AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2017

Jemen Von der Terror-Hochburg zur Boomtown

Hunger, Cholera, Chaos: Die Lage im Jemen ist verheerend. Nur die Stadt Marib, einst Hochburg der Qaida, blüht auf.

Kämpfer am Stausee von Marib
AFP

Kämpfer am Stausee von Marib

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Cholera? Nein, Cholera ist hier nicht das Schlimmste", sagt der Krankenhausdirektor. Die fatale Epidemie, die sich seit acht Monaten im Jemen ausbreitet, etwa 800.000 Menschen infiziert und über 2000 getötet hat, "kommt als Todesursache bei uns in Marib erst auf Platz drei oder vier. Hier bringen Landminen die meisten Menschen um", so Dr. Mohammed al-Qubati.

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Heft 46/2017
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Durch das Wüstental von Marib, 172 Straßenkilometer östlich der Hauptstadt Sanaa, verlief monatelang eine der am heftigsten umkämpften Frontlinien des Bürgerkriegs, vergruben die angreifenden Huthi-Milizen ab 2015 Zigtausende Minen auf Wegen, in Feldern und Gärten. Heute liegt die Front 35 bis 100 Kilometer außerhalb der Stadt. Aber die Minen sind noch da, treffen Soldaten wie Zivilisten. "Und wir haben doch nur 120 Betten, sind dauerbelegt. Schauen Sie selbst, zweiter Stock!"

Über dem Eingang dort steht ein Schriftzug aus bunten Klebepunkten: "Willkommen! Orthopädische Abteilung". Dahinter beginnt der Korridor der Amputierten.

Wer hier nur mit einem zerschmetterten Bein liegt, zusammengehalten von Schrauben und Schienen, hat Glück gehabt.

Die anderen haben nur noch ein Bein oder gar keines mehr, Soldaten zumeist, aber auch Bauern und eine alte Frau. Es sind bloß die Fälle der letzten Tage und Wochen, der Schorf auf den Splitterwunden ist oft noch frisch. Nur ein Teil der Verletzten, erzählt Qubati, überlebe den stundenlangen Transport hierher.

Ein Stockwerk tiefer stapeln sich Plastikwaden und -füße, Schaumstoffblöcke und Metallschienen: die Prothesenwerkstatt. Der Stolz des Direktors. Im Nebenraum wird am 13-jährigen Naif, der beim Spielen im Garten beide Füße durch eine Mine verlor, gerade Maß genommen. "Wir bilden hier Fachleute aus", sagt Qubati, "bauen mittlerweile alles selbst!" Prothesen in Marib, sagt er, das habe Zukunft.

Patient Naif im Krankenhaus
Christoph Reuter / DER SPIEGEL

Patient Naif im Krankenhaus

Das kleine Krankenhaus am Rand der Wüste ist ein Ort der Extreme, stets schwankend zwischen Horror und Hoffnung. Und spiegelt somit die Lage in diesem Teil des Landes. Denn dass dieses Krankenhaus überhaupt noch existiert, dass erfahrene Ärzte hier arbeiten, die Stromversorgung gesichert ist und die Cholera-Rate auch dank einer leidlich funktionierenden Trinkwasserversorgung niedrig bleibt, ist dem spektakulären Aufstieg der Stadt Marib zu verdanken: vom Terrornest zur De-facto-Metropole des Landes, vom Kaff zur Boomtown, die Firmen, Flüchtlinge, Fachleute und Banken aus dem gesamten Jemen anzieht. Marib funktioniert.

Mehr als zwei Jahrzehnte lang waren die Stadt mit einst 40.000 Einwohnern und die ganze Provinz als Qaida-Zuflucht verrufen, gefährlich selbst für Jemeniten und für Ausländer erst recht, beherrscht von Stämmen, die Pipelines und Stromleitungen sprengten, um Geld zu erpressen. Bekannt höchstens dafür, dass die USA hier regelmäßig echte oder vermeintliche Qaida-Männer mit Drohnen umbrachten.

Doch dann begann der Untergang des Jemen - und damit der Aufstieg von Marib. 2011 waren, wie in vielen Staaten der arabischen Welt, auch im Jemen Hunderttausende für ein Ende der Diktatur auf die Straßen gegangen. Nach mehr als drei Jahrzehnten an der Macht willigte Präsident Ali Abdullah Saleh Ende 2011 schließlich ein zurückzutreten.

