AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2018

Robotikforscher Der doppelte Professor

Der Robotikforscher Stefan Schaal war ganz oben angelangt, ein Spitzenmann in einem Zukunftsfeld. Aber ihm reichte das wohl nicht.

Computerwissenschaftler Schaal bei einem Robotikseminar in den USA 2014

Computerwissenschaftler Schaal bei einem Robotikseminar in den USA 2014

Von Rex Dalton


Als Stefan Kai Schaal beschloss, künftig mehr Geld zu verdienen, nahm er erst einmal eine Auszeit. Eine lange Auszeit: Mehr als zwei Jahre brauchte der Forscher, um sein neues deutsches Leben nahtlos und unauffällig in das alte amerikanische zu fügen.

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Heft 10/2018
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Schaals Arbeitgeber, die University of Southern California (USC) in Los Angeles, zeigte sich kulant. Sie gewährte dem renommierten Informatiker mitten im Semester das Sabbatical, das er an dem Tag beantragt hatte, als er zu Hause rausflog und seine Frau nach neun Jahren Ehe die Scheidung einreichte.

Das ist jetzt sechs Jahre her. Es folgte ein Rosenkrieg, in dessen Verlauf Schaal, heute 56, dem kalifornischen Gericht seine Einkünfte offenlegen musste. Diese und andere Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen, offenbaren mehr als nur die Finanzlage eines deutschen Computerwissenschaftlers. Sie offenbaren, wie die Globalisierung des Wissenschaftsbetriebs diesen verletzlich macht. Sie zeigen, wie in einem ohnehin schon unübersichtlichen System dunkle Ecken entstehen, Schlupflöcher, die ein cleverer, kreativer Mensch mühelos zu seinem Vorteil nutzen kann.

Ein Mensch wie Stefan Schaal.

Damals plante die Max-Planck-Gesellschaft ein neues Institut in Tübingen; er sollte dort Direktor werden. Die Chance für Schaal: Er sagte dem Max-Planck-Institut (MPI) für intelligente Systeme zu - aber der USC nicht ab. Schaal wollte den glamourösen Posten in Tübingen, ohne auf den Strand von Santa Monica verzichten zu müssen - an sich nicht weiter bemerkenswert; es ist durchaus erwünscht, dass Wissenschaftler international unterwegs sind.

Seine Lebensenergie wendete Schaal fortan dafür auf, in jedem Job - beides hauptamtliche Tätigkeiten - jeweils so zu tun, als stünde dieser im Zentrum seiner wissenschaftlichen Arbeit.

Dies gelang ihm offenbar so gut, dass beide Institutionen nicht bemerkten, was Schaal da trieb: "Es ist uns erst kürzlich aufgefallen, dass Schaal eine bezahlte Vollzeitbeschäftigung am MPI innehatte", sagt eine USC-Sprecherin. Die Universität überprüfe nun den Sachverhalt und werde abwägen, "ob Maßnahmen erforderlich sind".

Die Max-Planck-Gesellschaft, immerhin eine von Steuergeldern finanzierte Institution, findet es zwar laut einer Sprecherin "nicht angemessen", wenn einer der Direktoren "eine zweite 100-Prozent-Beschäftigung" ausübe. Zugleich wird aber eine US-Professur dort offenbar grundsätzlich als eine Tätigkeit gesehen, die nicht mehr als 75 Prozent der Arbeitszeit beanspruchen dürfte - ein Freibrief für Möchtegern-Doppeljobber.

In internen Dokumenten der USC ist wiederholt davon die Rede, dass Schaal eine Vollzeitstelle auszufüllen habe, doch er selbst ist der Auffassung, dass eine Anstellung an jener Uni "maximal eine 75-Prozent-Teilzeitstelle und keine Vollzeitstelle" sei. "MPI-IS und USC wussten von Anfang an voneinander", schrieb er in einer Stellungnahme. Informationen über die Verteilung der Arbeitszeit habe er nie "explizit gegeben", aber "darauf geachtet, dass ich alle meine Verpflichtungen an beiden Institutionen erfülle." Im Rahmen dieses "sauberen Arrangements" zahle das Max-Planck-Institut für intelligente Systeme für seine Reisen nach Kalifornien. Und Dokumente belegen, dass die USC für seine Spesen bei Tübingen-Aufenthalten aufkam.

Die Dokumente zeigen aber auch, dass der Professor aus L.A. sich eben nicht so einfach verdoppeln ließ. Es gab finanzielle Unregelmäßigkeiten, Halbwahrheiten und einen ebenso kreativen wie verschwenderischen Umgang mit öffentlichen Geldern.

