AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2017

Jérôme Boateng "Warum ist meine Haut braun?"

Er ist der erfolgreichste schwarze Sportler, den Deutschland je hatte. Und das hat Jérôme Boateng nicht allein mit fußballerischem Talent geschafft, sondern mit Geduld. Viel Geduld.

Jerome Boateng
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Jerome Boateng

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Bist Du einer von uns
Magst Du das harte Berlin
Und findest Du auch, Ballack hat es verdient?

Songtext von Rapper George Boateng, Jérôme Boatengs Halbbruder

Er soll etwas sagen, irgendwas, einen Satz nur oder auch zwei, um die Kamera zu vergessen, die Lichter, das ganze Gewusel um ihn herum, das jeder Fotograf, der etwas auf sich hält, um sich organisiert.

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Heft 15/2017
Machtmissbrauch, Bestechung - und Spähangriffe gegen Willy Brandt

Jérôme Boateng hebt einen Moment den Blick von seinem Handy.

"Sagen Sie was", sagt der Fotograf.

"Hi", sagt Jérôme Boateng.

Er liegt auf einem Bett im Rosewood Hotel in London, um sich für das Männermagazin "GQ" fotografieren zu lassen. Das Magazin hat ihn zum Mann des Jahres 2016 in der Kategorie "Sport" gewählt und will ihn nun als Dressman abbilden.

Rechts neben ihm auf dem Nachttisch steht ein Espresso, den er nie trinken wird, links neben ihm liegt die aktuelle Ausgabe der "Times", die er nie lesen wird. Der Sportteil ist aufgeschlagen, damit man später, auf dem Foto, wenigstens noch den Fußballer in ihm erkennt.

Es kann eigentlich losgehen, aber der Fotograf hat noch ein Problem mit Boatengs Frisur, den Zöpfchen, Boatengs Rasta-Dutt. Die Frisur passt zwar zu Boateng, findet der Fotograf, aber Zöpfchen und Dutt passen nicht zu der Garderobe, die Boateng für die Fotos tragen soll.

An die Wand hat der Fotograf alte Bilder geheftet, sie sollen zeigen, wie er sich seine Fotos mit Boateng grundsätzlich vorstellt. Man sieht darauf Männer wie Paul Newman und Alain Delon in unterschiedlichen Posen, liegend, in ein Laken gewickelt, sitzend, stehend, im Smoking, angezogen und halb nackt. Weiße Männer mit Tolle. Ohne Zöpfchen. Ohne Dutt.

"Wie aufwendig ist die Frisur?", will der Fotograf wissen.

"Die Freundin von meinem Papa macht das in zehn Minuten", sagt Boateng.

"Also, wir würden versuchen, das wieder hinzukriegen", sagt der Fotograf.

"Das kriegt aber von euch hier keiner wieder hin", sagt Boateng.

"Wollen wir's trotzdem versuchen?", fragt der Fotograf.

Ein kurzer Moment Stille. Boateng wischt wieder auf seinem iPhone herum.

"Okay?", fragt der Fotograf.

Boateng will sich verbessern, er ist da fast calvinistisch, sehr deutsch.

"Okay", sagt Boateng. "Für den Look."

Jérôme Boateng ist gewohnt, Fragen gestellt zu bekommen, die sich andere nicht gefallen lassen müssen. Fragen nach seiner Frisur. Fragen nach seinen Freunden. Nach seinen Instagram-Postings. Nach seiner Liebe zu dicken Autos. Nach seinen Tattoos. Nach seinen Goldketten, Ohrsteckern, seinem Zahnschmuck, seinem "Look". Es geht dabei unausgesprochen auch um die Frage, ob er in ein bestimmtes Bild passt, ins Bild einer Mannschaft, einer Nachbarschaft - in ein Leben in Deutschland.

Ein knappes Jahr ist es nun her, dass der AfD-Politiker Alexander Gauland in einem Interview Boateng zu einem unerwünschten Nachbarn erklärte, zu einem Mann, vor dem sich die Deutschen fürchten müssten. Gaulands Äußerung hat viel Empörung ausgelöst, eine Welle der Sympathie für Boateng. Wochenlang wurde Boateng gefeiert, ja sogar geehrt, und war als neuer Kapitän für die Nationalmannschaft im Gespräch, als erster Schwarzer, der Deutschland im Fußball hätte anführen können.

