AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2017

Guttenberg-Comeback Ganz der Alte

Banale Erkenntnisse, bombastische Sprüche: Der frühere Hoffnungsträger Karl-Theodor zu Guttenberg ist wieder da. CSU-Chef Seehofer hat Großes mit ihm vor.

Rückkehrer Guttenberg: "Irgendwann ist mal gut"
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Rückkehrer Guttenberg: "Irgendwann ist mal gut"


Die Vergangenheit holt Karl-Theodor zu Guttenberg beim Gillamoos-Volksfest auf unerwartete Weise ein. Guttenberg, den alle hier nur KT nennen, betritt die Bühne in offenem Hemd und dunklem Baumwollsakko, an seinem Ohr ist ein Headset befestigt, wie es Moderatoren von Shoppingkanälen gern tragen. Eigentlich müsste er jetzt sagen, er wolle nicht vom Rednerpult aus sprechen, er rede lieber frei. Das ist seine Masche, in Kulmbach hat er es vor einigen Tagen auch gemacht.

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Heft 37/2017
Die Berliner Ruhe trügt - in Deutschland brodelt es

Aber an diesem Montag steht ein massives Rednerpult aus Holz auf der Bühne. Guttenberg hat es selbst vor Jahren gespendet, weil das alte Plastikpult "einfach nicht in ein Bierzelt passt", woran der Landrat die Leute unten im Saal erinnert. Guttenberg ist unsicher, ob er die geplante Choreografie durchziehen soll. Er entscheidet sich dagegen und tritt ans Pult. Er trägt noch immer das Headset, am Pult sind ebenfalls zwei Mikrofone befestigt. Guttenberg hat nun drei Mikrofone vor sich, es sieht aus, als müsse die Rede des CSU-Manns gleich mehrfach verstärkt werden.

Der Gillamoos ist die zweite Station auf Guttenbergs Wahlkampftour. Wenn alles gut läuft, könnte die Reise in einer Rückkehr in die Politik enden. Aber es läuft nicht so reibungslos, wie er sich das gewünscht hat.

Guttenberg war vor sieben, acht Jahren der beliebteste Politiker des Landes, ihm wurde alles zugetraut, auch die Kanzlerschaft. Dann kam der Absturz. Weil seine Doktorarbeit in großen Teilen ein Plagiat war, musste Guttenberg als Verteidigungsminister zurücktreten. Er zog mit seiner Familie in die Nähe von New York und gründete eine Beratungsfirma. Jetzt ist er wieder da, und die Neugier ist groß.

Das Comeback des 45-Jährigen ist eine der interessantesten Geschichten des Wahlkampfs. In Kulmbach, seiner Heimat, wollten ihn am vorvergangenen Mittwoch gut 1200 Anhänger sehen. Es war deutlich mehr Presse angemeldet als bei der Kanzlerin, die hundert Kilometer entfernt in Erlangen redete. Nach dem Duell der Spitzenkandidaten am vergangenen Sonntag durfte er das Ereignis unmittelbar im Anschluss bei "Anne Will" kommentieren.

CSU-Chef Horst Seehofer hat schon klargemacht, dass er Guttenberg für überall ministrabel hält, in Bayern und im Bund. Die "Bild"-Zeitung, seit früheren Zeiten Guttenbergs Hausblatt, fantasiert schon, dass ihr Schützling in die erste Reihe der Anwärter für das Kanzleramt aufrücken könnte, "spätestens für die Zeit ab 2021".

Das ist eine gewagte Prognose. Es ist unklar, wie ein Comeback des CSU-Politikers aussehen könnte. Ein plausibles Szenario fehlt, auch wenn Seehofer behauptet, er habe eine Strategie im Kopf. Guttenberg hat selbst noch nicht erklärt, ob er wieder aktiv Politik machen will, auch wenn vieles darauf hindeutet. Vermutlich hat er sich noch nicht endgültig entschieden.

Dann bleibt noch die Frage: Wer kommt da eigentlich zurück? Derselbe Politiker, an dessen Befähigung es nicht nur wegen seines Plagiats längst Zweifel gab? Was haben die Jahre im Ausland, weit weg von der deutschen Politik, mit Guttenberg gemacht? Auf dem Gelände des "Werk 3" in München war früher mal eine Knödelfabrik. Jetzt residieren hier Start-ups, es gibt viel Glas, Stahl und Beton. Vom Dachgeschoss aus hat man einen schönen Blick über die Stadt. Genau der richtige Ort für die "Innovationstour mit Karl-Theodor zu Guttenberg", zu der die CSU geladen hat. Der Gast solle "mal mit dem Blick von außen erläutern, was den Standort ausmacht", sagt der stellvertretende Generalsekretär Markus Blume.

