AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2016

Joachim Löw Der Nebenkanzler

Joachim Löw wollte in Frankreich Deutschlands größter Nationaltrainer werden. Erfindet sich der "Bundes-Buddha" nach dem Aus im Halbfinale jetzt neu? Er muss umstellen: das Team. Und sich selbst. Von Peter Ahrens, Rafael Buschmann, Ullrich Fichtner und Jörg Kramer


Bundestrainer Löw beim Spiel gegen Frankreich
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Bundestrainer Löw beim Spiel gegen Frankreich

Der Plan des Joachim Löw, Deutschlands größter Bundestrainer zu werden, scheitert am Schlüsselspieler seiner eigenen Ära. Kurz vor dem Halbzeitpfiff wuchtet sich Kapitän Bastian Schweinsteiger zu einem Kopfballduell in die Luft, es ist der Donnerstag, EM-Halbfinale, Tatort Marseille, da ist die Hand, da ist der Pfiff, und das von den Deutschen bis dahin souverän kontrollierte Spiel kippt.

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Heft 28/2016
Terror verändert das Reisen. Was also tun?

Frankreich geht in Führung durch Elfmeter, und dann implodiert "La Mannschaft", als sich Jérôme Boateng verletzt. Es steht nun eine geschwächte Elf auf dem Platz, ohne durchschlagende Stürmer, mit einem matten Mittelfeld, mit einer überforderten Abwehr. Für Löw beginnt ab Minute 60 die Zeit des Nachdenkens. Darüber, was Erfolg heißt. Wie viel Siege wert sind. Wie sehr manche Niederlagen schmerzen. Wie groß der eigene Anteil an ihnen ist.

Schon vor diesem Donnerstag war jedem klar, dass der deutsche Fußball vor allem Luxusprobleme kennt, die sich in einem Satz zusammenfassen lassen, der in den vergangenen Wochen wieder oft zu hören war. Der Satz lautet: Wenn die Mannschaft das EM-Halbfinale erreicht, dann hat sie ihr Soll erfüllt. Dann hat sie die alle zwei Jahre anstehende Hauptuntersuchung beim internationalen Fußball-Überwachungs-Verein bestanden, scheckheftgepflegt, wie stets.

Der Satz verrät einen Grad der Verwöhntheit, der an Dekadenz grenzt. Schon eine kleine Gegenprobe zeigt das: In der Gefühlswelt unserer europäischen Nachbarn, in den Köpfen der Franzosen, Niederländer, Spanier, Engländer, selbst in den Köpfen der Italiener ist ein Halbfinale ein wunderbarer Erfolg, eine stolze Leistung. In Deutschland ist die Runde der letzten Vier eine Pflicht; Minimalziel. Soll.

Es wirkt, als wäre der Sieg im deutschen Fußball immer nur das letzte Kästchen im Scheckheft, ganz egal gegen welche Gegner es geht. Wer rund um die französischen Stadien mit Fans und Funktionären gesprochen hat, musste zu dem Schluss kommen, dass die andere Mannschaft auf dem Platz in den deutschen Überlegungen eine immer kleinere Rolle spielt. Wenn Deutschland gewinnt, hat es an Deutschland gelegen, logisch, und wenn Deutschland verliert, hat es auch an Deutschland gelegen, weil die Mannschaft dann eben nicht gut genug war. 2012, die schmerzliche Niederlage im Halbfinale der EM gegen Italien, ist so ein Fall. Da waren nicht die Italiener besser. Sondern da hat sich Joachim Löw "vercoacht".

Vielleicht stimmte das sogar. Und vielleicht vercoacht sich Löw, langfristig gesehen, schon seit einiger Zeit. Aber jede Frage in diese Richtung wird als Nestbeschmutzung verworfen. Mehmet Scholl hat es gerade erfahren, als er es wagte, Löws Aufstellung gegen Italien zu kritisieren, und er hätte es besser wissen müssen. Für den Bankplatz von Löw gilt, was zu Zeiten von Kaiser Wilhelm Zwo galt, als eine damalige Rechtschreibreform das "th" aus der deutschen Sprache strich: "An meinem Thron wird nicht gerüttelt." So ist das bis heute, und auf dem Thron sitzt Jogi Löw.

