AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2016

Prozesse Der Kuss

Flüchtlinge sollen im Schwimmbad zwei Mädchen vergewaltigt haben. Die Suche nach der Wahrheit beginnt - das Protokoll eines Justizversagens.

Beschuldigter Azizi, Familie: "Für einen Moment Gefühle entwickelt"
Maria Feck/ DER SPIEGEL

Beschuldigter Azizi, Familie: "Für einen Moment Gefühle entwickelt"

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Der unglücklichste Tag in seinem Leben habe schön begonnen, sagt Sultanahmad Azizi, Landarbeiter, vor 34 Jahren geboren in Herat, Afghanistan. Es ist ein Sonntag Ende Februar. Sechs Wochen zuvor waren sie in Deutschland angekommen, seine schwangere Frau und er mit den Kindern, einem Mädchen, anderthalb, einem Jungen, zehn Jahre alt.

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Heft 41/2016
Brandherd Syrien: Putins Werk, Obamas Beitrag

An diesem Tag wollen sie eine afghanische Familie besuchen, eine Mutter mit drei Söhnen, die sie auf der Flucht kennengelernt haben. Ein Onkel der Jungen lebt seit zehn Jahren in Hamburg, er will den Kindern und Herrn Azizi eine Attraktion vorführen und nimmt sie mit ins Schwimmbad, nach Norderstedt. Auch Mohammad, der 14-jährige Sohn der anderen Familie ist dabei, ein stiller, schmaler Junge.

Noch nie zuvor waren sie in einem Schwimmbad gewesen. Sie sehen all die Frauen und Männer gemeinsam baden, frei und ausgelassen. Auch Mohammad und Herr Azizi sausen auf der Wildwasserrutsche hinab ins türkisfarbene Wasser, sie prusten und lachen laut, überwältigt von Glück und Freude. Nach dem Leid der Flucht, den Menschen, die sie dabei hatten sterben sehen, der Enge im Asylbewerberheim fühlt Herr Azizi zum ersten Mal, dass es sich gelohnt habe, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen. In ein freies, neues Leben.

So, sagt er, habe er es auch dem Haftrichter zu erklären versucht: Im Augenblick des höchsten Glücks habe sich sein Leben in Unglück verkehrt, durch einen schicksalhaften Kuss. Auch jetzt, nachdem das Urteil gesprochen ist, schämt sich Herr Azizi für seine Unbeherrschtheit, nicht nur vor seiner Frau. Er möchte nicht, dass sein richtiger Name in der Zeitung steht.

Im Erlebnisbad Arriba vergnügt sich an diesem 28. Februar auch Jessica, 14 Jahre alt, ein übergewichtiges Mädchen mit langem, dunklem Haar. Jessica ist mit ihrer Freundin dort, Jennifer, 18 Jahre alt, schlank, kurzes Haar. Gegen 17 Uhr, so sagt eine Bademeisterin bei der Polizei aus, seien die zwei aufgelöst auf sie zugekommen: Sie seien auf der Rutsche begrapscht worden.

Hinweistafel in Schwimmbad: "Deutsche Frauen und Mädchen als Freiwild?"
DPA

Hinweistafel in Schwimmbad: "Deutsche Frauen und Mädchen als Freiwild?"

Die Mädchen deuten auf Herrn Azizi, der gerade aus dem Rutschbecken steigt. Die Polizei kommt, ein Mann vom Sicherheitsdienst bringt die weinenden Mädchen zur Umkleide, dort zeigen sie auf einen Jungen: Der sei auch dabei gewesen, Mohammad S., der 14-Jährige.

Eine andere Bademeisterin sagt später vor Gericht aus, Herr Azizi habe nicht versucht wegzulaufen, als sie ihn aufhielt. Er habe etwas geflüstert, das wie "Entschuldigung" klang. Mohammad S. bleibt ruhig, er sagt, er habe nichts getan. Der Onkel beruhigt sie: Macht euch keine Sorgen, sie haben Regeln hier. Sie stellen euch Fragen, heute Abend seid ihr wieder zu Hause.

Doch es kommt anders.

Jennifer, die 18-Jährige, gibt bei der Polizei an, Herr Azizi habe sie an der Hüfte festgehalten, sie im Genitalbereich berührt und ihr dort einen Kuss gegeben, auf die Bikinihose.