Guttenberg sagt, dass Deutschland mehr Glasfaserkabel brauche, sich von Ländern wie Japan und Südkorea nicht abhängen lassen dürfe und dass Bildung und Ausbildung wichtig seien. Andererseits könnten sich die USA in einigen Bereichen von Bayern "ein Stück abschneiden". Der Blick von außen unterscheidet sich, so scheint es, nicht allzu sehr vom Blick von innen.

Die Auftritte Guttenbergs sind deshalb verblüffend, weil sie zeigen, wie treu er sich in seiner Zeit in den USA geblieben ist. Einem Zuhörer, der die vergangenen sechs Jahre im Koma verbracht hat, würde vor allem auffallen, dass Guttenberg die Haare nicht mehr zurückgelt und einen Bart trägt. Er sagt jetzt "Westcoast", wenn er die amerikanische Westküste meint.

Ansonsten ist es wie früher. Schon als Minister hat er vor Reden das Manuskript zur Seite gelegt und gesagt, er wolle mit dem Herzen sprechen. Die Seiten des Manuskripts waren leer, vom Herzen kam stets die gleiche Rede. So ist es auch diesmal. In Kulmbach, wo er frei reden will, sagt Guttenberg das Gleiche wie auf dem Gillamoos. "Sauber auswendig gelernt", wie Seehofer im kleinen Kreis spöttelt.


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OHNE

Den Gestus des Außenseiters kultiviert Guttenberg noch immer. Er wisse nicht genug über die Situation in Deutschland, sagt er, deshalb "würde ich Sie gerne mitnehmen auf einen Streifzug durch die Welt". Die Erkenntnisse sind dann eher banal: Neben Donald Trump gebe es auch gute Amerikaner, mit denen man im Gespräch bleiben müsse. Ein Krieg der USA gegen Nordkorea wäre schlecht, weil "das auf unsere Arbeitsplätze Rückwirkungen tätigt".

Geblieben ist auch die Neigung, einfache Sachverhalte in sprachlichen Bombast zu verpacken. Statt von Gefahr spricht Guttenberg von einem "Gefahrenstrudel, in den wir hinabgleiten könnten". Die Willkommenskultur lobt er mit den Worten, Deutschland habe es "geschafft, dass Bahnhöfe nicht mehr für den Tod, sondern für die Hoffnung stehen". Und aus den USA hat er die Erkenntnis mitgebracht, dass "die Welt sich weiterdreht, aber sie braucht Gestaltungskräfte".

Eine Neuheit gibt es: Guttenberg kommt in Kulmbach gleich zu Beginn auf sein Plagiat zu sprechen. Er sei "dankbar auch für manchen Spott und Häme", sagt er kokett, aber "ich darf zumindest für mich auch nach langer Zeit einmal sagen: Jetzt ist auch mal irgendwann gut". Immer wieder streut er Witzchen über seine "Raubkopien" ein. Dabei hat selbst SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gesagt, in der Politik gebe es keine ewige Verdammnis. Die Sache ist also durch.

Guttenberg kommt immer wieder auf das Plagiat zurück, weil er auf diese Weise davon ablenken kann, dass es schon vor der Aufregung um die Doktorarbeit Zweifel an seinen politischen Fähigkeiten gab. Nach einem furiosen Start als Wirtschaftsminister begann sein Ansehen in den eigenen Reihen zu sinken, als er das Verteidigungsressort übernommen hatte.

Die faktische Abschaffung der Wehrpflicht, die er gegen den anfänglichen Widerstand einer Mehrheit in der Union durchsetzte, zeigte Guttenbergs Durchsetzungskraft. Um die Konsequenzen seiner Entscheidung aber hatte er sich wenig Gedanken gemacht. Das mussten andere übernehmen.

Geblieben ist die Neigung, einfache Sachverhalte in sprachlichen Bombast zu verpacken.

Als Verteidigungsminister machten Guttenberg immer neue Fälle von Vertuschung und Fehlinformation zu schaffen. Um sich selbst zu retten, entließ er 2009 Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert. Die beiden hätten ihm, so sein Vorwurf, wichtige Berichte vorenthalten, in denen es um das Bombardement zweier Tanklaster in der Nähe des afghanischen Kunduz ging, bei dem viele Zivilisten starben. Beide bestritten die Darstellung. Der Eindruck, Guttenberg habe ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit, verfestigte sich auch in den eigenen Reihen. Es gab viele in der Fraktion, die erleichtert waren, als er zurücktreten musste.

