Der SPIEGEL

Der SPIEGEL

05. Oktober 2017, 15:47 Uhr

150 Jahre "Das Kapital"

Warum Marx lebt

Von

Vor 150 Jahren erschien "Das Kapital" von Karl Marx. Es ist verblüffend, was der Klassiker über die Wirtschaft von heute aussagt.

Die Mächtigen sind weg, aber die Parolen sind noch da, der G-20-Gipfel in Hamburg hat Spuren hinterlassen. "Smash capitalism" steht an einem Verteilerkasten. "Make capitalism history!" hat sich jemand an einem Hochbahnpfeiler gewünscht. Den Kapitalismus möge man bitte zerschlagen, man möge ihn abhaken, überwinden, für erledigt erklären.

Bis ins bürgerliche Hamburg-Eppendorf sind die Parolenschreiber vorgedrungen. Es kommt vor, dass vor so einer Parole eine Mutter mit Kind zu sehen ist, und das Kind, vielleicht achtjährig, will wissen, was Kapitalismus ist. Es ist nicht leicht. Sie steht längere Zeit da, sucht nach Sätzen.

Sie könnte sagen: Ich bin darin geboren und kenne nichts anderes, es fällt mir schwer, es zu erklären.

Sie könnte sagen: Das ist etwas, von dem man gut leben kann, also wir hier in Eppendorf jedenfalls.

Sie könnte sagen: Es gibt ein Buch, vor 150 Jahren ist es erschienen. Wenn du groß bist, kannst du es lesen. Da steht alles drin.

Der Sohn würde es vermutlich hassen, dieses Buch. Es fängt unlesbar an und wird über drei Unterkapitel wenig besser. Dann nimmt es Fahrt auf, und erst zum Schluss wird es richtig gut. Seltsam, aber es ist nicht in Vergessenheit geraten.

Es wird vielfach gewürdigt in diesem Herbst: Im September 1867 erschien in Hamburg "Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie". Dieses Werk, das auf der Unesco-Liste als "Weltdokumentenerbe" zu finden ist. Dieses "Saubuch", wie Karl Marx es nannte, als er noch damit rang.

Es ist verfasst zu einer Zeit, da es zwar Eisenbahn, Fotografie (mit langer Belichtungszeit) und Telegramme gab, aber kein Telefon und keinen Kugelschreiber. Marx schrieb von Hand, mit Tinte - dabei aber auf eine so wissende Art und Weise, "dass man fast enttäuscht ist", meint der Hamburger Arbeits- und Technikgeschichtler Jürgen Bönig, "wenn man im Kapitel über 'Maschinerie und große Industrie' keinen Hinweis auf Elektro- oder Ottomotoren findet, weil es sie noch nicht gab".

Marx' Interesse gilt den Strukturen hinter dem Augenschein. Er will von der "Erscheinungsform" zum "Wesen der Dinge" durchdringen. Sucht die Mechanismen, die zu Neuerungen führen. Analysiert die Folgen - für die Besitzenden und die Besitzlosen, für die Art und Weise, wie sich die Gesellschaft organisiert.

Und so geht es im "Kapital" tatsächlich nicht nur um Schafzucht und Wollproduktion, um Spinnen, Weben und Teppichhandel zu Marx' Zeit. Es geht darin auch um die Finanzkrise in unseren Tagen, es geht um Digitalisierung, um Globalisierung, um Spekulationsblasen, um Oligopole wie in der Autoindustrie. Es geht auch um unsere Gesellschaft, und wenn in diesem Wahlkampf das große Ganze wichtig gewesen wäre statt Detailzänkereien (Elektroprämie, Burkaverbot), dann hätte guten Stoff in diesem Buch gefunden, wer danach sucht: Ungleichheit. Gerechtigkeit. Die Rolle von Politik und Ökonomie.

Es bietet sich an, auf eine Tour zu gehen, durch Hamburg und 150 Jahre Kapitalismus, als doppeltes Gedankenspiel: Wie sah der Kapitalismus aus, den Marx im Jahr 1867 vor sich sah? Wie erscheint der Kapitalismus von 2017, mit den Augen von Marx betrachtet - und mit denen seiner Deuter, seiner Kritiker?

Als Reiseleiter empfiehlt sich der Soziologe und Technikgeschichtler Bönig, der eben seine Recherchen herausgebracht hat über "Karl Marx in Hamburg", Untertitel: "Der Produktionsprozess des 'Kapital'".

Es soll erkundet werden, wie dieses Buch die Wirklichkeit beeinflusst hat und die Wirklichkeit dieses Buch. Was kann ein Frauenarzt aus Hannover dafür, dass das "Kapital" so unleserlich beginnt? Warum wäre Rosa Luxemburg wohl überrascht über die Existenz von Apple, Marx aber eher nicht? Handeln Porsche, VW und Daimler wie typische Kapitalisten? Schließlich: Stößt der Kapitalismus an seine Grenzen? Hat er überhaupt welche? Und wo könnten die sein?