Jessica, die 14-Jährige, einen halben Kopf kleiner als der kleine Herr Azizi, aber deutlich schwerer, sagt, im hüfthohen Wasser habe der Ältere ihre Beine auseinandergedrückt, der Jüngere habe sie links am Kopf an den Haaren gerissen, ihr von hinten in den Badeanzug gefasst, einen Finger in ihre Scheide gesteckt, ihn hin und her bewegt und sie dabei so gekratzt, dass sein Fingernagel abbrach. Der Ältere habe noch gefragt, ob sie mit ihm "in die Kiste steigen" wolle, sie habe ihn aber getreten und sich befreien können.

Sie seien ein zweites Mal gerutscht, wieder vor den Männern. Diesmal habe der Ältere einen Finger in sie hineingesteckt und ihr Bein gegen eine Kante geschlagen, sie habe geweint, er habe gelacht.

Dann hätten sie die Rutsche gewechselt und seien danach Pizza essen gegangen. Als sie anschließend wieder zur Wildwasserrutsche gingen, hätten die Männer dort schon auf sie gewartet. Beim Rutschen habe der Ältere seinen Finger in sie hineingesteckt. Anschließend hätten beide zugleich ihre Brüste gedrückt, einer rechts, einer links.

Als Jennifer ihr dann erzählte, der Ältere habe sie auch festgehalten, hätten sie beide laut zu weinen begonnen und seien zur Bademeisterin gelaufen.

Wenig später gibt die Polizei Bad Segeberg bekannt: "Am späten Sonntagnachmittag kam es in Norderstedt zu einer sexuellen Nötigung/Vergewaltigung in einem Erlebnisbad" - als Vergewaltigung zählt rechtlich auch das Eindringen mit dem Finger. Die Opfer seien zwei Mädchen, eine 14, eine 18 Jahre alt, die Täter Flüchtlinge aus Afghanistan, einer ebenfalls erst 14.

Am übernächsten Tag titelt die "Bild"-Zeitung: "Spaßbad-Vergewaltiger jagten ihre Opfer durch die Rutsche". "Migranten im Schwimmbad - Deutsche Mädchen und Frauen als Freiwild?", fragt später der "Bayernkurier". In den sozialen Netzwerken schlagen Pegida und die Bürgerbewegung Pro NRW Alarm. Das rechte Magazin Compact Online nennt den Vorfall "Merkels Schande". Facebook-Nutzer fordern Selbstjustiz: "Stromkabel in den Arsch, das spricht sich bei den Affen rum." Medien in Österreich, Frankreich und in den USA greifen den Vorfall auf.

In Deutschland ist Ende Februar die Debatte um die Kölner Silvesternacht noch in vollem Gang, noch immer melden sich neue Geschädigte. Gerade hat die "Tagesschau" die Nachricht gebracht, ein Mob von Flüchtlingen habe Mädchen in einem Kieler Einkaufszentrum verfolgt und gefilmt (eine Falschmeldung, wie sich später herausstellt).

Das Arriba-Bad gibt bekannt, man erwäge nun getrennte Rutschzeiten für Männer und Frauen. Security-Leute sollen sich inkognito unter die Badegäste mischen. Andernorts stehen Schwimmbadverbote für Flüchtlinge zur Diskussion.

Die Nacht verbringen Mohammad und Herr Azizi im Polizeigewahrsam. In der Zelle weint Herr Azizi. Am nächsten Morgen stehen sie beim Amtsgericht Norderstedt vor ihren Haftrichtern. Man hat ihnen die Fingernägel abgeschnitten - alle zehn -, um DNA-Spuren zu sichern. Das Gericht hat Pflichtverteidiger und Dolmetscher herbeigeholt, denn beide sprechen nur Dari, eine afghanische Mundart des Persischen.

Haftrichter Matthias Lohmann hört Herrn Azizi an: "Ich weiß, dass ich eine abscheuliche Tat begangen habe", übersetzt der Dolmetscher für ihn. Sie hätten Spaß auf der Rutsche gehabt, er sei ungebremst in die Beine des schlanken Mädchens gerutscht. In dem Moment habe er "Gefühle" für das Mädchen entwickelt, er habe es vielleicht zwei, drei Sekunden lang festgehalten und es auf die Hüfte geküsst, aber nicht "da unten" - also auf die Vagina. Der Rest werde ihm zu Unrecht vorgeworfen. Er habe Frau und zwei Kinder und niemanden belästigen wollen. Er entschuldigt sich unterwürfig. Er sagt, er hätte dies gern schon im Schwimmbad getan, sei aber an der Sprache gescheitert.

