AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2018

Joan Baez im Interview "Ich habe mich mein ganzes Leben lang in Beziehungen versucht, keine ist je geglückt"

Joan Baez war das Idol der Sechziger, mit Bob Dylan und Steve Jobs liiert - doch der wollte stets nur über ihren Ex reden. Hier spricht sie über ihre Suche nach Liebe.

Musikerin Baez. "Eine Oktave tiefer"
Stewart Volland

Musikerin Baez. "Eine Oktave tiefer"

Ein Interview von


Der Ort Woodside in Kalifornien liegt gleich neben der Silicon-Valley-Hauptstadt Palo Alto. Hier, in den Hügeln zwischen alten Mammutbäumen, bewohnt die Sängerin Joan Baez ein leicht verwittertes Anwesen, Haupthaus, Gästehaus, Poolhaus, Baumhaus. Im Gästehaus wohnt derzeit eine sechsköpfige Familie aus dem polynesischen Pazifikinselstaat Tonga, und "dort hinten, hinter der Bergkuppe", sagt Baez und weist ins bewaldete Nichts, "lebt Neil Young". Noch so ein Überlebender der Gegenkultur.

Draußen an der Straße rütteln von Zeit zu Zeit Silicon-Valley-Milliardäre an ihrem Tor und wedeln mit Schecks, 20 oder 30 Millionen für dieses Anwesen. Aber die Frau mit der Gitarre will nicht verkaufen, sie lebt schon seit 47 Jahren hier. Die Tech-Milliardäre beeindrucken sie nicht, sie war mit deren Oberguru drei Jahre zusammen, mit Steve Jobs, als dieser den ersten Macintosh entwickelte.

Vor fast 60 Jahren, 1959, trat Baez (den ursprünglich mexikanischen Namen spricht man amerikanisch, also falsch, "Beies" aus) erstmals auf dem Newport Folk Festival vor 13.000 Menschen auf. Sie war das erste weibliche Idol der sich langsam formierenden Protestkultur der Sechzigerjahre. Später war sie mit Bob Dylan und Martin Luther King befreundet, sie sang beim Marsch auf Washington 1963 genauso wie beim Woodstock-Festival 1969. Baez' Interpretation von "We Shall Overcome" wurde zur Hymne der friedlichen Protestkultur der Sechzigerjahre. Joan Baez hat 25 Studioalben veröffentlicht, das möglicherweise letzte, "Whistle Down the Wind", erscheint kommende Woche. Es enthält traurige und Bilanz ziehende Songs von anderen Veteranen wie Tom Waits, aber auch von jüngeren Musikern wie Anohni, dem Transgender-Star, der in den Nullerjahren mit der Band Antony and the Johnsons bekannt wurde. Baez ist 77 Jahre alt, ihre berühmten Haare sind nicht mehr schwarz und lang, sondern weiß und kurz. Nach den Beziehungen mit Bob Dylan und Steve Jobs lebt Baez heute (was sollte danach noch kommen?) allein. Neulich hat ihre 14-jährige Enkeltochter ein Onlinedating-Profil für sie angelegt.

SPIEGEL: Ms Baez, auf Ihrem neuen Album findet sich ein Song mit dem Titel "The President Sang Amazing Grace". Es beschreibt einen großen Moment der Obama-Präsidentschaft: Nach dem Mord an neun schwarzen Kirchgängern durch den Rassisten Dylann Roof stimmt Barack Obama auf der Trauerfeier das Lied "Amazing Grace" an.

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Heft 9/2018
Macht, Gewalt und Rache in der Filmindustrie

Baez: Das Lied stammt nicht von mir, sondern von einer Underground-Folksängerin. Ich habe es selbst bei einer lokalen Radiostation gehört, als ich im Auto saß. Ich musste am Straßenrand halten, weil es mich überwältigte. Es war klar, dass ich es auf das Album nehmen musste. Ich musste dann erst mal lernen, es zu singen, ohne dabei vor Rührung zu weinen.

SPIEGEL: So schlimm?

