AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2017

Kapitalismus in der Krise "Die Ungleichheit beruht auf Raub"

Der Kapitalismus ist eine Erfolgsgeschichte, sagt der Wirtschaftsnobelpreisträger Sir Angus Deaton. Doch wer glaubt, dass dieses System ewig funktionieren wird, der irrt - wie ein Blick in die USA zeigt.

Obdachloser in Kassel
DPA

Obdachloser in Kassel

Ein SPIEGEL-Gespräch von Romain Leick


Seit mehr als 40 Jahren beschäftigt sich der britisch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Deaton, 71, mit Fragen der ökonomischen Entwicklung, der Armutsbekämpfung und dem Entstehen von Wohlstand und Ungleichheit. Für seine Studien erhielt er 2015 den Nobelpreis, voriges Jahr wurde der gebürtige Schotte in den Adelsstand erhoben. In seinem neuen Buch "Der große Ausbruch" (Klett-Cotta, 26 Euro) geht Deaton, der seit 1983 in Princeton forscht und lehrt, den Gründen für den atemberaubenden materiellen Fortschritt nach, der das Leben der Menschen in den vergangenen 250 Jahren so nachhaltig verbesserte wie nie zuvor in der Geschichte. Aber eben nicht für alle: Armut und Not sind nicht besiegt, die Ungleichheit zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern nimmt ebenso zu wie die Kluft zwischen armen und wohlhabenden Schichten innerhalb der hoch entwickelten Länder des Westens.

SPIEGEL: Professor Deaton, wird die moderne Welt von heute nicht nur immer reicher, sondern auch besser und gerechter?

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Heft 3/2017
Das Problem mit der Liebe und dem Geld

Deaton: Ich bin nicht einmal mehr sicher, ob sie reicher wird.

SPIEGEL: Aber geht es der Menschheit heute nicht besser als zu jedem früheren Zeitpunkt in der Geschichte? Ist der Kapitalismus nicht doch eine Erfolgsgeschichte?

Deaton: Das war er ganz gewiss für eine sehr lange Zeit. Die Aufklärung und die industrielle Revolution, die in Großbritannien im 18. und 19. Jahrhundert begann, setzte ein Wirtschaftswachstum in Gang, das Hunderte Millionen Menschen aus materieller Not herausführte. Die Lebenserwartung überall auf der Welt ist spektakulär gestiegen, sogar in der Dritten Welt stirbt nicht mehr jedes vierte Kind. Die andere Seite dieser Revolution aber nennen Historiker und Ökonomen die "Große Divergenz". Denn die Umwälzungen verbesserten nicht nur die Existenzbedingungen, sondern begründeten auch eine Welt der Unterschiede. Die Geschichte des materiellen Fortschritts, die ich erzähle, dreht sich sowohl um Wachstum als auch um Ungleichheit.

SPIEGEL: Ist Ungleichheit eine unvermeidbare Folge des Fortschritts?

Deaton: Die industrielle Revolution riss die Kluft zwischen dem Westen und den übrigen Teilen der Welt auf, die sich bis jetzt trotz aller Anstrengungen nicht geschlossen hat. Die weltweite Ungleichheit ist weitgehend das Produkt des modernen Wirtschaftswachstums.

SPIEGEL: Ist Ungleichheit an sich ungerecht? Oder ist sie als Dienerin des Fortschritts notwendig, um ein höheres Ziel zu erreichen?

Öko­nom De­a­ton
danapress

Öko­nom De­a­ton

Deaton: Darüber besteht kein allgemeines Einvernehmen, auch die Moralphilosophen sind sich nicht einig. Zunächst einmal ist die Ungleichheit da wie die Schwerkraft: Die gibt sicheren Halt unter den Füßen, löst aber auch beklagenswerte Stürze aus. Das Problem bei der Beurteilung von Fairness und Gerechtigkeit besteht in der unterschiedlichen Auffassung darüber, was gerecht und fair ist, was gleich verteilt werden sollte. Ich nahm neulich an einer Konferenz teil, auf der ein prominenter US-Politiker, ein Republikaner, die Meinung vertrat, Ungleichheit sei Gerechtigkeit.

SPIEGEL: Ein ideologischer Glaubenssatz der Leistungsgesellschaft: Jeder soll seines Glückes Schmied sein?