So weit kam es aber nicht. Sein Höhenflug hat nicht allen gefallen, auch nicht unbedingt jenen, die sich zu seinen Freunden zählen. Die Frage war plötzlich: Wollte Jérôme Boateng zu hoch hinaus?

Anlass war seine Formschwäche Ende vergangenen Jahres. Boateng spielte tatsächlich schlecht, zweimal in der Bundesliga, einmal in der Gruppenphase der Champions League gegen Rostow, was allerdings so schlimm nicht war, denn das Weiterkommen ins Achtelfinale stand schon im Vorhinein fest. Er patzte also, ohne dass es dramatische Folgen für den Verein gehabt hätte, und doch war die Kritik ungewöhnlich hart, vor allem aus den eigenen Reihen. "Jérôme muss mehr zur Ruhe kommen", schulmeisterte ihn der Vorstandsvorsitzende der Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, öffentlich. Den gerade noch von allen gefeierten Helden wünschte er sich "back to earth".

Boateng sitzt in der Geschäftsstelle des FC Bayern München in der Säbener Straße, in einem schmucklosen Konferenzsaal im ersten Stock mit einem tristen Blick auf die Straße und ein paar achtlos herumliegenden Kabeln. Er hat diesen Ort nicht zufällig für dieses Treffen gewählt, den langweiligsten Ort, den man sich vorstellen kann, seelenlos, mit Stechuhr-Charme. Man könnte auch sagen: ein Ort "back to earth".

"Ich hab jetzt gleich noch Pilates", sagt Jérôme Boateng.

Drei Monate sind seit Rummenigges Nörgelei vergangen. Es waren schwere Monate für Boateng, denn ausgerechnet nach Rummenigges Kritik riss sein rechter Brustmuskel. Boateng musste operiert werden und fiel wochenlang aus. Erst einmal hat er seitdem wieder ein volles Spiel auf dem Platz gestanden. An diesem Dienstag kehrt er nun auch international zurück, im Champions-League-Klassiker gegen Real Madrid.

Für ihn ist das ein ganz besonderes Comeback nach einer Zeit, in der er sich hilflos fühlte wie nie zuvor. Er fand, dass die Regeneration länger dauerte als sonst, er erschrak über seinen Brustmuskel, der sich langsam zurückbildete, seinen Brustkorb, der immer flacher wurde. "Ich bin ja auch nicht mehr 18", sagt er. Er wiegt jetzt 91 Kilogramm, fast 4 Kilo weniger als vor der Verletzung. Anfangs habe er sich zwei Wochen kaum selbst anziehen können. "Jeder sagt dann, soll ich dir helfen? Und ich immer, nee, will ich nicht."

Er erzählt viel von den Mühen, wieder fit zu werden. Von Pilates, von Liegestützen, vom "Quälhügel" auf dem Vereinsgelände, den er rauf- und runterrannte, von seinem Personal Trainer, den er selbst in den Familienurlaub auf die Malediven mitnahm. Er erzählt, wie er sich vornahm, "in der Reha jeden Tag Gas zu geben, gut zu essen, gut zu schlafen". Nur von Rummenigge will er nichts erzählen.

"Wir haben uns damals ausgesprochen", sagt Boateng, "die Sache ist für mich erledigt. Ich habe nichts mehr dazu zu sagen."

Und doch bleiben die Fragen, die er nicht beantworten will. Warum ausgerechnet er? Warum wurden damals nicht auch andere kritisiert? Er spielte tatsächlich nicht gut, er war wegen einer Knieverletzung nicht wirklich fit. Aber weit unter Form spielten auch andere Spieler der Bayern. Thomas Müller. Arjen Robben. Franck Ribéry. Auch sie spielten nicht nur Fußball. Auch sie posteten Fotos auf Instagram. Auch sie hatten "Termine". Aber über sie sagte Rummenigge kein schlechtes Wort, schon gar nicht öffentlich.

Jérôme Boateng ist ein Ausnahmeathlet, der derzeit vielleicht beste Innenverteidiger der Welt. Er ist nicht der erste farbige Deutsche, der Erfolg hat, Deutschland hatte schon Jimmy Hartwig und Gerald Asamoah, aber keiner war annähernd so erfolgreich wie er. Das hat etwas mit seinem fußballerischen Talent zu tun. Aber nicht nur.