Die eher symbolische Wahl seines Vizes Abd Rabbuh Mansur Hadi ohne Gegenkandidaten sollte Stabilität für eine Übergangsperiode schaffen, um zwei aufbegehrende Fraktionen einzubinden: Im Norden hatte es bereits seit 2004 immer wieder Kämpfe zwischen Armee und den schiitischen Huthi-Rebellen gegeben. Im Süden wollten Sezessionisten die mit der Wiedervereinigung 1990 verlorene Unabhängigkeit der einstigen sozialistischen Volksrepublik zurückerobern.

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Hadi versuchte, die Huthis aus dem Norden gegen die Südisten auszuspielen. Aber er war seinem Vorgänger nicht gewachsen. Saleh, der Großmeister der wechselnden Allianzen, lauerte auf eine Chance zur Rückkehr. Dass er die Huthis jahrelang hatte bombardieren lassen, hinderte ihn nicht daran, sich mit ihnen zu verbünden. Überdies waren ihm Eliteverbände der Armee loyal geblieben. Als Hadi im Sommer 2014 auf Druck des Weltwährungsfonds eine massive Kürzung der Treibstoffsubventionen verkündete, fanden von den Huthis organisierte Proteste gewaltigen Zulauf.

Im Januar 2015 überrannte die Huthi-Saleh-Allianz die Hauptstadt Sanaa. Hadi floh. Am 26. März 2015 begann die "Operation Entscheidungssturm", die Intervention durch Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) - anfangs vor allem mit Luftangriffen, die Militärstellungen trafen, ebenso Krankenhäuser, Trauerzüge und Wohnhäuser. Aus Iran kamen Raketen und Minen für die Huthis.

Zweieinhalb Jahre später ist das Land keiner Entscheidung näher gekommen, sondern zum größten humanitären Krisenherd der Welt geworden. Ein Viertel der 27 Millionen Jemeniten ist akut von einer Hungersnot bedroht, seitdem Saudi-Arabien die Einfuhr von Lebensmitteln weitgehend verhindert. Und erst recht, seit es am 6. November sämtliche Häfen und Flughäfen des Jemen geschlossen hat.

Sanaa und die großen Städte werden entweder von den zunehmend paranoiden Huthis kontrolliert und von den Saudi-Arabern bombardiert, liegen direkt an der Front wie Taizz oder wurden erst vor einer Weile von al-Qaida befreit wie die Hafenstadt Mukalla. Und in Aden führen die jemenitischen Verbündeten der VAE und Saudi-Arabiens nach der Vertreibung der Huthis nun gegeneinander Krieg.

Bleibt Marib. Vor rund 3000 Jahren war es schon einmal Hauptstadt, die des Reiches von Saba, wovon noch die berühmten Tempelruinen mit ihren viereckigen Säulen zeugen. Damals wie heute verdankte es seinen Aufstieg der Lage. Schon in der Antike versorgte das Wasser hinter dem Damm von Marib die Oase. Auch in diesen Tagen ist der See gut gefüllt.

Weihrauchkarawanen, die im Altertum Marib reich werden ließen, gibt es keine mehr. Aber nahe der Stadt produziert die staatliche Ölfirma Safer täglich 1900 Tonnen Kochgas, Diesel und Schweröl für die Kraftwerke - die einzige Energiequelle des Landes, von deren Erlösen 20 Prozent an die Provinzregierung fließen.

Gewürzhändler auf dem Markt
Chromorange / Fotofinder

Gewürzhändler auf dem Markt

Nach dem Ende der Kämpfe zwischen Huthis und Hadi-Getreuen seit Ende 2015 hat sich hier eine Art positiver Dominoeffekt eingestellt: 1,5 bis 2 Millionen Flüchtlinge aus allen Landesteilen kamen nach Marib, der Zuzug hält bis heute an. Es kommen Arme, aber auch Unternehmer, Ärzte wie der Krankenhausdirektor Dr. Qubati. Es kommen Juristen, Journalisten, Künstler, die vor all dem fliehen, was den Rest des Landes in den Abgrund reißt: den Willkürverhaftungen der Huthis in Sanaa, den Kämpfen, al-Qaida, der Korruption.