1. Station St. Pauli-Landungsbrücken. 1867 Anleger für Dampfschiffe; 2017 Anleger für Tourismus-Barkassen

Am 12. April 1867, nach stürmischer Überfahrt, erreicht Karl Marx, 48, den Hafen von Hamburg. Doktor der Philosophie, Vater dreier Töchter, verheiratet mit Jenny von Westphalen, staatenlos, pleite wie immer, auch diesmal hat ihm Friedrich Engels ausgeholfen, sein Freund, der Unternehmersohn; so konnte er Rock und Uhr auslösen, "die im Pfandhaus wohnen" (Marx), und die Reisekasse mit 35 Pfund Sterling füllen. Bei sich trägt Marx das Manuskript seines Buches "Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie". Es soll der erste von sechs Bänden werden und unter anderem ihn selbst sanieren.

Marx kommt mit dem Segelraddampfer "John Bull", der zweimal wöchentlich zwischen London und Hamburg verkehrt: ein Hybridfahrzeug. Genutzt wird die Dampfmaschine der Neuzeit, aber auch das Segel, wie in alter Zeit. Es soll nicht zu viel vom Laderaum für Kohle verschwendet werden. Und man traut den modernen Gerätschaften noch nicht recht.

Marx lebt in einer hybriden Welt. Der Kapitalismus, den Marx untersucht hat, breitet sich aus, aber er durchdringt nicht alles, das Alte lebt je nach Land in unterschiedlichem Maße fort. Marx untersucht die "kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse" anhand von England, weil das, so schreibt er im Vorwort, "bis jetzt ihre klassische Stätte" ist.

Hamburg, sagt der Soziologe Bönig, ist im Vergleich zu London damals eine stille Stadt. Hamburg ist geschäftig, ja, aber die kapitalistische Produktion ist noch nicht weit fortgeschritten. Hamburg ist Handelsstadt. Es ist eine weltoffene Stadt, aber nicht im heutigen Sinne. Eine Republik, das schon, aber eine, in der nur Grund- und Vermögensbesitzer wählen dürfen, etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Meinungsfreiheit? Hamburg ist von Preußen umgeben und muss sich dafür interessieren, wie ein preußischer Zensor einen Text rezipiert. Denn eine Zensur findet statt, ganz selbstverständlich. Bönig meint, dass auch das ein Grund sei, weswegen sich Marx lieber auf England bezieht.

Bönig steht an einem heißen Augusttag auf den touristenüberfüllten Landungsbrücken in Hamburg-St. Pauli, wo zu Marx' Zeit die Dampfschiffe anlegten, auch er steht da in hybrider Zeit.

Hinter Bönig, auf der Elbe, dümpeln Barkassen mit Dieselmotor, die früher als Fähren für Hafenarbeiter Dienst taten; heute fahren sie Touristen. Der Handel hat längst weiter südlich, jenseits der Elbe, seinen Platz gefunden, auf Containerschiffen, die im Hafen dieseln und draußen auf dem Meer mit schmutzigem Schweröl fahren.

Vor Bönig, auf Hamburgs Straßen, verkehren einzelne Wasserstoffbusse, manchmal auch Elektroautos. Aber die meisten Fahrzeuge haben als Antrieb einen Verbrennungsmotor. Wie lange noch?

Mit der Kohle, der Dampfmaschine begann das Zeitalter des industriellen Kapitalismus, und immer noch macht er weiter mit fossilen Brennstoffen, wird er den Planeten ruinieren? Stößt die kapitalistische Produktionsweise vielleicht an ganz andere Grenzen, als Marx es für möglich hielt?

Von Stickoxiden, CO2-Belastung und Feinstaub wusste er natürlich nichts. Wer Naturzerstörung und Klimawandel beklagt und darin die existenzgefährdende Seite des Kapitalismus sieht, bezieht sich normalerweise nicht auf Marx. Er könnte es aber, das ist das Überraschende bei einer "Kapital"-Lektüre mit frischem Blick.

In jenem Manuskript, das er nach Hamburg trägt, steht vieles über die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft, aber auch manches über die der Natur. Die kapitalistische Produktionsweise, schreibt er, "stört den Stoffwechsel zwischen Mensch und Erde". Sie entwickelt "die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter". Die Natur als keineswegs unendliche Ressource - diejenigen, die sich später auf ihn berufen, die DDR und die Sowjetunion, lesen gern darüber hinweg. Auch im westlichen Mainstream der Ökonomie wird das gern vergessen. Marx aber hat es mit im Blick.

Sie wird eine Fundgrube für Generationen sein, diese Abhandlung in schwer leserlicher Handschrift, die Karl Marx 1867 zu seinem Verleger nach Hamburg trägt. Er ist voller Misstrauen. Verschleppt der Verleger das Erscheinen? "Ich muss nächste Woche selbst mit dem Manuskript nach Hamburg. Der Ton des letzten Briefes ... gefiel mir nicht. Ich wittere also ... eine Intrige und muss diesem Meißner das Messer persönlich auf die Brust setzen." Was steckt dahinter?

Sein Misstrauen resultiert aus politischen Kämpfen. Otto Meißner ist ein fortschrittlicher Verleger - hat aber leider ein Buch herausgegeben, zu dem ein mit Marx verfeindeter Autor beitrug.