Family Holiday

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"Ich habe meinen Kindern immer gesagt, ihr müsst euch zurückhalten", sagt sein Vater Prince Boateng. "Wenn ihr geschlagen werdet, schlagt nicht zurück. Wenn ihr das macht, habt ihr keine Chance."

Jérôme Boateng verdankt seinem Vater viel, seinetwegen spielt er Fußball. Er hat ihn zum Training gefahren, ihn auch verteidigt, wenn er "Schokolade" genannt wurde oder wenn der Vater von Boatengs Gegenspieler rief: "Mit dem Nigger wirst du wohl noch fertig werden."

Sein Vater ist mit einem schweren Geländewagen ins Restaurant Wirtshaus an der Rehwiese nach Nikolassee gekommen, in den Teil Berlins, der Bad Reichenhall gefühlt näherkommt als einer Großstadt. Er will von der Welt erzählen, aus der sein Sohn kommt, einer Welt jenseits der Idylle, in der ihn Leute angespuckt und "Schokolade" genannt haben. Es war eine Zeit, in der Jérôme noch kein Abwehrspieler war.

Er hat Fotos mitgebracht, die Jérôme Boateng als kleinen Jungen zeigen mit dem gelben Trikot von Tennis Borussia Berlin. Er hat dort gespielt, bis er 14 Jahre alt war, danach wechselte er zu Hertha BSC Berlin. Prince Boateng zeigt auf ein Bild, auf dem Jérôme einen Pokal in der Hand hält. Er ist da gerade Torschützenkönig geworden. Ein vergessenes Bild.

Es erinnert daran, dass Boateng nicht schon immer ein Abwehrspieler war, sondern ihn bestimmte Umstände dazu gemacht haben: eine Lücke in der Abwehrkette seiner C-Jugendmannschaft, die er gern bereit war zu füllen, aber auch die Erkenntnis, dass er dort bessere Chancen hatte weiterzukommen als vorn im Angriff. Sein Verein sah ihn dort lieber. Und je älter er wurde, desto mehr wurde Jérôme klar, dass Defensivspiel einfach besser zu ihm passt. Nicht nur im Fußball.

Im vergangenen Jahr, Ende August, ist Jérôme Boateng ins Kanzleramt eingeladen, er ist Angela Merkels persönlicher Gast am "Tag der offenen Tür". Er steht auf der Bühne im Kanzlergarten und hat der Moderatorin schon ein paar Fußballerfragen beantwortet, als Angela Merkel neben ihn tritt. Es entwickelt sich ein drolliges Gespräch zweier Menschen, die auf rührend unbeholfene Art ein gemeinsames Thema zu finden versuchen.

"Wie gefällt es Ihnen denn so im Kanzleramt?", fragt Merkel.

"Bisher sehr gut", sagt Boateng. "Das Wetter ist schön."

Er steht ein wenig unbeholfen da, und Merkel gibt sich alle Mühe, das Gespräch mit ihm in Fahrt zu bekommen.

Er bedankt sich dafür, dass sie ihn ins Kanzleramt eingeladen hat. Sie fragt ihn nach seinen Lieblingsfächern in der Schule ("Deutsch, Geschichte, Erdkunde und Mathe"). Sie will wissen, wie zufrieden der neue Trainer Carlo Ancelotti ist ("sehr zufrieden").

Irgendwann gehen Merkel die Fragen aus. Sie schaut Boateng an. "Jetzt wollte ich Jérôme Boateng mal fragen, ob er auch noch 'ne Frage an mich hat", sagt Merkel, "muss ja nicht sein, aber vielleicht hat er ja was."

Boateng schaut die Kanzlerin an. Wenn sie wirklich eine Frage von ihm gestellt bekommen möchte, dann hat er da was. "Mich interessiert mal", sagt er, "wie so 'n Tag bei Ihnen abläuft, so 'n normaler Tag."

Wenn er Respekt hat, kann Jérôme Boateng schüchtern wirken, auf altmodische Art ist er dann fast unterwürfig. "Ich finde das gut, wenn man Respekt hat", sagt sein früherer Trainer Horst Hrubesch, mit dem Boateng 2009 die U-21-Europameisterschaft gewann. "Es ist wichtig, höflich zu sein, Guten Tag zu sagen, die Hand zu geben, den Diener zu machen. Respekt hat Jérôme immer gehabt, manchmal sogar zu viel."

