AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2018

Reemtsma-Sohn Mein Vater, die Geisel

Johann Scheerer war 13 Jahre alt, als sein Vater, der Multimillionär Jan Philipp Reemtsma, entführt wurde. Was er damals erlebte, hat er jetzt aufgeschrieben.

Autor Scheerer: "Immer versucht, es komplett rauszuhalten"
Markus Tedeskino/ DER SPIEGEL

Autor Scheerer: "Immer versucht, es komplett rauszuhalten"

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Er hat es seinem Vater erst spät erzählt, ganz spät, da war das Buch eigentlich schon fertig. Johann Scheerer sitzt vorn auf der Kante eines braunen Ledersessels in seinem Musikstudio in einem alten Fabrikgebäude in Hamburg, direkt an der Elbe. Und er erzählt, wie das war, als er die Geschichte aufgeschrieben hat, die sein Leben verändert hat. Alles in seinem Leben.

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Heft 9/2018
Macht, Gewalt und Rache in der Filmindustrie

Die Entführung seines Vaters, des Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma, vor 22 Jahren. Dessen Freilassung. Das viele Geld. Die Zeit des Wartens, als sich der Sohn innerlich von seinem Vater verabschiedet hatte. Er wusste ja: Sie werden ihn sowieso umbringen. Entführungen enden nun mal so. Jeder weiß das. Es ist dann anders gekommen. Aber die Zeit des abwesenden Vaters ist seitdem so etwas wie ein schwarzes Loch im Leben Johann Scheerers.

Das eine Ding, über das nicht geredet wird. Mit niemandem. Nicht mit seiner Familie, nicht mit Freunden. "Es ist einfach so ein Riesending gewesen, dass es zu keinem Zeitpunkt besprechbar war. Es gab nie eine Situation, wo ich das hätte anbringen können: Ach übrigens, wollen wir nicht mal drüber reden..."

Dabei ist die Sache ja jedem, wirklich jedem bekannt. Fester Bestandteil in der Geschichte der spektakulärsten Entführungen der Welt. 30 Millionen Mark wurde den Entführern bezahlt. Und Reemtsma kam tatsächlich frei. Eine Weltnachricht. Alle redeten darüber. Nur die direkt Betroffenen schwiegen.

Johann Scheerer, Wuschelhaare, Bart, blaues Sakko, weißes Hemd, 35 Jahre alt, spricht leise, zurückhaltend, konzentriert, lässt immer mal wieder lange Pausen zwischen den Sätzen. Er hat versucht, ein Leben zu führen, in dem das alles keine Rolle spielt. Das Verbrechen, das viele Geld, der Name, diese ganze Vergangenheit um das dunkle Loch herum. Die Musik war schon früh, schon damals, als der Vater verschwand, die eine große Fluchtmöglichkeit für ihn. Er spielte in einer Band, Am kahlen Aste hieß die, hörte Die Ärzte, bekam später mit der Band einen ersten Plattenvertrag. Heute ist er Musikproduzent, Pete Dohertys jüngstes Album "Hamburg Demonstrations" ist hier in dreijähriger Arbeit entstanden. "Der Typ hat mein Leben gerettet", sagte Doherty damals über Scheerer.

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Johann Scheerer:
Wir sind dann wohl die Angehörigen

Die Geschichte einer Entführung

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Dass er nicht Reemtsma heißt, sondern den Nachnamen seiner Mutter Ann-Kathrin Scheerer trägt, hat ihn in der Illusion bestärkt, die große Sache einfach hinter sich lassen zu können. "Ich habe mit dem, was ich tue, immer versucht, es komplett rauszuhalten. Was nicht geht. Zumindest in Deutschland nicht", sagt er. Er habe das so oft erlebt, den Reemtsma-Moment, mit Freunden, neuen Bekannten, eigentlich allen Leuten, denen er öfter als einmal begegnet: "Ich kann immer den Moment merken, wenn diese Information angekommen ist", sagt er. "Da gibt es dann immer eine Veränderung, die leider nie zum Positiven ist."

In einem bizarr gegenteiligen Verhältnis dazu steht die öffentliche Präsenz des Verbrechens. Scheerer erzählt, wie er sich vor einiger Zeit für eine Zugfahrt eine Ausgabe des Magazins "Stern crime" gekauft hatte, dann spannungssuchend so vor sich hin las und plötzlich, in der Rubrik "Asservatenkammer", eine Doppelseite über jene Handgranate las, mit der die Entführer damals ihr am Tatort hinterlassenes Erpressungsschreiben beschwert hatten. "Ich sitz in der Bahn und blätter da, und auf einmal seh ich das", sagt Scheerer. "Ein Bild von meinem Vater, unserem Haus, der Handgranate - und dann ist auf einmal alles wieder da, inklusive der Gedanken: Wieso ist das jetzt eigentlich hier in der Zeitung? Und wieso warnt einen nicht jemand vor?"