Freigesprochener Mohammad: "Warum haben sie ausgerechnet die Geschichte über mich geglaubt?"
Maria Feck/ DER SPIEGEL

Freigesprochener Mohammad: "Warum haben sie ausgerechnet die Geschichte über mich geglaubt?"

Bei der Polizei hatten Jennifer und Jessica gesagt, sie hätten von den Übergriffen auf die andere nichts mitbekommen. Auch niemandem sonst ist auf der belebten Rutsche etwas aufgefallen, es gibt keine Zeugen. Für den Haftrichter steht die Aussage eines afghanischen Flüchtlings gegen die der Mädchen aus Norderstedt.

Richter Lohmann liegen die Vernehmungsprotokolle der Polizei vor. Daraus ist zu erfahren: Jennifer und Jessica kennen sich aus der Psychiatrie. Jennifer lebt in einer Pflegefamilie. Ihre Diagnose: Borderlinestörung. Mehr als die Hälfte aller Betroffenen haben Missbrauch oder Vernachlässigung erfahren. In Strafverfahren gelten sie als manipulative, wenig verlässliche Opferzeugen. Laut Bundesgerichtshof müssen Gerichte über sie Glaubwürdigkeitsgutachten einholen.

Jessica wurde in der Psychiatrie als mutmaßliches Vergewaltigungsopfer behandelt, Beschuldigter ist ein Mann aus Hamburg, den sie über einen mobilen Chatdienst kennengelernt hat. Drei Jahre zuvor wurde ihr ein Hirntumor entfernt, seither ist sie Epileptikerin, sie geht auf die Förderschule. Die Vernehmungsbeamtin Katharina L. notiert: Hirn-OP, Intelligenzminderung. Jessica sei kaum in der Lage gewesen, einen nachvollziehbaren Ablauf zu schildern. Das Resümee der Beamtin trotzdem: "Insgesamt erschien die Geschädigte glaubhaft."

Die rechtsmedizinische Untersuchung von Jessica ergibt: Rötungen am Knie wie vom Anschlagen an die Beckenkante, keine Verletzungsspuren außen am Genital. Schmerzen nur am Knie, gynäkologische Beschwerden: keine. Eine innere Untersuchung verweigert das Mädchen.

Dies alles muss Haftrichter Lohmann prüfen und abwägen. Andererseits: Die zuständige Staatsanwältin aus Kiel, Melanie von Massow, hat schon ihren Entwurf für den Haftbefehl geschickt. Darin steht, "unmittelbar nach den sexuellen Übergriffen" hätten sich die Mädchen "aufgelöst an das Personal des Arriba-Spaßbades gewandt". Eine vollständige gynäkologische Untersuchung habe Jessica "aufgrund ihrer Schmerzen" nicht toleriert.

Die Staatsanwältin nennt die Aussagen der Mädchen "glaubhaft und übereinstimmend". Dazu kämen Flucht- und Wiederholungsgefahr und "schwere Persönlichkeitsmängel" des afghanischen Mannes: "Der Beschuldigte scheint deutsche Frauen als 'Freiwild' zu betrachten, deren eigener Wille unbeachtlich ist. Nur so lässt es sich erklären, dass er eine wildfremde junge Frau in aller Öffentlichkeit vaginal penetriert hat."

Nach dem Gespräch mit Herrn Azizi streicht der Haftrichter den Satz mit dem Freiwild, den Rest unterschreibt er. Herr Azizi kommt zur Untersuchungshaft nach Neumünster.

Mohammad weist alle Anschuldigungen von sich. Dennoch stellt auch Amtsrichterin Claudia Naumann, die später die Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht leiten wird, einen Haftbefehl aus. Mohammad kommt in die Jugendanstalt Schleswig.

Fragt man den Jungen nach der Zeit im Gefängnis, sagt er: Anfangs habe er darauf vertraut, die Wahrheit werde sich schnell herausstellen. Doch mit jedem Tag sei seine Hoffnung geschwunden. Am ersten Tag habe man ihm mithilfe eines Dolmetschers die Gefängnisregeln erklärt. Danach, sagt er, habe er mit niemandem mehr sprechen können: "Dort waren gefährliche Jungs. Sie haben über mich gelacht." Nach dem ersten Hofgang traut sich Mohammad nicht mehr nach draußen. Er habe sich nach seiner Mutter gesehnt, sagt er.