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Hrubesch ist ins Hotel Westin Grand nach Berlin gekommen, wenn es um Jérôme Boateng geht, hat er Zeit. Der Abwehrspieler hat ihm zu seinem Abschied als Trainer vom DFB einen offenen Brief in der "Sport-Bild" geschrieben. Es war ein Text voller Dankbarkeit, in dem Boateng Hrubesch als großen Trainer und legendäres "Kopfballungeheuer" verehrte. Der Brief beginnt mit "Lieber Herr Hrubesch" und endet mit "Ihr Jérôme".

"Es ist nicht so, dass Jérôme nicht weiß, dass er mich duzen kann", sagt Hrubesch, "ich habe ihm schon mehrmals gesagt: Du kannst mich Horst nennen." Aber Boateng ist das bis heute unangenehm. Er nennt ihn immer noch "Trainer".

Hrubesch kennt auch Kevin-Prince, Jérômes Halbbruder, der heute beim spanischen Erstligisten UD Las Palmas spielt. Hrubesch hat Kevin-Prince für die U-21-Nationalmannschaft nominiert, auch ihn hält er für ein großes Talent, aber als es dann darum ging, wen er zur EM nach Schweden mitnahm, ließ er Kevin-Prince zu Hause, Jérôme nahm er mit. Es hatte etwas damit zu tun, inwieweit die beiden bereit waren, sich in die Mannschaft einzufügen, wie selbstkritisch sie sind. "Wenn ich Jérôme nach dem Spiel gesagt habe, wir müssen noch über zwei, drei Dinge reden, hat er es meistens schon vorher gewusst. ,Trainer, ich weiß schon.'"

Kritik versteht Jérôme Boateng in erster Linie als Chance. Er will sich verbessern, er ist da fast calvinistisch, sehr deutsch. "Wenn ich Kevin-Prince kritisiere", sagt sein Vater, "dann muss ich mir das schon sehr genau überlegen. Jérôme ist mir dankbar dafür."

Das hat auch etwas mit seiner Herkunft zu tun. Jérôme Boateng wuchs bei seiner Mutter in Wilmersdorf aus, einem gutbürgerlichen Viertel Berlins. Sie achtete darauf, dass er die Schule wichtig nimmt, nicht nur den Fußball, vor allem aber, dass er sich anständig benimmt.

Wenn man Jérôme Boateng nach seinen typisch deutschen Eigenschaften fragt, nennt er nicht Fleiß, Pünktlichkeit, das also, was man üblicherweise unter deutschen Tugenden versteht, sondern: "mein Benehmen". Es ist sein Schlüssel, um als Deutscher dazuzugehören.

Sein Vater verließ die Familie, als Jérôme fünf Jahre alt war. Jérôme hat unter der Trennung gelitten, wie jedes andere Kind auch. Er liest gerade ein Buch, "Vergiftete Kindheit: Elterliche Macht und ihre Folgen" von der amerikanischen Psychotherapeutin Susan Forward, weil es ihn interessiert, "was man von seinen Eltern mitbekommt".

Die Trennung seiner Eltern teilte sein Leben in zwei Welten, in die seines schwarzen Vaters aus Ghana und seiner weißen Mutter aus Wilmersdorf. In der seiner Mutter aß er Fischstäbchen mit Kartoffelpüree, fuhr im Sommer zum Urlaub in den Robinson Club und redete wie einer, der Abitur machen will. In dieser Welt lernte er, sich zu benehmen.

In der anderen Welt lernte er Fußball zu spielen, zusammen mit den beiden älteren Söhnen seines Vaters aus erster Ehe, seinen Halbbrüdern George und Kevin-Prince. Sie nahmen ihn mit in ihren Fußballkäfig im Berliner Wedding, einer Welt ohne Urlaub, in dem die Benimmregeln das Recht des Stärkeren definieren. Wer jammerte, war eine "Pussy".

Er hat viel gelernt in dieser Zeit, aber er fühlte sich auch zerrissen. Im Wedding, wo seine Halbbrüder das Sagen hatten, war er das bürgerliche Muttersöhnchen aus Wilmersdorf. In Wilmersdorf, in der seine Mutter der Boss war, eckte er mit dem "Türkensprech" an, den er von seinen Halbbrüdern mitgebracht hatte. Egal, was er machte, irgendwie passte es nicht. Er kannte sich aus in beiden Welten, aber zu keiner gehörte er wirklich dazu.