Und es kommen die Reichen zurück, die vor Jahrzehnten ausgewandert sind. Wie Mohammed Zubaiyen: Der 26-jährige Spross der im gesamten Nahen Osten operierenden Handels- und Bau-Holding ZTCO verließ die Stadt, als er neun war, ging in Cambridge zur Schule, in Dubai zur Amerikanischen Universität: "Warum hätte ich hierbleiben sollen? Welchen Ruf hatte Marib denn vor 20 Jahren? Drei Straßen und lauter Geiselnehmer." Noch vor zwei Jahren "hätten wir im Traum nicht daran gedacht, hier zu investieren." Doch mit dem plötzlichen Massenzuzug gingen die Land- und Immobilienpreise in die Höhe. Hunderte neuer Firmen haben aufgemacht, von der Ziegelbrennerei bis zur Trinkwasser-Abfüllfabrik, die Arbeitskräfte brauchen. Überall wird gebaut. Seitdem 2016 die nach Aden abgezogene jemenitische Zentralbank eine Filiale in Marib eröffnete, haben sich vier weitere Banken in der Stadt niedergelassen.

Eine Weile lang schauten sich Mohammeds Vater und zwei Onkel die Lage in ihrer alten Heimatstadt genau an. Ihr Geld verdienten sie da längst als Subunternehmer des südkoreanischen Hyundai-Konzerns mit Großbauprojekten wie dem Kernkraftwerk in Abu Dhabi. Schließlich entschieden die vier Zubaiyens: Marib lohnt sich, geschäftlich. Auf 6,5 Quadratkilometer Land soll nun "Sheba City" entstehen, ein komplett neuer Stadtteil: 1200 Wohnblocks, drei Malls, Büros, Industrie. Keine Fremdinvestoren, sondern nur Eigenkapital, etwa eine Viertelmilliarde Dollar, vor allem für die Erschließung.

"Dafür brauchen wir Tausende Bauarbeiter", so Mohammed Zubaiyen, der im August aus Dubai nach Marib zurückkehrte. Es sei ein Wagnis, bekennt er, und natürlich würden sie vom Krieg profitieren: "Selbst wenn Städte von den Huthis oder al-Qaida befreit wurden, gehen die meisten Flüchtlinge nicht zurück. Denn eines bleibt immer gleich: die Korruption und Unfähigkeit der lokalen Mächtigen." Maribs Verwaltung gilt dagegen als integer.

Einwohner vor einem Kleidergeschäft im Stadtzentrum
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Einwohner vor einem Kleidergeschäft im Stadtzentrum

Dass die Stadt zum Nutznießer des sie umgebenden Chaos wurde, anstatt darin zu versinken, verdankt sie ganz wesentlich einem Mann, der mit seiner Glasbausteinbrille und dem unprätentiösen Habitus leicht unterschätzt wird. Sultan al-Arada, 59, ist seit 2012 Gouverneur der Provinz. Zugleich ist er einer der wichtigsten Stammesführer der Umgebung, dessen Familie ihr Renommee durch alle Untiefen der vergangenen Jahrzehnte gerettet hat. Er hat die mächtigen Stämme von Marib auf seiner Seite. Die wollen sich weder den Huthis unterwerfen noch als Qaida-Sympathisanten von den USA bombardiert werden. Die Stämme waren stets das Rückgrat aller Macht in den Bergen und der Wüste des Jemen. Nicht so sichtbar in ruhigen Zeiten, aber Ultima Ratio jeder Herrschaft.

Der langjährige Parlamentsabgeordnete Arada agiert vorsichtig, aber planvoll: Unter Ali Abdullah Saleh wollte er nicht Karriere machen. Zur saudischen Königsfamilie hat seine Familie seit zwei Generationen enge Kontakte gepflegt. Zu Präsident Hadi verhält er sich loyal - aber macht letzten Endes, was er will.

So wie auch bei dieser Reise. Nur wenig von dem, was im Jemen geschieht, wird weltweit wahrgenommen. Weder die Huthis noch Saudi-Arabien und die VAE wollen Journalisten ins Land lassen. Und so war es Sultan al-Arada, der in Zusammenarbeit mit dem Sanaa Center for Strategic Studies, einem kleinen Team gut vernetzter Jemeniten, die Einreise von einem Dutzend ausländischer Journalisten für diese Recherche erst möglich gemacht hat.