Baez: Ich weiß auch nicht, warum dieses Lied so kraftvoll ist. Wahrscheinlich weil einem im selben Moment einfällt: Das ist vorbei. Und nicht nur, dass wir jetzt mit weniger dastehen. Wir sind mit dem Bösen konfrontiert.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich als Künstlerin in der Pflicht, gegen die Verhältnisse anzusingen?

Baez: Ja. Aber es ist schwierig geworden.

SPIEGEL: Weil die Musik nicht mehr die Kraft hat?

Baez: Die Kraft vielleicht schon, aber nicht mehr die Wirkung.

SPIEGEL: Das war mal anders. Sie haben eine Revolution angeführt, die von der Musik getragen wurde.

Baez: Ja. Wir hatten die Songs. Kraftvolle Songs, gesungen von der halben Nation. Die meisten hat Bob geschrieben.

SPIEGEL: Dylan?

Baez: Ja. Ich habe ihm vorgeworfen, er engagiere sich nicht genug für die Revolution. Er wollte ja meist nicht mitkommen auf die Demonstrationen, nicht dort singen. Aber was ich damals nicht erkannt habe, was ich heute bereue: Er hat uns die Songs geschrieben.

SPIEGEL: Warum ging das damals?

Baez: Ein Jahrzehnt wie das von 1959 bis 1969 werden wir nie wieder erleben. Allein die Texte Dylans, der Beatles, der Stones: Selbst wenn sie gar nicht unmittelbar politisch waren, führten sie zu dieser umfassenden sozialkritischen Bewegung. Und die Musik war brillant - neu und brillant. Derartiges haben wir seitdem nicht mehr erlebt. Ein heutiges "Blowin' in the Wind" oder "We Shall Overcome" ist unmöglich.

SPIEGEL: Warum?

Baez: Sie brauchen erst mal unglaubliches Talent, um eine Hymne zu schreiben. Ich würde mir das in einer Million Jahren nicht mehr zutrauen. Zweitens, politischer Aktivismus war cool. Teil der Gegenkultur. Aber aus Gegenkultur wurde Kultur. Drittens, wo würden alle heute diesen Song hören? Er würde wahrscheinlich irgendwo im Internet absaufen.

SPIEGEL: Als Sie zum ersten Mal auf einer großen Bühne standen, war Eisenhower Präsident, die Bürgerrechtsbewegung kämpfte für gleiche Rechte für Afroamerikaner. Das war 1959, Sie waren 18.

Baez: Seit jenem Tag weiß ich, was es bedeutet, wenn Leute sagen, die Knie hätten geschlottert. Das geht wirklich. Die Zuschauer kamen mir vor wie die größte Menschenmenge aller Zeiten. 13.000 Leute. Klein nach heutigen Maßstäben. Nach Gegenkultur sah es nicht aus. Alle Männer hatten ordentlich kurze Haare, die Frauen kleideten sich wie Sekretärinnen.

SPIEGEL: Sie aber hatten Jesussandalen an.

Baez: Ein Freund, der Folksänger Bob Gibson, hatte mich gefragt, ob ich während seines Auftritts für ein paar Songs auf die Bühne kommen wolle. Er wusste, dass bei mir irgendwas passieren würde. Und tatsächlich, als ich von der Bühne kam, wartete das "Time"-Magazin schon, und Albert Grossman, der spätere berüchtigte Manager von Dylan, wollte mich zum Star machen. Er wollte, dass ich bei der Plattenfirma Columbia für großes Geld unterschreibe, aber ich wollte zu dem kleinen Label Vanguard, das von einem kommunistischen Intellektuellen geführt wurde. Albert konnte das nicht verstehen.

SPIEGEL: Ich auch nicht.

Baez: Ich war vorher schon durch meine Eltern politisiert, die dem Quäkertum angehörten. Ich hatte bereits Sit-ins in Cambridge organisiert, wo wir damals lebten. Ich glaube, ich war 15, als ich den ersten Protestsong auf der Gitarre lernte. Er handelte von dem Mord an dem jungen Afroamerikaner Emmett Till. Dylan hat das Lied dann einige Jahre später als "The Death of Emmett Till" weltberühmt gemacht.

SPIEGEL: Sie wollten mit 15 schon Protestsongs singen?