Gerüttelt wird im deutschen Fußball an gar nichts mehr. Es gilt die Devise: Wir schaffen das, beziehungsweise: "Wir meistern das", wie es an der Flanke des Mannschaftsbusses in vollendeter deutscher Hybris steht. Aber wie lange noch?

Dauernder Erfolg birgt die Gefahr der Schläfrigkeit. Es ist, im Leben wie im Fußball, einfacher, aus Niederlagen zu lernen. Erfolge sagen: Die Entscheidungen müssen im Wesentlichen richtig gewesen sein; und wenn Sieg auf Sieg folgt, dann leidet der Tastsinn für Probleme im Detail. Schwächen werden abgetan, Stärken überschätzt, erfolgreiche Formeln werden zu lange und am Ende einmal zu oft wiederholt.

So kam es im rasanten Halbfinale von Marseille. Im besten, aufregendsten Spiel dieses Turniers gerieten die erfolgsverwöhnten Deutschen und ihr nicht minder verwöhnter Coach an Grenzen. Junge, begeisterte Franzosen siegten über die reifen, abgezockten Meister, und es gibt keinerlei Grund zum Greinen. Es gibt aber Anlass für eine Zwischenbilanz. Es stellen sich Fragen nach Joachim Löws Leistung. Nach seiner Person. Seinem Weg. Nach der Zukunft.

Löw hat die öffentliche Sichtweise auf den Posten des Bundestrainers, den man auch als Amt verstehen könnte, in den vergangenen zehn Jahren grundlegend verändert. Er hat praktisch im Alleingang den hässlichen Deutschen vom Platz gestellt. Er ist einer, der Werbung für Nivea macht und Hugo Boss trägt, weil er das mit seinem Body, seinem Aussehen, seinen Haaren eben machen kann und weil er in Slim-Fit-Hemden eine genauso gute Figur macht wie im Commerzbank-Hoodie. Dabei verströmt Löw ein lässig-liberales Freiburgertum und sieht auf einem Leihfahrrad so gut aus wie in einem Porsche. Er ist der "Pflegecoach" des deutschen Mannes, und der Spruch dazu lautet: "Moderner Fußball und Männerpflege ergänzen sich perfekt." Im Spiel gegen die Ukrainer stand Löw am Rand im mausgrauen Shirt, und alle konnten zusehen, wie sich der Stoff unter seinen Achseln mit fortschreitender Spielzeit ins tellergroß Dunkelgrau-Schwarze verfärbte. In Zeiten des digitalen Dauerfeuers auf Twitter und Co. war die Tatsache, dass auch Bundestrainer schwitzen, natürlich eine Top-Welt-Nachricht. Aber es kam ja noch viel schlimmer.

Es tauchten bald jene Bilder auf, die die ARD nach Art des DDR-Staatsfernsehens nicht zeigte, obwohl sie doch auf hoch spannende Weise dokumentierten, welcher Starkstrom im heutigen Fußball durch alle Leitungen rast. Löws Hand in der Hose, das animalisch anmutende Beriechen des eigenen Körpersekrets, das war befremdlich, ja, aber doch sehr menschlich, urmenschlich geradezu. Es wäre gar nicht der Rede wert, wenn, ja wenn sich Löw nicht dauernd selbst als den tiefenentspannten, gechillten Yoga-Jogi inszenieren würde.

