AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2016

Kampf gegen gewaltbereite Fußballfans Der Staat rüstet auf

Verdeckte Polizeidateien, Speichelproben für DNA-Analysen, "Idiotentests": Die Behörden gehen massiv gegen auffällige Fußballfans vor. Dabei tricksen sich die Gesetzeshüter auch an geltendem Recht vorbei.

Anhänger von Rot-Weiß Erfurt mit bengalischem Feuer und Rauchfackeln im Mai beim Lokalderby in Jena
Worbser / Imago Sport

Anhänger von Rot-Weiß Erfurt mit bengalischem Feuer und Rauchfackeln im Mai beim Lokalderby in Jena

Von , Thorsten Poppe und


Als Fußballfan hat es Wiebke K. nicht leicht. Ihr Verein Hannover 96 spielt mal wieder in der zweiten Liga. Die Leidenschaft für den Klub hat dies kaum getrübt. Seit 14 Jahren ist die 27-jährige Rechtsanwaltsgehilfin glühende Anhängerin des Vereins aus Niedersachsen.

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Heft 46/2016
(wie wir sie kennen)

Erst als ihr deshalb Probleme im Beruf drohten, hat die Zuneigung gelitten. Die schmale, kaum mehr als 160 Zentimeter große Frau mit dem blonden Pferdeschwanz wehrt sich gerichtlich dagegen, vom Staat wie ein Hooligan behandelt zu werden. Sie hat die Polizeidirektion Hannover verklagt, persönliche Daten von ihr zu löschen.

Vor zweieinhalb Jahren wollte Wiebke K. wie so oft ihren Verein bei einem Auswärtsspiel begleiten, diesmal in Braunschweig. Die dortige Polizei teilte ihr jedoch mit, sie sei unerwünscht, sie sprach ein "Betretens- und Aufenthaltsverbot" gegen sie für das gesamte Stadtgebiet aus. Warum? Einige Wochen später klärte die Polizei Hannover sie nach mehrmaligem Nachfragen auf, sie sei in einer Datei zur "Problemfanszene" erfasst. Acht Eintragungen gab es, neben Fotos und ihrer Anschrift hatte die Polizei ihr dort einen "Spitznamen" gegeben: "Ultra".

Durch Wiebke K.s Nachhaken kam heraus, dass die Polizei heimlich, still und leise ein weiteres Fußballregister eingeführt hat: die SKB-Datei.

SKB steht für "szenekundige Beamte". Polizisten, die Fußballfans begleiten, tragen dort Personen ein, die sie im Stadionumfeld fotografiert oder deren Personalien sie aufgenommen haben. Oder gegen die ermittelt worden ist, auch wenn es nie zu einer Anklage kam. Die Daten wurden zwischen Dienststellen in Deutschland ausgetauscht.

Die SKB-Datei hat die Auseinandersetzungen zwischen den Ultras und der Polizei massiv verschärft. Nach und nach stellte sich heraus, dass bundesweit einige Tausend Fußballfans in solchen Dateien geführt werden - meist, ohne das zu wissen. Viele fühlen sich stigmatisiert, zu Unrecht kriminalisiert, wie Wiebke K. sagt: "Ich halte mich fern, wann immer es zu Krawallen kommt, ich will damit nichts zu tun haben."

Dass sich rivalisierende Fangruppen Schlägereien liefern, ist fast so alt wie die Geschichte des Fußballs als Volkssport. In den Neunzigern wurden die Ultras zum Massenphänomen in den Kurven: junge Fans, die nicht nur an Spieltagen aktiv sind, die Choreografien basteln und sich in vielen Städten jeder Kommunikation mit der Polizei verweigern. Als Reaktion darauf rüstete diese immer weiter auf, eine massive Zahl an Einsatzkräften sichert die Spiele ab.

Beide Lager haben sich gegenseitig hochgeschaukelt. Und beide haben ihre Logik, um das zu rechtfertigen: Gängeleien und einzelne Fälle willkürlicher Polizeigewalt gegen Fans sind für Ultras ein willkommener Grund, sich in ihrer "All Cops are Bastards"-Attitüde einzurichten. Gewaltsame Ausschreitungen, Feindseligkeit und Ereignisse wie Ende Oktober, als Fans in Hamburg einen Zivilpolizisten krankenhausreif traten, sind wiederum die Rechtfertigung dafür, dass der Staat aufmarschiert.

Hannover-96-Fan Wiebke K.
Sonja Och / DER SPIEGEL

Hannover-96-Fan Wiebke K.

In Deutschland gibt es nach Schätzungen weit über zehntausend Ultras. Nicht alle sind Spatzen. Aber alle haben das Gefühl, dass mit Kanonen auf sie geschossen wird.

Als Messlatte für die Gewalt bei Fußballspielen gilt die jährliche Statistik der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) der Polizei. Die ZIS-Statistik listet auf, was an Störungen über eine Saison hinweg zusammenkommt. Nach Zahlen vom Oktober wurden in der vergangenen Saison 13.467-mal Fans festgesetzt und 7773 Strafverfahren eingeleitet. 1265 Personen wurden verletzt, bezogen auf die Spiele ist dies einer von 17.000 Zuschauern.

