AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2017

Start-up Relayr Der Mann, der weltweit die Uhren kontrollieren will

Mit 16 schmiss Josef Brunner die Schule. Mit 35 hat er mehrere Karrieren hinter sich und einen Firmenverkauf im dreistelligen Millionenbereich. Sein jüngstes Unternehmen: Maschinen und Gebäude zu steuern - weltweit.

Relayr-Chef Brunner
Goetz Schleser/Laif/DER SPIEGEL

Relayr-Chef Brunner


Wenn Josef Brunner in seiner alten Heimat München mit der S-Bahn fährt, prüft er neuerdings bei jedem Halt die Bahnsteiguhren. Viele gehen falsch, stellt er dann mit Blick auf seine Armbanduhr fest. Mal sind es nur Sekunden, nicht selten Minuten.

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Heft 19/2017
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Brunner hätte dafür eine Lösung: Seine Mitarbeiter haben eine kleine Box entwickelt, die dafür sorgen könnte, dass die schlichten analogen Zeitmesser, die seit Jahrzehnten zum Inventar deutscher Bahnhöfe gehören, den Anschluss ans Internet der Dinge finden.

Der kleine Kasten enthält einen Geräuschsensor, der das Ticken registriert - und damit alle Abweichungen von der Norm. Diese Informationen werden in eine spezielle Cloud für das "Internet of Things" (IoT) gefunkt, die Brunners Unternehmen Relayr betreibt - und über die Bahn-Servicemitarbeiter ihren Uhrenpark zentral managen könnten. "Wir haben bewiesen, dass wir die Uhren völlig ohne Drähte kontrollieren können", sagt Brunner. Die Bahn, die in einem aktuellen Modernisierungsprogramm auch ihre Zeitmesser zuverlässiger machen will, habe bereits eine dreistellige Anzahl der Sensorboxen geordert, zu Erprobungszwecken.

Relayr hat inzwischen gut drei Jahre Erfahrung damit, Geräte und Maschinen nachträglich zu vernetzen und sie mithilfe seiner Cloud "smarter" zu machen. Der Hauptsitz der Firma liegt in einem Hinterhof in Berlin-Kreuzberg, außerdem gibt es bereits Niederlassungen in Großbritannien, Polen sowie in Boston an der US-Ostküste und im kalifornischen San José. Brunner und seine mittlerweile rund 150 Mitarbeiter haben sich im dicht besetzten Markt rund um das Modethema Internet der Dinge auch international einen Namen gemacht. Wie hat er das geschafft?

Dazu beigetragen haben neben Kunden wie der Deutschen Bahn, Dell und Bosch auch Investoren wie Kleiner Perkins, einer der bekanntesten Wagniskapitalgeber der Welt. Der hat früh in Amazon, Google und den inzwischen übernommenen IoT-Anbieter Nest investiert und traut Brunner und Co. offenbar zu, von Kreuzberg aus sein Kapital zu vermehren. Elf Millionen Dollar steckten Kleiner Perkins und weitere Investoren bereits gut zwei Jahre nach der Gründung in Relayr, in einer weiteren Finanzierungsrunde über 23 Millionen Dollar stieg auch die Münchener Rück ein.

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Neben dem Vertrauen in das Geschäftsmodell haben Brunner und sein Team offenbar auch Eindruck hinterlassen. Tatsächlich verkörpert der 35-jährige gebürtige Münchner einen Selfmadetypus, der hierzulande eher selten ist: Er hat weder ein Studium noch einen höheren Schulabschluss, dafür aber mehrere Karrieren und einen Firmenverkauf im dreistelligen Millionenbereich hinter sich.

Brunners Vater betrieb eine Bäckerei in Münchens südlichstem Stadtteil Solln, bis die Backabteilungen in den Discountern aufkamen und der Laden sich nicht mehr rentierte. Das Geld zu Hause, sagt Brunner, sei immer knapp gewesen. Statt teure Computerspiele zu kaufen, habe er sich beigebracht, selbst welche zu programmieren. Mit 16, in der elften Klasse, schmiss er das Gymnasium und machte sich selbstständig.