Marx streitet gern und viel, und er ist nachtragend. Also geht das eigentlich nicht, mit jemandem zu kooperieren, der "im feindlichen Lager" steht. Er tut es nun doch. Engels hat ihm Meißner empfohlen.

Marx verlässt die "John Bull" und macht sich zu seinem Verleger auf den Weg, zu Fuß vielleicht oder mit dem öffentlichen Nahverkehr, der zu seiner Zeit aus einem Pferdeomnibus besteht.

2. Station Bergstraße 26. 1867 Sitz des Otto-Meissner-Verlags; 2017 Schwarze GmbH (Zeitarbeit), Balzac Coffee Shop, One Kitchen (Haushaltswaren)

Erst seit dem Frühjahr 2017 hängt an einem Laden für Küchenbedarf in der Bergstraße 26, gleich um die Ecke vom Hamburger Rathaus (das noch nicht stand im Jahr 1867), eine Plakette, die auf Karl Marx und sein Werk verweist. Genau an diesem Ort, dem Sitz des Otto-Meissner-Verlags, erschien "Das Kapital", "ein Buch", sagt die Plakette, "das die Welt verändern sollte".

Es ging zäh voran mit der Weltveränderung, Marx' Verleger hat es zu spüren bekommen. Marx ist ein schwieriger Autor. Den Abgabetermin hat er um zwei Jahre überzogen, und eigentlich sollte er nicht einen Band dabeihaben, sondern drei; Band zwei und drei werden erst nach seinem Tod erscheinen, von Engels editiert.

Meißner jedenfalls hat keineswegs die Absicht, die Drucklegung zu verzögern. Er hätte nur gern den ganzen Text.

Meißner muss das Richtige zu seinem empfindlichen Autor gesagt haben - "ein netter Kerl", findet Marx. Die beiden packen das Manuskript in den Tresor und gehen zusammen einen trinken.

Meißner, meint Jürgen Bönig, wusste Marx zu nehmen - er hätte in Hamburg drucken können, tat es aber nicht, vergab das Projekt nach Leipzig. Meißner hielt es für eine gute Idee, so Bönig, "dass der Autor nicht ständig bei den Setzern steht und dazwischenquatscht. Er wollte, dass das Buch fertig wird".

Es ist ein Monumentalwerk geworden, Bönig hat eindrucksvolle Zahlen: 40 Wochen Arbeit für die Setzer. 800 Seiten, handgesetzte 1.935.214 Zeichen, insgesamt 3,2 Tonnen Blei. 1000 Exemplare, in der ersten Auflage, zu 3 1/3 Taler pro Stück.

Die Korrekturfahnen lässt sich Marx nach Hannover schicken, wo er bei einem Freund und dessen Familie gastiert - Louis Kugelmann, ein fortschrittlich denkender Frauenarzt, Mitglied der Internationalen Arbeiter-Assoziation, ein Mann, der Marx bewundert.

Als Marx-Leser kann man diesen Frauenarzt verfluchen. Wer jemals versucht hat, "Das Kapital" zu lesen, und dabei brav mit dem schwergängigen Kapitel über "die Ware" begann - bei Jürgen Bönig ist zu erfahren: Louis Kugelmann ist schuld.

Kugelmann ist der Erste, der Marx' Einleitung über "Waare und Geld" lesen darf. Und Kugelmann sagt offenbar so etwas wie: Das versteht kein Mensch.

Schlimmer noch: Engels, der den Text später zu lesen bekommt, denkt genauso. Seine Kritik geht so: "Du hast den großen Fehler begangen, den Gedankengang dieser abstrakten Entwicklungen nicht durch mehr kleine Unterabteilungen und Separatüberschriften anschaulich zu machen. Diesen Teil hättest Du behandeln sollen in der Art, wie die Hegelsche Enzyklopädie ... Das Ding würde etwas schulmeisterlich ausgesehen haben, das Verständnis für eine sehr große Klasse Leser aber wesentlich erleichtert worden sein. Der populus, selbst der gelehrte, ist eben an diese Art zu denken gar nicht mehr gewöhnt ..."

23 Jahre hat Marx daran gearbeitet, hat in der Bibliothek des British Museum Akten gewälzt, geforscht, gelesen, hat sich Karbunkel zugezogen, schmerzhafte eitrige Beulen. Nun will Kugelmann es "mehr didaktisch". Und Engels schreibt ihm, dieser erste Teil trage "ein etwas gedrücktes Karbunkelgepräge". Als die Kritik eintrifft, ist allerdings nichts mehr zu machen, die bemängelten Seiten sind gedruckt.

Marx hört auf seine Freunde, bedauerlicherweise. Er verfasst eine "schulmeisterliche" Version, wie er meint, hängt sie als Anhang an den Text, vorn kann er ja nichts mehr ändern. Nur leider: Die neue Version ist noch schlimmer. Er selbst muss damit aber ganz zufrieden gewesen sein - in der zweiten Auflage, die er noch selbst beaufsichtigt, verbindet Marx die neue und die alte Fassung zu einer noch komplizierteren und stellt diese vor den Text, und da bleibt sie auch. Wer auch immer in den blauen Marx/Engels-Bänden aus der DDR das "Kapital" gelesen hat, bekam, ohne dass darauf hingewiesen worden wäre, diese bearbeitete Version.