Löw markiert ja nicht nur äußerlich den größten denkbaren Abstand zu Helmut Schön, Jupp Derwall und Berti Vogts, die noch im Trainingsanzug ihre Spiele coachten. Löw ist auch sonst immer irgendwie Barcelona, während diese Vorgänger kulturell nie über ihre Geburtsorte namens Würselen oder Büttgen hinauszuwachsen schienen. Gegen sie ist Löw der neue Mann, der authentisch seinen Dialekt nicht versteckt, der an der richtigen Stelle auch mal zweifelt und die Stille der Umkleidekabine sucht, während draußen die Jungs ihren Sieg über Italien feiern. Er ist nicht rotzig zu seinen Spielern wie einst Franz Beckenbauer, er pflaumt keine Reporter an wie Rudi Völler. Löw ist, solange ihn seine Hände nicht verraten, der Weltmeister der inneren Ruhe.

Aber das ist eine Kunstfigur. Der coole Löw ist das Ergebnis von zehn Jahren harter Arbeit. Er hat sich lange Zeit einen persönlichen Kommunikationscoach geleistet, Marketingfachleute verpassten ihm das Image des schönen, gepflegten Mannes, der trotz nationaler Verantwortung immer super aussieht. Löw ist der Mann der perfekten Work-Life-Balance oder, wie er das nennt: "eines Gleichgewichts zwischen An- und Entspannung". Das könnte von Goethe sein, wenn da nicht der Nachsatz käme: "Wenn das gelingt, kann man sich auf den Punkt genau auf etwas fokussieren." Kurz vor dem Halbfinale nahm sich ein Kollege beim Deutschlandfunk das "Nullgerede" und die "Debilvokabeln" des Bundestrainers vor, aber diese Polemik kam ein wenig spät. Löw ist souveräner geworden bei öffentlichen Auftritten, seinem Beraterteam ist es gelungen, den Bundestrainerposten zu einer Art Nebenkanzlerschaft aufzubauen. So regiert nun Löw alle zwei Jahre für die Wochen der großen Turniere, und er macht das ziemlich gut und ziemlich schlagfertig. Und immer schauen ihm viele Millionen Deutsche dabei zu. Bei so viel Macht und einer so hysterischen Öffentlichkeit müssen Hände in Hosen wie Donnerschläge wirken, und Löw soll auch wirklich "entsetzt und niedergeschlagen" gewesen sein, als er die einschlägigen Videos zu sehen bekam. Überrascht kann er nicht gewesen sein.

Bundestrainer Löw im DFB-Medienzentrum in Évian
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Bundestrainer Löw im DFB-Medienzentrum in Évian

Bereits vor über einem Jahr, hört man aus dem DFB, wurde Löw von seinen Marketingleuten auf das Thema "Aussetzer am Spielfeldrand" angesprochen. Schon damals fiel auf, dass er immer wieder aus der Rolle fiel. Er popelte in der Nase, er kratzte sich wie ein Irrer, einmal feilte er sich auf der Bank die Fingernägel. Ein Mentalcoach soll ihm geraten haben, einen Stift oder sonst etwas in der Hand zu halten. Löw hantierte fortan mit einer Wasserflasche, brach das Experiment aber ab. Er glaubte, es ohne Krücke zu schaffen. Dann kam das Ukraine-Match. Löws Handspiel.

Aber selbst solche Kapriolen der Psyche ändern nichts mehr daran, dass Löw als "Bundes-Buddha" bewundert wird. Das Bild sitzt wie die Frisur. Wann immer ein geradezu serviler Gerhard Delling in der ARD Gelegenheit dazu hat, konstatiert er dem Bundestrainer in Frageform, was für ein entspannter, toller Typ er doch sei. Alles easy. Und auch mit der Mannschaft alles Bombe, alles "Schland".

Von daher die Erfolge, das Abonnement aufs Minimalziel Halbfinale. Bei den Turnieren, auch in Frankreich, läuft stets eine No-Nonsense-Mannschaft auf, die zwar nicht sehr viel Freude am Sport zu haben scheint, dafür aber dem Rest der Welt verlässlich zeigt, wo der Hammer hängt. In Deutschland nämlich, dem weltoffenen, wo heute Menschen aus aller Herren Länder Fußball spielen und Nachbarn sind.

