AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2016

Der singende Antichrist Wie fies war Nero wirklich?

Er soll Rom angezündet und Petrus gekreuzigt haben: Kaiser Nero ist der Inbegriff des Bösen. Doch stimmt das wirklich? Einige Historiker wollen den wirren Leierspieler rehabilitieren.

Büste von Kaiser Nero
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Büste von Kaiser Nero

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An einem Dezembertag im Jahr 37 nach Christus brachte die in Köln geborene Adelstochter Agrippina einen Jungen in Beckenendlage zur Welt, der auch später als Regent aller Welt gern den Hintern zeigte und Tabu um Tabu brach. Als er regieren sollte, sang er; statt Kinder zu zeugen, heiratete er zwei Männer; und statt die Mutter zu ehren, ließ er sie erdolchen.

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Heft 21/2016
Alle drei Minuten wird in Deutschland eingebrochen, der Staat lässt seine Bürger allein

Als Ungeheuer ging der römische Prinzeps Nero in die Geschichte ein. Im Alter von 30 Jahren hatte er bereits so viel Unheil angehäuft, dass der Senat die "damnatio memoriae" über ihn verhängte: Sein Andenken wurde ausgelöscht, er selbst in den Selbstmord getrieben.

Auf der Hitliste der Berühmtheiten liegt er dennoch weit vorne - gleich hinter Jesus. An die 150 Opern, Dramen und Filme wurden ihm gewidmet. Unvergessen: der Kino-Nero Peter Ustinov als tuntiger Musikus.

Schuld am üblen Leumund sind vor allem seine antiken Biografen Tacitus und Cassius Dio (beides Senatoren) sowie der hohe Beamte Sueton. Sie ließen wenig Gutes an dem Herrscher. Rom soll er angesteckt, die ersten Christen verbrannt und die Apostel Paulus und Petrus gekreuzigt haben. In der Bibel erscheint er als satanisches Ungeheuer mit der Codezahl 666 auf der Stirn - dem hebräischen Zahlenwert seines Namens.

Vernichtend auch das Urteil des Historikers Theodor Mommsen: Nero sei eine Null gewesen, an Politik nicht interessiert. Doch stimmt das auch? Die jüngere Forschung bemüht sich um ein anderes Bild.

Von "2000 Jahren Verleumdung" spricht der Italiener Massimo Fini. Nero habe als "hervorragender Staatsmann" eine "Kulturrevolution" angestrebt. Ein Buch des Stuttgarter Althistorikers Holger Sonnabend preist ihn als "Meister der Inszenierung" politischer Macht.

Zwar ließ der Kaiser eine 36 Meter hohe Riesenbronze von sich gießen. Vom Scheitel bis zur Sohle war sie größer als die Freiheitsstatue von New York. Doch den Verfassern neuer "herrschaftssoziologischer" Studien gilt dies nicht mehr als Größenwahn, sondern als Ausdruck stimmiger Repräsentation.

Dass er seine schwangere Ehefrau durch einen Tritt in den Bauch tötete, halten die neuen Fürsprecher für ein Gerücht. Die Dame sei wahrscheinlich an pränatalen Komplikationen gestorben. Selbst am Ausbruch des großen Brandes 64 nach Christus, heißt es, sei Nero gar nicht schuld gewesen, weil er zu der Zeit fernab Roms in der Sommerfrische weilte - als hätte der Cäsar keine gedungenen Feuerteufel bezahlen können.

Wie böse war Nero wirklich?

Zwar mordete er nie im Rausch, Gladiatorenkämpfe bis zum blutigen Tod ließ er nicht zu. Doch es bleiben genug Schandtaten übrig: So rottete der Unhold kaltblütig die halbe Familie aus, darunter zwei Gattinnen, die Mutter, eine Tante und den Stiefbruder.

Wirr und fahrig ging er ans Regieren. Mal befahl er, am Isthmus von Korinth 500000 Kubikmeter Gestein für einen Kanalbau auszuheben. Das Projekt scheiterte. Dann wieder schickte er eine Expedition los, die Quelle des Nil zu suchen, was ebenfalls nicht klappte.

Mehr Erfolg hatte er beim Essen. Er tafelte "von Mittag bis Mitternacht" (Sueton) und nahm stetig an Leibesfülle zu. Späte Münzporträts zeigen ihn mit Doppelkinn.

Beschützer und fürsorglicher Patron des Vaterlandes solle der Kaiser sein, so forderte es die römische Tradition. Nero dagegen vergnügte sich. Die Front hat er nie besucht. Als sein Nachfolger Vespasian Inventur machte, fehlten in der Staatskasse 40 Milliarden Sesterzen - der größte Verschwender der Weltgeschichte hatte sie verjubelt.