Deaton: Darin spiegelt sich das Vertrauen in die Meritokratie, ja darauf, dass Leistung sich lohnt. Jedem das Seine. Menschen, die etwas erreicht haben und unglaublich reich geworden sind, hätten es schlicht verdient, die Früchte ihres Schaffens zu behalten.

SPIEGEL: Ungleichheit wäre demnach willkommen, weil sie ein Motor des Fortschritts ist.

Deaton: Ungleichheit kann auf der einen Seite jene, die zurückgefallen sind, zu einer Aufholjagd anspornen, sodass sich ihre Lage bessert. Sie kann sich andererseits in einer Gesellschaft auch derart verschärfen, dass einige wenige als Profiteure die Leitern hinter sich hochziehen, mit der Folge, dass das Wirtschaftswachstum insgesamt gedrosselt wird und die wirtschaftlichen Abläufe gehemmt werden. Das passiert typischerweise in einer ökonomisch-politischen Oligarchie, wie wir sie auch heute beobachten können.

SPIEGEL: Machen wir dann einen großen Fehler, wenn wir nur den durchschnittlichen Fortschritt oder, schlimmer noch, den Fortschritt der Erfolgreichsten betrachten, ohne die Verteilungskurve des Reichtums im Auge zu behalten?

Deaton: Es ist von größter Bedeutung, etwas über die Verteilung zu erfahren. Innerhalb von Ländern sagt die durchschnittliche Rate des Fortschritts, etwa die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts, nichts darüber aus, ob das Wachstum auch tatsächlich dem Gros der Bevölkerung zugutekommt, wie es in den USA und in Europa in den ersten 30 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall war, oder ob nur eine kleine Gruppe sehr vermögender Personen davon profitiert, wie es vor allem in Amerika in jüngster Zeit geschah. Deshalb denken viele, dass Ungleichheit an sich zwar nicht ungerecht ist, dass es jedoch eine Begrenzung des Abstands zwischen Arm und Reich oder zwischen nicht ganz Arm und Superreich geben sollte.

SPIEGEL: Aber der Egalitarismus ist definitiv kein Ideal?

Deaton: Es fällt sehr schwer, einen gültigen philosophischen Grund dafür zu finden, Ungleichheit als solche für verwerflich zu halten. Wenn ich reicher bin als Sie, warum sollten Sie dann das Recht haben, eine ungerechte Behandlung geltend zu machen? Und wenn ich noch immer reicher werde, ohne Sie dadurch zu beeinträchtigen, dann ist überhaupt nicht klar, warum es Ihnen dadurch schlechter gehen sollte.

SPIEGEL: Für das seelische Wohlbefinden vielleicht schon. Verdient nicht jeder seinen fairen Anteil am Volkseinkommen?

Deaton: Was ist der faire, der gerechte Anteil? Menschen, die zurückbleiben oder abgehängt werden, haben immer das Gefühl, dass das Leben sie nicht fair behandelt. Nehmen Sie das Beispiel Mark Zuckerberg oder Steve Jobs: Beide sind ungeheuer reich geworden, aber es ist nicht zu sehen, dass sie irgendjemandem Schaden zugefügt haben. Im Gegenteil, sie haben mit ihrer Innovation das Leben von Millionen Verbrauchern verbessert. In ihnen zeigt sich das janusköpfige Gesicht von Fortschritt und Ungleichheit.

SPIEGEL: Wäre demnach im Umkehrschluss Einkommensgleichheit ungerecht?

Deaton: Wenn Gerechtigkeit als Verhältnismäßigkeit definiert wird, wenn also das, was jede Person bekommt, im Verhältnis zu dem stehen sollte, was sie zum Gesamtergebnis beiträgt, dann wäre die Herstellung von Einkommensgleichheit durch steuerliche Umverteilung von den Reichen zu den Armen ungerecht.

SPIEGEL: Eine Gesellschaft profitiert aber nicht davon, wenn die meisten nicht wohlhabend sind. Warum hat das Wirtschaftswachstum die Armut nicht beseitigt, selbst in so reichen Ländern wie den USA nicht?

