überall abgewiesen wird, bis sie schließlich in Südfrankreich landet. Europa ist ratlos. Erst senkt es die Arme, dann öffnet es sie. Komitees gründen sich, es gibt Gebetskreise, Schweigemärsche, Kindermalwettbewerbe "Wir und die Gäste vom Ganges". Währenddessen verrammeln die Küstenbewohner ihre Villen und fliehen nach Norden.

Die Hypermarchés sind geplündert, Soldaten verweigern aus Mitleid den Befehl zu schießen. Es ist ein umgekehrter Kolumbus-Moment, eine Landnahme, doch diesmal unter dem Beifall der Eingeborenen, genauer: all der Weltverbesserer, Fanatiker, Märtyrer, besessenen Verbrecher und halluzinierenden Visionäre, die ihr Bewusstsein gespalten haben, weil sie sich in ihrer eigenen Haut nicht wohlfühlen. So Raspail.

Selbst ein "Benedikt XVI." taucht in Raspails Apokalypse auf, schon 1973, ein allerdings herzensguter Papst, der für die Flüchtlinge auch die Schätze der vatikanischen Museen hergibt.

Das Abendland läuft leck.

In dieser Nacht lauschten auch die Straßenkehrer und Kanalarbeiter aller Depots des Großraums Paris gebannt dem Radio, ebenso die Kellner, die Nachttopfleerer der Krankenhäuser, die Tellerwäscher der schäbigen Spelunken, die Hilfsarbeiter von Bilancourt, Javel, Saint-Denis und sonstwo ... die Verdammten der giftigen chemischen Industrie, die Maschinenwärter, die Höhlenbewohner der U-Bahn-Schächte, die stinkenden Kloakenreiniger und viele andere.

Plebs gesellt sich zu Plebs und wird von Raspail gnadenlos bitter beschrieben und schamlos bis zur Unerträglichkeit. Den Elenden der Schiffe stellt er einen halb nackten Paria an die Spitze, auf den Schultern ein schwerbehindertes Kind. Im O-Ton des "Heerlagers": Der Jauchefahrer und Kotkneter, dessen Metier die Herstellung von Heizbriketts aus Kuhmist war und der sich in Zeiten der Hungersnot von Exkrementen ernährte, hielt in seinen stinkenden Händen eine Art Lebewesen. Zwei Stümpfe baumelten am unteren Ende eines großen Rumpfes ...

Das Buch ist voll derartiger "Missgeburten", "Monstren", "Fleischwogen" und "Krüppeln", voll Wut auch auf kopulierende Jammergestalten, Feiglinge, Hippies und sonstige Gutmeinende. Es kann durchaus eine Sogwirkung entwickeln, ein apokalyptischer Porno.

Woher nur diese Wut? Jean Raspail gehört zu einer gutbürgerlichen Rechten in Frankreich, die der Republik deren Erbsünde nie verziehen hat. Ihm graut es vor diesem "peuple", diesem Volk, das seine Könige unter Grölen zur Guillotine führt.

"Es gibt sehr gute Leute in Frankreich. Aber die Masse! Nein, die französische Masse hat es mir nicht sonderlich angetan. Dafür habe ich in meiner Jugend zu viel erleben müssen. Nach der Befreiung gab es Verhaltensweisen, die indiskutabel waren. Und reden wir nicht von 1968, dieser Komödie einer Revolution."

Seine Landsleute wollten 1944 nichts mehr von der eigenen Feigheit, der Kollaboration mit den Nazis, wissen und hätten sich heute der Beliebigkeit, dem Hedonismus, dem Nichteigenen verschrieben, dem "Big Other", wie Raspail es nennt.

"Ich habe keinen Widerwillen gegenüber fremden Völkern. Im Gegenteil. Vor allem die Minderheiten haben mich sehr beeindruckt. Aber heute sind wir die Minderheit. Das arme, kleine Abendland, ganz klein in seiner Ecke. Voilà. Also verteidige ich es. Aber ich bin pessimistisch, bin es immer gewesen."

