AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2018

Wintersport in der Krise "An alle Seilbahnbetreiber: Es macht keinen Sinn!"

Der beliebteste Wintersport der Deutschen kämpft mit dem Klimawandel - und einer Jugend, die zunehmend die Lust am Skifahren verliert. Gibt es einen Ausweg?

Weltcup-Riesenslalom Anfang Januar im Schweizer Adelboden: Es mag kein Wintergefühl aufkommen
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Weltcup-Riesenslalom Anfang Januar im Schweizer Adelboden: Es mag kein Wintergefühl aufkommen


Als sich der Olympiasieger Marcel Hirscher vor zwei Wochen auf seinen Start beim Weltcup-Riesenslalom in Adelboden vorbereitet, steigen einige Täler entfernt im Wallis zwei Männer in 3000 Meter Höhe über eine Absperrung unterhalb des Hockenhorns.

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Heft 4/2018
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Sie tragen auch Skier an ihren Füßen, dazu auf dem Rücken einen Lawinenairbag. Das wichtigste Utensil aber sind ihre Gleitschirme. Mit ein paar Handgriffen sind die Fluggeräte einsatzbereit. Auf Kommando brettern die beiden Speedflyer auf eine fast senkrecht abfallende Felswand zu - und segeln davon.

Hirscher gewinnt das Rennen in Adelboden und wird von den Fans im Skistadion gefeiert. Die beiden Speedflyer landen auf einer verschneiten Wiese im Nirgendwo und klatschen sich ab.

Gian Franco Kasper, der Präsident des Internationalen Skiverbands (FIS), zündet sich in seinem Büro in Oberhofen am Thunersee eine Zigarette an. Durch große Fensterscheiben kann er die Gipfel des Berner Oberlands sehen. Kasper, 73, sagt, das Schöne am Skilaufen sei, dass jeder auf seine Weise Spaß im Schnee erleben könne: der Hobbyläufer, der Adrenalinjunkie, Champions wie Hirscher.

"Aber leider wollen immer weniger Leute diesen Spaß."

In Europa gibt es 48,2 Millionen aktive Skifahrer. Ganze Regionen in den Alpen leben seit Jahrzehnten vom Schneetourismus. Doch die langjährige Boombranche hat die Grenzen des Wachstums erreicht. Viele Wintersportgebiete melden rückläufige Ticketverkäufe. In der Schweiz und in Österreich, wo das Skilaufen eine Volksbewegung war, wollen immer weniger Kinder den Sport überhaupt noch erlernen. Wie konnte es dazu kommen?

Gian Franco Kasper erzählt eine Geschichte aus seiner Heimat. Er stammt aus St. Moritz. In dem von Investoren und Superreichen gekaperten Bergdorf im Engadin gibt es mehr Gästebetten als Einwohner, man kann beim Juwelier Diamantringe kaufen, die eine halbe Million Euro kosten. Für einen Tagesskipass bezahlen Erwachsene 79 Franken, 67 Euro.

Eigentlich, sagt Kasper, sei damit schon vieles gesagt.

Im November gab es in Rottach-Egern ein Symposium über die Zukunft des alpinen Wintersports. Gleich zu Beginn der Veranstaltung stellte Ralf Roth, Leiter des Instituts für Natursport und Ökologie an der Deutschen Sporthochschule Köln, Zahlen aus einer neuen Studie vor. Demnach gibt es allein in Deutschland 22,9 Millionen Wintersportler, 6,3 Millionen davon laufen Ski. "Wir haben in unserer DNA einen starken Bezug auf Schnee", resümierte Roth.

Trotz dieser Zahlen sei es aber nicht ratsam, in neue Liftanlagen zu investieren, warnte Roth. Im Zeitalter des Klimawandels würden ohnehin nur Gebiete überleben, die hoch genug liegen, in denen es noch ausgiebig schneit. Außerdem gebe es unter den Kunden keine Akzeptanz mehr für weitere Erschließungsmaßnahmen.

"An alle Seilbahnbetreiber: Es macht keinen Sinn!", rief Roth von der Bühne.

Der Forscher berichtete von einer "signifikanten Drop-out-Quote" bei den 14- bis 39-jährigen Wintersportinteressierten. Ein Grund, warum sich in dieser Altersgruppe viele vom Skisport verabschiedeten: die hohen Kosten für Ausrüstung und Tickets. Zudem habe sich bei den meisten potenziellen Kunden ein Bewusstsein für das schleichende Verschwinden des Winters verfestigt.

Nach Roths Vortrag debattierte eine Expertenrunde darüber, warum der "Pistensport" so einen schlechten Ruf hat. Es fiel der Betriff "Klimahysterie". Natürlich seien die Grünen schuld. Ein Tourismuslobbyist erklärte, nur 0,6 Prozent der Gesamtfläche Tirols werde für Wintersport genutzt. Ein anderer Diskutant schlug vor, Begriffe wie "Schneekanone" künftig zu vermeiden, das klinge der Kundschaft womöglich "zu kriegerisch".