Bönig, der Technikgeschichtler, kam dem Vorgang auf die Spur, weil er Hinweise auf die Originalreihenfolge der Druckbögen fand. Dass Marx "diesen Stein vor den Text gewälzt" hat, so sagt Bönig - es hat sicher nicht zur Verbreitung des Werkes beigetragen. Seit Jahrzehnten kursiert der Lesetipp: "Fang mit dem 4. Abschnitt an." Ab da, ab dem "Fetischcharakter der Ware", atmet der Leser auf.

Denn der Autor des "Kapital" kann ja auch anders. Wenn er es sich erlaubt, ist er ein saftiger, lebendiger, ironischer Schreiber (mit kleinen Gemeinheiten, die er gern in Fußnoten packt). Und: Er ist Rechercheur.

Warum haben die einen Produktionsmittel und die anderen nichts?

Im Kapitel über die "ursprüngliche Akkumulation" ist seine Antwort zu lesen: eine Geschichte von "Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt".

Gemeineigentum, das es im Mittelalter noch gab, wird enteignet. Ackerland wird Weide, weil der Weltmarkt nach Wolle verlangt. Der enteignete Landmensch wird in die Städte vertrieben, wo man die Arbeitskraft in den Fabriken braucht - die kapitalistische Produktion wird ja erst möglich, wo privates Kapitaleigentum auf "freie Lohnarbeiter" trifft. Wobei das "frei" mit sarkastischem Unterton zu lesen ist.

Menschen, die frei von Leibeigenschaft sind.

Und frei von Produktionsmitteln.

Möglicherweise auch frei von Lebensmitteln, falls sie frei von Arbeit sind.

Marx betont gleich im Vorwort, dass er seine Kritik am Produktionsprozess nicht als moralische Bewertung begreift. Der Kapitalist tut, was er tut, um zu bleiben, was er ist. Er bleibt sozial das Geschöpf der Verhältnisse, "sosehr er sich subjektiv auch über sie erheben mag".

Er misst sich mit der Konkurrenz - "wenn mein Nachbar billig verkaufen kann, muss ich danach trachten, ebenso billig wie er zu verkaufen".

Also sollen die Lohnarbeiter möglichst lange arbeiten - 14, 16 Stunden - und möglichst billig sein. Also schuftet in Staffordshire ein siebenjähriges Kind 15 Stunden täglich in einer Töpferei. Also stehen vor einem Londoner Geschworenengericht drei Eisenbahnarbeiter, die ein Unglück verschuldet haben - weil man ihre Arbeitszeit auf 14, 18, bis zu 20 Stunden hinaufgetrieben hat. Also gilt der 10-Stunden-Tag des Sozialreformers Robert Owen als "Kommunistische Utopie".

Marx stützt sich auf Berichte von Fabrikinspektoren, Gesetzestexte und Bilanzen. Auf Aufsätze von Kapitaleignern, die unverblümt ihre Interessen formulieren.

Sie, die Fabrikbesitzer, freuen sich über "das Naturgesetz", dass es Arme gibt "zur Erfüllung der servilsten, schmutzigsten und gemeinsten Funktionen des Gemeinwesens". Sie sprechen, laut Bericht eines Fabrikinspektors, "mit unentschuldbarer Frivolität" von Unglücksfällen in der Fabrik: Was ist schon ein verlorener Finger?

Sie beklagen sich bitter bei der Regierung, wenn erwerbslose Baumwollarbeiter, anstatt in Lancashire zu verhungern, lieber auswandern wollen - "Was wird aus dem Kapitalisten?" Und wenn sie Glück haben, wird die Emigration verhindert.

Sie nehmen in Kauf, dass Arbeiter ohnmächtig zusammenbrechen oder sogar sterben, bei der Produktion von Waren.

So etwas kennt man nicht mehr, heutzutage in Europa.

Nur in China. Oder in Bangladesch.

3. Station Jungfernstieg 32. 1867 Sillems Bazar/Hôtel de Russie; 2017 Einkaufspassage Hamburger Hof

"Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform." Für weniges hat Marx so viel Prügel bezogen wie für sein Einleitungskapitel, das mit diesem Satz beginnt.

Wie kam der Wert in die Welt? Kurz zusammengefasst, geht das Marx zufolge so: Die Menschen produzieren ihre Güter nicht mehr für sich selbst und tauschen sie auch nicht mehr von Hand zu Hand. Sie produzieren Waren für einen Markt, und ihre Arbeit erscheint nun als Wert des produzierten Gegenstandes.