Deaton: Bis Mitte der Siebzigerjahre profitierten in den Vereinigten Staaten fast alle Familien vom wachsenden Wohlstand. Aber seitdem hat das unterste Fünftel der Familien sehr wenig dazugewonnen. In den vergangenen 45 Jahren ist ihr durchschnittliches Einkommen um weniger als 0,2 Prozent pro Jahr gestiegen. Die Armut konnte nicht verringert werden. Dabei ist die absolute Zahl der Armen aufgrund des Bevölkerungswachstums weit deutlicher gestiegen als die Armutsquote: zwischen 1959 und 2011 von 6,7 auf 46,2 Millionen!

SPIEGEL: Das sind erschreckende Zahlen. Aber ist Armut in einem reichen Land nicht relativ?

Deaton: Die amerikanische Armutsgrenze hat sich in eine absolute Grenze verwandelt: Sie besagt, dass ein feststehender Geldbetrag nötig ist, um der Armut zu entkommen, und dieser Betrag wird lediglich der Preisentwicklung angepasst. Sie stellt keine Beziehung zu den Einkommen anderer Personen her. Natürlich gehört es zu den schwierigsten Fragen, wo die Armutsgrenze zu ziehen ist und wie sie im Lauf der Zeit angepasst werden muss. Für die USA wurde sie erstmals 1963 von der Sozialversicherungsbehörde ermittelt und dann offiziell festgelegt. Der entsprechende Wert für eine vierköpfige Familie - zwei Erwachsene und zwei Kinder - lag 2015 bei 24.250 Dollar.

SPIEGEL: Eine solche Grenze markiert die Schwelle zur Entbehrung. Es geht aber um mehr als das bloße Subsistenzminimum. Und sie misst nicht, ob und wie schnell die Ungleichheit zunimmt.

Deaton: So schwierig es ist, ohne Messungen und Daten Politik zu betreiben, so unmöglich ist es, Messungen ohne politische Auswirkungen vorzunehmen. Jede Änderung bei der Berechnung der Armutsgrenze stößt auf politischen Widerstand. Die Armutsstatistiken sind Teil des staatlichen Instrumentariums, das gebraucht wird, Einkommen umzuverteilen und zu verhindern, dass Menschen durch unglückliche Umstände in Not geraten. Wenn man wie ich der Meinung ist, dass die Armutsgrenze entsprechend der Entwicklung des Lebensstandards der typischen Haushalte angehoben werden müsste, dass also eine Familie arm ist, wenn sie verglichen mit ihren Freunden und Nachbarn kein angemessenes gesellschaftliches Leben führen kann, dann stellt sich heraus, dass sich die Armutsquote trotz des Wirtschaftswachstums noch deutlicher erhöht hat.

Ar­men­spei­sung in London um 1900
Classic Vision / agefotostock / Avenue Images

Ar­men­spei­sung in London um 1900

SPIEGEL: In Europa fallen die Unterschiede weniger krass aus. Dennoch ähnelt sich die Entwicklung der Einkommensverteilung. Wieso schafft abstrakte Chancengleichheit keine unzweifelhaft gerechten Ergebnisse? Und haben die Reichen unter diesen Umständen die moralische Verpflichtung, den Ärmeren zu helfen?

Deaton: Ich glaube, ja. Es gibt so etwas wie unterlassene Hilfeleistung und die Pflicht zur Hilfeleistung. Aber helfen muss nur, wer es auch kann, ohne sich selbst zu schaden oder in Gefahr zu bringen.

SPIEGEL: Wer nicht schwimmen kann, kann keinen Ertrinkenden aus dem Fluss ziehen. Aber die Wohlhabenden können schwimmen.

Deaton: Da gelangen wir an einen kritischen und umstrittenen Punkt, der das egalitäre Modell berührt. Wenn Sie demjenigen Geld wegnehmen, der viel davon hat, und es demjenigen geben, der weniger hat, ohne wirklich arm zu sein, tragen Sie dann zur Verbesserung der Welt bei?

SPIEGEL: Darauf beruht die europäische Idee des Wohlfahrtsstaats. Die Umverteilung über Steuergesetze und soziale Transferleistungen kommt dabei nicht nur den Allerbedürftigsten zugute. Sie soll auch dazu beitragen, die Gesellschaft durch eine breite Mittelschicht zu stabilisieren. Ist nicht genau dieses Gleichgewicht durch die Kürzungen im Sozialstaat in Gefahr?