Beim Weltcup in Adelboden Anfang Januar, wo wieder einmal der Österreicher Hirscher gewann, zeigte sich ein typisches Bild des Skisports im 21. Jahrhundert: eine mit Kunstschnee ordentlich präparierte Rennpiste. Die Wiesen links und rechts davon - grün. "Bei mir will bei solchen Verhältnissen kein Wintergefühl aufkommen", sagt FIS-Chef Kasper. Aber was tun? Es müsse doch irgendwie weitergehen mit dem Skisport.

In Österreich, wo die Seilbahnwirtschaft vorigen Winter 1,3 Milliarden Euro Umsatz machte, und in der Schweiz, wo es 7400 Kilometer markierte Pisten gibt, hängen ganze Täler vom Skitourismus ab. Tausende von Schneekanonen, die in Tirol, im Salzburger Land, am Arlberg stehen, sichern in Österreich Jobs für fast 100.000 Menschen.

In Garmisch-Partenkirchen liefen Naturfreunde lange Sturm gegen den Bau der neuen Seilbahn auf die Zugspitze. Ende Dezember wurde die Anlage in Betrieb genommen, und über die Feiertage um Weihnachten und Neujahr brachte die Gondelverbindung auf Deutschlands höchsten Gipfel und in das dortige Skigebiet Einnahmen von 1,4 Millionen Euro. Ein Vertreter aus dem Garmischer Gemeinderat, der lange kritisch auf den Seilbahnbau blickte, sieht das Projekt inzwischen als Investition in die ferne Zukunft: "Vielleicht wird das Zugspitzplatt in 100 Jahren der letzte Ort in Deutschland sein, wo man noch Ski laufen kann."

In den meisten Skigebieten in den Alpen versuchen die Liftbetreiber, durch Aufklärung das Image der Umweltzerstörer loszuwerden. Sie lassen die Pisten im Sommer durch Biologen untersuchen, um nachzuweisen, dass auf den stark beanspruchten Wiesen noch Leben gedeihen kann. Leitungen für die Schneekanonen werden verbuddelt, künstliche Speicherteiche angelegt, Hotels mit Erdwärme beheizt, Pistenbullys fahren mit Biodiesel.

Auf der Lauchernalp im Wallis kommt der Strom für die Seilbahn und die Lifte aus einem eigenen Wasserkraftwerk. Es gibt keinen Autoverkehr in dem Skigebiet. Beschneiungsexzesse sind nicht notwendig, weil das Revier über 1900 Metern liegt und sehr schneesicher ist.

Liftbetreiber versuchen, durch Aufklärung das Image der Umweltzerstörer loszuwerden.

Dafür muss Geld für die Absicherung der Hänge ausgegeben werden. Staublawinen rasen mit bis zu 300 Stundenkilometern ins Tal. Ein Mensch, der einer solchen Naturgewalt im Weg steht, sagt der Skischulleiter Beat Dietrich, werde zuerst von der Druckwelle fortgeblasen, danach verschüttet. "Und dann ist es ganz still."

Dietrich sitzt Anfang Januar in seinem Büro neben der Seilbahnstation Lauchernalp. Das Sturmtief Burglind hat in Höhenlagen bis zu zwei Meter Neuschnee gebracht. Der Skilehrer war mit Kollegen schon morgens um fünf Uhr oben am Hockenhorngrat unterwegs, um durch Sprengungen gezielt Lawinen auszulösen. Die Schneemassen wären ansonsten eine Gefahr für die Touristen auf den Pisten gewesen.

Die Sprengmaßnahmen sind ein für die Gäste unsichtbarer Service. Die Arbeit ist wichtig. Weil die Hänge auf der Lauchernalp nicht mit Liften verbaut sind, gibt es viel Platz für Abfahrten im freien Gelände. Freerider aus ganz Europa pilgern in das Skigebiet, um hier abseits der Pisten zu fahren oder Touren zu gehen.

"Bei uns stimmt eigentlich alles", sagt Dietrich, ein drahtiger Mann mit wachen Augen, der seit 16 Jahren seine Skischule betreibt. Dennoch sei jeder Winter für ihn und seinen kleinen Betrieb eine Herausforderung. In den letzten Jahren seien die Ticketverkäufe zurückgegangen. Die Zahl der Leute, die überhaupt noch das Skifahrern erlernen wollen, sinke beständig ab. "Wir Skilehrer", glaubt Dietrich, "sind eine aussterbende Art."

FIS-Chef Kasper sagt: "Wir müssen die Menschen wieder in den Schnee bringen." Aber wie?