Das Heerlager ist das aufrechte gallische Dorf. Und kein Wort würde er heute ändern: "Wozu? Das 'Heerlager' hat gerade erst begonnen. Was wir seit einigen Monaten erleben, ist nur der Anfang. Aber jetzt ist es kein Roman mehr."

Dann sammelten sie ihre Halsketten ein, ihre Diademe, Armbänder und Ringe und sagten zum Kapitän: "Du sollst angemessen bezahlt werden. Nimm das alles, und da du die Seewege der Welt kennst, so führe uns heute ins Paradies." - "Und wie steht's mit der Rückfahrt?", fragte der Kapitän zurück. "Wenn das Schiff dann noch dazu fähig ist ..." - "Es gibt keine Rückfahrt", antwortete irgendeiner.

"Wie heißt dieses Buch?", fragt Adip Agam. Vor seinem Bungalow stehen die Tonnen in Reihe. Es ist eine ruhige Straße in Twistringen, einem Ort in Niedersachsen, nur manchmal hört man den IC oder die Regionalbahn nach Bassum am Wildeshauser Geest.

Der Romanschreiber Raspail ist den leibhaftig Gestrandeten der "East Sea" nie begegnet. Er hat sie nie getroffen, die von der Überfahrt im eigenen Dreck und Schweiß "Marinierten", die Ausgekotzten und Fremden seiner Fantasie, die am 17. Februar 2001 plötzlich in die Wirklichkeit gerammt zu sein schien.

Es gibt sie aber, die 908 Passagiere der "East Sea". Sie haben Gesichter und Namen. Ihr Anführer war tatsächlich "ein Mann von hohem Wuchs", ganz wie in Raspails Roman. Aber kein "halbnackter Paria", kein "Jauchefahrer und Kotkneter". Nein, keineswegs. Er heißt Adip Agam, ist achtfacher Familienvater und seit zehn Jahren Mitglied im CDU-Stadtverband Twistringen, Landkreis Diepholz.

Und auch er hat etwas geschrieben, keinen Roman natürlich, aber doch, damals, noch in der Heimat, zusammen mit seinem Cousin, ein Theaterstück, was dann wahr wurde, weshalb er jetzt in Twistringen lebt und es keine Rückkehr gibt.

Natürlich, sagt Adip Agam, erinnere er sich an die ersten Schritte an Land. "Wir konnten noch nicht stehen. Nach neun Tagen auf dem Schiff. Wir fielen hin. Wie ein frisch geborenes Lamm. Alles war dunkel. Da waren nur ein paar Fenster hell, in einem Haus weiter oben."

Le Castellet. Die Villa, in deren Bibliothek Jean Raspail sein "Heerlager" geschrieben hatte.

Das Wort "Heerlager" kennt Agam nicht. Er hat es in all den Jahren Twistringen nicht gebraucht. Obwohl es da wirklich ein Camp gegeben hat, damals, ein Heerlager der französischen Armee, wo die Gestrandeten erst einmal unterkamen.

Es gibt Fotos von dem Tag, als Danielle Mitterrand das Lager besuchte, die Witwe des früheren Staatspräsidenten. Auf allen Bildern fällt eine Gestalt ins Auge. Ein Mann von fast biblischer Statur, mit imposantem Moses-Bart, der auf einem Foto den Arm um die zierliche Besucherin legt.

"Ja, mein Bart war nach der Fahrt sehr lang", sagt Adip Agam. "Frau Mitterrand hat mich noch zum Tee eingeladen. Ihre Leibwächter waren sehr freundlich. Ich kannte das nicht. In Syrien hatte die Polizei keinerlei Respekt vor uns Jesiden."

Witwe Mitterand, Flüchtling Agam 2001: Zum Tee geladen
AFP

Witwe Mitterand, Flüchtling Agam 2001: Zum Tee geladen

Denn Jesiden waren fast alle, die damals im Laderaum der "East Sea" hockten. Sie kamen aus dem Nordosten Syriens. Der Melonenbauer Ahmed und Aziz, ein Rekrut, der beim Rückwärtsfahren versehentlich die Frau eines Offiziers verletzt hatte und wusste, dass er von nun an sowieso tot sein würde. Da saßen ein Tierarzt und der Cousin von Agam und ein Traktormechaniker, und allesamt waren sie Angehörige einer Volksgruppe, die man in Deutschland erst dann wahrgenommen hat, als der "Islamische Staat" begann, Jesidinnen dorfweise in die Sklaverei zu entführen.