Diese Ware - sie ist "zwieschlächtiger Natur". Sie hat einen Gebrauchswert und einen Tauschwert, und beides hat nichts miteinander zu tun. Der Gebrauchswert ist Nebeneffekt, er ist "nie als unmittelbarer Zweck des Kapitalisten zu behandeln. Auch nicht der einzelne Gewinn, sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnens". Der Kapitalist gibt Geld für Arbeitskräfte, Rohstoffe und Maschinen, um seine Waren für mehr Geld zu verkaufen, nach der Formel: Geld - Ware - Geld+. Sofern die Arbeitskraft mehr Wert schafft, als zu ihrer Erhaltung, also ihrer Bezahlung, nötig ist - andernfalls würde der Fabrikbesitzer keine Lohnarbeiter beschäftigen -, funktioniert das System: Mehrwert entsteht, in den Taschen des Kapitalisten.

In den Augen eines heutigen - Marx würde sagen: bürgerlichen - Ökonomen wie Hans-Werner Sinn "gehört zu Marxens größten wissenschaftlichen Fehlleistungen" diese Arbeitswerttheorie. Sinn, im von Mathias Greffrath herausgegebenen Sammelband mit dem Titel "Re: Das Kapital", urteilt eindeutig: Dass sich die relativen Güterpreise in der Marktwirtschaft grundsätzlich nach der in den Waren steckenden Arbeitszeit richteten, sei "schlichtweg falsch".

Die meisten nicht marxistischen Ökonomen sehen es so. Und verschweigen gern, dass Marx sich diese Arbeitswerttheorie nicht selbst ausgedacht hat, sondern dass er sich dabei auf Adam Smith und David Ricardo, zwei anerkannte Klassiker der Wirtschaftswissenschaften, bezieht.

Was Marx als "bürgerliche Wissenschaften" betrachtet hätte, erscheint heute grob gefasst in drei Varianten: Keynesianer, die für ein Eingreifen des Staates plädieren; Neoklassiker, die das Eingreifen ablehnen und nach Deregulierung verlangen; dazu der Ordoliberalismus, der einen Weg zwischen den beiden Schulen sucht.

Neoklassik: Das ist die Schule, die am weitesten von Marx entfernt ist und an effiziente Märkte glaubt, die durch Angebot und Nachfrage alles selbst regeln; "Mehrwert" und "Ausbeutung" haben in diesem Konzept selbstverständlich keinen Platz.

Aber nicht nur die Neoklassik, der gesamte Mainstream hat, als sei sie von Marx vergiftet, die Werttheorie fallen lassen. Marx galt als Ideologe, wertlos, überholt.

Es ist neu, dass aus diesem Mainstream heraus Marx wiederentdeckt und sogar in Schutz genommen wird. Hans-Werner Sinn, der bürgerliche Ökonom, findet einerseits, dass Marx in der "Königsdisziplin der Volkswirtschaft", der mikroökonomischen Preistheorie, versagt habe.

Andererseits sieht er in ihm den "ersten Makroökonomen" überhaupt. Sinn kommt sogar auf die Idee, sich mit Marx gegen linke Politik zu verbünden. Laut Marx bestimme ja das Sein das Bewusstsein. Also: "Es gibt keinen Primat der Politik über die Gesetze der Ökonomie", sagt Sinn. Also: Bitte lieber keinen keynesianischen Unfug, bitte keine "politische Intervention in das Marktgeschehen", das sei oft "unwirksam, wenn nicht kontraproduktiv".

Marx hätte dazu sicherlich ein paar hübsche Ausfälligkeiten parat. Er erwarte "wissenschaftliche Kritik", schreibt er artig im Vorwort. Nur mischten sich in die wissenschaftliche Auseinandersetzung gern die "Furien des Privatinteresses" darein - ein bürgerlicher Ökonom kann sich eben nicht freudig dazu bekennen, dass die "Plusmacherei" auf Kosten der Arbeiter geht. Weil eben auch ein Ökonom ein Sein hat, das das Bewusstsein bestimmt.

Marx' Bewusstsein war das eines Sprösslings der Bourgeoisie, der die Bourgeoisie durchschaut. Arm, aber immer konsumfreudig, wenn Geld da war. Er mochte Hummer. Er war der Ansicht, dass sich das Projekt Aufklärung sehr wohl mit einer guten Zigarre verbinden ließ. Er war durchaus bereit, der Verlockung zu erliegen, die er so schön im Kapitel über den "Fetischcharakter der Waren" beschreibt.

Hat ihn hierzu möglicherweise Sillems Bazar inspiriert?

Am Jungfernstieg, wo heute die Einkaufspassage Hamburger Hof ihre Waren feilbietet, war zu Marx' Zeit dieser Bazar. Ein Glaspalast mit Marmorschmuck, in den 1830ern erbaut, einer der ersten in Deutschland, nach Pariser Vorbild. Marx muss ihn gekannt haben. Bei seiner ersten Hamburgreise, 1845, stieg er im Hôtel de Russie unmittelbar daneben ab.

Die Ware, dieses "vertrackte Ding" mit den wunderlichen Grillen: Glanzvoll bieten sie sich dar, in Sillems Bazar. 26 exklusive Geschäfte, wie Bönig in einem Adressbuch von 1848 ermittelt hat. Schirme, Handschuhe, Hüte, Kämme, Galanteriewaren, Spielzeug, Antiquitäten, Kleider aus Paris. Waren, schreibt Bönig, "die das Geheimnis ihrer Herkunft nicht preisgaben, die die Mühe ihrer Herstellung nicht erzählten, nicht die Arbeit erkennen ließen, die in ihnen steckte, sondern nur durch ihren Preis gekennzeichnet waren". Die Waren schweigen. Sie sagen nichts darüber, ob ein Kind in einer Wäschefabrik 14 Stunden am Tag geschuftet hat. Oder ob ein Weber vor Hunger zusammengebrochen ist.