Das meiste Geld verschlang seine Domus Aurea ("Goldenes Haus"). Lange kannte man die Palastanlage nur aus antiken Berichten. Erst in den vergangenen Jahren haben Archäologen ermittelt, wie prächtig Nero Hof hielt (siehe Darstellung unten).

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Um an das Bauland zu gelangen, hatte der Staatschef nach dem großen Brand private Grundstücke enteignet. Nun empfing er dort Senatoren und Bittsteller zur morgendlichen Salutatio - nicht selten in "Hauskleidung", also im Morgenmantel, wie Tacitus tadelte. Das politische Tagesgeschäft verwandelte sich in einen Akt der Muße.

Zur Entlastung des Prassers sei allerdings gesagt, dass er lange Zeit nur ein Werkzeug seiner Mutter war. Agrippina hatte Klein Nero mit einem liederlichen Adligen gezeugt. Bald danach versuchte die machtgierige Frau, ihren Bruder, den amtierenden Kaiser Caligula, zu beseitigen. Als das Komplott aufflog, wurde sie abgeschoben. Ihr einjähriger Sohn kam zur Tante.

Nach der Verbannung heiratete Agrippina den nächsten Throninhaber, Claudius, der eine Triefnase besaß. Obwohl der Mann bereits drei leibliche Kinder hatte, gelang es ihr, Nero als Kronprinzen in Stellung zu bringen. Als alles eingefädelt war, vergiftete Agrippina ihren Ehemann mit einem Pilzgericht.

Im Jahr 54 nach Christus stand der verträumte Jüngling an der Spitze des Reichs, gepusht durch den "morbiden Unternehmungsgeist" der Mutter (Sonnabend).

Seine Flucht in die Kunst sei der Versuch gewesen, sich ihrer Instrumentalisierung zu entziehen, glauben einige Forscher. Schon früh spielte der Knabe Kithara, eine Urform der Gitarre. Er schrieb Gedichte, malte und meißelte. Um seine Stimme zu kräftigen, übte er liegend mit Bleiplatten auf der Brust.

Auch sein Gefühlsleben wurde durch die Seelenkälte der Mama nachhaltig verkorkst. Sueton erzählt, dass er bei Sexspielen in ein Tierfell schlüpfte, die Schamteile gefesselter Sklaven beschnüffelte und sich sodann hell und laut stöhnend übermannen ließ. Während der junge Kaiser musizierte, mischte sich Agrippina in die Regierungsgeschäfte ein; sie verfasste sogar Briefe an Provinzgouverneure.

Seneca und der Prätorianerpräfekt Burrus, betraut mit der Staatsführung, setzten dem allerdings beizeiten ein Ende. Die Störerin wurde aus dem Palast entfernt.

Doch auch Nero selbst machte den Profis bald Sorgen. Der Teenager tollte nachts mit Perücke oder als Sklave verkleidet durch die Spelunken von Rom. Er schwärmte für Wagenrennen und erlernte das Lenken der Vierspänner auf einem abgesperrten Gelände am Mons Vaticanus. Später trank er in Wasser aufgelösten Wildschweinkot. Das Gesöff galt als Dopingmittel für Rennfahrer.

All das erregte den Argwohn des Senats. Schauspielerei galt als anrüchiges Gewerbe. Theaterauftritte verstießen gegen die Würde des senatorischen Standes und waren der Oberschicht per Gesetz ausdrücklich verboten.

Fünf Jahre lang wurde das Staatsschiff gleichwohl leidlich vernünftig gesteuert. Während Nero sich vergnügte, zog Seneca im Hintergrund die Strippen.

Dann aber folgte eine Untat, die bis heute psychologisch kaum ausgeleuchtet ist: der Mord an der Mutter. Womöglich brachte Nero sie um, weil sie seine musischen Neigungen verspottete, vielleicht auch, weil er nur mit Gewalt ihren dämonischen Schatten abschütteln konnte. 59 nach Christus ließ der Kaiser ein Schiff so präparieren, dass es zerbrechen sollte. Dann lockte er Agrippina an Bord. Über ihrem Bett befanden sich absturzbereite Bleiplatten.

Animation im Video: Neros goldenes Haus

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Doch der tückische Mechanismus verletzte die Frau nur leicht. Sie rettete sich schwimmend. So blieb nichts anderes übrig, als sie auf klassische Weise mit dem Schwert zu töten.

Unmittelbar nach der Tat wagte sich der Regent erstmals auf eine Bühne, zunächst nur privat. In seinem Theater am Tiber trug er mit Leier und dünnem Stimmchen Lieder vor. Unterstützt wurde er von bezahlten Applaudierern, die unentwegt "herrlicher Cäsar" oder "unser Apollo" brüllten.