Man spürt die tiefe Zufriedenheit mit sich und der Welt einmal während dieses Turniers bei einem Grillabend im deutschen Basislager Évian, zu dem die DFB-Delegation einlädt. Auf einer Terrasse mit herrlichem Blick auf den Genfer See geben sich die Großfunktionäre des deutschen Fußballs die Ehre. Da ist der staatstragende DFB-Präsident Reinhard Grindel, da ist sein um Korrektheit bemühter Vize Rainer Koch, da sind der schüchterne Generalsekretär Friedrich Curtius und von der Deutschen Fußball Liga der ausgestellt altersweise Aufsichtsratschef Reinhard Rauball und sein Stellvertreter Peter Peters, der immer wirkt, als wäre er lieber woanders. Ein beherrschendes Thema der Stehparty ist: Wie macht der Löw das, bei all dem Druck so entspannt zu bleiben?

Grindel, ein Glas Weißwein in der Hand, sagt, dass er die Arbeit des Trainers sehr schätze. Dass er aber schon auch sehe, wie verbissen Löw arbeite, um seine Erfolge immer wieder zu bestätigen. Grindel erzählt, wie er Wochen vor der EM Löw in Berlin traf und wie der Bundestrainer immer wieder davon gesprochen habe, "endlich Italien" besiegen zu wollen. Er sei richtig vernarrt gewesen in dieses Thema.

Solche Anekdoten sind viele zu hören beim Grillabend, je mehr Bier getrunken wird, desto spannender werden sie. Löw sei getrieben vom Wunsch, der erfolgreichste Bundestrainer aller Zeiten zu werden, besser als Beckenbauer, besser als Schön, größer als Herberger. Einer, der Weltmeister wird und danach gleich Europameister. "Damit hätte er es allen gezeigt", sagt ein Funktionär, der anonym bleiben will, "allen, die 2012 geschrieben haben, er sei ein Trainer, der keine Titel gewinnen könne." Löw sei so beherrscht von diesem Ziel, dass er sich manchmal mitten in Gesprächen "völlig ausklinkt", sagt ein anderer DFB-Mann. "Er hat dann fast autistische Züge." Das "Gehabe vom Entspanntsein" sei nur ein Schutzschild.

Vor dem Turnier hatte sich Löw im Gespräch mit dem SPIEGEL als Entwickler selbst gelobt, er sei ein "Weiterentwickler", die Mannschaft sei besser, stärker als 2014. Nach mühseligen Monaten der Qualifikation, holprigen Partien und Niederlagen gegen England und die USA waren das interessante Aussagen. Für Außenstehende wirkte es so, als begänne zwei Jahre nach Rio die Entwicklung bei null.

Was Löw aber eigentlich sagen wollte, was er stets zu zeigen versucht, ist die Arbeit an einer weiteren, der fachlichen Facette seines Image. Er möchte die Botschaft unterbringen, dass er es mit jedem Vereinstrainer locker aufnehmen könne. Er, der eine dann doch eher bescheidene Karriere als Vereinscoach hinter sich hat, darunter einen Rücktritt kurz vor dem Abstieg von der zweiten in die dritte Liga, sieht sich auf Augenhöhe mit den Contes und Guardiolas, den Ancelottis und Simeones, den Bielsas und erst recht den Klopps.

Löw meint, ein Händchen dafür zu haben, Spieler besser zu machen, er meint, mehr Interesse an Individualisten zu haben als ein Vereinstrainer, der ständig ergebnisorientiert arbeiten müsse. Tatsächlich versuchen sendungsbewusste Fußballlehrer wie Pep Guardiola oder Thomas Tuchel den ganzen Tag nichts anderes, als Spieler zu entwickeln. Und Löw genießt danach das Privileg, fertige Weltklassespieler wie Toni Kroos und Jérôme Boateng zu einem schönen Team verschrauben zu dürfen.