Jesiden sind weder Muslime noch Christen. In islamischen Staaten werden sie deshalb traditionell als "Teufelsanbeter" verfolgt. Es gibt keine heilige Schrift, nur Lieder und mündlich überlieferte Mythen. Ihre Religion verehrt die sieben Engel und deren vornehmsten, den Engel Pfau. "Sie sind alles. Sie haben von allen Religionen das Gute für sich genommen." Das schreibt Karl May im ersten Band seiner gesammelten Werke, in "Durch die Wüste".

Karl May, ein Reiseschriftsteller, der in seinen Romanen ohne jede Scheu das christliche Abendland stets mit sich trägt und im Zweifel auf der Seite der Apachen steht, der heroischen Verlierer. In seiner Haltung ähnlich wie Raspail, nur ohne dessen Furor, dessen Verblendung. Karl May mochte diese Jesiden: "Nie bin ich im Oriente so an das heimatliche, deutsche Familienleben erinnert worden, als bei ihnen. Wären sie zahlreicher und nicht so zerstreut, so könnten sie die Deutschen Asiens werden."

Adip Agam hat nie einen Cent vom Sozialamt genommen. Er hat jeden Job gemacht. Er zahle gern Steuern, sagt er, weil er dafür auch gute Straßen bekomme. Die älteste Tochter studiert Jura, eine zweite hat sich für Sprachen eingeschrieben, Spanisch, Französisch und Chinesisch. "Du musst lernen", sagt er. "Deutschland ist der beste Staat. Trotz des Wetters."

Aber Heimat ist woanders.

In Barkan, seinem Dorf in Syrien, hatten sie Theater gespielt, er zusammen mit Brüdern und Cousins. Selbst geschriebene Sketche über Zwangsehen und die Unsitte der Mitgift, ernst, aber auch lustig, mit Liedern. Das letzte Stück hatten sein Cousin und er geschrieben. Es heißt "Die Grenze", und es erzählt, wie jemand aus Barkan nach Deutschland auswandert. Das war sehr lustig. Aber dann kam der Bus tatsächlich, und es war keine ausgedachte Geschichte mehr. Leider.

Impressionen aus Wohnungen geflüchteter Jesiden in Celle und Twistringen
Maurice Weiss / DER SPIEGEL

Impressionen aus Wohnungen geflüchteter Jesiden in Celle und Twistringen

"Ich bin vier Stunden heulend und mit einer Flasche Arak herumgelaufen, durch alle Straßen. Alle sagten, Agam ist jetzt verrückt geworden. Ich wollte nicht weg. Ich kannte doch jeden in Barkan. Aber dann bin ich doch in den Bus nach Damaskus gestiegen."

Sein Lebensmittelladen war pleite, weil zu wenige Kunden kamen. Zu viele hatten schon den Bus genommen. Und außerdem: "Als Jeside bist du staatenlos bei den Arabern. Keine Hochzeitspapiere, keine Universität für die Kinder von Jesiden."

Draußen fährt wieder ein IC vorbei. Agam entschuldigt sich, dass das Wohnzimmer noch nicht fertig eingerichtet sei. Drei Sofas für die Besucher und vor dem Großbildschirm ein kleiner Pfau.

Ein Cousin habe einen Schleuser gekannt. Wenn Adip Agam heute davon erzählt, in seinem neu gelernten Deutsch, sagt er "Schleuserbänder", das meint Schleuserbandenchef, und es klingt weniger unheimlich als in der "Tagesschau", sehr viel normaler. So wie "Schnürsenkel".

Nach heutiger Rechnung kostete die Überfahrt 5000 Euro pro Kopf. Agam konnte umsonst mitfahren, wenn er bei der Verpflegung mitanpackte und auf die Gruppe aufpasste. Jeder kannte ihn, von den Theaterstücken her, und er hatte diesen Patriarchenbart: "Nach sechs Tagen war meine Stimme weg."