Dank Arada kommen auch die besten Köpfe des Landes nach Marib. Zwei Drittel der Professoren an der von 1200 auf 5000 Studenten gewachsenen Universität stammen von außerhalb. Wohin auch sonst sollten sie gehen? Von den Studierenden sind die Hälfte Frauen, denen die Stadtverwaltung einen Busservice stellt, um konservative Familien zu ermutigen, ihre Töchter zur Universität zu schicken. In den völlig überfüllten Hörsälen und in neuen Wellblechbaracken auf dem Campus werden beide Geschlechter gemeinsam unterrichtet. Bei den Ingenieuren überwiegen die Männer, bei den Erziehungswissenschaften dominiert der schwarze Block der Verschleierten. Eine 19-Jährige sitzt neben ihrer 38-jährigen Mutter, die endlich Lehrerin werden will: "Mein Mann ist dagegen", sagt die Mutter, "es gibt jeden Abend Streit. Aber ich versuche, ihn glücklich zu machen, damit er uns in Ruhe lässt." Keine Frau ist hier auf der Straße ohne Nikab zu sehen, den Gesichtsschleier, der nur die Augen freilässt. Aber die kleinen Veränderungen, die man nur in privaten Gesprächen erfährt, verraten mehr über die Pläne Aradas als die Facebook-Verlautbarungen seiner Provinzregierung.

Der junge Radiojournalist Raschid al-Mulaiki setzte sich im März aus Sanaa ab, nachdem immer wieder Reporter von Huthis in Zivilkleidung verschleppt wurden und ohne Anklage in den Gefängnissen verschwanden. Bei Radio Marib betreut er gemeinsam mit einer Co-Moderatorin seit einem Monat die neue Sendung "Baituna", "Unser Haus": ein Programm über Familienprobleme. Reinster Sprengstoff.Scd

Schülerinnen beim Morgenappell an einer Mädchenschule
Sana'a center

Schülerinnen beim Morgenappell an einer Mädchenschule

"Wir haben erst mal angefangen, über harmlose Dinge zu sprechen", erzählt er, "wie Facebook die Familien verändert, Probleme zwischen Vätern und Söhnen. Der Gouverneur unterstützt uns, aber wir müssen uns vorantasten. Wir planen eine Sendung zum Thema: Die Tochter will studieren, ihr Vater ist dagegen. Wir werden Gäste und Anrufer reden lassen, aber keine Empfehlung abgeben. Das wäre zu heikel." Alles im Jemen sei letztlich eine Frage der Balance, sagt Sultan al-Arada beim Treffen im Gouverneurssitz. Deshalb sei es so schwierig, mit den Huthis eine Verhandlungslösung zu erreichen: "Ihre Machtübernahme war nicht nur ein Putsch gegen die Institutionen des Jemen, sondern auch gegen seine Identität. Die Huthis beharren darauf, dass nur ein Nachfahre von Imam Hussein (ein Heilsbringer der schiitischen Glaubensrichtung) das Land beherrschen dürfe. Aber das funktioniert nicht, nie."

Wie schwierig die Balance im Vakuum des nicht mehr existierenden Staates ist, zeigt sich beim langen Kampf, al-Qaida aus Marib zu vertreiben. Für jene, die sich aus Verbitterung und für Geld den Radikalen angeschlossen hatten, gibt es nun neue Möglichkeiten - so auch für den ehemaligen Nachbarn des Bauunternehmers Mohammed al-Zubaiyen: "Als ich klein war, wohnte er sechs Häuser weiter, wir haben zusammen gespielt. Später wurde er al-Qaida-Kommandeur, ein technischer Virtuose, der ein Auto in einen Panzer verwandeln konnte, Raketen frisierte und Fahrzeuge für Selbstmordattentäter baute." Nun habe er umgesattelt, panzere Geländewagen zum Verkauf an die Regierung.


Video: "Eine skurrile Recherche"

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An die Qaida-Ideologen war schwerer heranzukommen. Manche, so Arada, seien festgenommen, manche getötet worden, "vor allem hat es geholfen, dass deren eigene Familien sie verstoßen haben".