Baez: Eigentlich schon. Aber wenn Sie jetzt mein erstes Album von 1960 hören: nur Liebesballaden! Ich hatte mich in einen Harvard-Studenten verliebt, Politik wurde für anderthalb Jahre ausgeblendet. Als ich fürs zweite Album dann Protestsongs aufnehmen wollte, fehlte mir das Material. Das war genau der Moment, als Dylan in mein Leben trat. Später schrieb er solche Songs für mich in einer halben Stunde, abends vor seiner Schreibmaschine, zwischen zwei Glas Rotwein. Dylan hat sich dann bald von politischen Liedern wegbewegt. Ich glaube, es war zu viel für ihn. Was weiß ich.

SPIEGEL: Obwohl Sie ein paar Jahre lang mit ihm zusammen waren und gewissermaßen seine Karriere losgetreten haben, scheinen Sie Bob Dylan auch nicht besser zu verstehen als der Rest der Welt.

Baez: Nein. Wahrscheinlich haben wir uns deshalb getrennt. Die Leute nehmen immer an, ich wüsste mehr, hätte eine Art Insiderstory. Das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe, war er sehr nett. Er fragte immer nach meiner Mutter. Aber das ist bestimmt auch schon 25 Jahre her.

Liebespaar Dylan, Baez 1965 in London: "Er fragte immer nach meiner Mutter"
Pictoral Press

Liebespaar Dylan, Baez 1965 in London: "Er fragte immer nach meiner Mutter"

SPIEGEL: Warum so lange?

Baez: Er ist nicht erreichbar. Nicht in dem Sinne, wie andere Stars nicht erreichbar sind. Bob ist wirklich nicht erreichbar. Ich habe hier tausend Nummern. Aber man kann ihn nicht anrufen. Es sind immer verschiedene Leute dazwischengeschaltet. Selbst für enge Freunde. Es ist wirklich beachtlich, was für eine mystische Figur Dylan geworden ist. Über Trump wird immer gesagt: Wir sollten auf alles vorbereitet sein, ihm sei jederzeit alles zuzutrauen. Das Gleiche gilt für Dylan. Wenn er demnächst in der Halbzeit des Superbowl in einem Werbespot für Chrysler auftauchte, ich wäre nicht überrascht. Aber ich möchte ihm auch keine Predigten halten. Er hat sich neulich in einer Dokumentation über mich sehr nett zu mir geäußert. Auch ich habe hauptsächlich gute Dinge über ihn zu sagen. Eine Zeit lang war das anders. Da war ich zu verletzt, es war alles zu furchtbar. Aber das ist vorbei.

SPIEGEL: Was war furchtbar?

Baez: Ich kann darüber nicht reden. Lassen wir das.

SPIEGEL: Sie haben einen Song darüber geschrieben.

Baez: "Diamonds & Rust", ja. Sofort sprachen alle davon, dass das Lied von Dylan handle. Und er hatte es auch schon gehört. Kurze Zeit später habe ich ihn auf seiner "Rolling Thunder Revue"-Tour als Gastmusikerin begleitet. Am ersten Tag der Tour kam er zu mir und fragte: "Hey, wirst du dieses neue Lied von dir spielen, du weißt schon, das über den Typen mit den blauen Augen?" Und ich sagte: "Ach, du meinst das Stück, das ich für meinen Ehemann geschrieben habe?" Er kippte beinahe um. Aber natürlich war es über ihn. Es ist, glaube ich, der einzig wirklich universelle Song, den ich je geschrieben habe. Er fiel mir ein, nachdem Dylan mich eines Nachts von einer Telefonzelle irgendwo im Mittleren Westen angerufen und mir den kompletten Text seines gerade fertig gewordenen Liedes "Lily, Rosemary and the Jack of Hearts" vorgelesen hatte.

SPIEGEL: Mit der Interpretation dieses Dylan-Textes ringen seine Fans bis heute.

Baez: Ja. Auch hier gilt, was ich schon über seinen Charakter gesagt habe: Ich verstehe es auch nicht.

SPIEGEL: Anfang der Sechziger waren Sie der erste weibliche Star der aufkommenden Protestbewegung. Heute sind Geschlechterrollen das Thema - sind Sie damals als Frau diskriminiert worden?