Auch sie will zu ihm, ein Flüchtlingsbetreuer tut, was er kann. Aber das Gericht hat angeordnet, ein Dolmetscher müsse dabei sein und ein Bewacher. Das gelingt nur einmal, bei Mutter und Sohn fließen die Tränen, dann ist die Besuchszeit um. Mohammad schämt sich, er weiß: In seiner Siedlung, wo auch viele andere Flüchtlinge wohnen, reden sie über ihn. Seine Brüder, 10 und 16 Jahre alt, sind jetzt die Brüder von Mohammad, der seine Finger in junge Mädchen hineinsteckt.

Er hat nichts zu lesen, keinen Fernseher. Einmal besucht ihn sein Pflichtverteidiger. Woran er gedacht habe, den ganzen Tag lang? Mohammad senkt den Blick, er flüstert fast: "Suizid."

Mohammads Onkel besorgt seinem Neffen einen neuen Verteidiger, Suad Omanovi. Der begleitet Mohammad zum Haftprüfungstermin bei Richterin Naumann. Der Anwalt bringt seine Zweifel vor: Es sei schon das zweite Vergewaltigungsverfahren, das Jessica in Gang gesetzt habe. Schwer zu glauben auch, dass ein Mädchen nach einer Vergewaltigung gleich wieder rutschen gehe und Pizza essen. Richterin Naumann beschließt, Mohammad gegen 2000 Euro Kaution freizulassen. Nach 25 Tagen darf er bis zum Prozess zurück nach Hause ins Kinderzimmer, das er sich mit seinen beiden Brüdern teilt. Herr Azizi bleibt in Haft.

Im April, zwei Monate nach dem Vorfall, hat er noch keine Nachricht von seiner Frau. Er sorgt sich, sie könne nach Afghanistan zurückgeschickt worden sein. In der Anstalt gibt es niemanden, der seine Sprache spricht. Niemand erklärt ihm, was er tun muss, um ihr schreiben zu können. Er hat auch kein Geld für Briefmarken. Die Briefe seines Pflichtverteidigers kann er nicht lesen, sie sind auf Deutsch.

Er habe um ein Wörterbuch gebeten, aber keines bekommen, nicht mal einen Koran. Für die anderen, sagt Herr Azizi, sei er der Kinderschänder gewesen. Wenn sie ihn sehen, fahren sie sich mit dem Zeigefinger über die Kehle. Abends treten Mitgefangene gegen seine Zellentür, machen Lärm, bis er in Panik den Alarmknopf drückt. Nach einem Hofgang findet er seine Zelle verwüstet. Danach verlässt er sie nur noch zum Duschen, dreimal die Woche.

Verteidiger Omanovi, Schwieger: Ermittlungen unter dem Einfluss der Kölner Silvesternacht
Maria Feck/ DER SPIEGEL

Verteidiger Omanovi, Schwieger: Ermittlungen unter dem Einfluss der Kölner Silvesternacht

Das erste Schriftstück, das er nach zwei Monaten lesen kann, ist ein Brief vom Gericht, in arabischer Schrift, er erfasst nun, was man ihm vorwirft: Dinge, die er nicht auszusprechen wagt. Herr Azizi sagt, er habe nicht mehr aufhören können zu weinen.

Mohammads Familie sorgt dafür, dass auch Herr Azizi einen neuen Anwalt bekommt, Jacob Schwieger, der geht mit ihm zur Haftprüfung, am 10. Mai. Auch er beanstandet die Ungereimtheiten in Jessicas Aussage. Herr Azizi sei in der Haft völlig isoliert, seine Frau sei schwanger, eine Flucht äußerst unwahrscheinlich. Er könnte eine elektronische Fußfessel tragen, sich täglich bei der Polizei melden. Der zuständige Haftrichter, wieder ein neuer, lehnt ohne weitere Begründung ab.

Herr Azizi schreibt seinem neuen Anwalt: "Im Namen Gottes! Mein verehrter Rechtsverteidiger, ich grüße Sie!" Schwieger lässt die Briefe übersetzen. Es stellt sich heraus, dass Herr Azizi glaubt, er sei schon verurteilt: "Es war kein gerechtes Urteil. Vielleicht weil ich Migrant und Muslim bin. Ich bin kein schlechter Mensch, bin nur der Versuchung verfallen und in die Falle gegangen." - "Verstehen Sie bitte, dass Sie noch nicht verurteilt wurden", antwortet Schwieger. "Bitte halten Sie durch. Ihre Familie vermisst Sie sehr."