Die Industrie hat Carvingski entwickelt, mit denen es einfacher geworden ist, die Fahrtechnik zu erlernen. Die Pisten sind planiert wie Autobahnen. Alle Skigebiete locken mit Familienangeboten. In Luzern werden Kinder kostenlos in nahe gelegene Reviere kutschiert. In Saas Fee gibt es jetzt das Saisonticket zum Schleuderpreis von 220 Franken.

Dennoch, sagt Kasper, würden immer mehr Großstädter im Winter lieber in der Karibik Urlaub machen als in den Bergen. Früher fuhren Schüler in der Schweiz ab einem gewissen Alter jedes Jahr ins Skilager. Heute kaum mehr. Wegen der hohen Kosten. Aber auch, weil manche Schulen nicht die Verantwortung für die Kinder übernehmen wollen. Denn immer wieder gab es Fälle, in denen Eltern die Lehrer verklagten, wenn der Sohn oder die Tochter mit Blessuren aus der Winterfreizeit zurückkam.

"Wir erleben einen Kulturwandel", sagt Kasper. Von seinem Büro aus kann der FIS-Präsident bei klarem Wetter den Eiger, den Mönch und die Jungfrau sehen. Am Fuß dieser Berge wird jedes Jahr die berühmte Lauberhorn-Abfahrt ausgetragen. Der Rennsport ist ein wichtiger Motor für den Skitourismus. Er liefert Bilder von mutigen Athleten, die vor imposanter Bergkulisse zu Tal brettern.

Leider guckten die Leute in Deutschland aber lieber Biathlon. Und die Zahl der Jugendlichen, die in der Schweiz noch die Liveübertragungen der Rennen im Fernsehen anschauen, nehme auch kontinuierlich ab, sagt Kasper.

Wer also fährt in Zukunft noch Ski? Wissenschaftler Roth von der Kölner Sporthochschule glaubt, dass die Wintersportbranche nicht weitere Gipfel mit Liften, sondern neue Kundengruppen erschließen müsse. Jugendliche mit Migrationshintergrund zum Beispiel haben meist traditionell keine Beziehung zum Schneesport. Sie fänden in Deutschland, Österreich, der Schweiz aber auch keinen Weg dorthin, weil sich niemand um sie bemühe. "Wir müssen offen werden, andere Kulturen reinzuholen. Da passiert bei den Verbänden zu wenig", sagt Roth.

FIS-Präsident Kasper glaubt, das Gefühl für Schnee, die Lust auf Wintersport entstehe automatisch, "wenn es mal wieder ordentlich schneit", auch in den Städten, in Hamburg, München, Wien und in Zürich. Er guckt zum Fenster hinaus, es ist Anfang Januar. Draußen sind es zehn Grad plus. Auf den Wiesen sprießen Schneeglöckchen. Es ist zum Verzweifeln.

Ein großes Konjunkturprogramm für den Skisport in Europa wären Olympische Spiele in den Alpen, sagt Kasper. Dann erzählt er eine weitere Geschichte aus seiner Heimat St. Moritz. Mit dem Kanton Graubünden wollte sich der Ort für die Winterspiele 2026 bewerben. Die notwendige Volksabstimmung wurde mit Absicht in die Zeit während der Skiweltmeisterschaft im vorigen Jahr gelegt. Kasper, seit 2000 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, war sich sicher, dass die Zustimmung für eine Kampagne groß sein würde. Doch es stimmten 56 Prozent der Stimmberechtigten von St. Moritz gegen die Bewerbung. Das Projekt war geplatzt.

Innsbruck, München, Oslo. Überall scheiterten in den vergangenen Jahren Planer mit einer Olympiabewerbung am Bürgerwillen. In Sion im Wallis, wo im März über eine Kandidatur abgestimmt wird, scheinen die Gegner ebenfalls in der Überzahl zu sein.

"Der Ruf des IOC ist schlecht", sagt Kasper. Er könne die Leute verstehen, angesichts der Skandale, angesichts des olympischen Gigantismus. Es gibt nur sieben Sportarten bei Winterspielen - aber 102 Wettbewerbe. "Dieser Event passt nicht mehr in unsere Berge", findet Kasper.

Nach Olympia im Februar in Pyeongchang, Südkorea, darf Peking 2022 Winterspiele austragen. Die Organisatoren möchten, so berichtet es Kasper, dass der Kampfsport Wushu mit einer Variante auf Schnee ins Programm aufgenommen wird.

Kasper schüttelt den Kopf. Nicht mehr seine Welt. Er guckt über den Thunersee und erzählt von einem Paradies, weit jenseits der Alpen, in den Pyrenäen: Andorra. Dort gehen die Schüler im Winter während des Sportunterrichts Ski laufen. Und es gebe immer ausreichend Schnee.



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