Das Schweigen, kombiniert mit der in ungewissen Abständen zurückkehrenden schockartigen Präsenz jener 33 Tage der Vergangenheit, führte zu dem dringenden Wunsch, das alles aufzuschreiben. "Es besprechbar zu machen", wie Scheerer jetzt sagt. "Es zu entmystifizieren."

Als Anfang eines Gesprächs. Ende des Gemurmels. Offenheit. Angebot. Trauma. Ende. Johann Scheerer: meine Geschichte. Lasst uns reden!

Johann Scheerer erzählt vom Glück des Schreibens, dass er weniger als ein Jahr an dem Text geschrieben habe. Viele Formulierungen, sagt er, waren schon da, in seinem Kopf. Nein, er hatte nie zuvor etwas davon aufgeschrieben. Nicht geredet, nicht geschrieben. Jetzt das Buch: "Es war sehr heilend für mich."

Das Buch ist sehr eindrucksvoll. Scheerer gelingt es scheinbar spielend, sich in den Kopf des damals 13-Jährigen zurückzuversetzen. Mit der Klugheit von heute und der ungeschützten Schockerfahrung von damals: "'Johann, ich muss dir etwas sagen.' Der Klang der Stimme meiner Mutter war nicht wie sonst." So fing es an. "'Wir müssen jetzt gemeinsam ein Abenteuer bestehen. Jan Philipp ist entführt worden. Die Entführer wollen zwanzig Millionen Mark.'"

Es war der 25. März 1996. Klar, Schock, Unglaube und Entsetzen erfassten ihn. Aber das erste Gefühl, das sich einstellte, war: Erleichterung. In der Schule stand eine Lateinarbeit an. Er würde nicht in die Schule gehen dürfen. Er würde diese Lateinarbeit verpassen. Der Vater entführt, der Sohn erleichtert. Gefühlschaos eines 13-Jährigen: "Ich schämte mich in Grund und Boden, dass mein erstes Gefühl die Erleichterung darüber war, die Lateinarbeit nicht schreiben zu müssen."

Direkt gefolgt von einem irre schlechten Gewissen, weil er noch am Tag zuvor "so genervt gewesen" war von seinem "penetrant schlauen Vater". Der ihn wieder mal belehrt hatte über irgendwas. Mal wieder unzufrieden gewesen war mit seinem nicht lernbereiten Sohn. Jetzt ist er weg, der Vater. War er vorher je da gewesen?

Es erwischt den Sohn in dem pubertären Lebensmoment, in dem sein Abgrenzungsbedürfnis maximal ist.

Das ist eine der Ebenen in diesem vielschichtigen Buch. Die Geschichte eines Vaters, der sein Leben unter Büchern verbringt und damit der Familie, dem Sohn allzu oft abhandenkommt. Er ist ein Verschwundener gewesen, vorher schon. Scheerer schreibt von seinem "Leben als Kind mit meinem Vater, der in einem Buch verschwand, sobald sich die Gelegenheit bot".

Alles liegt in seinem Elternhaus unter Büchern begraben. "Bücher, Bücher, Bücher. Nichts als Bücher. Für nichts anderes, so schien es mir, interessiert sich mein Vater." Es ist das Drama des Gelehrten, der seine Umgebung, seine Nächsten und Liebsten übersieht, weil er das Leben in den Texten sucht, was Johann Scheerer hier beschreibt.

Und es ist zugleich das Drama des reichen Mannes, nein, des reichen Erben, der sein Leben damit verbringt, den unverdient auf ihn niedergegangenen Geldsegen durch geistige Leistung zu rechtfertigen. Reemtsma hatte im Alter von 27 Jahren alle geerbten Anteile an den Reemtsma Cigarettenfabriken verkauft und zählt heute mit einem geschätzten Vermögen von 700 Millionen Euro zu den 220 reichsten Deutschen. Er ist Germanist, Mäzen, Mitherausgeber der Werke Christoph Martin Wielands, er hat 1984 das Hamburger Institut für Sozialforschung gegründet und die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Scheerer schreibt: "Jeder Erfolg, den er verzeichnete, so schien es, war für ihn ein kleiner Schritt hinaus aus dem Vorurteil anderer, alles bloß entweder geerbt oder sich im Nachhinein er- oder gekauft zu haben."

