AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2018

Reumütiger Ex-Opel-Chef "Wir haben zu viele SUVs"

Karl-Thomas Neumann war Volkswagen-Manager und Opel-Chef. Heute denkt er über autofreie Städte nach und sagt: "Wir als Autoindustrie haben uns komplett verrannt." Woher rührt sein Wandel?

Ex-Opel-Chef Neumann in einem Shuttle in Berlin: "Die Revolution beginnt in den Städten"
Christoph Neumann / DER SPIEGEL

Ex-Opel-Chef Neumann in einem Shuttle in Berlin: "Die Revolution beginnt in den Städten"

Ein Interview von


Karl-Thomas Neumann, 57, führte von März 2013 bis Juni 2017 den Autohersteller Opel. Zuvor verantwortete er im Volkswagen-Konzern die Elektroantriebe und das China-Geschäft. Zuletzt investierte er in ein Berliner Mobilitäts-Start-up.


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Heft 15/2018
Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt

SPIEGEL: Herr Neumann, Sie waren vier Jahre lang Opel-Chef. Warum haben Sie die Marke nicht auf E-Mobilität getrimmt?

Neumann: Am Anfang hatte ich das noch nicht so klar gesehen. Ich dachte, ich müsste erst mal das Kerngeschäft in Ordnung bringen. Aber in der Dieselkrise habe ich bemerkt, dass ich meine Haltung radikal ändern muss. Ich hatte sogar einen Plan entwickelt, Opel zum reinen Elektroanbieter umzubauen. Das hätte der Marke sicher einen großen Schub verliehen.

SPIEGEL: Warum haben Sie den Plan nicht umgesetzt?

Neumann: Weil der damalige Eigentümer General Motors sich entschieden hat, Opel an den französischen PSA-Konzern zu verkaufen.

SPIEGEL: Der Diesel, Vorzeigetechnik der Deutschen, ist in Verruf geraten. Die Verkäufe brechen immer weiter ein, in den Innenstädten drohen Fahrverbote. Was ist schiefgelaufen?

Neumann: Wir als Autoindustrie haben uns komplett verrannt. Das begann bei der politischen Lobbyarbeit. Es ging immer nur darum, über neue Abgasgrenzwerte zu verhandeln und dann alles dafür zu tun, sie irgendwie zu erreichen. Wir brauchen eine neue Haltung: Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, dass man uns zum Jagen tragen muss. Wir müssen von uns aus endlich saubere Autos bauen und die CO2-Werte massiv senken.

SPIEGEL: BMW, Daimler und VW setzen weiter große Hoffnungen in den Diesel. Sie auch?

Neumann: Im Moment ist der Diesel noch die beste verfügbare Technologie, um CO2 zu reduzieren. Er hat aber große Nachteile. Das Dilemma ist: Wenn jetzt der Anteil der Benzinfahrzeuge wieder steigt, dann bekommen wir dafür ein CO2-Problem.

SPIEGEL: Was ist der Ausweg?

Neumann: Die Elektromobilität. An ihr führt kein Weg vorbei. Ich gehe davon aus, dass wir in 10 bis 15 Jahren komplett aus der Benzin- und Dieseltechnologie aussteigen müssen. Wir müssen weg vom Verbrennungsmotor und uns der Frage stellen, wie wir das schaffen. Doch stattdessen führt ein Großteil der Industrie immer neue Argumente an, wo die Nachteile der E-Mobilität liegen und warum der Wandel nicht so schnell klappen wird.

SPIEGEL: Woran liegt das?

Neumann: Die Hersteller kämpfen einen verzweifelten Kampf. Sie müssen Milliarden in Elektromobilität investieren, das Geld dafür aber noch mit Benzin- und Dieselmotoren verdienen. Das verleitet sie dazu, ihr Altgeschäft zu verteidigen, statt die Zukunftstechnik in den Vordergrund zu stellen. Sie betonen, der Diesel sei noch lange nicht tot, statt sich als Vorreiter der Elektromobilität zu profilieren. Sie lassen sich von Tesla vorführen, wie man den Markt der Zukunft aufrollt.

SPIEGEL: Von VW oder Daimler erwarten die Aktionäre Gewinne. Tesla-Gründer Elon Musk hingegen schreibt seit Jahren hohe Verluste. Taugt er als Vorbild?

Neumann: Musk verkauft seinen Aktionären Zukunftsvisionen. Auf diese Weise sammelt er viele Milliarden Dollar ein, die er in Wachstum investieren kann. Er beschwert sich nicht, dass es zu wenige Ladesäulen gibt - sondern baut sie einfach selbst. Das kostet viel Geld. Die große Gefahr für die deutschen Hersteller aber ist, dass Musk am Ende doch noch Gewinne macht und den Markt für E-Autos dominiert - während unsere Industrie auf ihren Verbrennungsmotoren sitzen bleibt.

SPIEGEL: Sollten sich die Konzernchefs jetzt hinstellen und das Ende des Verbrennungsmotors verkünden?

Neumann: Klingt radikal, aber das wäre eine richtige und klare Strategie. Sie müssen ihre Benzin- und Dieselmotoren noch eine Zeit lang wirtschaftlich ausmelken, aber schon jetzt möglichst viele Ressourcen auf die E-Mobilität verschieben.