Manchen Waren haben wir heute das Reden beigebracht, ein bisschen. Sie sagen "Made in Germany" oder "Made in China". Manchmal sagen sie auch "Bio" oder "Fair Trade". Aber vielleicht lügen sie ja?

Ein Handy sagt nicht: Seltene Erden wurden dafür gefördert, für Hungerlohn. Es sagt nichts über das Kind, das auf einem Schuttberg in Ghana das letzte bisschen Wert aus einem Smartphone herauskratzen wird, statt zur Schule zu gehen.

Apple residiert ein paar Schritte weiter, den Jungfernstieg entlang.

Wird der Kapitalismus an seine Grenzen kommen, weil es keine neuen Billiglohnländer, keine neuen Konsumentenmärkte mehr gibt? Weil der Planet erfasst, die Welt erobert ist? Rosa Luxemburg war dieser Ansicht, etliche andere Marx-Nachfolger auch. Es sieht so aus, als ob Apple darauf eine Antwort gibt: nein. Nein, es gibt immer wieder neue Wege, neue Dimensionen. Neue Maschinen sind entstanden. Und neue Waren: Gefühle, Gedanken, Gewohnheiten. Daten.

"Sagt mir niemals dieses dämliche Wort: unmöglich": Dieser Spruch des Aufklärers Mirabeau, so sieht es Marx, gelte "namentlich für die moderne Technologie". Im "Kommunistischen Manifest" klingt es mehr nach Euphorie als nach Kritik, wie er die bürgerliche Revolution beschreibt: "Die Bourgeoisie hat ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen, sie hat ganz andere Züge ausgeführt als Völkerwanderungen und Kreuzzüge", sie belässt nichts, wie es war: "Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht."

Er hat nichts gegen technischen Fortschritt. Irgendwann werden die Früchte des Fortschritts ja hoffentlich vergesellschaftet sein. Werden die Ausbeuter enteignet, die "Expropriateurs expropriiert".

Apple tut nur, was der Kapitalist eben tun muss, laut Marx: "Akkumuliert, Akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten!" Apple hat sich, wie Google, Facebook, Amazon, eine erdrückende Marktmacht geschaffen.

Expansion und Konzentration: Beides sind Bewegungen, denen die kapitalistische Produktion gehorcht, und das gilt nicht nur für neue Technologie.

Das Autokartell aus VW, BMW, Audi, Porsche, Daimler, das Absprachen trifft und sich auf Akkumulation auf dem Betrugsweg einigt - es ist über viele Jahre entstanden. "Im deutschen Automobilbau", darauf verweist die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht in "Re: Das Kapital", "gab es nach dem Ersten Weltkrieg rund achtzig mittelgroße Unternehmen, die miteinander um die Gunst der Kunden stritten. Kurz vor der Weltwirtschaftskrise waren noch dreißig übrig. Heute gibt es noch drei große deutsche Autokonzerne, den weltweiten Markt dominieren kaum ein Dutzend Hersteller". Dieser "generelle Trend der wirtschaftlichen Konzentration entspricht ziemlich genau der Marx'schen Prognose", schreibt sie. Nicht eingetreten, das gibt sie zu, sei die Vorhersage, dass "die Masse des Elends" der "vereinten und organisierten Arbeiterklasse" die Expropriation der Expropriateure vorantreibt.

Man sieht sich um, am Jungfernstieg im August 2017, die Leute haben Handys, tragen volle Tüten.

Hat Marx nicht die Verelendung der Massen prognostiziert? Und nun? Ein "Massenwohlstand" sei zu diagnostizieren, schreibt der "FAZ"-Autor Philip Plickert in einem marxkritischen Essay ("Der falsche Prophet").

Hier, wo die Waren flüstern, schreien, verlocken und gekauft werden, könnte man an den Massenwohlstand glauben. Denn diejenigen, die sich die Ohren zuhalten müssten, weil sie das Geld nicht haben, die sieht man hier nicht.

Oder nur ausnahmsweise. So, wie die Frau, die am Jungfernstieg auf dem Trottoir sitzt, um sich herum zwei Hunde, ein bisschen Habe und ein Pappschild, auf dem "wohnungslos" steht.

Verelendung ist etwas anderes heute: Man stirbt nicht mehr daran. Hier in Deutschland jedenfalls nicht. Das Verelendungsthema, meint Jürgen Neffe, der eine neue Marx-Biografie vorgelegt hat, sei auch politisch zu sehen: "Denn der gravierendste gesellschaftliche Missstand, den Marx neben Ausbeutung und Entfremdung als Erster ausbuchstabiert, heißt Ungleichheit, regional wie global."