Und jetzt wird ihn dieser Reichtum auch noch sein Leben kosten. Der Vater ist weg. Der Sohn weiß: Er wird nicht wiederkommen. "Ich geh noch mal kurz rüber ..." hatte er gesagt. Jetzt waren da nur der Brief, die Handgranate, die Forderung der Entführer. Das Warten beginnt. Und die zwei übrig gebliebenen Familienmitglieder, Mutter und Sohn, sind nun Spielball von Mächten, die sie nicht beeinflussen können. Den Entführern einerseits. Und der Polizei andererseits. Einige Freunde des Vaters, Anwälte, kommen ins Haus, außerdem zwei Angehörigenbetreuer, die, sofort nachdem die Polizei über die Tat informiert worden war, im Haus der Scheerers einziehen. Sie stellen sich kurz vor. "'Aha, wir sind dann wohl die Angehörigen', dachte ich", schreibt Scheerer.

Ja. Ab jetzt und für immer sind sie die Angehörigen des Opfers eines Verbrechens. Die Maschine läuft. Die Polizei hat die Macht übernommen. Telefone verkabelt, Haus bewacht, alles unter Kontrolle.

Scheerer beschreibt den Verlust jeglicher Familienintimität von einem Augenblick auf den anderen. Alle Schwächen, Geheimnisse, Vorsichtigkeiten, Ängste werden vor den Ermittlern ausgebreitet. Die Angst wächst von Tag zu Tag. Die Anspannung, Ungewissheit. Irgendwann kommen die ersten Nachrichten der Erpresser. Sie rufen an. Der Vater schreibt. Erhöht die Dringlichkeit der Forderungen der Verbrecher. Und er schreibt auch an den Sohn. Manche Briefe werden ihm gar nicht gezeigt, manche erst verspätet.

Die Briefe Jan Philipp Reemtsmas aus dem Keller an seinen Sohn sind erschütternde Zeugnisse eines Todgeweihten, der viel zu spät erkennt, dass er ja viel zu wenig Nähe, viel zu wenig Gefühl zugelassen hatte im Verhältnis zu seinem Kind, solange es noch möglich und ganz leicht gewesen war: "Johann", schreibt der Vater. "Wir können etwas zusammen machen. Wir beide nehmen uns jeden Tag um 17 h die 'Chronik des 20. Jahrhunderts' vor und sehen nach, was von 1900 bis 1995 an diesem Tag (Datum) passiert ist. Das machen wir dann gleichzeitig."

Oje. Scheerer nennt das jetzt im Gespräch "eine romantische Idee" seines Vaters. So wie entfernt lebende Verliebte am Telefon. "Siehst du auch den Stern, den ich gerade sehe?" Nur, dass es in diesem Fall nicht Verliebte, sondern Geisel und Sohn sind, und ihr gemeinsamer Stern soll ein Geschichtsbuch sein. Scheerer schreibt: "Ich hörte förmlich die Strenge der Stimme meines Vaters, wie er am Anfang der letzten Sommerferien sechs Klassiker der Literaturgeschichte vorgelegt und gesagt hatte: 'Eines davon hast du bis nach den Ferien gelesen. Aber du kannst dir aussuchen, welches.' Ich erinnerte mich an seinen genervten Blick, als ich, ohne die Titel überhaupt anzuschauen, direkt nach dem dünnsten griff: 'Macbeth'."

Das ist das Drama dieses Buches, dieser zwei Menschen. Ein Vater-Sohn-Konflikt in dramatischster Lage. Scheerer schreibt: "Es zerriss mich innerlich. Ich hatte ein unendliches Schuldgefühl und wollte unbedingt tun, was sich mein Vater von mir erhoffte, andererseits war ich aus irgendwelchen Gründen nicht dazu in der Lage." Es erwischt den Sohn einfach genau in jenem pubertären Lebensmoment, in dem sein Abgrenzungsbedürfnis zum Vater maximal ist. Alles in ihm ist auf Unabhängigkeit, Abstand, Widerstand programmiert - da wird er in diesen existenziellen Strudel gerissen. Der Vater in Lebensgefahr, wahrscheinlich sein letzter Wille, Schrei nach Nähe. Aber der Sohn kann es nicht.