Deaton: Selbstverständlich hat jede Nation, das Wahlvolk und seine Regierung, das Recht zu bestimmen, wie viel Wohlfahrt sie für die Gemeinschaft wünscht. Die Frage ist doch: Warum haben sich die USA und Europa in dieser Frage so weit auseinanderentwickelt, obwohl sie vom gleichen Ausgangspunkt starteten, nämlich den Ideen der Aufklärung und den Idealen der amerikanischen wie der Französischen Revolution?

SPIEGEL: Für die Amerikaner kam Freiheit zuerst, während sich die Europäer Freiheit nicht ohne Gleichheit und Brüderlichkeit vorstellten.

Deaton: In den USA stellte sich von Anfang an das Rassenproblem. Die Schwarzen wurden nicht als gleichwertig und gleichberechtigt anerkannt. Sie durften nicht wählen. Viele Schwarze dürfen es heute wieder nicht, weil sie nach einer Straftat ihr Wahlrecht aberkannt bekommen haben. Unter den Gefängnisinsassen sind überproportional viele Schwarze. In Bundesstaaten wie Alabama oder Florida sind bis zu 23 Prozent der schwarzen Männer ihres Stimmrechts verlustig gegangen. In einem liberalen Staat wie New Jersey können immerhin noch 18 Prozent der männlichen Schwarzen nicht wählen. Die Menschen sind sehr viel weniger bereit, denen zu helfen, die anders sind als sie. Und die anderen, das sind in Amerika die Schwarzen, die zugleich auch die Ärmsten und die politisch Einflusslosen sind. Der Wohlfahrtsstaat endet an der Grenze zu den anderen.

SPIEGEL: In Europa könnten sehr bald die Migranten diesen Platz einnehmen.

Deaton: Ja. Jene europäischen Länder, die in der Vergangenheit den Wohlfahrtsstaat am großzügigsten ausbauten, waren durchweg auch diejenigen, die ethnisch am homogensten waren. Das ändert sich.

SPIEGEL: Das heißt, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus bedrohen den Sozialstaat. Von der ethischen Frage einmal abgesehen: Ist der entwickelte Sozialstaat vom rein ökonomischen Standpunkt aus gesehen ein Vorzug oder ein Hemmnis?

Deaton: Wenn eine Regierung ihren Bürgern das gleiche Einkommen garantieren wollte, würden womöglich alle deutlich weniger arbeiten, sodass es allen schlechter ginge als in einem System, das ein gewisses Maß an Ungleichheit zulässt. Es gibt indes kaum jemanden, der überhaupt keine sozialstaatlichen Elemente haben will. Die Meinungen gehen auseinander, sobald die Kosten berechnet und verteilt werden. Die Kunst der Fiskalpolitik besteht darin, die Steuern so zu bemessen, dass sie so viel Gutes wie möglich bewirken und so wenig Schaden wie nötig. Die entscheidende Frage ist: Über welche Ungleichheit sprechen wir? Profitiert die Gesellschaft von den Regeln und Institutionen, die es einigen erlauben, viel reicher zu werden als die übrigen? Oder schaden die Reichen allen anderen, indem sie die Einflussmöglichkeiten der Nichtreichen auf die Gestaltung des Gemeinwesens beschneiden?

SPIEGEL: Der Kipp-Punkt könnte bald erreicht sein.

Deaton: Ein gutes Beispiel ist der Streit um Obamacare, die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung. Ohne sie leben wir in der schlechtesten aller Welten. Die einen kommen mit sehr hohen Ausgaben im privaten System klar, die anderen bleiben medizinisch unterversorgt. Das ist ein Versagen der Ordnungspolitik.

SPIEGEL: Ist die Ungleichheit ein Warnzeichen, dass es auch mit der Gleichheit der Chancen nicht so weit her ist?

Deaton: Der Harvard-Ökonom Martin Feldstein hat gesagt, die Einkommensungleichheit sei kein Problem, das behoben werden müsse. Für Chancengleichheit sind dagegen alle. Ich habe zwei Kinder, die sehr gut verdienen. Sie verwenden einen erheblichen Teil ihres Geldes so, wie auch ich es verwendet habe: Sie investieren große Summen in die Bildung, um die Chancen der Nachwachsenden auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Das aber bedeutet schlicht, dass die Ungleichheit der Einkommen sich auf die Chancengleichheit auswirkt. Ungleichheit ist ein Hindernis für Chancengleichheit, die eine mit der anderen zu rechtfertigen ein Trugschluss.