Zuerst zeigte er Unternehmen gegen Bezahlung, wie leicht er von außen in ihre Rechner und Server eindringen konnte, das Geschäft mit derlei "Penetrations-Tests" lief recht erfolgreich. Er habe für seine damaligen Verhältnisse "absurd viel Geld verdient" und sei schnell von der "Droge Unternehmertum" infiziert gewesen, sagt Brunner, dem man seine bayerische Herkunft noch immer anhört. Mit seiner zweiten Firma habe er allerdings "alles wieder verbrannt" - da setzte er auf ein Programm, das Hackerangriffe automatisch erkennen sollte.

Ein besseres Gespür für Timing bewies Brunner dann mit JouleX, einem Energiemanagement-Start-up: Mitten in die anbrechende Energiewende baute er mit seinem Ko-Gründer Tom Noonan eine cloudbasierte Lösung, mit der Unternehmen ihre Energiekosten senken konnten. Auf die Idee war er während seiner IT-Sicherheitsjobs gekommen, als er bemerkte, dass Firmen nachts immens viel Energie verbrauchten - obwohl sie nicht produzierten. 2013 übernahm der US-Netzwerkgigant Cisco JouleX samt Mitgründer Brunner für 107 Millionen Dollar.

Der Deal sollte den Schulabbrecher nicht nur sanieren - sondern auch die Keimzelle von Relayr werden. Denn dessen Gründer um den ehemaligen Cisco-Mann Harald Zapp überzeugten Brunner damals, fast zwei Millionen Euro in ihre Idee zu investieren. Brunner bezeichnet sich deshalb als "Gründungsinvestor". Als Geschäftsführer übernahm er das Start-up erst 2015, als Cisco ihn ziehen ließ - gegen einen Anteil an seinem neuen Projekt.

Mittlerweile werden über die Plattform von Relayr weltweit Maschinen, Geräte und Gebäude überwacht und gesteuert. Die Stadt Paris beispielsweise hat öffentliche Gebäude wie Schulen, Krankenhäuser, Behörden und Sozialwohnungen nachträglich mit Sensoren ausgestattet - etwa um Energieverschwendung zu vermeiden und Heizungszähler aus der Ferne ablesen zu können. Erst vor wenigen Wochen entschied sich San Diego, beim Umbau zur "Smart City" auch auf eine Relayr-Tochter zu setzen; unter anderem sollen dort 14.000 Straßenlampen intelligent vernetzt werden, die Stadt erwartet dadurch allein Stromeinsparungen von rund 2,4 Millionen Dollar jährlich.

Paris bei Nacht: Intelligente Straßenlampen sollen jährlich rund 2,4 Millionen Dollar einsparen
REUTERS

Paris bei Nacht: Intelligente Straßenlampen sollen jährlich rund 2,4 Millionen Dollar einsparen

Ein großer Softdrinkhersteller überwacht mithilfe von Relayr-Technologien, ob seine Handelspartner die Verträge einhalten, in denen sie garantieren, seine Ware in den Regalen ständig nachzufüllen und so für einen optimalen Absatz zu sorgen. Dafür legt er Matten mit Sensoren in die Regale von Supermärkten oder liefert diese in eigenen Pappaufstellern gleich mit aus - das Gewicht der noch vorhandenen Flaschen wird auf die Plattform übertragen und verrät dem Auftraggeber, wenn die Regale zu lange leer bleiben.

Die wichtigste Zielgruppe für Relayr ist allerdings der Mittelstand. Brunner spricht vom "Sweet Spot": Viele Firmen verfügen über riesige Maschinenparks oder haben Millionen bislang unvernetzter Geräte an Kunden verkauft. Diese nachträglich smart zu machen, sie durch das Anbringen einer kleinen Box und ohne Kabel zu vernetzen, darin sehen er und seine Partner großes Potenzial. Es erfordere allerdings oft Überzeugungsarbeit, sagt der Relayr-Chef, seine Verkaufsmitarbeiter agierten mitunter wie Unternehmensberater. Er habe sich angewöhnt, so beschreibt Brunner seine Gespräche mit potenziellen Kunden, das Schlagwort Internet der Dinge möglichst zu vermeiden: "Wir verkaufen in einen konservativen Markt, da wird eine andere Sprache gesprochen." Er bezeichnet Relayr inzwischen lieber als Plattform für die digitale Transformation, das reduziere Berührungsängste.