Seine Aufstellungen sind dabei eklektische Konstruktionen aus Spielsystemen, die die besten Vereinstrainer entwickelt haben. Bei der WM in Brasilien übernahm Löw beispielsweise von Guardiolas Bayern die Anordnung dreier zentraler Mittelfeldspieler. Bei dieser EM in Frankreich spielen die Außenverteidiger seit dem dritten Spiel so immens weit vorn wie bei Borussia Dortmund. Und Thomas Müller agierte fortan auf exakt der Zwitterposition zwischen Angriff und Mittelfeld, die Guardiola in München für ihn erfand.

Löw trat Jürgen Klinsmanns Erbe zur EM 2008 an, er übernahm die amerikanischen Fitnesstrainer, den Psychologen. Er behielt die Ideen bei, dass mit scharfen Pässen schnell abgespielt, mit intensivem Training auch zwischen den Spielen die Spannung hochgehalten werden sollte. Bei der WM 2010 in Südafrika begeisterte eine junge deutsche Mannschaft mit erfrischendem Spiel. Das Gerüst bildeten Spieler, die 2009 Junioren-Europameister mit der U 21 geworden waren. Was nach entfesselter Offensive aussah, war in Wahrheit aber eine Art Außenseiterfußball, wie ihn heute auch Teams wie Nordirland beherrschen. Philipp Lahm, einer der Protagonisten, nannte diese Art zu spielen später abschätzig "reinen Konterfußball".

Die Mannschaft musste sich weiterentwickeln, um gegen die stärksten Gegner bestehen zu können. Doch 2012 bei der EM hatte es Löw mit enttäuschten Bayern-Spielern nach einem verlorenen Finale der Champions League zu tun. Er schaffte es nicht, eine einheitliche Mannschaft aufzustellen. Bayern-Profis und Dortmunder hielten nicht zusammen. Das deutsche "Soll" wurde trotzdem auch damals erfüllt: Halbfinale. Aber Niederlage gegen Italien.

Danach setzte Löw alles auf den Teamgeist. Von den Spielern verlangte er ein "bedingungsloses Miteinander", sodass 2014 in Brasilien durch das Campo Bahia eine sonnige Variante des "Geistes von Malente" wehte. Löw hält die Stimmung in der Truppe für mindestens genauso wichtig wie die Aufstellung. Das führt zu originellen Personalentscheidungen.

Chefcoach Löw, Nationalspieler beim EM-Spiel gegen Italien
Reinaldo Coddou H.

Chefcoach Löw, Nationalspieler beim EM-Spiel gegen Italien

Als Löw 2004 beim DFB anfing, man stelle sich vor, waren Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski schon da. Sie hatten in der Endphase der Ära Rudi Völler erste Länderspiele gemacht, hatten das Desaster der EM in Portugal miterlebt, standen danach für den Neuanfang, für Jugend, Schweinsteiger war 20, Podolski 19.

Zwölf Jahre später sind sie immer noch dabei, aber mit ihrem Leistungsstand haben beider Stammplätze gewiss nicht mehr viel zu tun. Podolski hat bei dieser EM 21 Minuten gegen die Slowakei spielen dürfen, beim Stand von 3:0 für Deutschland, also aus lauter Nettigkeit. Schweinsteiger durfte angeschlagen zum Turnier anreisen, obwohl Löw auch schon mal verkündet hat, dass nur hundertprozentig fitte Spieler berücksichtigt werden können.