Nach zwei Monaten erhält Faride Azizi den ersten Brief ihres Mannes. Er schreibt, das Mädchen habe ihn gelockt. In der Asylunterkunft löchern die anderen Bewohner sie: Wo ist dein Mann? Hat er dich verlassen? Ihr Zehnjähriger fragt nach seinem Papa. Frau Azizi wird krank. Auch Herr Azizi baut ab. In einer Haftbeurteilung heißt es, er sei durch das Sprachproblem "mit der Situation überfordert".

Noch hat nur die Staatsanwaltschaft genaue Kenntnis darüber, dass Jessica, die 14-Jährige, weitere Männer beschuldigt hat: Staatsanwältin Massow stellt ein Ermittlungsverfahren wegen eines Penisvideos ein, mit dem ein Chatpartner Jessica auf ihrem Handy belästigt haben soll. Der Täter ist nicht zu identifizieren.

Über den Chatbekannten aus Hamburg, der sie vergewaltigt haben soll - einen über 30-jährigen Mann -, hatte sie im August 2015 zunächst behauptet, er habe sie zwei Tage lang gegen ihren Willen festgehalten und ihr Geschlechtsverkehr aufgezwungen. In der nächsten Vernehmung ging die Geschichte anders: Er habe sie an ein Heizungsrohr gefesselt und Zigaretten an ihr ausgedrückt. Er habe seine Finger in ihre Vagina gesteckt und sie links gegen den Kopf geschlagen, wo sie operiert worden ist. Verletzungsspuren gibt es keine.

Der Hamburger gibt gegenüber der Polizei an, Jessica habe behauptet, 17 zu sein, der Sex mit ihr sei einvernehmlich gewesen. Monate darauf beschuldigt Jessica denselben Mann, er habe ihr in einer Regionalbahn eine Spritze verpasst und sie an den Haaren aus dem Zug gezerrt, habe sie links gegen den Kopf geschlagen und den Finger in ihre Vagina gesteckt. Wieder keine Zeugen, keine Verletzungen. Wenig später die nächste Geschichte, da spricht Jessicas Mutter gegenüber der Polizei bereits von "Hirngespinsten" ihrer Tochter.

Ende Februar bekommt Massow die Schwimmbad-Sache auf den Schreibtisch. Wochen später will Jessica erneut Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden sein. In einer Jugendeinrichtung, in der sie kurzzeitig untergebracht ist, behauptet sie, ein unbekannter Flüchtling habe sie gegen die linke Kopfseite geschlagen, mit der Hand in ihre Hose gefasst, mit seinem Finger ihre Scheide berührt. Ein Betreuer stellt Strafanzeige, nicht ohne mitzuteilen, dass Jessica auch am Tag zuvor schon behauptet hatte, vergewaltigt worden zu sein, dann aber einräumte, sie habe sich die Geschichte nur ausgedacht.

Der Vernehmungsbeamtin, wieder Katharina L., fällt auf, dass alle Jessica am Kopf wehtun, wo unter den Haaren die Tumornarbe sitzt. Alle berühren angeblich mit dem Finger ihre Scheide. Wie im Arriba-Bad. Sie fragt: "Ist das nicht komisch, dass dir das jetzt schon wieder passiert?" Darauf sei Jessica wütend geworden und weinend hinausgelaufen, notiert die Beamtin. Ihr Vermerk vom 12. April ist voller Zweifel: "Es bleibt schwierig, aufgrund der Vorgeschichte von Jessica, ihren Schilderungen Glauben zu schenken."

Spätestens von diesem Zeitpunkt an sei die Untersuchungshaft für Herrn Azizi nicht mehr rechtmäßig gewesen, sagt dessen Anwalt Jacob Schwieger. Doch die wichtigen Informationen bekommen die Verteidiger erst drei Tage vor Beginn der Hauptverhandlung.

Auf einer Podiumsdiskussion zum Thema "Nein heißt Nein" wirbt Staatsanwältin Massow in der Zwischenzeit als stellvertretende Vorsitzende des Kieler Richtervereins für die geplante Verschärfung des Sexualstrafrechts. Mitte Juni schreibt sie an Jessicas Mutter, die Ermittlungen wegen Vergewaltigung durch den unbekannten Flüchtling seien eingestellt, "da es nicht gelungen ist, einen Täter zu ermitteln".