So kassierte Schaal im Jahr 2012, das zeigen die Gerichtsakten, doppelt ab: für mindestens zwei Reisen von Los Angeles nach Deutschland und retour. Das MPI zahlte 14.000 Dollar allein für die Flüge, die USC - über öffentliche Gelder - 3500 Dollar. Laut den Unterlagen gab es weitere, mehr als fragwürdige Erstattungen diverser Auslagen des Professors, etwa für seine Unterkunft in Los Angeles nach der Scheidung.

Ein Anwalt Schaals behauptet, sein Mandant habe der kalifornischen Uni noch im selben Jahr 10.000 Euro an möglichen irregulären Zahlungen zurückerstattet. Die USC hat angekündigt, das überprüfen zu wollen.

Schaals Karriere als wahrhafter Doppelverdiener, die ihm jährlich bis zu 350.000 Dollar aus seinen sämtlichen Tätigkeiten eingebracht hat, inklusive großzügiger Spesen, spiegelt wider, wie schwierig es für akademische Institutionen geworden ist, ihr Spitzenpersonal zu kontrollieren.

Während seines Sabbaticals leitete Schaal ein Team, das Kontrollsysteme für einen Rettungsroboter entwickeln sollte, eine mobile Maschine, die sich bei Katastrophen an Orte vorkämpfen kann, die für Feuerwehrleute und andere Helfer zu gefährlich sind. Die Forschungsagentur des US-Verteidigungsministeriums, Darpa, hatte einen Wettbewerb ausgelobt: die Robotics Challenge. Es galt, einen Roboter zu entwerfen, der einen anspruchsvollen Hindernisparcours bewältigen kann.

Die Darpa gewährte einer Reihe von konkurrierenden Teams Fördergelder für die Entwicklung eines solchen Roboters. Die Gruppe der USC, die mit der Firma Sarcos zusammenarbeitete, damals eine Tochterfirma des Rüstungskonzerns Raytheon, sollte drei Millionen Dollar erhalten. Bei einem Sieg in dem Wettbewerb, der für den Juni 2015 bei Los Angeles geplant war, hätte es zusätzlich zwei Millionen Dollar Preisgeld gegeben.

Aber das USC- und Sarcos-Team kam über die erste Projektphase nicht hinaus; im Juni 2013 kappte die Darpa die Fördergelder. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits knapp 1,8 Millionen Dollar an die Forschergruppe geflossen. Gil Pratt, der bei der Darpa den Wettbewerb betreute, sagt heute, Unzulänglichkeiten im Design des Roboters seien der Grund für den Förderstopp gewesen.

Heute auf das Projekt angesprochen, nennt Schaal es zunächst "sehr cool", später jedoch, als das Gespräch darauf kommt, dass die Darpa die Gelder einfror, spricht er von einer "dummen Sache".

Immerhin, für einen PR-Coup Schaals sollte der Entwurf seines Teams, ein Roboter namens Athena, noch taugen: Im Dezember 2014, ein halbes Jahr vor dem Finale des Wettbewerbs, wurde Athena in Los Angeles in einen Rollstuhl verfrachtet und, von Fernsehteams gefilmt, mit viel Bohei auf einen Linienflug nach Frankfurt eingecheckt. Die Pressemitteilungen des MPI und der USC feierten Athena als ersten Robopassagier der Geschichte.

Roboter Athena, Schaal-Mitarbeiter 2014: "Eine dumme Sache"
REUTERS

Roboter Athena, Schaal-Mitarbeiter 2014: "Eine dumme Sache"

Möglicherweise diente der Roboter vor allem dazu, Schaals Doppelleben zu gewährleisten. Denn im Sommer 2013 beantragte Schaal bei seiner Fakultät an der USC ein weiteres Jahr bezahlter Auszeit. Er schrieb in die Begründung, unter anderem habe das Athena-Projekt "demonstriert, dass es machbar ist, zwei Forschungsgruppen zu betreiben", verteilt auf Los Angeles und Tübingen.

Es war gerade mal wenige Wochen her, dass der Darpa-Geldfluss versiegt war, und doch prahlte Schaal gegenüber seinen Vorgesetzten damit: Der humanoide Roboter für Katastrophenszenarien, den sein Team mit der Darpa-Förderung entwickle, stünde für USC- und Max-Planck-Forscher zur Verfügung.