In die Politik mischte sich der junge Kaiser nun immer öfter ein - was dem Reich nicht gut bekam. Der altgediente Finanzchef wurde entlassen. Auch Seneca quittierte entnervt sein Amt.

Als neuer Berater fungierte nun Tigellinus, ein übler Militär, der seine Karriere als Züchter von Rennpferden begonnen hatte und für seinen neuen Herrn die Auftragsmorde ausführte.

Was folgte, war ein ungehemmter Absturz in die ästhetische Apokalypse. Nero stiftete einen Wettbewerb, bei dem die besten Sänger, Poeten und Rennfahrer gekürt wurden. Auf dem Marsfeld ließ er eine gigantische Therme mit Speiern, Schwitzbädern, hohen, lichtdurchfluteten Sälen und weitläufigen Gymnastikwiesen bauen.

Auch privat griff er nach höchster Schönheit. Er heiratete in zweiter Ehe die hübscheste Frau ihrer Zeit. Poppaea hatte rotgoldenes Haar und eine schneeweiße Haut, die sie durch das Baden in Eselsmilch pflegte. Der Dichter Petronius fungierte am Hof derweil als "Schiedsrichter des feinen Geschmacks".

Neros Gesang erklang in Rom nun immer öfter. Der erste öffentliche Auftritt sei "eine Sensation" gewesen, urteilt der Historiker Sonnabend, "ihn fünfmal zu hören, war eine Qual". Doch der Kaiser sorgte vor. Er verbot den Gästen, das Theater vorzeitig zu verlassen. Einige, so Sueton, hätten sich daraufhin scheintot gestellt, um auf der Krankenbahre dem Geklimper zu entkommen.

Modell der übergroßen Nero-Statue

Modell der übergroßen Nero-Statue

Tacitus schrieb: "Am Schluss beugte er das Knie, warf dem Publikum Kusshände zu und wartete mit verstellter Angst auf das Urteil der Preisrichter."

So ging es fort und fort. Während es in Jerusalem brodelte und in Armenien Aufstände aufflammten, lernte der erste Mann im Imperium umfängliche Bühnentexte auswendig, etwa zum geblendeten Ödipus oder dem Herakles in den Klauen des Wahnsinns.

Auch privat lief nicht alles rund. Nach dem Todestritt in den Bauch der Poppaea (65 nach Christus) gab sich Nero untröstlich, er ließ die Schöne einbalsamieren. Als Ersatz heiratete er einen Lustknaben, der seiner Frau entfernt ähnelte. Bei der Trauung erschien Nero im roten Schleier.

Es war, als würde sich das Reich in eine irre, fiebrige Dauerparty verwandeln, an der zunehmend auch Senatoren und Ritter teilnahmen. Die Esel am Hof liefen in goldenen Schuhen herum. Der Kaiser tafelte an Tischen aus Zitronenholz.

Dem konservativen Adel indes drehte sich der Magen um. In der "Pisonischen Verschwörung" tat sich die Oberschicht 65 nach Christus zusammen - und scheiterte mit ihrem Putsch.

So war der Weg frei für die letzte große Sause. Seine Majestät, der Musenmann, begab sich auf eine Sangestour durchs geliebte Griechenland. Mit einem mehrtausendköpfigen Tross zog er 15 Monate lang von einer Wettkampfstätte zur nächsten. In Nemea holte er den Selleriekranz als bester Klampfer, in Olympia fiel er aus dem Zehnspänner, erhielt von den korrupten Schiedsrichtern aber gleichwohl den Lorbeer. Insgesamt heimste er 1808 Siegeskränze ein.

Im Triumphwagen, gekleidet in ein Purpurgewand als Feldherr der Töne, kehrte der Kaiser schließlich nach Rom heim. Man schlachtete für ihn Opfertiere und besprengte die Wege mit Safranwein.

So hätte es ewig weitergehen können. Dem einfachen Volk gefiel der Freudentaumel. Nur leider wurde das Geld knapp, nach und nach flohen seine Getreuen. Schließlich erklärte ihn der Senat für vogelfrei.

Am Ende saß der Unglückliche einsam und zerrüttet in einer Villa vor Rom und rief: "Welch ein Künstler geht mit mir zugrunde." Dann rammte er sich den Dolch in den Hals.

So schied er denn dahin, der Kaiser, der wie kein anderer fremder Leute Steuergelder verprasste - allerdings nicht mit bräsigem Gesicht wie heutige Finanzminister, sondern voller Lust und Sinn für den schönen Schein.



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jamguy 09.07.2017
1. Kaiser
Bei der Architekturinteresse hatte dieser Nero ganz sicher ganz viel politisch Ambitionen und war wohl zu liberal und war Opfer reinem Machtstrebens?
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