Baez: Nein. Ich bin damals so schnell berühmt geworden, nämlich mit 18, dass ich im Grunde alles verlangen konnte und auch bekam. Für Popstars galt damals, was bis heute gilt: Wer ein Star ist, für den spielt das Geschlecht keine Rolle. Nein, für mich war es kein Kampf.

SPIEGEL: 1965 haben Sie Dylan auf seiner Tour durch England begleitet. Sie waren seine Freundin. Über diese Tour gibt es einen berühmten Dokumentarfilm, in dem man sieht, wie unwohl Sie sich fühlen.

Baez: Ja, ich fühlte mich außen vor, was auch daran lag, dass ich als Einzige keine Drogen nahm. Ich habe die ganze Zeit nur darauf gewartet, dass Dylan, mit dem ich zusammen war, mich sieht. Dass er mich vielleicht mal fragt, ob ich für ein paar Lieder auf die Bühne kommen wolle.

SPIEGEL: So wie Sie es vorher für ihn getan hatten, als Sie schon berühmt und er unbekannt war.

Baez: Dylans bester Freund damals, Bob Neuwirth, Alkoholiker, sagte mir auf der Tour jeden Tag: Fahr nach Hause, Joan. Es hat keinen Sinn hier für dich. Ich konnte mich nicht überwinden. Aber er hatte recht. Ich habe gelitten. Ich hätte Sinnvolleres als diese Tour unternehmen können.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Baez: Alle meine Tourneen durch die Südstaaten der USA. Bei der ersten 1961 wunderte ich mich, dass nur Weiße im Publikum saßen. Bis ich in meinem Vertrag las, dass nur Weiße zugelassen waren. Im darauffolgenden Jahr ließ ich die Verträge ändern, aber es kamen immer noch keine Schwarzen, weil die mich nicht kannten. Ich bin dann an afroamerikanischen Schulen und Universitäten aufgetreten als erste weiße Sängerin. Bis heute kommen Leute zu mir und sagen, dass sie damals "We Shall Overcome" gesungen hätten, Hand in Hand mit einem Weißen - zum ersten Mal in ihrem Leben.

SPIEGEL: In Birmingham, Alabama, kam es zu Ausschreitungen.

Baez: Eine Freundin, mit der ich damals eine kurze Affäre hatte, und ich waren schon ein paar Tage vorher in Birmingham angekommen, um Martin Luther King zu unterstützen. Wir wohnten mit ihm und seiner Entourage im Gaston Motel, dem einzigen damals, das Schwarze wie auch Weiße aufnahm. Wir waren tagsüber in einer Kirche, als es zu Massenverhaftungen kam: Ausschreitungen, Tränengas, Kampfhunde, all das. Ich wollte bei meinen schwarzen Freunden bleiben und zur Not mit ihnen verhaftet werden, aber ich musste ein Konzert im Miles College geben. Ein Afroamerikaner holte uns ab, wir mussten uns hinten im Auto auf den Boden legen, und er fuhr uns wie ein Verrückter über Schleichwege durch die Stadt.

SPIEGEL: Sie waren damals Anfang zwanzig. Solche Ausschreitungen waren neu, und es war völlig unklar, wie der Staat reagieren würde. Hatten Sie keine Angst?

Baez: Ich war nie glücklicher als damals. Auf einer meiner ersten Kundgebungen, bei der ich mit Pete Seeger auftrat, haben sie uns mit Tomaten beworfen, Pete wurde getroffen, ich habe nur versucht, die Gitarre hinter meinem Rücken zu schützen. Ich hatte in diesem Moment keine Angst.

SPIEGEL: Als die Sechziger voranschritten, haben Sie sich, wie viele damals, radikalisiert. Sie waren bereit, an illegalen Aktionen teilzunehmen, nahmen Gefängnisstrafen in Kauf und sprachen von Revolution. Sie waren bereit, Opfer zu bringen.