Erstens will er in dieser Hölle des Wartens nicht auch noch jeden Tag auf 17 Uhr warten müssen. Zweitens ist nun genau diese Nähe, das gemeinsame Lesen in einem Geschichtsbuch exakt all das, wovor er fliehen will. Den Büchern, der Gelehrsamkeit, der gedruckten, erdrückenden Vaterwelt.

Familie Reemtsma 1997: Wie Kriegsversehrte
Action Press

Familie Reemtsma 1997: Wie Kriegsversehrte

Als PS allerdings hatte der Vater noch etwas Verständnisvolles hinzugefügt. "Spiel 'Langweilig' für mich", bittet er den Sohn. Das von Johann geliebte Lied der Band Die Ärzte soll er auf der Gitarre spielen und dabei an seinen Vater denken. Das fehlte gerade noch. Die Ärzte spielen die Befreiungshymnen des Sohnes. "Die Musik Der Ärzte zu hören gab mir eine Vorstellung davon, wie es sein musste, ein eigenes Leben zu haben." Und auch das wird jetzt eingesogen von dem Vater im Todesstrudel. Es zerreißt den Sohn. Er kann es nicht.

Das waren schon, als der Vater noch unentführt zu Hause war, dunkle Momente seines Lebens gewesen: "Hin und wieder kam mein Vater dazu, zog die Augenbrauen hoch und lächelte mich an, als wolle er sagen: 'Siehst du - diese Musik habe ich erfunden!' Ich hasste ihn dafür, mir den Weg in die Revolution gezeigt zu haben. Es demütigte mich."

Das ist die Innenwelt des Sohnes, während außen alles einstürzt. Chaos, Verzweiflung, Panik, Warten, Angst. Immer wieder gehen Geldübergaben schief. Der Polizei unterlaufen total groteske Fehler. Es ist wie in einem Louis-de-Funès-Film, nur leider geht es um Leben und Tod. Für eine Geldübergabe stellen sie eine Dublette des Familienwagens her. Der Sohn sieht den Wagen und denkt: Das ist ja wie in dem Spiel mit den zwei Bildern: "Finde den Fehler". Nur dass es im Falle dieser sogenannten Dublette heißen müsste: "Finde die Ähnlichkeiten". Nicht mal die Farbe der beiden Autos ist gleich.

"Ich hatte Angst, dass mein Vater sagt, das sei seine Geschichte, nicht meine."

Vor einer weiteren Übergabe, bei der es um Minuten geht, müssen die Polizisten leider feststellen, dass der präparierte Wagen mit so viel Polizeitechnik vollgestopft wurde, dass er nicht mehr anspringt.

Die Entführer sind wesentlich professioneller als die Polizei, die wirklich der Tollpatschakademie entsprungen scheint. Schließlich erhöhen die Entführer das Lösegeld auf 30 Millionen Mark, und die Familie beschließt, an der Polizei vorbei zu handeln. Wir wissen: Das gelingt. Und wir wissen auch: Wie durch ein Wunder lassen die Entführer ihre Geisel wirklich frei.

Johann Scheerer sieht seinen Vater zuerst im Fernsehen wieder. Eine Sondersendung in der Nacht. Schließlich, wenig später, die Rückkehr. Für den Sohn ist es wie eine Rückkehr aus dem Reich der Toten: "Mein Vater steht wankend vor mir. Dünn. Bärtig. Kaputt."

Es ist vorbei. Und nun beginnt das Schweigen. "Keine Antwort kann genügen, keine Frage ist zielgenau. Es bleibt nur die rauschende, unfassbare Stille."

Auch die Angehörigenbetreuer haben im Moment der Rückkehr das Haus verlassen und werden es nie wieder betreten. Mit fast niemandem kann der 13-Jährige über das Erlebte reden. Scheerer beschreibt die drei, Mutter, Vater, Sohn, wie Kriegsversehrte. Ein gemeinsames Trauma hält sie beisammen. Doch jeder hat ein ganz anderes erlebt, jeder diese 33 Tage auf komplett unterschiedliche Weise.

Dass der Vater direkt nach der Freilassung anfing, seine Version der Geschichte aufzuschreiben, sein Buch, das dann später unter dem Titel "Im Keller" erschien, hat das Familiengespräch nicht in Gang gebracht. Es blieb ein schwarzer, beschwiegener Block.