Sie hatten in einem Bananenhain außerhalb Beiruts gewartet. Wenige wussten, wohin die "East Sea" fahren sollte. "Nach Paris", hatte der Schleuserbänder gesagt. Aber Paris liegt nicht am Meer.

Maurice Weiss / DER SPIEGEL

Die "East Sea" ankerte vier Kilometer vor der Küste. Schlauchboote brachten sie hinaus, immer 40 Leute. Um 4.45 Uhr legten sie ab, es war der 8. Februar 2001. Keiner aus der Gruppe war je am Meer gewesen, und keiner würde heute noch einmal freiwillig ein Schiff betreten.

Auch während der Überfahrt sahen sie das Meer nicht. Neun Tage lang mit dem Rücken an die Bordwand gelehnt, knapp tausend Männer, Frauen, Kinder im funzelig beleuchteten, nach Diesel und Erbrochenem riechenden Frachtraum der "East Sea". Der Melonenbauer Ahmed wird es so beschreiben: "Man sieht nichts. Es schaukelt. Immer weinen Leute. Immer übergibt sich jemand. Keine Toilette, nur ein Loch. Alles Wasser und Scheiße."

Drei Kabinen waren vollgepackt mit Broten, Wasser, Feigen, Wurst und Milchpulver. Agam sagt: "Es hätte für zehntausend gereicht. Aber sie kotzten es sowieso gleich wieder aus."

Drei Frauen waren hochschwanger. Zum Glück war der Tierarzt da, als die Wehen einsetzten.

Der Kapitän hieß Hassan. Das stand jedenfalls in einem der fünf Pässe, die er in seiner Hemdtasche trug. "Ich bringe das Schiff nach Europa, so wie ich einen Nagel in die Wand schlage", hatte er immer gesagt. Und so ähnlich kam es dann ja auch.

In der vierten Nacht setzte die Maschine aus. Die "East Sea" war manövrierunfähig, ausgerechnet bei unruhiger See. Die Lichter gingen aus, alles war schwarz, und man hörte nur die Brecher ans Schiff schlagen, das Wimmern und Beten und Schreien der Kinder. "Das Schiff war so schwer. Es wurde nach unten gezogen, wie in einem Strudel", wird Aziz, der Rekrut, sich erinnern.

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Der Cousin von Ahmed, dem Melonenbauern, versuchte, die Maschine zu reparieren. Beim ersten Startversuch, sagt Ahmed, habe der Kapitän den Propheten Mohammed angerufen. Nichts. Beim zweiten versuchte er es mit dem Engel Pfau, dem Helfer der Jesiden: "Auch nix. Das dritte Mal war das letzte, es gab keinen vierten Versuch. Das ganze Schiff wäre untergegangen. Der Kapitän sagt: Beim Namen der gerade geborenen Kinder, sie sind unschuldig. Da hat es gezündet. Tausend Leute haben geschrien."

Die letzten Meilen mussten sich alle an Deck Tücher vors Gesicht binden. Die Lampen wurden gelöscht, bis auf eine, um als Fischerboot durchgehen zu können. Dann gab Kapitän Hassan den Befehl zum Anlegen: Volle Kraft voraus.

Alle hatten gedacht, das Schiff würde in einen Hafen fahren. Aber dann hieß es, nein, das Schiff müsse kaputt gemacht werden, weil sie sonst zurück nach Beirut geschickt würden. Der Schiffbruch musste sein. In der "Kunst des Krieges" rät der chinesische Stratege Sun Tzu beim Eindringen in fremdes Gelände: Verbrenne die Boote und zerschlage das Kochgeschirr.

So rammten sie am 17. Februar 2001 auf den Felsen von Boulouris, die Steuerbordseite aufgerissen, gestrandet und gerettet.

Als die Gendarmen kamen, hatten sich Kapitän Hassan, Schleuserbänder und die Maschinisten längst unter die Passagiere gemischt. Hassan hielt sogar zwei Kinder an der Hand, als sie in die Busse stiegen. Er schlug sich später bis Bremen durch und flog mit einem seiner fünf Pässe zurück über Berlin nach Damaskus.