Dennoch verlässt Guttenberg sich nach wie vor in erster Linie auf seine Ausstrahlung. Er scheint selbst unsicher zu sein, ob das reicht. Früher trat er charmant und selbstsicher auf. Heute wirkt er nervös. Sein Lächeln verrutscht gelegentlich, bei "Anne Will" ebenso wie im Bierzelt. Die Presse werde am nächsten Tag wieder schreiben, er habe nur Banalitäten von sich gegeben, wiederholt er bei seinen Auftritten. Es ist einer seiner Tricks: Die Kritik vorwegnehmen, damit sie nicht mehr wirkt.

Guttenberg wolle sich unbedingt rehabilitieren, sagt einer, der ihn lange kennt. Vor allem die schmählichen Umstände seines politischen Endes machten ihm zu schaffen. Eine vollständige Wiedergutmachung aber könne es nur geben, wenn er wieder ein politisches Amt habe.

Die Späher aus der CSU-Zentrale, die Seehofer zu Guttenbergs Auftritten geschickt hat, glauben, dass er genau das anstrebt. Sie berichteten nach München, dass Guttenberg zwar behaupte, er betrachte die deutsche Innenpolitik seit Jahren nur noch von außen. Die Einzelheiten des Bayernplans der CSU seien ihm aber geläufig: "Obergrenze, Leitkultur, Burka-Verbot, in der Rede war alles drin", sagt ein Mitglied der CSU-Spitze.

Einer der Ersten, der Guttenberg nach seinem Auftritt in Kulmbach beglückwünschte, war der Parteichef persönlich. "Gratulation!!!!!", schrieb Horst Seehofer per SMS. "Danke", simste Guttenberg zurück. "Unterstützt Du mich beim Gillamoos?" Das konnte Seehofer nicht, er musste zum Dieselgipfel ins Kanzleramt.

Seehofer hat Guttenbergs Rückkehr initiiert. "Er spielt in einer eigenen Liga", schwärmt der CSU-Chef. Ihn reizt die Aussicht, seinen Finanzminister Markus Söder zu ärgern. Der möchte Seehofer als Ministerpräsident und Parteichef nachfolgen. Seehofer will das verhindern. Guttenberg kommt da gerade recht.

Unklar ist nur, in welcher Rolle Seehofer Guttenberg sehen will. Dass dieser nach der Landtagswahl im kommenden Jahr ins bayerische Kabinett wechselt, ist schwer vorstellbar. Schließlich hatte Seehofer schon die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner zu seiner Nachfolgerin aufbauen wollen - und anschließend fallen gelassen.

Anders sähe es mit einem Ministerposten in Berlin aus. Damit könnte Guttenberg sich unabhängig von Seehofer eine Machtbasis aufbauen. Allerdings müsste es ein angemessenes Ressort sein, das Auswärtige Amt zum Beispiel, oder ein neugeschaffenes Ministerium für Forschung, Digitales und Infrastruktur. Das könnte man dann Zukunftsministerium nennen.

Es gibt aus CSU-Sicht nur ein Problem: Seehofer will seinen Innenminister Joachim Herrmann in einer neuen Bundesregierung sehen. Dass die CSU im Falle einer Regierungsbeteiligung aber zwei große Ministerien beanspruchen kann, ist eher unwahrscheinlich.

Möglicherweise spielt Seehofer nur mit Guttenberg, wie er es schon mit anderen getan hat. Guttenberg bringt Farbe in einen langweiligen Wahlkampf, er könnte für die CSU Wähler mobilisieren, die mit Angela Merkel abgeschlossen haben. In diesem Fall wäre seine Aufgabe nach der Wahl erledigt.

Seehofer beteuert, dass dies nicht so sei. Er hält es für kein Problem, Herrmann und Guttenberg nach der Bundestagswahl mit einem Ministeramt zu versorgen. "Die CSU will Joachim Herrmann als Innenminister nach Berlin schicken", sagt er. Das bedeute aber nicht, dass für Guttenberg dann kein Platz mehr sei. "Für die künftige Rolle von Karl-Theodor zu Guttenberg", sagt der Parteichef, "heißt das gar nichts."



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