Bürgerrechtler King, Baez in Grenada, Mississippi, 1966: "Er hat mich im Gefängnis besucht"
Bob Fitch / Stanford University Libraries

Bürgerrechtler King, Baez in Grenada, Mississippi, 1966: "Er hat mich im Gefängnis besucht"

Baez: Es fühlte sich nicht wie ein Opfer an. Ein Opfer wäre es gewesen, all das nicht zu tun. Wenn es so etwas gibt wie den spirituellen Sinn des Lebens, dann hat sich meiner darin erfüllt, dass ich etwas getan habe, was wahrscheinlich niemand anders hätte tun können. Die Kombination aus mir, meiner Stimme und meinem politischen Bewusstsein, das ich aus meinem Elternhaus hatte - es gab da niemand anders. Und gefährlich war es für mich nicht wirklich. Wenn ich ins Gefängnis kam, hat mich Martin Luther King besucht.

SPIEGEL: Was ist Ihre letzte Erinnerung an ihn?

Baez: Als ich ihn zum letzten Mal sah, war er schon depressiv. Er hatte zu viele seiner Leute verloren. Sie haben ihn verlassen, als er anfing, sich gegen den Vietnamkrieg zu engagieren. Viele Afroamerikaner haben gesagt, was hat das mit unserem Anliegen zu tun? Aber natürlich hatte King recht, auch über den Krieg zu sprechen. Zu dem Kriegsproblem kamen noch die Differenzen mit der Black-Power-Bewegung. Die Black Panthers wollten Kings gewaltfreien Weg verlassen.

SPIEGEL: Weil sie das Gefühl hatten, dass sich nichts veränderte.

Baez: Zu Recht. Trotzdem, am Ende braucht es einen King, einen Gandhi oder einen Mandela, der sagt, egal was passiert, wir lassen uns nicht zu Gewalt hinreißen. Nur das sind die erfolgreichen Revolutionen.

SPIEGEL: Die Sechziger endeten für Sie in Woodstock, als Sie im Hubschrauber ausgeflogen wurden und alles im Schlamm versank. Tage zuvor hatten sich die Morde von Charles Mansons Hippietruppe ereignet, ein paar Monate später erstach ein Mitglied der Hells Angels, eigentlich als Ordner angeheuert, bei einem Rolling-Stones-Auftritt einen schwarzen Konzertbesucher. Die Sechziger endeten in Gewalt.

Baez: Das stimmt alles. Woodstock mit all seinem Schlamm, Regen, aber auch dem Funkeln war wie eine Spiegelung der Sechziger. Dieses wüste, herbeigesehnte und romantisierte Jahrzehnt. Ich fand Woodstock trotzdem noch wunderbar. Aber ich stand auch nicht im Schlamm. Da Sie den Helikopter erwähnen: Neulich sprach mich auf einer Party ein Mann an und sagte: "Ich war Ihr Hubschrauberpilot in Woodstock!" Ich fragte ihn, ob er sich erinnere, ob Janis Joplin beim Hinflug mit an Bord war. Sie muss dabei gewesen sein und Whiskey getrunken haben, so steht es überall, aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern. Allerdings erinnere ich mich, dass ich meine Mutter dabeihatte...

SPIEGEL: Ihre Mutter? War Woodstock nicht als Aufstand gegen die Eltern gedacht?

Baez: Das war nie meine Motivation. Das Blöde war, dass ich sie, glaube ich, als der Hubschrauber zum Abholen kam, nicht fand und in Woodstock zurückgelassen habe. Sie war in der Obhut von einem meiner Roadies, irgendwann blieben sie im Schlamm stecken. Der Roadie sagte, wird schon alles werden, und zündete sich einen Joint an. Meine arme Mutter. Ich war in der Nacht zuvor irgendwie bei Joe Cocker und seiner Band gelandet. Die Sechziger hatte ich fast überlebt und immer noch kein einziges Mal Drogen genommen. Nun hing ich, die Spießerin, mit Joe Cockers Band fest, die, glaube ich, alle Junkies waren. Ich erinnere mich auch, dass ich im sechsten Monat schwanger war.

SPIEGEL: Sie hatten im Jahr zuvor den Anti-Vietnamkrieg-Aktivisten David Harris geheiratet, der für seine Aufrufe berüchtigt war, Einberufungsbescheide öffentlich zu verbrennen. Als Sie in Woodstock auftraten, saß er deswegen schon im Gefängnis.