Ungleichheit. Die acht Männer, die mehr besitzen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Das reichste Zehntel der Menschheit, dem 89 Prozent des Vermögens gehört. Das ist der Motor für die Kapitalismuskritik heute. Das ist es, was Menschen auf die Straße treibt.

4. Station Adolphsplatz, gegenüber der Börse. 1867 Zingg's Hotel; 2017 Deutsche Bank

Zehn Jahre, bevor Marx, mit dem "Kapital" im Gepäck, das Zingg's Hotel am Adolphsplatz bezieht, gleich gegenüber der Hamburger Börse, ist auf dem Weltmarkt etwas Interessantes passiert.

Ein Finanzinstitut in New York hat sich mit Eisenbahnanleihen verspekuliert. Die zahlungsunfähige Bank löst eine Finanz- und Wirtschaftskrise in den USA aus. Die Krise greift auf Schottland und Nordengland, dann auf Hamburg über: Hamburg, als Handelszentrum, hat unternehmungslustige Kaufleute, die gern im spekulativen Warengeschäft unterwegs sind, häufig mit Wechseln finanziert.

Die Hamburger Wirtschaft: in Panik. Pleiten drohen oder sind schon Realität. Die öffentliche Hand weigert sich erst und springt dann ein: 35 Millionen Bancomark werden für die Rettungsaktion bewilligt, fast das Fünffache der Hamburger Staatsausgaben für das laufende Jahr.

Es kommt einem irgendwie vertraut vor.

Marx, für die "New York Daily Tribune" über "Die Finanzkrise in Europa", berichtet: "So trat jetzt die Republik in Erscheinung, ihren Lauf aufzuhalten. Das Vermögen der ganzen Gesellschaft, welche die Regierung vertritt, hatte die Verluste der privaten Kapitalisten zu regeln."

Zyklische Krisen gehören ja zum Kapitalismus - und von der 1857er Krise hat er viel über die Mechanismen gelernt. Und über den Finanzsektor. Darüber, was es bedeutet, wenn Geld ohne Umweg über die Produktion mehr erwirtschaftet als das produktive Kapital.

"Während sich fast alle Ökonomen von der Finanzkrise 2007/08 überraschen lassen mussten", schreibt der Marx-Biograf Neffe, sehe Marx schon viel mehr - nämlich "wie die gesamte Geschäftswelt eines Landes von solchem Schwindel ergriffen werden kann".

Die gesellschaftlichen Folgen laut Marx: Es entsteht "eine neue Finanzaristokratie, eine neue Sorte Parasiten in Gestalt von Projektemachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren; ein ganzes System des Schwindels und Betrugs". Wer hier an all die innovativen Produkte der Finanzindustrie denke, meint Neffe, "sieht die Welt auch mit den Augen von Marx".

Natürlich weiß Marx noch nichts über Zertifikate, Derivate und CDOs. Er ist kein Prophet. Er sagt seine Wahrheiten, die er aus den Verhältnissen seiner Zeit abstrahiert. Knurrige Sätze, in denen sich mancher wiederfinden kann: "Der einzige Teil des sogenannten Nationalreichtums, der wirklich in den Gesamtbesitz der modernen Völker eingeht, ist - ihre Staatsschuld."

Es ist eine hübsche Pointe der Geschichte, dass gegenüber der Börse, wo 1867 Marx' Quartier Zingg's Hotel stand, heute die Deutsche Bank ansässig ist.

Marx wählte das erste Hotel am Platze, nicht nur, weil er das angenehme Leben schätzte - sondern auch, glaubt Jürgen Bönig, weil er angesehene Hamburger Bürger treffen wollte. Er wollte recherchieren, und er brauchte immer Unterstützung. Er konnte ja charmant sein, Karbunkel hin oder her.

Am 14. September 1867, der Autor ist zurück in London, wird "Das Kapital" endlich im "Börsenblatt" annonciert.

Hält die bürgerliche Welt den Atem an? Will sie wissen, wie sie funktioniert?

Will sie nicht. Im Nachwort zur zweiten Auflage beklagt sich Marx: "Die gelehrten und ungelehrten Wortführer der deutschen Bourgeoisie haben ,Das Kapital' zunächst totzuschweigen versucht, wie ihnen das mit meinen früheren Schriften gelungen war." Aber es kommt noch schlimmer: "Die breimäuligen Faselhänse der deutschen Vulgärökonomie schelten Stil und Darstellung meiner Schrift. Niemand kann die literarischen Mängel des ,Kapital' strenger beurteilen als ich selbst. Dennoch will ich, zu Nutz und Freud dieser Herren, hier ein englisches und ein russisches Urteil zitieren ..." Man ahnt es: Es fällt grandios aus.

5. Station Ecke Neuer Wall/Bleichenbrücke. 1867 Tonhalle; 2017 Bekleidungsgeschäft Sør

Und? Was kommt jetzt? Was folgt politisch aus dem "Kapital"?

Hohe Erwartungen herrschten in der Hamburger Arbeiterszene, beispielsweise in der Tonhalle, einem Konzerthaus mit Biersaal, am Neuen Wall; etwa dort, wo heute das Bekleidungshaus Sør Damen- und Herrenmoden verkauft.