Sein Anschreiben hatte die gewünschte Wirkung: Sein direkter Vorgesetzter Gaurav Sukhatme, Leiter der Informatikabteilung an der Fakultät, riet dazu, Schaals Ansinnen nach einer - eigentlich an der USC absolut unüblichen - Verlängerung seiner Auszeit "nachdrücklich zu unterstützen". Womöglich gelinge es der Universität ja, schrieb Sukhatme, nicht nur die drei Millionen Dollar Förderung einzustreichen, sondern gar die zwei Millionen Dollar Preisgeld für den Darpa-Wettbewerb.

In der Korrespondenz der Fakultätsführung wurde Schaal als "Gelehrter von hohem Ansehen" bezeichnet, als "einer der weltweit führenden Experten in der Robotik". Selbst in seiner Auszeit habe er "erfolgreich und in vollem Umfang seine Verpflichtungen an der USC erfüllt".

Keines dieser Memos vom Juli und August 2013 erwähnt den Finanzierungsstopp der Darpa. Hat Schaal seinen Vorgesetzten gar nicht gesagt, dass er dieses Preisgeld nie bekommen würde? Dass auch die Fördergelder versiegt waren? Er selbst sagt: "Das war meinen USC-Kollegen bekannt, ohne dass solche Dinge speziell angezeigt werden müssen." Seine Auszeit wurde damals problemlos verlängert.

Kurz darauf hat sich der findige Informatiker noch einen weiteren Job verschafft: als Hobbybuchhalter. Im Dezember 2014 gründete Schaal die Firma SKS Autonomous Systems Inc. in Reno, Nevada. In seinem Scheidungsverfahren gab er an, die Firma zu nutzen, um seine "Steuererklärungen zu verbessern". Offenbar diente sie als eine Art Dach für ein "Händlerkonto" (Schaal), auf dem Zahlungen abgewickelt wurden, die man eigentlich am Tübinger MPI verorten würde: Schaal leitete die Teilnahmegebühren für einen Workshop, den ein Kollege im Dezember 2015 in Chile veranstaltete, über seine Firma.

Diese Transaktionen bestreitet Schaal nicht. Er erklärt, dass jede Konferenzorganisation solch ein Konto habe und alle Einnahmen an die Konferenzorganisation ausgezahlt worden seien. Schaal: "Die Konferenzorganisatoren hatten diese billige finanzielle Lösung begrüßt und wussten von Anfang an davon."

Der Workshop-Veranstalter Michael Black behauptet jedenfalls, er habe keine Ahnung davon gehabt. Schaal wiederum war weder in Chile anwesend, noch hatte er inhaltlich etwas zu tun mit jenem Forschertreffen.

Seine neue Partnerin möglicherweise schon. Sie organisierte Konferenzen für das Tübinger MPI, bevor sie im September 2016 in die Elternzeit ging.

Michael Black sagt, dass er auch von Schaals Vollzeitjob an der USC nichts wusste - obwohl beide Männer Gründungsdirektoren des MPI für intelligente Systeme waren; Black leitete darüber hinaus von 2013 bis 2015 das Institut.

Der Mann ist ein Vorzeigeforscher, auch im Sinne der Max-Planck-Gesellschaft: Am Tübinger MPI entwickelte Black eine Software, die aus dem Foto eines Menschen ein 3-D-Modell von dessen Körper errechnen kann - nützlich für die Bekleidungsindustrie ebenso wie für Strafverfolgungsbehörden.

Als Spin-off seiner Forschungsarbeit gründete Black die Firma Body Labs. Im Herbst 2017 kaufte Amazon das Start-up, angeblich für mehr als 50 Millionen Dollar. Nun gründet Amazon ein Forschungszentrum in Tübingen; es heißt, der Gigant aus Seattle wolle 100 Mitarbeiter einstellen.

Stefan Schaal hat keine solchen lukrativen Patente, keine Spin-offs. Er sagt, das sei auch nicht sein Ziel. Sein neues Ziel müsste wohl lauten: Downsizing. Denn am Montag, nachdem der SPIEGEL mit den Recherchen über Schaal erschienen war, gab die Max-Planck-Gesellschaft bekannt, dass sie das Beschäftigungsverhältnis mit Schaal beendet habe. Er sei in einem Umfang Dienstverpflichtungen eingegangen, "wie es nach den Vereinbarungen und Regeln in der MPG nicht zulässig ist", hieß es.

Nun wird auch hier geprüft, ob Schaal zu Unrecht Leistungen erhalten habe, die gegebenenfalls zurückzufordern seien.



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