Baez: Wir hatten uns im Gefängnis kennengelernt. Allerdings saß ich ein wegen Unterstützung von Kriegsdienstverweigerung, und er kam uns als Aktivist besuchen. David hatte etwas Wildes, trug Cowboyhut, Schnurrbart und sah gut aus. Wir Frauen hatten uns aus Asche Augen-Make-up gemacht und trugen Beeren als Ohrringe.

SPIEGEL: Wie lange waren Sie im Gefängnis?

Baez: Zehn Tage beim ersten Mal, und beim zweiten sollten es eigentlich zwei Monate sein. Aber nach anderthalb haben sie meine Mutter und mich rausgeschmissen.

SPIEGEL: Wie in Woodstock war Ihre Mutter wieder dabei. Würden Sie immer noch sagen, Sie hätten keinen Preis für all das gezahlt?

Baez: Ich hatte nichts zu befürchten. Mein Sohn hat den Preis gezahlt. Er war noch sehr klein, und seine Mutter saß im Gefängnis, weil sie auf Demos gehen wollte. Ich wollte, als ich David heiratete, unbedingt eine wunderbare Ehefrau und Mutter sein. Aber ich war keins von beidem. Ich habe so sehr versucht, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Aber ich konnte nicht. Ich habe mich mein ganzes Leben lang in Beziehungen versucht, keine ist je geglückt.

SPIEGEL: Auch die mit Apple-Gründer Steve Jobs nicht, mit dem Sie Anfang bis Mitte der Achtziger zusammen waren.

Baez: Wir haben die meiste Zeit gestritten, aber er war ein liebenswerter Typ, auch wenn er als kompliziert und unsympathisch galt.

SPIEGEL: Scheint Ihr Ding zu sein.

Baez: Eine Freundin und ich hatten ihn für eine Wohltätigkeitsveranstaltung gewonnen. Er war damals dabei, seinen ersten erfolgreichen Computer zu entwickeln, den Macintosh. Bei unserem ersten Treffen nahm er uns nachts mit zu Apple und zeigte uns all die hochgeheimen Prototypen, ich kannte ihn da kaum. Die hätten ihn verhaftet, wenn die uns erwischt hätten. So haben wir uns kennengelernt.

SPIEGEL: Bestimmt wollte er Sie beeindrucken mit seinen Maschinen.

Baez: Er war auf jeden Fall irgendwie beeindruckt von mir, denn bei unserer ersten Lunchverabredung hinterließ er ein 20-Dollar-Trinkgeld. Das habe ich danach nie wieder erlebt. Aber vor allem war er der größte Bob-Dylan-Fan. Im Grunde wollte er drei Jahre lang über exakt nichts anderes reden als über meinen Ex-Freund. Ich konnte mir kein langweiligeres Thema vorstellen. Eines Tages rief er an und fragte, ob ich ihm Dylan-Songs auf dem Klavier beibringen könne. Er habe dafür gerade einen Bösendorfer-Flügel gekauft.

SPIEGEL: Konnten Sie ihm was beibringen?

Baez: Ich erinnere mich nicht. Aber er hatte ein Gefühl für Musik und Kunst. Wir hatten ständig Streit, weil er behauptete, er könne ein Trio von Brahms computerisieren und damit verbessern. Und er werde einen Computer erfinden, der klüger als der Mensch sei. Jaja, Steve. Was gibt's sonst Neues?

SPIEGEL: Und heute sitzen wir hier und nehmen dieses Interview mit einem Telefon auf, das er erfunden hat.

Baez: Das er, wie ich später erfuhr, seinen Kindern zu Hause verbot.

SPIEGEL: Sie hatten bis zu seinem Tod Kontakt.