Gegen die Ukraine brachte Löw Schweinsteiger für vier Minuten (in denen er allerdings gleich krachend ins Tor traf), gegen Polen gar nicht, gegen die Nordiren durfte er 25 Minuten spielen, gegen die Slowaken 16. Dann hatte er das Glück, oder das Pech, je nach Blickwinkel, dass sich Khedira nach einer Viertelstunde im Spiel gegen Italien verletzte und er also wirklich ranmusste, nicht nur symbolisch. Schweini hielt 110 Minuten durch, aber wer den früheren Schweinsteiger kennt, selbst noch den von 2014, seinen Biss, seinen Willen, seine Zweikampfhärte, seine Ausstrahlung, dem tat das Herz weh, ihn gegen Italien spielen zu sehen.

Einmal setzte er behäbig zum Fernschuss an, lupfte den Ball kurz hoch und zog dann ab, wie man das früher so machte, aber der Schuss segelte weit übers Tor. Es war Schweinsteigers 119. Länderspiel, sein Kumpel Podolski hat es mit all seinen Kurzeinsätzen schon auf 129 gebracht. Noch 21, dann holt er den Rekordhalter Lothar Matthäus ein. Und wie man Löw kennt, wird Podolski das schaffen.

Wem der Bundestrainer einmal vertraut, dem vertraut er für immer. Sami Khedira ist auch so ein Fall. Er war ein ehrgeiziger, schneller Mittelfeldspieler, U-21-Europameister 2009 mit Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Mesut Özil, als Löw ihn 2010 in den WM-Kader für Südafrika berief. Khedira war 23, und Löw betraute ihn mit der größten Aufgabe, die es in der Nationalelf zu erfüllen gab. Er sollte den verletzten Michael Ballack ersetzen, den deutschen Überfußballer jener Tage, den Capitano von 2006. Khedira tat das glänzend, keiner sprach danach mehr über Ballack, und er gewann damit Löws Vertrauen. Für immer.

Khedira durfte mit nach Brasilien, obwohl er sich sieben Monate vor der WM das Kreuzband gerissen hatte. Bei dieser EM hat Khedira bis zu seiner Verletzung jede Partie als Startelfspieler bestritten. Aber warum? Er ist über die Jahre deutlich langsamer geworden, auch im Kopf. In der Anfangsphase des Turniers hat er das Tempo des deutschen Spiels regelmäßig verschleppt. Hat Löw es nicht gesehen? "Lieblinge des Trainers, so etwas gibt es nicht", hatte Löw vor Beginn des Turniers markig zu Protokoll gegeben. Er hält sich nur nicht daran. Das heißt, er widerspricht sich. Denn er sagt auch, dass es "nicht nur darum geht, guten Fußball zu spielen", sondern, gerade bei einem Turnier, auch darum, "eine Einheit zu bilden". Dafür braucht es Schweini und Poldi und irgendwie auch Khedira. Sie gehören schon halb zum psychologischen Betreuerstab.

Und auf dem Platz muss Benedikt Höwedes ran. Löw lässt ihn fast immer spielen. Jahrelang war der Schalker eher Beiwerk in der Nationalelf, ein kreuzbraver Arbeiter, der einsprang, wenn es in der Abwehr einen Ausfall zu kompensieren galt. Bei der WM in Brasilien wurde er Löws Liebling. Als einziger Feldspieler neben Philipp Lahm absolvierte er das komplette Turnier von der Auftaktpartie bis zum Endspiel, immer in der Startelf, immer bis zum Abpfiff. Er ist ein Spieler, der liefert, auf die gute alte Art. Ob als Rechtsverteidiger, in der Dreierkette, ob als Innenverteidiger, egal.