Es ist vor allem das Versprechen von Einsparungen und mehr Effizienz, mit dem er bei Mittelständlern punkten kann. Mit Anwendungen beispielsweise, die die Maschinenlaufzeiten optimieren. Das klingt dröge, lässt aber viele Unternehmer aufhorchen. Bei einem großen deutschen Getränkeabfüller hat Relayr jeweils bis zu ein Dutzend Sensoren nachträglich an dessen Anlagen angebracht - seither melden beispielsweise die Messer, mit denen die Etiketten für die Flaschen geschnitten werden, dass sie abstumpfen und ausgetauscht werden müssen. Auch dies geschieht über einen Akustiksensor, der den Schneidesound in Daten verwandelt und so Rückschlüsse auf den Abnutzungsgrad zulässt.

Ein italienischer Hersteller von Profi-Kaffeemaschinen setzt ebenfalls auf die Berliner, was für die Mitarbeiter den angenehmen Nebeneffekt hat, dass es in dem kleinen Showroom in Kreuzberg jetzt Espresso in Barista-Qualität gibt. Die Relayr-Sensorenbox ist in dieser Prototypversion noch mit einem simplen Kabelbinder an die Maschine geschnallt. Aber sie erfasst Temperatur, Druck und Geräusche und verwandelt sie in einen Datenstrom. Diese Daten machen die vorausschauende Wartung ("predictive maintenance") der Maschine möglich und sollen einen pannenbedingten Ausfall verhindern - der einen Coffeeshop-Betreiber in jeder Stunde viel Geld kosten würde.

Nebenbei kann der Hersteller seine Luxusmaschinen dank des Nachrüstungskästchens erstmals orten. Was in diesem Fall durchaus im Sinne der rechtmäßigen Besitzer sein dürfte: Denn die chromglänzenden Statussymbole kosten teils so viel wie ein Kleinwagen und werden häufig geklaut.

Auch internationale Aufzugfirmen gehören zu den Relayr-Kunden. Allein in einem Projekt sollen die Berliner mehr als eine Million bereits verbauter Aufzüge weltweit nach und nach ans Netz bringen. Es gehe darum, erklärt Brunner, die bisher vor Ort "gefangenen" Daten auf die eigene Plattform zu übertragen und neue zu erheben - etwa die Temperatur des Motors, Vibrationen und vieles mehr.

Wie tief Relayr das Geschäft seiner Kunden durchdringen muss, um sinnvolle Anwendungen zu ermöglichen, merkt man, wenn Brunner anfängt, über den einseitigen Stahlseilabrieb in asiatischen Hochhäusern zu sprechen. Der habe mit der vorherrschenden Windrichtung zu tun, weil die Hausriesen dann erheblich schwankten und die Fahrstuhlschächte mit ihnen. Statt starre Wartungsintervalle einzuhalten, könnten Teile nun bedarfsgerecht ersetzt und somit Stillstand vermieden werden.

Auch Bahnhofsuhren könnten Dank Relay bald vernetzt sein - und die korrekte Uhrzeit anzeigen
DPA

Auch Bahnhofsuhren könnten Dank Relay bald vernetzt sein - und die korrekte Uhrzeit anzeigen

Offenbar treffen die Vernetzungslösungen von Relayr auf eine enorme Nachfrage. 2015 lag der Umsatz noch bei 2,5 Millionen Dollar, im vorigen Jahr bei 9 und für das laufende Geschäftsjahr sind 20 Millionen geplant - wobei man intern bereits eher mit 30 Millionen rechnet. Die Zahl der Mitarbeiter soll noch in diesem Jahr auf 200 wachsen. Die Belegschaft ist jung und international, viele kommen aus Südeuropa. Insgesamt arbeiten neben dem Chef nur fünf oder sechs Deutsche bei dem Start-up, im Münchner Büro sind alle 30 Kollegen irgendwo anders geboren.

Neben dem harten Wettbewerb um den wachsenden Markt gibt es für Relayr allerdings ein branchentypisches Geschäftsrisiko: die Sicherheit. Millionen vernetzte Geräte, das sind potenziell Millionen neue Einfallstore für Cyberkriminelle. Spätestens seit ein Botnetz aus schlecht gesicherten vernetzten Geräten wie Babyphones und Überwachungskameras im November rund eine Million Telekom-Router lahmgelegt hat, ist klar: Die Gefahren sind real und keine Science-Fiction.

Brunner kommt dabei zugute, dass er sich seine ersten Sporen in der IT-Sicherheit verdient hat. Außerdem hat Relayr gerade seine beiden ersten Unternehmensübernahmen abgeschlossen - eine der beiden Neuerwerbungen ist auf die Verschlüsselung von Datenverkehren im Netz der Dinge spezialisiert.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Georg_Alexander 22.05.2017
1. Was ist das denn für ein fragwürdiger Artikel?
Die Bahnhofsuhren werden, wie Tausende anderer Uhren, seit Jahrzehnten zentral über die DCF77-Funksignale, sprich durch die Standardzeit der Physikalisch Technischen Bundesanstalt in Braunschweig gesteuert. Da ist nichts mehr zu kontrollieren (oder gar zu "vernetzen" ;-). Die Synchronisation findet bei den Minutenuhren (Bahnhof) 1 Mal pro Minute statt, es kann also maximal Abweichungen im Sekundenbereich geben - oder die Uhr ist hinüber...
alternativloser_user 23.05.2017
2. Hihi
Das lustige am Internet of Things ist, dass es da praktisch keine Updates gibt aber jedes "smarte" Gerät mit allem möglichen anderen vernetzt ist. Noch lustiger: fast jedes dieser IoT Geräte arbeitet mit einem Standard-Passwort das bei allen Geräten gleich ist. Oft kann es auch garnicht geändert werden. Sicherheitstechnisch ist das internet of things ein totaler alptraum, das nur darauf wartet manipuliert zu werden. Und wenn dann irgendwann drei Millionen Bahnhofsuhren, zwölf Millionen Heizungsthermostate, 50 Millionen intelligente Stromzähler und dröfhundertzweiundmumpfzig smarte Fensteröffner anfangen eine denial of service Attacke gegen alles und jeden zu starten oder das Pentagon zu hacken, dann sind wieder alle am weinen "damit konnte doch niemand rechnen!"
hman2 23.05.2017
3. Au weia, SPON, Recherche vergessen?
"und über die Bahn-Servicemitarbeiter ihren Uhrenpark zentral managen könnten. " Seit fast hundert Jahren WERDEN alle Bahn-Uhren zentral gemanaged. Herr Brunner löst also ein Problem, das gar nicht existiert. Das schon bei seiner Geburt nicht mehr existierte... Darüber hinaus gibt es in Deutschland ein per Funk ausgestrahltes Zeitsignal namens DCF-77, das die Deutsche Normalzeit ausstrahlt, also die Koordinierte Weltzeit für Zentraleuropa mit Sommerzeitkorrektur und Schaltsekunden. Diese wird von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig bereitgestellt. Neben der analogen Funkausstrahlung ist sie auch im Internet empfangbar über das standardisierte NTP-Zeitprotokoll, das alle (!) modernen Betriebssysteme beherrschen. Zeit kann man auch weltweit (!) aus den Ausstrahlungen der Satelliten des Global Positioning System GPS ableiten (hier allerdings ohne Schaltsekunden). Darüber hinaus gibt es Zeitinformationen in ISDN- und VoIP-Telefonnetzen, sowie in allen digitalen Mobilfunknetzen. Also wo ist das Problem, das Herr Brunner lösen möchte??
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