Baez: Er kam regelmäßig vorbei und brachte mir Computer und Telefone. Er sagte immer, er komme mit dem Fahrrad, dann gingen wir durch die Wälder spazieren, und er gebe mir die neuesten iPhones. Aber dann verging meist ein Jahr, bis er schließlich auftauchte. Als er das letzte Mal kam, wollte er mir das neueste iPhone geben. Er saß da draußen auf der Veranda. Er schluchzte und sagte, dass er sterben werde. Ich setzte mich neben ihn und fragte ihn, wie es sich anfühle, die Welt verändert zu haben. Er sagte: Okay. Das iPhone hatte er vergessen mitzubringen. Nachdem er gestorben war, schickte es mir seine Frau. Aber auch die Beziehung zu Steve hatte nur ein paar Jahre gehalten.

SPIEGEL: Woran lag das?

Baez: Ich war psychisch dazu nicht in der Lage. Auch nicht dazu, einen Sohn aufzuziehen. Gabriel, mein Sohn, hat mir geholfen, mich als Mutter nicht mehr schuldig zu fühlen. Er sagt: "Ich kapier's, Mama. Es waren die Sixties, und du warst dabei und hast immerhin Sachen gemacht, die keiner sonst hätte tun können." Aber natürlich war es nicht schön, die Mutter im Gefängnis zu besuchen. Oder es ist Weihnachten, und die Mutter sitzt in Hanoi unter dem Bombenhagel von US-Flugzeugen. Wenn ich auf dem Sterbebett liege, werde ich darüber hinwegkommen.

Protestsängerin Baez 1963 beim Marsch auf Washington: "Ein heutiges 'We shall Overcome' ist unmöglich"
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Protestsängerin Baez 1963 beim Marsch auf Washington: "Ein heutiges 'We shall Overcome' ist unmöglich"

SPIEGEL: Als das Aufbruchsgefühl der Sechziger irgendwann vorbei war, gab es so etwas wie einen Kater?

Baez: Ja. Immer wieder. Schlimm. Ich war streckenweise sehr verwirrt, wenn ich innehielt. Meine Musik hat darunter gelitten, aber jedes Mal, wenn ich mir vornahm, nichts Politisches zu machen, kam ein Anruf. Hey, wir sind hier in Sarajevo, wir brauchen wirklich Hilfe. Und natürlich fuhr ich, glücklich.

SPIEGEL: Hatten Sie therapeutische Hilfe?

Baez: Machen Sie Witze? Ich bin in psychotherapeutischer Behandlung, seit ich 15 war. Über die Jahre habe ich zum Glück ein paar gute Ärzte gefunden.

SPIEGEL: Schon mit 15?

Baez: Über die Ursprünge meiner Probleme kann ich noch nicht sprechen. Inzwischen kenne ich sie. Aber es hat gedauert, bis ich 50 war. Bis dahin hatte ich immer wieder furchtbare Angstzustände. Neulich hatte meine Enkelin, Gabriels Tochter, 14 Jahre alt, einen kleinen Anfall. Ich sagte ihr: "Das nennt man eine Panikattacke. Ich weiß das, denn ich bin in einer einzigen aufgewachsen." Therapeuten haben mein Leben erst möglich gemacht. Sie haben mir gezeigt, über das Problem zu steigen, drunter durchzugehen, aber nie mittendurch. Das habe ich erst getan, als ich in meinen Fünfzigern war. Da wusste ich, jetzt muss ich das große Ding knacken.

SPIEGEL: Und was passierte?

Baez: Ich habe es getan. Aber ich kann noch nicht drüber reden. Komplette Lebensveränderung. Es hat Jahre gedauert. Es hat geholfen. Aber ich habe dadurch die Fähigkeit verloren, Songs zu schreiben. Die Jahre waren düster. Wenn ich je in der Lage bin, darüber zu reden, dann tue ich das mit Ihnen. Ernsthaft.

SPIEGEL: In dem Booklet zu Ihrem neuen Album schreiben Sie, gut möglich, dass diese Aufnahmen der letzte Baustein in Ihrem Werk seien.

Baez: Wenn ich vor 57 Jahren, als meine erste Platte erschien, eine Vorstellung davon gehabt hätte, was der Endpunkt sein könnte - dies wäre er gewesen. Melancholische Songs, die aus einer kaputten Gegenwart zurückblicken, gesungen mit meiner Stimme, die in diesen Jahrzehnten eine ganze Oktave tiefer geworden ist.

SPIEGEL: Ms Baez, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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