SPIEGEL: Ist Ungleichheit auch eine Bedrohung für die Demokratie?

Deaton: Geld kauft politischen Einfluss. Es werden Regeln festgelegt, die nicht im Interesse der Allgemeinheit, sondern in dem der Reichen sind, damit sie noch reicher und einflussreicher werden. Es gibt in den USA einen Prozess der kumulativen Kausalität von Geld und Politik. Die politische Gleichberechtigung wird durch wirtschaftliche Ungleichheit ständig bedroht. Wenn sich die Demokratie in eine Plutokratie verwandelt, werden alle, die nicht reich sind, allmählich von der Teilnahme an der demokratischen Entscheidungsfindung ausgeschlossen.

SPIEGEL: Lässt sich der Prozess noch steuern?

Deaton: Ich bleibe vorsichtig optimistisch. Aber es wäre verrückt zu glauben, alles werde sich stets irgendwie zum Guten oder Besseren wenden. Der Markt schert sich nicht um Gleichheit oder Ungleichheit. Viele Menschen fragen sich, ob es ihre Kinder und Enkel besser oder wenigstens genauso gut haben werden wie sie selber. Wir dürfen unseren gegenwärtigen Lebensstandard und das moderne Wirtschaftswachstum nicht als selbstverständlich betrachten. Es hat in der Geschichte Wachstumsperioden gegeben, die abrupt endeten.

SPIEGEL: Die Angst der Mittelschichten vor dem sozialen Abstieg schürt Ressentiments, Fremdenhass, Wut auf die Etablierten. Droht ein neuer Rechtsextremismus?

Deaton: Na ja, wir haben Schlimmeres erlebt. Wir befinden uns nicht in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Aber wir machen leider auch keine Anstalten, das Ruder herumzuwerfen. Die OECD-Länder, in denen der Einkommensanteil des reichsten Zehntels besonders stark gestiegen ist, sind zugleich diejenigen Länder, in denen die Steuern auf hohe Einkommen am deutlichsten gesenkt worden sind. Donald Trump wird nicht in die andere Richtung gehen, und sogar in Deutschland wächst der Druck auf Angela Merkel. Marine Le Pen in Frankreich, Brexit, das Erstarken nationalistischer Bewegungen - alles deutet auf eine Entwicklung, die den Fortschritt, den wir seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs genossen haben, zum Stillstand bringen könnte. Keine schöne Aussicht.

SPIEGEL: Können Ökonomen erkennen, wann der rote Bereich beginnt?

Deaton: Und selbst dann müssten sie auch gehört werden. Ich bin nicht sicher, ob wir den Eintritt in den Gefahrenbereich wirtschaftswissenschaftlich halbwegs exakt bestimmen können. Das liegt daran, dass es verschiedene Arten von Ungleichheit gibt, gute und schlechte, kreative und destruktive. Jede Innovation schafft Ungleichheit. Wer aber erheblichen Schaden anrichtet, sind Gruppen und Körperschaften, die eine Hebelwirkung auf die Regierung ausüben und sich zulasten aller anderen bereichern. Diese Art der Ungleichheit beruht auf Raub und Diebstahl.

SPIEGEL: Wen meinen Sie damit?

Deaton: Die Finanzindustrie und Teile der Gesundheitsindustrie zum Beispiel. Sie bringen die Regierungen dazu, ihnen die Risiken abzunehmen, sodass sie auf Kosten der Allgemeinheit reicher werden. Das ist, als würden Sie die Mafia füttern. Diese Ungleichheit muss beseitigt werden, indem wir die Macht derjenigen brechen, die eine Regierung und ein ganzes Land als Geisel nehmen können. Der Populismus entspringt dem berechtigten Gefühl, dass mächtige und wohlhabende Eliten dem Volk die Regierung entfremden und entziehen können.

SPIEGEL: Wie ist es möglich, die Demokratie zu kapern, wenn doch alle Souveränität vom Volk ausgeht?

Deaton: Ich begreife nicht ganz, warum manche Demokratien darunter mehr leiden als andere. Als ich in Großbritannien aufwuchs, glaubten wir alle, die Regierung sei uns freundlich gesinnt. Der Brexit hat gezeigt, dass diese Haltung verschwunden ist. Vielleicht denken ja die Menschen in Deutschland immer noch so.

SPIEGEL: Die Wähler der AfD wohl kaum.

Deaton: Hier in den USA denken sehr viele, dass die Regierung ihr Feind ist. Als ich vor gut 30 Jahren hierherkam, hörte ich, wie ein Princeton-Professor den französischen Ökonomen und Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon zitierte: Der Staat oder die Regierung ist ein Dieb. Oder so ähnlich. Ich dachte damals, der Mann müsse leicht irre sein, ein exzentrischer Radikaler. Heute verstehe ich, was er meinte. Wir müssen den Eindruck bekämpfen, dass die Regierung das Volk betrügt und bestiehlt.

SPIEGEL: So gewann Trump die Wahl.

Deaton: Die Mittelschicht fühlt sich in Washington nicht mehr vertreten. Sowohl die Demokraten wie die Republikaner sind so abhängig vom Geld und von den Spenden der Finanzwelt, der pharmazeutischen Unternehmen, der Ölkonzerne, dass die Themen, die gewöhnliche Bürger umtreiben, gar nicht diskutiert werden. Politologische Studien haben dokumentiert, dass Abgeordnete beider Kongressparteien für die Wünsche reicher Wähler empfänglich sind, während sie auf die Wünsche armer Wähler nicht reagieren.

SPIEGEL: Verleitet diese Entfremdung die unteren Schichten dazu, gegen die eigenen Interessen zu stimmen, solange sie nur den Eliten eine Ohrfeige verpassen?

Deaton: Durchaus. Sie hatten nicht das Gefühl, viel von Obama bekommen zu haben, und sie glaubten nicht, viel von Hillary Clinton zu bekommen, die mit dem großen Geld im Bett lag. Auf einem anderen Blatt steht, ob Trump ihre Hoffnungen erfüllt. Man darf aber nicht erwarten, dass diese Wähler sich viele Gedanken über ihre wahren Interessen machen. Wir beide zerbrechen uns ja gerade selbst den Kopf über die Frage, was Ungleichheit anrichtet und wie viel davon erträglich ist.

SPIEGEL: Vielleicht sollte es wieder eine klare Frontlinie zwischen dem linken und dem rechten Lager geben?

Deaton: Das könnte die Demokratie stärken. Die Demokraten in den USA und die Sozialdemokraten in Europa haben die Arbeiterschaft und die kleinen Leute verloren. Ihre Führer sind Intellektuelle oder was auch immer, sie denken, dass die Interessen der unteren Schichten ihnen am Herzen liegen, aber sie selbst kommen nicht mehr aus der Unterschicht.

SPIEGEL: Wie konnte ausgerechnet ein Milliardär wie Trump so tun, als wäre er das?

Deaton: Mit seinem Reichtum erweckte er den Eindruck von Unabhängigkeit. Er liebt es, Dinge mit starken Worten zu bewegen. Wenn Ford darauf verzichtet, eine Fabrik in Mexiko zu errichten, hat Trump mit einem Tweet gepunktet. Er schafft die Illusion des Machers. Ich würde nicht ausschließen, dass er ein ziemlich populärer Präsident sein wird.

SPIEGEL: Wie lange?

Deaton: Niemand bleibt auf Dauer populär, außer der deutschen Kanzlerin, die nicht gerade eine Charismatikerin ist.

SPIEGEL: Was könnte Trumps gefährlichster Moment werden?

Deaton: Eine Konfrontation mit China. Wenn das Wachstumswunder, auf das China angewiesen ist, vorbei ist, muss das Land mit tumultartigen Unruhen rechnen. Ich glaube, dass Präsident Xi Jinping sich bereits auf eine solche Situation vorbereitet, durch eine aggressive Außenpolitik im Südchinesischen Meer und durch eine Stärkung des staatlichen Sicherheitsapparats. Trump ist sicherlich nicht der weiseste Führer der freien Welt, den man sich am Steuer wünscht, wenn in China Schlimmes passiert.

SPIEGEL: Der Titel Ihres Buchs, "Der große Ausbruch", bezieht sich auf den Film "The Great Escape" ("Gesprengte Ketten"), der erzählt, wie eine Gruppe alliierter Soldaten während des Zweiten Weltkriegs aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager auszubrechen versucht. Ihr Buch schildert den Ausbruch der Menschheit aus dem Gefängnis von Entbehrung und frühem Tod. Im Film scheitert die Flucht, die Ausbrecher werden gefasst, ihr Anführer wird erschossen.