SPIEGEL: Investieren BMW und andere etwa nicht genug?

Neumann: Die Hersteller nehmen viel Geld in die Hand und entwickeln eigene Elektroplattformen. Doch sie scheinen das vor allem zu tun, um die strikten CO2-Ziele zu erfüllen. Mir fehlt da die echte Überzeugung. Die Konzerne gehen viel zu verhalten mit der Story an den Markt.

SPIEGEL: Wäre es nicht sinnvoller, sich alle technischen Optionen offenzuhalten, statt alles auf E-Mobilität zu setzen?

Neumann: Wir brauchen die E-Mobilität, um die Innenstädte von Abgasen zu befreien. Doch viele verstecken sich lieber hinter dem Begriff "Technologieoffenheit", weil sie keine Vision haben. Eine solche Vision vermisse ich, von der Politik genauso wie von den Autoherstellern.

Ladestation für Elektroautos
DPA

Ladestation für Elektroautos

SPIEGEL: Was muss sich ändern?

Neumann: Politik und Konzerne müssen an einem Strang ziehen. Statt von den Herstellern teure Umrüstungen alter Dieselfahrzeuge zu verlangen, könnte man sie beispielsweise dazu verpflichten, das Ladenetz stärker auszubauen. Sinnvoll wären auch zusätzliche Kaufanreize für E-Autos, wie es sie heute bereits in Norwegen gibt. Und höhere Steuern für große Autos mit starkem Spritverbrauch.

SPIEGEL: Das werden BMW, Daimler und VW nicht gern hören. Sie verdienen viel Geld mit schweren Geländewagen.

Neumann: Und darin liegt ein weiteres Problem. Zwar stellen die Konzerne auf E-Mobilität um, doch sie bauen weiterhin die gleichen Autos: große, schwere SUVs, die hohe Gewinne einspielen. Wir haben schon zu viele SUVs, sie sind sicher nicht die Lösung für die Zukunft.

SPIEGEL: Sondern?

Neumann: Wir brauchen kleine, wendige Autos für die Städte. Autos, die nicht viel Platz brauchen und die mit kleinen Batterien hocheffizient fahren können. Solche Fahrzeuge eignen sich auch gut für Carsharing-Flotten. Bislang bietet aber kaum jemand solche Autos an. Außer ein paar kleinen Start-ups wie der jungen Aachener Autofirma e.GO Mobile.

SPIEGEL: Wie wird sich die Mobilität aus Ihrer Sicht verändern?

Neumann: Wir werden uns künftig ganz anders bewegen. Diese Revolution wird in den Städten beginnen. Die Metropolen müssen die Kontrolle über den Verkehr zurückerobern. Zu lange und zu stark wurde er vom Auto dominiert.

SPIEGEL: Sind Fahrdienste wie Uber die Lösung?

Neumann: Nur zum Teil. Die Städte müssen sogar aufpassen, dass sich Mobilitätsanbieter wie Uber oder Lyft nicht ungehindert ausbreiten. Wozu das führt, kann man in New York beobachten: Wegen Uber fahren dort mehr Autos als je zuvor. Die Fahrdienste haben dort nicht weniger, sondern mehr Staus verursacht.

SPIEGEL: Was können die Stadtoberhäupter also tun?

Neumann: Sie brauchen ein Betriebssystem für ihren Verkehr. Einige Start-ups bieten dafür spannende Ansätze. In eines davon habe ich kürzlich investiert: Die Berliner Firma door2door hat eine Plattform entwickelt, die öffentliche Verkehrsmittel und Taxidienste integriert. Sie soll für einen optimalen Verkehrsfluss sorgen.

SPIEGEL: Wie funktioniert das?

Neumann: Eine Software analysiert, wie sich die Stadtbewohner fortbewegen. Wo zum Beispiel die Nachfrage nach Sammelbussen groß ist, kann man einen entsprechenden Service einrichten. Dafür gibt es eine passende App für die Nutzer. Der kann sich dann die beste Verbindung von Tür zu Tür aussuchen - über Bus, Bahn oder Sammeltaxis. Langfristiges Ziel ist es, die herkömmlichen Autos so weit wie möglich aus den Innenstädten zu verbannen.

Fahrradfahrer in Berlin
DPA

Fahrradfahrer in Berlin

SPIEGEL: Ein erschreckendes Szenario für die Autoindustrie.

Neumann: Nicht unbedingt. Denn die größte Fähigkeit der Hersteller - gute Fahrzeuge zu bauen - ist ja auch in Zukunft gefragt. Das kriegt Uber nicht hin, und sogar Tesla tut sich schwer. Aber die Konzerne müssen aufpassen, dass sie beim Zukunftsgeschäft mit Dienstleistungen nicht außen vor bleiben.

SPIEGEL: Vor zehn Monaten haben Sie die Opel-Spitze verlassen. Wäre es nicht langsam Zeit für einen neuen Job?

Neumann: Ich habe es nicht eilig. Erst mal habe ich mir einen Lebenstraum erfüllt und bin über den Atlantik gesegelt. Da hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. In Zukunft möchte ich einen Job haben, in dem ich wirklich etwas verändern kann. Die Zeiten, in denen ich nur die alte Autowelt verteidigt habe, sind vorbei.



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