"Er war ein guter Mann, ein richtiger Mensch", sagt 16 Jahre später Adip Agam. Dann singt er ein armenisches Lied zur Laute, und seine Stimme ist so mächtig wie sein Bart.

Einige Familien sind in Südfrankreich geblieben. Die anderen zogen, nach kurzem Aufenthalt in dem Heerlager, weiter nordwärts. Mit der Bahn, per Anhalter, kurze Strecken auch zu Fuß. Die Männer hatten Zettel in den Taschen, mit Telefonnummern und Adressen. Es waren keine Adressen in Saint-Raphaël, auch nicht in Paris. Es waren schwierige Wörter, die sie sich in Syrien aufgeschrieben hatten. "Burgdorf", "Bremerhaven" oder "Twistringen" im Landkreis Diepholz.

Er sei, sagt Agam, damals doch nicht zum Tee mit Frau Mitterrand gegangen. "Ich wollte möglichst schnell nach Hannover", festen Boden unter die Füße bekommen. Und den gibt es nur in der Gemeinschaft.

Die Jesiden, man schätzt ihre Zahl auf eine Million, leben in einer Diaspora, zerstreut in Gemeinden, deren größte die deutsche ist. Die historischen Siedlungsgebiete in Syrien, im Irak, in der Türkei und Armenien sind heute schwer erreichbar, wenn nicht ganz verloren: "Jede Generation liegt anderswo in ihren Gräbern", sagt Adip Agam. Eine Jesiden-Gemeinde ist ein kompliziertes Gewebe von Beziehungen, Codes, Verantwortlichkeiten, Regeln, angelegt auf gegenseitige Hilfe. Es gehört nur dazu, dessen Eltern beide Jesiden sind. Das erleichtert den Fortbestand in der Fremde. Doch schirmt es auch ab und kann zur Bürde werden für die zweite und dritte Generation. In Celle heiratet schon jeder zweite außerhalb der Gemeinde. Und wenn sie miteinander telefonieren, auf Kurdisch, dann hört man ein "Ach so", ein "Scheiße" und ein "Tschüss".

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Praktisch jedes Wochenende ist ausgefüllt mit Festen, mit Besuchen und Gegenbesuchen, Hochzeiten, Trauerfeiern, Willkommensessen. Jeder kennt jeden, jeder hat die anderen im Auge.

Unter sich ist die Gemeinschaft in drei Kasten und etliche Stämme unterteilt, es gibt die verschiedenen Generationen der Einwanderung, es gibt Jesiden aus Syrien, aus der Türkei, aus dem Irak, jede Gruppe mit ihrer eigenen Geschichte, ihrer je eigenen Verfolgung und Flucht.

Ahmed, der Melonenbauer, züchtet jetzt Kürbisse in seinem Schrebergarten. Der unglückliche Rekrut Aziz hat jahrelang in einer Hühnerfabrik gearbeitet und reinigt heute nachts ICE-Züge. Sein Deutsch ist nicht so gut wie das seiner Kinder, denn Deutsch lernt man nicht in der Nachtschicht und nicht von totem Geflügel.

Und weil es kein Land mehr gibt für Jesiden, spart man auf Häuser. Und ist vorsichtig, wie alle, die erfahren mussten, dass es für "Heimat" außerhalb der Gemeinschaft keinen Ort gibt. Für Außenstehende ist das undurchdringlich, auch suspekt.

Wenn es ein "Heerlager" gibt in Twistringen und Celle, eine Gemeinschaft der Treuen und Verlorenen, dann ist es das der Jesiden.

Im Oktober 2014 war in Celle ein bärtiger Tschetschene von einer Gruppe Jesiden für einen IS-Sympathisanten gehalten worden. Das schaukelte sich zu einer Massenschlägerei hoch, und die Celler Straßen waren in jener Nacht blau von Polizeilichtern. Es war die Zeit, als der IS in Kurdistan Massaker an den Jesiden verübte.