Aber immer noch schlagen die Raketen der amerikanischen Drohnen wie aus dem Nichts auch rund um Marib ein, treffen am zweiten Tag unseres Aufenthalts vier Männer in einem Auto nördlich der Stadt. "Die Drohnenangriffe töten auch Zivilisten", sagt Arada, "sie treiben al-Qaida mehr Leute zu als deren eigene Propaganda. Wir wünschen uns, die Amerikaner gäben uns die Chance, Leute zu verhaften, bevor sie selbst angreifen." Doch der Terror ist im Jemen seit Jahren ein Instrument der verfehdeten Fraktionen. Aradas eigener Bruder Khalid steht als "al-Qaida-Finanzier und -Anführer" auf der schwarzen Liste der US-Regierung. Darauf gesetzt hat ihn schon vor sechs Jahren der damalige Geheimdienstchef und Neffe von Ex-Präsident Saleh. Eine Lüge, um ihn zu treffen, sagt der Gouverneur.

Regierungstreue Kämpfer westlich von Marib
AFP / Getty Images

Regierungstreue Kämpfer westlich von Marib

Mittlerweile helfen die Amerikaner, Salehs Truppen zu bombardieren, aber töten immer noch die Leute von dessen Terrorliste. Eine paradoxe Situation. "Ich habe den US-Botschafter in Riad gebeten, meinen Bruder zu streichen", erzählt Sultan al-Arada, "aber der meinte nur, ich solle mir einen Anwalt nehmen." Letztlich sei die Einmischung der Ausländer an allem schuld, ist immer wieder in Marib zu hören: der Iraner vor allem, der Amerikaner immer schon, des Westens generell. Die Huthis auf der anderen Seite der Front sehen das auch so, nur ist für sie Saudi-Arabien der Schurke. Geflissentlich wird ignoriert, wie sehr Jemens Eliten selbst ihr Land zerstören und die Interventionen von außerhalb erst möglich machten.

Wie gleichgültig Jemeniten aller Fraktionen gegenüber der humanitären Katastrophe in ihrem eigenen Land sind, lässt sich in Marib jeden Morgen pünktlich ab neun Uhr morgens beobachten: Dann fahren die Katlaster vor, bringen die frische Lieferung junger Triebe des Katstrauchs, die eine mild berauschende Wirkung haben. Die Wagen kommen aus Arhab im Huthi-Gebiet, nur in den dortigen Höhenlagen wächst Kat. Sie queren auf Umwegen die Front zwischen den Todfeinden, denn der gesamte Jemen kaut Katblätter. Das Land versinkt in Trümmern, leidet an Hunger und Cholera - doch am kollektiven Nachmittagsrausch hat sich nichts geändert.

Kat wächst dort, wo einst Lebensmittel gepflanzt wurden, verbraucht das Wasser, dessen Fehlen die Cholera-Epidemie begünstigt, aber wird weiter angebaut, weil es profitabler ist als Weizen. Die Kaufkraft im Land ist gesunken, doch neue Großabnehmer kaufen täglich Tonnen an Kat: die Oberkommandos aller Truppen, von Hadis Armee wie von den Huthis, für die Soldaten. Ohne Kat keine Offensive, das bestätigen auch die Amputierten in Dr. Qubatis überfülltem Krankenhaus.

Marib wird weiter aufsteigen, solange das Land weiter untergeht. Ein jäher Friede könnte die Stadt wieder in Provinzialität zurückfallen lassen. Aber danach sieht es nicht aus. Saudi-Arabiens offizieller Kriegsgrund war, Präsident Hadi wieder ins Amt zu bringen. Doch es hält ihn in Riad unter Hausarrest.

Der Jemen ist der Austragungsort des eskalierenden Machtkampfs zwischen Saudi-Arabien und Iran geworden. Es geht wohl niemandem um den Erhalt des Landes, jede Interventionsmacht sichert sich ihr Stück vom Jemen.

Und niemand spricht mehr von einem nahen Ende der Kämpfe. Auch der Mann auf der Holzbank vor der Orthopädischen Abteilung, der leise murmelt, dass der Krieg vorbei sei, schränkt ein, dass dies nur für ihn gelte. Sein rechter Arm ist aus Kunststoff, ebenso sein rechtes Bein, er wartet auf die Justierung seiner Prothesen.



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