Als er neun oder zehn war, fragte er seine Mutter: "Warum ist meine Haut braun?" Seine Mutter sagte, er solle einfach nur stolz auf seine Hautfarbe sein. Viele Leute würden in die Sonne fahren, um ein bisschen brauner zu werden. "Schau mich an: Ich sehe doch aus wie ein Käsekuchen."

Er war immer der Stillste im "Boa-Clan", der Jüngste, einer, der sich zurückhalten, sich unsichtbar machen kann, höflich. Er ist ein Mensch, der sich gern hinter seinem iPhone versteckt, der eigentlich nur redet, wenn er unbedingt muss, ein Mensch auf Stand-by. Sein Freund, der Journalist Josip Radovi¿, sagt: "Wenn man mit Jérôme essen geht, muss man immer noch jemanden mitnehmen, jedenfalls wenn man sich unterhalten will."

Aber lange prägten die kleinen und größeren Skandale seiner Brüder sein Image mehr als er selbst: die Gefängnisstrafe seines Bruders George, vor allem das Foul seines Bruders Kevin-Prince am deutschen Nationalspieler Michael Ballack. Es kostete Ballack die Teilnahme an der WM 2010 in Südafrika und brachte die Fans gegen die Boatengs auf. Jérômes Mutter, die am Berliner Flughafen Tegel für die Lufthansa arbeitet, ging damals mit falschem Namensschild zur Arbeit.

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Auch Jérôme galt einmal als zu grob, er trat über den Ball, verursachte Elfmeter, galt als unberechenbar. Es entsprach dem Klischee vom schwarzen Mann aus dem Getto, vor dem man sich fürchten musste. "Mir wurde gesagt, dass ich Fouls so gemacht habe, wie ich aufgewachsen bin", erinnert sich Boateng. "Das ist doch absurd." Er war wütend, aber lernte daraus.

Er ging bedachter in Zweikämpfe. Aber ganz wird er das Klischee wohl niemals loswerden. Der frühere Nationalspieler Christian Nerlinger sagt: "Es macht schon einen Unterschied, wenn Philipp Lahm jemanden foult oder Jérôme Boateng. Das gleiche Foul sieht bei Jérôme immer dramatischer aus." Nerlinger war Sportchef beim FC Bayern, als Boateng 2011 nach München kam. Heute ist er Geschäftsführer bei der Agentur Sam Sports, die Boateng berät.

Auch zwei Jahre später, als der Spanier Pep Guardiola als Trainer nach München kam, ging es wieder darum, wie Boateng sich weniger angreifbar machen kann, wie er die Zahl der Fouls reduziert. Guardiola hatte zur Begrüßung ein Video zusammengestellt, in dem er Boatengs Fouls zusammengeschnitten hatte. Es ist immer dasselbe Problem: Er soll sich zurücknehmen. Unauffälliger sein. Weniger anecken.

Es war wichtig für ihn. Es hat ihn salonfähig gemacht, wohnzimmertauglich. Nach einer Studie der Werbeagentur Jung von Matt ist er inzwischen Deutschlands wertvollste Fußballermarke. Er ist jetzt "JB", auch bei seinen Freunden, oder "JB17", wie er sich in den sozialen Medien in Bezug auf seine Rückennummer nennt, nicht mehr einer von mehreren Boatengs. Mit seinem Namen lassen sich inzwischen Produkte verkaufen. Er macht Werbung für Tipico-Sportwetten, für Braun-Rasierapparate, für McDonald's. Die Hamburger Firma Edel-Optics vertreibt eine von Boateng entworfene Brillenkollektion, sechs unterschiedliche Brillengestelle, die nach den "Städten seines Lebens" benannt sind, darunter Berlin, Hamburg und München.

Dabei ist Boateng viel bodenständiger, als er aussieht. Er lebt heute in einer Villa in Grünwald, einem Vorort von München, in dem viele seiner Mannschaftskollegen wohnen. Er lebt dort mit seiner Familie, seine sechsjährigen Zwillingstöchter Soley und Lamia gehen um die Ecke in den Kindergarten. Seine Eltern besuchen ihn oft, auch um die Enkel zu sehen. Sein Friseur kommt vorbei, ebenso sein Tattookünstler aus Berlin-Spandau. Er trainiert, geht mit Freunden ins Restaurant, sammelt Turnschuhe. Es ist ein privilegiertes Leben, aber keines, das besonders auffällig ist.