Bis Johann Scheerer jetzt alles aufgeschrieben hat, auf seine Weise. Er sitzt nun hier in seinem Sessel, lacht manchmal leise. Dann erzählt er von dem schwierigen Moment nach dem Schreiben. Dem Vatermoment. Er hat lange gewartet, bis er glaubte: "Ich kann das rechtfertigen, vor dem scharfen Blick meines Vaters." Außerdem sagt er: "Ich hatte Angst, dass er es überhaupt nicht gut findet, dass ich das Buch schreibe. Dass er sagt, das sei seine Geschichte und nicht meine."

Vorsichtig, sehr vorsichtig nähert er sich mit dem Manuskript dem Vater. Er sagt entschuldigend, er habe ihm das vorher nicht gezeigt, weil er nicht wollte, dass der Vater ihm da die Kommafehler anstreicht. Darauf habe sein Vater gesagt: "Das verstehe ich. Aber - äh - na ja, wenn es Kommafehler gibt, wäre es doch ganz gut, wenn ich mich drum kümmere, oder?" Scheerer jetzt: "Ich so: 'Ja, okay. Stimmt.'"

Dann erzählt er ihm von seiner Angst, sein Vater könnte es allein für seine Geschichte halten. Die Bedenken zerstreut Reemtsma sofort: Er habe sein Buch immer als eine Version der Geschichte betrachtet.

Alles gut also. Der Vater liest und liest und sagt nicht viel. Dass der Sohn die Chronik nicht gelesen hatte, jeden Tag um 17 Uhr, das wusste er noch nicht, vieles andere auch nicht. Er liest aber nur. Dann irgendwann ist er an der Stelle mit den Ärzten und der Klage des Sohnes, dass der Vater so tue, als habe er diese Musik erfunden. "Guck mal", sagt sein Vater. "Da hast du einen Rechtschreibfehler gemacht. Es muss ja gefunden heißen." Jetzt lacht Johann Scheerer wieder leise vor sich hin. "Da hab ich gesagt: 'Nee, ich mein das wirklich so.' Da hat er gesagt: 'Ach so. Ist so gewollt. Na gut. Musst du selber wissen."

Ja. Weiß Scheerer selber. Die Ärzte hat er sich über die Zeit damals bewahrt, die Liebe zu der Musik von Farin Urlaub und Bela B. Letzterer hat hier im Studio sogar mal eine Platte aufgenommen. Es war schön. Es war eine Ehre und Freude und ein besonderer Moment. Sie haben auch geredet. Aber natürlich auch mit ihm, mit Bela B., nicht über die weltumstürzende Bedeutung, die seine Musik, die Musik der Ärzte, in Scheerers Leben und in der Beziehung zu seinem Vater hatte.

Wir gehen durch die Gänge seines Studios. Vorn am Eingang an der Wand hängt die Gitarre, die Scheerer zur Zeit der Entführung seines Vaters von der Mutter geschenkt bekommen hat. Mit der er sich in eine andere, eine eigene Welt spielte. Das Instrument, den Gitarrenkoffer mit rosa Innenfell beschreibt er im Buch mit großer Zärtlichkeit. "Es ist das einzige Instrument, das ich nicht an die Bands verleihe, die hier spielen", sagt er. "Es wär doch echt schade, wenn da Bier reinläuft."

Jetzt kommen die Auftritte mit dem Buch. Jetzt ist bald Johann Scheerers Version der Geschichte in der Welt. Er freut sich aufs Lesen vor Publikum. Auf die Gespräche darüber. Endlich reden!

Und eine der kommenden Lesungen wird eine ganz besondere sein. Im Hamburger Literaturhaus am 4. April. Scheerer erzählt: "Vor zwei Tagen habe ich mit meinem Vater telefoniert wegen des Literaturhauses. Ich wusste von meiner Mutter, dass er sie gefragt hat: 'Wenn Johann im Literaturhaus liest - gehen wir da eigentlich hin?' Und sie so: 'Ja. Ich glaub schon.' Wenn er das wolle und so, habe sie noch hinzugefügt. Darauf er: 'Na ja, okay. Also da müssen wir jetzt durch. Da müssen wir jetzt hin und das einmal gemeinsam ... einmal machen.'" Und Johann Scheerer zu seinem Vater: "Ich les das vor, und ihr hört euch das an." Und er fügt jetzt hinzu: "Ich glaube, das wird vielleicht der kathartischste Moment." Dann, immer leiser werdend: "Vielleicht auch ganz gut. Wahrscheinlich. Hoffentlich."

Und um es perfekt zu machen, fällt ihm jetzt ein: "Man müsste Die Ärzte noch dazu einladen. Das wäre eine schöne Wendung."

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