"1000 Jahre nur Kämpfereien und Völkermorde, nur wegen der Religion", sagt Adip Agam. Er hat seine Leute damals übers Meer geführt, wie Moses, der Bärtige, bis hinein in die Norddeutsche Tiefebene. Seine Frau Mdira geht zum Sprachunterricht der Kirchengemeinde. Aber er sagt: "Ich will eine Heimat haben."

Er fühlt sich noch fremd. Trotz der Mülltonnen vor dem Bungalow und der Mitgliedschaft in der CDU. Er sei, sagt Adip Agam, mit dem Kurs seiner Parteivorsitzenden nicht mehr einverstanden: "Angela Merkel ist zu sanft gegenüber Erdogan", sagt er. "Da waren viele IS-Leute unter den Flüchtlingen, hundertprozentig." Das ist ihm nicht geheuer. Da kann man nicht genug aufpassen.

Ehemaliger Schiffbrüchiger Agam: "Deutschland ist der beste Staat, trotz des Wetters"
Maurice Weiss / DER SPIEGEL

Ehemaliger Schiffbrüchiger Agam: "Deutschland ist der beste Staat, trotz des Wetters"

Da lauert Gefahr. In seiner Pariser Wohnung hat Jean Raspail genug gewütet über den Verrat der Eliten, genug am Teetisch über die notwendige Reconquista des wahren und weißen Frankreichs gepredigt, das Überleben in isolierten Gemeinschaften, wie es einst die Mönche pflegten ... "Schluss damit", erklärt er und holt eine Flasche Whisky.

Und dann erzählt er, der Stichwortgeber der Neuen Rechten, von Patagonien. Von Orélie-Antoine de Tounens, jenem Abenteurer aus der Dordogne, der sich 1860 von einigen Indiostämmen zum König ausriefen ließ und als "Seine Majestät Orélie-Antoine I." nach kurzer Regentschaft von der Polizei des Landes verwiesen wurde.

Jean Raspail hat sich eine letzte Zigarette ins Mundstück gedreht. Er sei übrigens, sagt er, der amtierende Generalkonsul dieses Königreichs und der paar Hundert Untertanen, die Seiner Majestät Orélie-Antoine die Treue halten, dem ersten und letzten König von Patagonien.

Es gibt einen Alpenverein, eine eigene Währung, Jacht- und Tennisklub und ein Netz von 257 konsularischen Vertretungen in 55 Ländern.

Ein Reich, das sich auf keiner Karte findet, allein existiert im Glauben seiner Anhänger. Das es nur gibt durch die Gemeinschaft und deren Feste, Symbole und Riten für Eingeweihte.

"Wussten Sie", sagt Raspail, "dass unsere Hymne die längste überhaupt ist, vier Minuten und zehn Sekunden?" Er zeigt das neue Bulletin, nennt Namen von Generälen und Bischöfen, erzählt von der kurzen Inbesitznahme des Mount Kenya, im Januar 2016, dem kurzen Hissen der Flagge des Königs.

"Frankreich hat uns enttäuscht. Also haben wir uns etwas anderes gesucht. Es ist ein Spiel, aber eines, das man mit großem Ernst spielt. Wie es die Kinder tun."

Es ist ein Königreich im ewigen Exil, zersplittert in Parzellen, die jeder Untertan in sich trägt - "ein verlorenes Königreich, wo man sich selbst findet, ein Land für die Seele". Angesiedelt sei es, sagt Raspail, "zwischen Traum und Wirklichkeit, ein unbegrenzter Raum für Dissidenz".

Raspail ist selbst ausgewandert in ein Land, das es nur für ihn gibt und einige Hundert Mitfantasten, die dem Königreich Patagonien die Treue halten, einem Indianerstaat, den es vor 150 Jahren für ein paar Wochen "südlich des Flusses Bío-Bío" gegeben hat.

Das also ist seine Heimat. Und darin sind sie sich so ähnlich, der "letzte Franzose" und die niedersächsischen Jesiden von Bord der "East Sea". Auch wenn sie nichts voneinander wissen. Schiffbrüchige begegnen sich nie.



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