Auffällig ist, dass es insgesamt etwas ruhiger geworden ist, auch die Zahl der eingesetzten Polizisten ist zum Teil zurückgegangen. Die ausgesprochenen Stadionverbote sanken gegenüber der Vorsaison erheblich: von 1239 auf 829. Auch die Zahl der Ermittlungsverfahren bei Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz - gemeint ist damit das Abbrennen von Bengalos und Rauchtöpfen sowie das Abfeuern von Raketen - reduzierte sich: um über ein Drittel auf 566 Fälle. Nur die Zahl der Festnahmen stieg stark an.

Die Innenminister der Länder warnen davor, die Lage zu verharmlosen. "Der hohe Organisationsgrad großer Störergruppen, die sich gruppendynamische Prozesse gezielt zu eigen machen, um sich bei polizeilichen Maßnahmen zu solidarisieren, stellt die Polizei vor besondere Herausforderungen", heißt es etwa aus dem hessischen Innenministerium.

Die andere Seite hat für die Aufregung der Polizei wenig Verständnis. In der Kanzlei des Rechtsanwalts Andreas Hüttl hängt hinter Glas das Trikot eines Profis von Hannover 96, handsigniert. An Hüttl wenden sich Mitglieder der deutschen Fanhilfen, wenn sie Ärger mit der Polizei haben. Er hat viel zu tun, meist sind es Lappalien. "Während die Gewalttaten im Umfeld der Stadien abgenommen haben", sagt er, "haben die repressiven Maßnahmen immer weiter zugenommen."

Bestes Beispiel sei die SKB-Datei. Hüttl vertritt Wiebke K. vor Gericht. In der ersten Instanz konnten sie erreichen, dass einige Eintragungen gestrichen werden, zum Beispiel ein eingestelltes Ermittlungsverfahren, von dem Wiebke K. nie etwas erfahren hatte.

Die Einführung dieser Datei sei "eindeutig rechtswidrig" gewesen, sagt Hüttl. Erst kurz vor Verhandlungsbeginn habe das Land Niedersachsen die gesetzlichen Anforderungen erfüllt. Nachträglich. "Der Staat hält sich nicht an Gesetze", sagt Hüttl, "aber er verlangt, dass sich die Fans stets brav und ordentlich verhalten." In der kommenden Woche steht Wiebke K. vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg, sie möchte alle Daten löschen lassen.

Auch in Hamburg tricksten die Behörden. Noch vor zwei Jahren leugnete die Hamburger Polizei öffentlich die Existenz einer SKB-Datei. Dann kam durch die Kleine Anfrage einer Linken-Abgeordneten Anfang des Jahres heraus, dass die Hamburger Polizei doch eine solche Datei geführt hat: mit mehr als tausend Anhängern des HSV und über 400 St.-Pauli-Fans. Angelegt wurde die Datei am 1. Juni 2006, wenige Tage vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Als die Existenz der SKB-Datei enthüllt war, blieb der Polizei Hamburg nichts anderes übrig, als sie komplett zu überarbeiten und einige Hundert Fans zu streichen.

Thüringen führt keine eigene SKB-Datenbank - aus Gründen des Datenschutzes, wie das Innenministerium betont. Dennoch möchte man die Daten anderer Bundesländer nutzen, wie Udo Götze, Staatssekretär des Innenministeriums, auf die Frage eines linken Landtagsabgeordneten zugab. Wie das zusammenpasst? "Ich gehe davon aus, dass die anderen Bundesländer datenschutzkonform arbeiten und diese Anfragen dann unproblematisch möglich sind", antwortete Götze.

In Nordrhein-Westfalen wollen mittlerweile einige Hundert Ultras von der Polizei wissen, was über sie gespeichert ist. Dort ist das Verhältnis zwischen Fans und Polizei besonders angespannt, viele Anhänger fühlen sich als Schwerkriminelle gebrandmarkt. Vor einiger Zeit etwa hat die Düsseldorfer Polizei DNA-Proben von zwei Anhängern genommen - auf freiwilliger Basis, wie sie sagt. Damit wolle man künftig Straftaten aufklären. Dies sei Teil des Konzepts "Intensivtäter Sport".

Dieser DNA-Speicheltest sorgt für viel Aufregung in der Fußballszene. "Von einer Entnahme auf freiwilliger Basis kann dabei nicht gesprochen werden. Entweder die Probe wird abgegeben, oder die Betroffenen erwartet eine härtere Gangart", sagt eine Fangruppierung; dabei sei zuvor niemand der involvierten Ultras strafrechtlich verurteilt worden.