Deaton: Mein Freund Tony Atkinson, der kürzlich verstorbene große Ökonom, hat mir deshalb vorgehalten, die falsche Metapher für meine Geschichte verwendet zu haben. Ausbrüche lassen Menschen zurück, das Glück ist manchen gewogen, anderen nicht. Aber ich finde, dass die Menschheit vor rund 250 Jahren begann, die Ketten zu sprengen, und diese Befreiung dauert bis heute an. Auch wenn dies keineswegs immer so weitergehen muss, sollte jeder die Chance ergreifen, den Ausbruch wenigstens zu wagen.

SPIEGEL: Professor Deaton, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
mslawrence 20.01.2017
1. Sinnvolle Beunruhigung
Ein hervorragendes Interview mit einem hellwachen und kritischen Zeitgenossen. An vielen Stellen ernüchternd bis zur Schmerzgrenze. Aber ein notwendiger und sinnvoller Weckruf für jeden Demokraten.
thequickeningishappening 20.01.2017
2. In der Geschichte gab's immer
Kriege, Revolutionen, Hungersnöte und Seuchen sowie bereinigende Ereignisse durch die Natur. Danach kam der Neuaufbau! Wir hatten die Drei heißesten Jahre in Folge, Rekordgletscherschmelze, die Rueckstahlung durch Shelfeis und Schnee geht drastisch zurück, Permafrostboeden schmelzen, Der Pazifik kann keine Waerme mehr aufnehmen, das Reef teilweise 100% bleich usw usw! Das ganze wird zum Selbstläufer (CHAOS System mit unberechenbaren Wetterkapriolen). Völkerwanderungen werden zunehmen und der große Krieg wird um's Trinkwasser geführt werden. Wasser ist das Kapital der Zukunft!
anonymousx 20.01.2017
3. Endlich!
Endlich bringt es mal jemand auf den Punkt, habe den Artikel zwar nicht ganz gelesen, aber es geht doch generell darum, dass die ganzen reichen und selfmademillionäre ihr Geld nicht wirklich verdienen, sondern letztendlich über viele Zusammenhänge und Prozesse den anderen stehlen. Darum ist ein spitzensteuersatz von 75% auch keine Enteignung, sondern eine rückumverteilung.
Korf 20.01.2017
4.
Steve Jobbs Erfolg hat anderen nicht geschadet? Falsch! Jobbs Erfolg basierte auf dem Prinzip der Ausbeutung. Nur wenn ich die Teile für Computer, Smartphones & Co. billig in Asien produzieren lasse, kann ich sie mit maximalem Profit verkaufen. Und hier liegt auch die Krux des Interviews: Deaton argumentiert innerhalb des nur scheinbar geschlossenen Systems der westlichen Welt. Aber dieses Sytem gibt es nicht ohne den anderen Teil der Erde, in dem die Massenwaren für den wetslichen Wohlstand produziert werden. Dabei unterstützt der Westen folgerichtig jede Verhinderung einer wirklichen Emanzipation der sogenannten Billiglohnländer. Und wenn es dann doch nicht mehr so richtig klappt - wie der derzeit in Asien -, verlagern die großen Modemarken ihre Billigproduktion einfach nach Afrika. Genau das geschieht derzeit. Und es ist Ausdruck des Grundproblems des Kapitalismus: der nackten Ausbeutung.
testuser2 20.01.2017
5. Abschöpfen von Kapital der Gemeinschaft durch Spekulationen gehören nicht in einen sozial gerechten Kapitalismus
Sich nur gegen Homophobie und Diskriminierung von Frauen zu wenden greift meilenweit zu kurz. Den Blick wieder auf die soziale Gerechtigkeit aller Menschen richten. Einsatz und Leistung soll belohnt werden - aber die Relationen müssen gewahrt bleiben, das sind sie aber nicht. Die Unterschiede zwischen den Berufsgruppen sind viel zu hoch. Abschöpfen von Kapital der Gemeinschaft durch Spekulation mit Aktien, teilweise mit Software, ist Betrug ! und sollte in einem sozialen Kapitalismus verboten und unter Strafe gestellt werden.
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