Es ist nicht so, dass Boateng nicht auch etwas für Männlichkeitsrituale übrighätte, den albernen Kitzel, mal unangeschnallt Auto zu fahren, oder den halbstarken Mut, die ein oder andere kleinere Verkehrssünde zu begehen. Er musste sogar schon mal den Führerschein abgeben. Aber seine Freunde kennen ihn eher als zu groß geratenen Jungen, als tollpatschigen Riesen, der dauernd seine Passwörter vergisst und immer besorgt ist um die Reinheit seiner Haut.

Mitte November hat die Männerzeitschrift "GQ" zum Galaabend in der Komischen Oper in Berlin eingeladen. Boateng ist im Smoking gekommen. Er hatte keine andere Wahl. Smoking ist an diesem Abend Pflicht für Männer. Er soll seine Auszeichnung zum "Mann des Jahres 2016" erhalten.

Ein Einspielfilm zeigt eine kurze Biografie Boatengs, dann tritt er auf die Bühne. Er bedankt sich bei seinen Eltern, was man bei solchen Anlässen so sagt. Jérôme Boateng ist ein höflicher Mensch. Er kann damit spielen. Wenn es sein muss, auch bis zur Selbstpersiflage. Er schaut ins Publikum, das er wegen des Scheinwerferlichts kaum sehen kann.

"Kompliment an alle Männer", sagt er, "Ich habe keinen, der jetzt schlecht aussieht, gesehen." Dann wendet er sich an die Frauen: "Auch an die Frauen großes Kompliment: sehr schöne Kleider und auch Outfits."

Was er dann noch sagt, geht in Heiterkeit unter.

Es wird an diesem Abend noch viel über Boateng geredet, aber da ist der schon längst wieder verschwunden.

Im Foyer liegt unterdessen die neueste Ausgabe des Männermagazins aus, die sich die Galagäste mit nach Hause nehmen können. Sie zeigt die Bilder, die von Boateng im Herbst in London gemacht wurden, fünf Doppelseiten Boateng, mal farbig, mal in Schwarz-Weiß. Sie zeigen Boateng im Smoking, im Pyjama, in der Unterhose, angezogen und halb nackt, am Fenster, im Bett, mit Schlafzimmerblick, apfelessend, augenreibend.

Ohne Dutt, aber mit Tolle.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
anton11x1 12.04.2017
1. Unsinniges Othering
Boateng ist kein schwarzer sondern Deutsch-Ghanaer und multiethnisch, mixed race. etc. In Ghana wirkt er im Vetgleich zu Ghanaern als weiß, aber trotzdem schaffen die das dort multiethnischen Personen mit einem eigenen Begriff gerecht zu werden, und w[rdrn nicht einfach sagen, Boateng ist der bekannteste weisse Sportler in Ghana, wenn er in Ghaba spielen wuerde. Ist denn etwa yogeshwar vom ard der bekannteste braune Tv Mitarbeiter? Wohl kaum
sponcon 12.04.2017
2. Farbenlehre vergessen?
Zitat von anton11x1Boateng ist kein schwarzer sondern Deutsch-Ghanaer und multiethnisch, mixed race. etc. In Ghana wirkt er im Vetgleich zu Ghanaern als weiß, aber trotzdem schaffen die das dort multiethnischen Personen mit einem eigenen Begriff gerecht zu werden, und w[rdrn nicht einfach sagen, Boateng ist der bekannteste weisse Sportler in Ghana, wenn er in Ghaba spielen wuerde. Ist denn etwa yogeshwar vom ard der bekannteste braune Tv Mitarbeiter? Wohl kaum
Die Überschrift lautet "Warum ist meine Haut braun?". Untertitel beginnt mit "Er ist der erfolgreichste schwarze Sportler, ..." Was denn nun braun oder schwarz? Ist etwas polemisch, aber diese farblichen Kategorisierungen gehören doch eigentlich nicht mehr zu unserem Sprachgebrauch. Denn dann wäre ja auch Herr Boateng ein Neger. Nicht nur Ranga Yogeshwar ist sehr bekannt, auch Cherno Jobatey oder Jana Paragies stehen ihm nicht nach.
geradsteller 13.04.2017
3. Hautfarbe ist doch egal
Angesichts der story zu Beginn, mit Fußballern als Fotomodell, stellt sich doch eher die Frage: warum machen Fußballer solch einen Blödsinn abseits des Rasens? Oder: warum machst du dich zum Affen?
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