Höwedes ist mittlerweile der Spieler, der für den Löw-Fußball 2016 steht. Ein Verteidiger, der nichts von Offensive weiß, der altmodisch seine Position hält und das Flanken anderen überlässt. Der Bundestrainer sagte über ihn nach dem Italienspiel: "Er ist immer da, wenn man ihn braucht. Er macht konzentriert seine Arbeit. Er ist Gold wert." Mit Löw ist also etwas vorgegangen. Noch 2012 war er auf dem Cover der Zeitschrift "11 Freunde" zu sehen, ganz der lässige Jogi, und er wurde mit dem Satz zitiert, dass nur gewinnen könne, wer schönen Fußball spiele. Daran glaubt Löw offenkundig nicht mehr. Er glaubt jetzt ans Gewinnen, egal wie, es ist der deutsche Fußballfluch, der alle Bundestrainer trifft: Sie leiten aus dem Glück des Siegens früher oder später eine Pflicht zum Erfolg ab.

Ist Löw in diesem Klima der Besitzstandswahrung angekommen? Falls ja, dann haben ihn die Franzosen in der Hitzeschlacht von Marseille aus einer schläfrigen Routine gerissen. War er in Gefahr, zu sehr an sich zu glauben? Gut möglich. Nun sollte aber auch niemand der Gefahr erliegen, Löws Erfolge kleinzureden. Als amtierender Weltmeister nicht Europameister zu werden ist keine Niederlage. Es ist aber ein großer Erfolg - und eben keine deutsche Pflicht, ein EM-Halbfinale zu erreichen. Daran erinnert zu werden wird dem deutschen Fußball guttun.

Man lernt aus Niederlagen, mehr als aus andauernden Erfolgen. Man lernt, als Spieler, dass körperliche Kraft nicht unerschöpflich ist. Man lernt, als Trainer, dass es Erfolgsgarantien nicht gibt. Nicht im Sport, und nicht im Leben.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
paulpuma 09.07.2016
1. Was soll das?
Halbfinale ist doch auch gut.
jakopp.auckstayn 09.07.2016
2.
Selbstverständlich werden Jogi & Co alles dafür tun 2018 eine Mannschaft zur WM zu schicken,die den Titel verteidigen kann.Das Potential ist definitiv vorhanden.Einzig das Stürmerproblem muss verstärkt angegangen werden,es war überdeutlich zu sehen(nach dem Ausfall von Gomez),das Deutschland dort eine markante Schwachstelle hat.
blitzunddonner 09.07.2016
3. ja klar, wenn es verdient verloren gegangen wäre.
ja klar, wenn es verdient verloren gegangen wäre. aber so waren es drei konkrete spieler, die unterirdisch waren, zwei davon punktuell, aber turnierentscheidend. 1. boateng. sein handsup bescherte der mannschaft unnötig physische qualen, weil sie durch die tretmühle der verlängerung mussten. 2 schweinsteiger. eh nicht in form wiederholte boatengs handsup. total unverständlich. ohne dem elfmetertor wäre das spiel ein anderes gewesen. 3. müller. der absolute garant, dass der ball entweder beim torwart landete oder daneben, und zwar im ganzen turnier. und dann noch löw, der das hätte sehen und eingreifen müssen. auswechseln. der rest der mannschaft wäre in der lage gewesen, dass turnier zu gewinnen, wenn da drei andere gestanden hätten.
ironcock_mcsteele 09.07.2016
4. Wieso ändern?
Deutschland war nicht nur gegen Frankreich besser, sondern es gibt weltweit keine Mannschaft, die uns dominieren könnte. Dass dann auch mal der Unterlegene gewinnt, macht Fußball so interessant. Deutschland bleibt fußballerisch, taktisch und von der Verbandsorganisation das Maß aller Dinge, daran ändert eine unverdiente und unglückliche Niederlage nichts. In Russland, oder hoffentlich in einem anderen Land, wird die Mannschaft 2018 wieder als Topfavorit ins Rennen gehen.
eigener 09.07.2016
5. Sprachquark
"Nebenkanzler" und "Bundes-Buddha" ... selten derart sprachlich missglückten Griff bei SPON gesehen. Obwohl, es geht ja um Fußball. Da kann man schon mal Hirnschluckauf bekommen. Oder die Nerven verlieren ...
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