Dort im Souterrain hielt der "Bildungsverein für Arbeiter", der wichtigste Arbeiterverein Hamburgs, seine Feierlichkeiten ab. Man war gespannt.

Die Reaktion? "Enttäuschung", sagt Bönig. Da arbeitet Marx, der Autor des "Kommunistischen Manifests" ("Ein Gespenst geht um in Europa"!), 23 Jahre lang an einem Werk, das alles klären könnte. Und dann steht da eben nicht drin: Dies und jenes müsst ihr tun. Da steht nicht: Und so wird sie sein, die künftige bessere Welt.

Jürgen Bönig erinnert daran, "in welches Getümmel hinein" Marx geschrieben hat, in unruhigen Zeiten, manches ist wieder oder immer noch da. "Der eine sagt: Schafft das Geld ab. Der andere: Die Juden sind schuld. Der dritte: Handel brauchen wir gar nicht. Wieder andere: Zurück zum Handwerk, schafft die Maschinen ab. Dann wieder: Nationalwerkstätten, so etwas wie ABM-Betriebe. Oder: Grundeinkommen für alle."

Marx analysiert, er agitiert nicht im "Kapital". "Er ist keiner, der sagt, wie es zu laufen hat", meint Bönig. "Er sagt: Ihr müsst selber denken."

Man kann beides herauslesen: Auf zur Reform. Auf zur Revolution. Worauf also setzen? Welches ist der Weg?

Darüber haben sie sich bitter gezankt, in den 150 Jahren nach Marx, die Fortschrittlichen, die Linken, die Vordenker der Arbeiterklasse: Muss man nichts groß unternehmen, weil der "große Kladderadatsch" (August Bebel) ja sowieso kommt? Und dann der Sieg des Proletariats? Oder muss man reformieren, den Kapitalismus zähmen, wie es die Sozialdemokratie seit 1896 probiert?

Nach dem Zweiten Weltkrieg beruft sich die halbe Welt auf Marx und praktiziert das, was sie unter Sozialismus versteht. Die Staatschefs der DDR wollen den Kapitalismus "überholen, ohne ihn einzuholen"; wie ihre Kollegen in der Sowjetunion bürokratisieren und ersticken sie alles Utopische. Marx ist ihnen Pflichtlektüre, aber sie lesen ihn so, wie es ihnen passt. 68er-Studenten rezipieren das "Kapital" voller Ehrfurcht, als heiliges Buch, aber das gibt sich wieder. Als die DDR und 1991 auch die Sowjetunion zusammengebrochen sind, sieht es so aus, als sei Marx' Konjunktur vorbei.

Doch schon sieben Jahre später lobt der Milliardär gewordene Spekulant George Soros: "Marx und Engels haben ... eine ausgezeichnete Analyse des kapitalistischen Systems vorgelegt, die, so muss ich sagen, in mancher Hinsicht besser ist als die Gleichgewichtstheorie der klassischen Ökonomie." Und: "Bedauerlicherweise stehen wir wieder in der Gefahr, aus den Lektionen der Geschichte die falschen Schlüsse zu ziehen. Diesmal geht die Gefahr nicht vom Kommunismus, sondern vom Marktfundamentalismus aus."

Jetzt, seit der Finanzkrise vor allem, ist die Diskussion über Gerechtigkeit in aller Schärfe wieder da, und mancher sucht Antworten darauf bei Marx. Man geht ins Kino und schaut sich den jungen Marx an oder Filme über Spekulation. Man sprüht Parolen an die Wand. Man demonstriert, man hört sich auf der Biennale in Venedig das komplette "Kapital" an. Man möchte, wenn man Wirtschaftswissenschaften studiert, nicht nur die Analysen der Marx-Kritiker lesen, sondern, das vermeldet zum Beispiel der Volkswirtschaftler Thomas Straubhaar, auch Marx selbst.

Was folgt aus seinen Einsichten? Das fragen sich auch diejenigen, die sich jetzt neu mit Marx beschäftigt haben.

Mehrere Autoren im Essayband "Re: Das Kapital" finden Genossenschaftsmodelle ermutigend, zitieren Marx-Sätze dazu, denken über kooperatives Wirtschaften nach, Parallel-Ökonomien.

Jürgen Neffe hätte gern eine geplante Marktwirtschaft oder marktorientierte Planwirtschaft, um Verteilungs- und Umweltprobleme zu lösen.

Sahra Wagenknecht verabschiedet sich insofern von Marx, als dass sie anders als er einen Unterschied macht zwischen guten Unternehmern und schlechten Kapitalisten; manchmal klingt sie wie ein linker Ludwig Erhard, will "Wohlstand für alle".

Jürgen Bönig lächelt ein wenig. Für ihn ist "Das Kapital" "kein Glaubensbuch. Nicht einmal ein Gewissheitsbuch", er mag das.

Es ist ein Buch, das so lange wichtig ist, wie der Kapitalismus existiert. Immer könnte jemand sich dieses Buch vornehmen und Sprengstoff darin finden.

Es ist eine Drohung.

Und ein Versprechen.

Im Video: Marx' Leben im Zeitraffer

URL:


© DER SPIEGEL 39/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH