AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2018

Interview mit "Bild"-Chef Wie wollen Sie verhindern, dass so etwas noch einmal passiert, Herr Reichelt?

Bei ihrer Berichterstattung über die SPD ist die "Bild" auf gefälschte Mails hereingefallen. Hier nimmt der Chefredakteur Stellung.

Boulevardjournalist Reichelt: "Unsere Leser blättern bis zur Seite zwei"
Bernd von Jutrczenka / Picture Alliance / DPA

Boulevardjournalist Reichelt: "Unsere Leser blättern bis zur Seite zwei"

Ein Interview von


SPIEGEL: Herr Reichelt, das Satiremagazin "Titanic" hat Sie und Ihre Zeitung in den vergangenen Tagen öffentlich vorgeführt. Ist Ihnen das peinlich?

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Heft 9/2018
Macht, Gewalt und Rache in der Filmindustrie

Reichelt: Ich empfinde das nicht als öffentliches Vorführen, sondern als hoch professionell organisierten Betrug.

SPIEGEL: Betrug ist ein Straftatbestand.

Reichelt: Wenn wir juristisch werden wollen, haben Sie recht, aber das meine ich nicht. "Titanic" hat in bösartiger Weise versucht, uns falsche Fakten unterzujubeln.

SPIEGEL: Trotzdem stehen Sie nun ziemlich blamiert da.

Reichelt: Wir sind nicht reingefallen auf das, was man uns unterjubeln wollte. Nämlich dass der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert mit den Russen kollaborieren würde. Das haben wir uns nicht zu eigen gemacht.

SPIEGEL: Aber Sie schrieben auf Seite eins von einer "Schmutz-Kampagne bei der SPD"...

Reichelt: Ja. Denn die Mails waren geschrieben im Namen der SPD.

SPIEGEL: Aber sie stammten nicht von der SPD. "Titanic" will sie geschrieben haben.

Reichelt: Aber im Namen von Kevin Kühnert. Wenn ich Mails eines SPIEGEL-Redakteurs fälsche, ist das auch eine Kampagne, die beim SPIEGEL spielt.

SPIEGEL: Das ist eine sehr weitgehende Auslegung.

Reichelt: Das ist meine Auslegung. Wichtig ist: Wir sind nicht auf "Titanic" reingefallen. Was ich bedaure, ist, dass wir die Geschichte auf Seite eins gebracht haben. Das hätten wir nicht tun sollen. In der Berichterstattung selbst werden Sie keinen falschen Fakt finden.

SPIEGEL: Sie sagen, der zuständige Redakteur habe "alles getan", um die Echtheit der Mails zu prüfen. Was heißt alles?

Reichelt: Das betrifft redaktionelle Abläufe, deshalb kann ich das nicht präzisieren.

Ausriss aus "Bild": "Lasst Euch nicht verunsichern"

Ausriss aus "Bild": "Lasst Euch nicht verunsichern"

SPIEGEL: Der angebliche Informant, der verkleidete "Titanic"-Redakteur Moritz Hürtgen, war am Montag bei Ihrem Kollegen zu Besuch. Hat der sich den Ausweis zeigen lassen?

Reichelt: Nein, Herr Hürtgen hat darauf bestanden, ohne Kontrolle zu uns in den Verlag zu kommen.

SPIEGEL: In der Redaktionskonferenz sollen mehrere Kollegen vor der Geschichte gewarnt haben.

Reichelt: Zu den Warnern gehörte auch ich. Die Konferenz war sogar geschlossen dagegen. Diese Entscheidung haben wir revidiert, als sich die SPD entschloss, Strafanzeige zu stellen.

SPIEGEL: Hätte die Kühnert-Geschichte Ihr erster großer Coup werden sollen - jetzt, da Sie nach dem Abgang von Chefredakteurin Tanit Koch die alleinige Verantwortung für "Bild" haben?

Reichelt: Damit hat das nichts zu tun. Was den Umgang mit Schlagzeilen angeht, bin ich ja kein Neuling.

SPIEGEL: War der "Titanic"-Streich die größte "Bild"-Verlade seit Günter Wallraff?

Reichelt: Das würde ich nicht sagen, denn bei Wallraff hat das, was er bezweckt hat, funktioniert.

SPIEGEL: Haben Sie einen Rüffel vom Vorstandsvorsitzenden Döpfner kassiert?

Reichelt: Mit Mathias Döpfner bin ich regelmäßig im Austausch. Wir wundern uns vielmehr über die Professionalität, mit der gegen uns vorgegangen wurde. Über den unbedingten Willen, eine verheerende Botschaft in "Bild" hineinzutragen. Das ist beunruhigend für Medien, die sich täglich bemühen, keine Fehler zu machen.

SPIEGEL: Damit meinen Sie "Bild"?

Reichelt: Ich meine den SPIEGEL, die "Süddeutsche Zeitung", aber auch "Bild".

SPIEGEL: Hier geht es allein um "Bild".

Reichelt: Es geht darum, dass der Eindruck erweckt werden soll, westlichen Medien sei nicht zu trauen. Ob es Ihnen gefällt oder nicht: Da befinden wir uns in derselben Kategorie. Dass der "Titanic"-Redakteur sich mit einem Auftritt beim Kreml-Sender Russia Today feiern ließ, zeigt, dass es sich nicht um Satire handelt, sondern um Propaganda. Wenn die Identitäre Bewegung etwas Ähnliches bei der "taz" veranstalten würde, würde das als Anschlag auf die Glaubwürdigkeit interpretiert werden. Es gibt in Russland ein Bestreben, freie westliche Medien zu diskreditieren - Sie genauso wie uns -, dazu gehört auch, wenn der Spiegel von der Hackergruppe "Fancy Bears" des russischen Geheimdienstes Informationen zugespielt bekommt und veröffentlicht.

SPIEGEL: Die von uns veröffentlichten Informationen stimmten. Auch wenn wir zu Quellen natürlich nichts sagen, so haben wir für eine Verbindung zu russischen Geheimdiensten keine Hinweise. Halten Sie "Bild" für glaubwürdig?

Reichelt: Ja. Sie?

SPIEGEL: Bedingt.

Reichelt: Das dachte ich mir.

SPIEGEL: Wie wollen Sie verhindern, dass so etwas noch einmal passiert?

Reichelt: Ich denke darüber nach, ob wir komplett auf Material verzichten sollten, das von anonymen Informanten zugespielt wird.

SPIEGEL: Hat Ihre Autorität in der Redaktion gelitten?

Reichelt: Nein.

SPIEGEL: Haben Sie überlegt zurückzutreten?

Reichelt: Ich hätte es dann überlegt, wenn es "Titanic" gelungen wäre, unterzubringen, was sie unterbringen wollten.

SPIEGEL: Haben Sie sich bei Herrn Kühnert entschuldigt?

Reichelt: Dafür, dass wir schon in der ersten Geschichte geschrieben haben, seine Darstellung sei plausibel? Nein.

SPIEGEL: Das jedoch erst auf Seite zwei.

Reichelt: Glauben Sie mir, unsere Leser blättern durchaus bis zur Seite zwei.

SPIEGEL: Erst die Geschichte über ausländische SPD-Mitglieder, die über die GroKo abstimmen dürfen, dann Ihr Versuch, einen Hund als SPD-Mitglied einzuschleusen: Es scheint, als würden Sie gerade eine Kampagne gegen die Partei fahren.

Reichelt: Ich habe mich das tatsächlich selbstkritisch gefragt. Nein. Wir hatten auch die eher CDU-kritische Schlagzeile: "Merkel schenkt der SPD die Regierung".

SPIEGEL: Angeblich können Sie große Teile der Kinosatire "Schtonk" auswendig ...

Reichelt: ... den ganzen Film.

SPIEGEL: In "Schtonk" geht es darum, wie der "Stern" sich die gefälschten Hitler-Tagebücher hatte andrehen lassen. Mussten Sie in den vergangenen Tagen daran denken?

Reichelt: Nein. "Schtonk" ist ein großes Memento mori. Eine Mahnung, dass uns das nicht passieren darf.

SPIEGEL: Auf Twitter werden Sie seit Mittwoch verspottet.

Reichelt: Das muss ich aushalten. Für manche gehört das zum guten Ton.

SPIEGEL: Welcher ist Ihr Lieblings-Reichelt-Witz?

Reichelt: Mir fällt keiner ein. "Titanic" hat einmal über mich geschrieben, ich sei 1980 geboren, als Abtreibung noch verpönt war. Fand ich nicht lustig.



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