Rauchschwaden, nachdem Dortmunder Fans Pyrotechnik gezündet haben
AFP

Rauchschwaden, nachdem Dortmunder Fans Pyrotechnik gezündet haben

Bekannt wurde im deutschen Fußball bisher nur ein Fall, in dem eine DNA-Analyse ein Delikt aufklären sollte. Vor vier Jahren warfen Anhänger des 1. FC Köln einen Pflasterstein auf einen Fanbus Mönchengladbachs. Doch die DNA-Untersuchung des Wurfgeschosses führte zu keinem gerichtlich verwertbaren Ergebnis.

In Oberhausen sind die Behörden im Kampf gegen Ultras noch innovativer. 15 Extremfans haben im Frühjahr von der Stadt die Aufforderung erhalten, sich einer Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) zu unterziehen, auch als Idiotentest bekannt. Einmalig in Deutschland. Die Begründung: Aufgrund ihres hohen Aggressionspotenzials sei davon auszugehen, dass die Ultras auch im Straßenverkehr impulsiv handelten. "Diverse polizeiliche Ermittlungen gegen Sie sind anhängig und aufgrund der Gruppierung auch in Zukunft zu erwarten."

Laut Aussage der Ultras sind 13 der insgesamt 15 Betroffenen niemals rechtlich belangt worden. Rot-Weiß Oberhausen äußerte sich zu der Maßnahme, obwohl sich die Vereine sonst gern aus dem Kampf Polizei versus Ultras heraushalten: Eine MPU und damit der eventuelle Verlust des Führerscheins sei "ein bisschen viel". Zumal auffällige Ultras ohnehin strafrechtlich verfolgt würden und Stadionverbot bekämen.

Die Intervention nutzte nichts: Die Stadt Oberhausen forderte vier Ultras im Oktober dazu auf, die MPU in den kommenden Wochen zu absolvieren. Die Angeschriebenen wollen der Aufforderung nun nachkommen, weil daran ihr Arbeitsplatz hängt.

Maßnahmen wie die DNA-Speichelprobe, die eigentlich für Schwerstverbrechen gedacht sind, lassen die Gräben zwischen Ultras und Polizei tiefer werden. Für mehr gegenseitiges Verständnis plädiert André Schulz, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Aggressivität sei kein Problem des Fußballs, sagt er, besonders zunehmende Übergriffe auf "Amtspersonen des öffentlichen Dienstes" beträfen die gesamte Gesellschaft. Da mache der Fußball keine Ausnahme: "Ähnliches erleben wir leider auch zunehmend bei anderen Routineeinsätzen, etwa bei Verkehrskontrollen."



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
janne2109 12.11.2016
1. wo ist das Problem?
Spiele ohne Zuschauer, das Problem löst sich schnell,
crazy_swayze 12.11.2016
2.
Beim Thema Hooligans zeigt sich wieder die komplette Inkompetenz des Staates. Durch diese Inkompetenz sind alle Fans der Willkür der Polizei ausgesetzt, siehe Wiebke K. Es wird zurzeit bei dem Thema seitens der Polizei auf Sippenhaft gesetzt - mMn ein skandalöses Vorgehen in einem Rechtsstaat. Wie wäre es denn zur Abwechslung mal, wenn man eindeutig identifizierte und Inflagranti erwischte Hooligans mit lebenslangem Stadionverbot und Gefängnisstrafen beikommt, und die restlichen Fans in Ruhe lässt?
wuhler 12.11.2016
3. Ultra ist nicht gleich Gewalt
Grundsätzlich steckt in Ihren Artikel auch ein Stück Wahrheit. Es ist aber zur Versachlichung der Diskussion unabdingbar, den sogenannten Ultra nicht gleichzusetzen mit gewaltbereiten Fans. Ein Ultra an sich ist lediglich ein Mensch, der sich über alle Maßen mit seinem Verein identifiziert und ihn durch dick und dünn begleitet. Ultras sind die, die dafür Sorgen, dass z.B. Bilder großartiger Choreografien jedes Wochenende die Stadien der Republik bunter und attraktiver machen. Ultras sind in erster Linie die, die dem Geschäft mit dem Fussball das Menschliche und Emotionale geben, welches die Zuschauer ins Stadion und vor den Bildschirm lockt. Ultras sind ein sehr wichtiger Bestandteil der Gesellschaft, die sich mit dem Fussball identifiziert. Dass es wie in jeder anderen Gesellschaft Menschen gibt, die Regeln zum Teil massiv brechen, macht nicht die Gesellschaft an sich zu einer gewaltbereiten Gruppierung. Und was ganz wichtig ist, die Gesellschaft wird daran sicher nicht zerbrechen.
Koppsi 12.11.2016
4. Ultras?
Es wäre ein Beweis für Qualitätsjournalismus, wenn die Redaktion zwischen Ultras und Hooligans unterscheiden würde.
Herbert Diess 12.11.2016
5. Diesem asozialen Fußball-Gesocks
Muss mit aller Härte begegnet werden! Zur Not konsequente Spielabsage. Und die Vereine müssen ENDLICH die Kosten für die massiven Polizeieinsätze etc. tragen! Wieso wird der Gesetzgeber hier nicht aktiv?
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