Im Juli werden auch sämtliche Ermittlungen gegen den Bekannten aus Hamburg eingestellt. Jessicas Mutter bekommt Post von der Staatsanwaltschaft: "Es bestehen an der Darstellung ihrer Tochter erhebliche Zweifel."

Im Schwimmbad-Fall jedoch bleibt es bei der Anklage wegen Vergewaltigung und gemeinschaftlicher sexueller Nötigung. Auf den Videos aus dem Arriba ist kein einziger Übergriff zu sehen. Das bedeute nicht, dass nichts passiert sei, schreibt Massow, die Aufzeichnung weise zahlreiche Lücken auf.

Anfang August beantragt Rechtsanwalt Schwieger erneut, den Haftbefehl für Herrn Azizi außer Kraft zu setzen.

Richterin Naumann "Abscheuliche, rechtlich erhebliche Straftat"
Maria Feck/ DER SPIEGEL

Richterin Naumann "Abscheuliche, rechtlich erhebliche Straftat"

Am 4. August schreibt Amtsrichterin Claudia Naumann ohne weitere Erklärung: "Die nunmehr vorliegende Videoauswertung von der Wildwasserrutsche erhärtet den Tatverdacht eher" - Antrag abgelehnt.

Ende August beginnt der Prozess vor dem Jugendschöffengericht Norderstedt. Melanie von Massow ist nicht selbst gekommen, eine junge Staatsanwältin verliest die Anklageschrift. Herr Azizi schweigt, Mohammad wiederholt, die Beschuldigungen gegen ihn hätten mit der Wirklichkeit nichts zu tun.

Während Jessica H. aussagt, schließt Richterin Claudia Naumann die Öffentlichkeit aus. Einmal muss die Vernehmung unterbrochen werden, weil Jessica weinend aus dem Saal läuft. Dann erstattet eine Psychologin ein Gutachten über Jessica, ebenfalls nicht öffentlich.

Als die Richterin nach vier Stunden das Publikum wieder hereinbittet, ist ein Team von RTL schon weg. Naumann teilt mit, Jessica habe die Vorgänge gerade anders geschildert als bei der Polizei, an vieles habe sie sich gar nicht mehr erinnert. Die Gutachterin habe Schäden am Kurzzeitgedächtnis festgestellt, das Mädchen fülle Erinnerungslücken mit Erlebtem oder Erfundenem. Jessicas Aussage, das einzige Beweismittel für den Vergewaltigungsvorwurf, habe deshalb keinen Wert.

Naumann hebt den Haftbefehl gegen Herrn Azizi auf. Seine Frau schließt ihn später am Bahnhof in Bremen in die Arme, er trägt noch sein Gefängnishemd.

Am zweiten Verhandlungstag verkündet die Richterin, Jessicas Anwalt habe die Nebenklage zurückgezogen und sein Mandat niedergelegt. Dann macht eine Bademeisterin eine überraschende Aussage. Die Schilderung der Mädchen habe sie schon damals nicht verstanden: "Ich konnte mir das alles auf der engen Rutsche nicht vorstellen." Tatsächlich seien ihr die beiden Stunden zuvor aufgefallen: Immer wieder hätten sie Männer in der Schlange vor der Rutsche von hinten mit dem Oberkörper angerempelt, im Vorbeigehen mit der Brust gestreift und dazu gekichert. Sie habe überlegt, sie zu verwarnen. Anwalt Schwieger erscheint Herrn Azizis Argument, die Mädchen hätten ihn "gelockt", nun in neuem Licht. Bisher hatte er dahinter ein kulturelles Missverständnis vermutet.

Aber wohin ging nun der verhängnisvolle Kuss - auf die Hüfte oder aufs bekleidete Genital? Auch Jennifer V. tritt als Nebenklägerin auf, ihre Anwältin möchte sie am liebsten ganz vor einer Aussage bewahren. Schon einmal seien schlechte sexuelle Erfahrungen des Mädchens Gegenstand einer Gerichtsverhandlung gewesen. Der Borderlinepatientin drohe eine Retraumatisierung. Richterin Claudia Naumann berät sich mit den Schöffen, die 18-Jährige soll aussagen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Eine Stunde später ist klar: Auch Jennifers Aussage ist als Beweis unbrauchbar. Naumann sagt, es sei ihr nicht gelungen, einen nachvollziehbaren Sachverhalt zu schildern.

Auch die Videosequenzen aus dem Schwimmbad verwirft Naumann als Beweis. Das Einzige, was bleibt, sind Herrn Azizis geständige Worte vor dem Haftrichter über den Kuss auf die Hüfte - und sechs Monate Untersuchungshaft. Welche Strafe wäre angesichts dessen gerecht?

Die Staatsanwaltschaft fordert für Herrn Azizi: acht Monate auf Bewährung. Für Mohammad: Freispruch.

Mohammads Verteidiger Suad Omanovi sagt in seinem Plädoyer, die Ermittlungsbehörden seien beeinflusst gewesen von der aufgeheizten Stimmung um die Ereignisse auf der Kölner Domplatte. Jacob Schwieger wirft der Staatsanwaltschaft Freiheitsberaubung vor und fordert eine Entschuldigung an seinen Mandanten. Die Berührung im Hüftbereich sei gewiss eine widerliche Sache und rechtfertige ein Hausverbot im Schwimmbad; eine erhebliche Straftat sei sie nicht. Angesichts der Aussage der Bademeisterin sei nicht auszuschließen, dass die Mädchen das ungebührliche Verhalten provoziert hätten. Er fordert Freispruch für Herrn Azizi.

Die Richterin zieht sich mit den Schöffen kurz zur Beratung zurück. Mohammad wird freigesprochen. Auch Herrn Azizi spricht die Richterin vom Vorwurf der Vergewaltigung frei: Die Lücken in Jessicas Kurzzeitgedächtnis machten ihre Aussage wertlos - auch wenn sie in Teilen richtig gewesen sein könnte.

Bleibt der Kuss: eine Tat, die Herr Azizi selbst als "abscheulich" bewertet habe und die auch rechtlich erheblich sei. Denn gerade im Schwimmbad dürften spärlich bekleidete Gäste erwarten, nicht festgehalten und an der bloßen Haut berührt zu werden, noch dazu mit dem Mund. Auf die Aussage der Bademeisterin geht die Richterin nicht ein. Sie verurteilt Herrn Azizi wegen sexueller Nötigung in einem minder schweren Fall zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Zwei Wochen nach dem Urteil, das Herrn Azizi wie betäubt zurücklässt, warten seine Frau Faride und er im Asylbewerberheim auf die Geburt ihres dritten Kindes, jeden Tag kann es so weit sein. Herr Azizi bringt Tee, er will nicht mehr über das Gefängnis reden, sonst kommen ihm die Tränen. Er sagt, er schäme sich dafür, seine Frau enttäuscht zu haben. Sie sagt, sie sei glücklich, ihn wieder zu Hause zu haben. Auch wenn sie damit gerechnet habe, man werde ihn freisprechen und entschädigen, schließlich hätten die Mädchen Leid über die ganze Familie gebracht. Gegen das Urteil will Herr Azizi in Berufung gehen.

Mohammad, der 14-Jährige, wird wohl eine Entschädigung für die Untersuchungshaft bekommen, 25 Euro pro Tag. Niemand hat sich bei ihm entschuldigt - obwohl umgekehrt, wie er festgestellt hat, alle darauf pochen, dass sich Flüchtlinge an die Regeln halten sollen.

Dem Mädchen, das ihn fälschlich als Vergewaltiger beschuldigte, droht keine Strafe - ist das gerecht? Mohammad überlegt lange, bevor er antwortet: "Sie ist eine Gefahr für die Gesellschaft", sagt er. "Ich war zornig auf sie. Ich wusste nicht, dass sie psychisch krank ist." Er wundere sich nur, dass die Justiz ihr nach all den anderen Geschichten ausgerechnet die über ihn glaubte. Mohammad sagt, er wolle später Jura studieren und Rechtsanwalt werden.

Fragt man Jessicas Mutter, was sie nach dem Urteil bewegt, sagt sie: Seit der Hirnoperation ihres Kindes vor drei Jahren ringe die Familie um ihren Alltag. Im Radio habe sie gehört, dass die Richterin in ihrer Urteilsbegründung sagte, die Aussage ihrer Tochter habe keinen Beweiswert. Das heiße aber nicht, dass sie gelogen habe.

Das, sagt die Mutter, sei für sie der wichtigste Satz gewesen.

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Brandherd Syrien: Putins Werk, Obamas Beitrag


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