AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2017

Streitgespräch zur Landwirtschaft Warum können sich Bauern und Grüne so oft nicht leiden?

Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt und Bauernpräsident Joachim Rukwied sehen sich beide als Naturfreunde. Doch über Tierhaltung, Biolandbau und Düngemittel gehen ihre Ansichten stark auseinander.

Bauernchef Rukwied, Politikerin Göring-Eckardt: "Das ist mir jetzt zu romantisierend"
Gordon Welters/ DER SPIEGEL

Bauernchef Rukwied, Politikerin Göring-Eckardt: "Das ist mir jetzt zu romantisierend"

Das Streitgespräch moderieren und


SPIEGEL: Herr Rukwied, fühlen sich die Bauern durch die Grünen diffamiert?

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Heft 36/2017
Der Kampf ums Kanzleramt: Worum es geht. Wer es kann.

Rukwied: Ich stelle zumindest immer wieder fest, dass manche Grüne gern polarisieren und mit Schlagworten wie Massentierhaltung und Tierqual um sich werfen. Auch ich suche nach Lösungen, aber nicht mit dieser Art der Konfrontation.

Göring-Eckardt: Wir diffamieren nicht, im Gegenteil. Wir lieben Landwirtschaft und gute Lebensmittel. Aber nicht Läusegift, Antibiotika im Stall und Maiswüsten, wo einst blühende Landschaften waren. Wir wissen, dass wir die Wende zu einer guten Landwirtschaft nur gemeinsam schaffen können. Wir zwei könnten Partner sein.

Rukwied: Grüne Politiker unterstellen oft, dass die Bauernfamilien ihre Tiere nicht tiergerecht behandeln, sie nur als Ware verstehen. In der Regel sind Bauern und Bäuerinnen aber Menschen, die einen Familienbetrieb übernehmen, dann bewirtschaften und ihn auch an eine nächste Generation weitergeben wollen, also nachhaltig arbeiten.

Göring-Eckardt: Das ist mir jetzt zu romantisierend. Wir haben schon lange nicht mehr die kleinbäuerliche Landwirtschaft der Vergangenheit, wie auf den Verpackungen der Industrie suggeriert wird. Stattdessen sind seit 1975 Hunderttausende Höfe weggestorben, es geht immer mehr hin zu großen Agrarfabriken, nach dem Slogan "Wachse oder weiche".

SPIEGEL: Sehen Sie keine Probleme, Herr Rukwied? Die Milchbauern darben, die Schweinebauern kommen bei Preisen um die 1,50 Euro pro Kilogramm Fleisch kaum über die Runden - mit der Folge, dass Deutschlands Landschaft immer eintöniger wird.

Rukwied: Da widerspreche ich. Es hat sich doch einiges getan. Wir haben zum Beispiel seit zwei bis drei Jahren mehr Blühstreifen an den Ackerrändern, auf denen Wildtiere gut unterkommen können; und wir sind bereit, noch mehr zu tun. Man darf aber die Wirtschaftlichkeit nicht außer Acht lassen. Wir haben eine schwierige Situation, die von der Komplexität des Welthandels, den Ernährungsgewohnheiten und vielem mehr abhängt.

SPIEGEL: Was ist denn Ihr Leitbild? Was soll Landwirtschaft in Zukunft leisten?

Rukwied: Die Bauern sollen zum einen nachhaltig wirtschaften, zum anderen hochwertige Lebensmittel erzeugen und parallel dazu die Landschaft pflegen.

SPIEGEL: Geschieht das, Frau Göring-Eckardt?

Göring-Eckardt: Viel zu selten. Allerdings sollte man nicht den Bauern allein die Schuld geben. Die Politik muss steuern. Es hängt viel davon ab, welche Art der Landwirtschaft wir fördern. Landwirte, die das Wasser nicht so stark belasten, die ihre Tiere nicht so eng zusammenzwängen, die keine Pestizide auf die Felder sprühen, sollten dafür finanziell belohnt werden. Wir wollen keine industrielle Landwirtschaft mehr, sondern eine Landwirtschaft, die auch Klima-, Tier- und Naturschutz betreibt. Dass die Verbraucher durch eine Kennzeichnung beim Fleisch wissen, wo es herkommt und wie die Tiere gehalten wurden. Ich wünsche mir, dass wir dabei in Deutschland vorangehen, dass wir zeigen: Es geht auch anders.

Rukwied: Wir sind doch jetzt schon besser als der Rest der Welt.

Göring-Eckardt: Falsch. Wir hängen beim Ökolandbau hinterher und drücken mit Dumpinglöhnen die Schlachtpreise. Ich will auch schnell dafür sorgen, dass Trinkwasser für die Verbraucher nicht teurer wird, da die Gülle aus der Massentierhaltung das Grundwasser belastet.

Rukwied: Mir sind bis jetzt keine Fälle bekannt, wo deswegen extra in die Wasseraufbereitung investiert werden musste.

Göring-Eckardt: Der Verband der Wasserwirtschaft hat gerade ausgerechnet, dass Trinkwasser bis zu 60 Prozent teurer wird wegen der hohen Nitratwerte. Da sind die Pestizidprobleme noch gar nicht eingerechnet. Am Schluss wird es die kleinen Leute treffen. Das kann doch niemand wollen.

Rukwied: Da bin ich Optimist, das wird nicht kommen. Das wird auch die neue Düngeverordnung sicherstellen.

Göring-Eckardt: Optimismus reicht nicht, wir müssen handeln. Diese ganze Billigfleischindustrie hat jedes gesunde Maß verloren. Wenn man die milliardenschweren EU-Subventionen anders verteilt und festlegt, dass nachhaltigere und tierfreundliche Landwirtschaft gefördert wird, könnte man einen neuen Weg beschreiten.

SPIEGEL: Der Biolandbau als Leitbild für ganz Europa?

Göring-Eckardt: Ja. Aber ich sage nicht, dass wir bereits in 20 Jahren 100 Prozent Biolandbau haben werden. Auf jeden Fall müssen wir bis dahin aus der industriellen Massentierhaltung raus.

SPIEGEL: Das wird teuer für den Verbraucher.

Göring-Eckardt: Nein. Es gibt Studien dazu, wie hoch der Fleischpreis steigen würde: Da ist von drei bis sechs Prozent die Rede. Umfragen zeigen, dass fast 90 Prozent der Bürger bereit wären, diesen Aufpreis zu zahlen, wenn sie dafür ökologischeres Fleisch bekämen.

SPIEGEL: Die Verbraucher würden es auch begrüßen, wenn Bauern weniger Pestizide in der Landwirtschaft einsetzen würden. Herr Rukwied, Sie dagegen haben zuletzt gefordert, die EU müsse chemische Pflanzenschutzmittel leichter zulassen.

Rukwied: Es geht nicht um mehr Mittel, sondern um den Erhalt einer breiten Wirkstoffpalette. Als Praktiker, der selbst einen konventionellen Betrieb führt, weiß ich: Ich muss Nutzpflanzen, egal ob ökologisch angebaut oder konventionell, schützen können. Und da brauche ich Wirkstoffe, auch chemisch-synthetische - immer unter der Vorausgabe, dass sie nicht schädlich sind für den Menschen.

SPIEGEL: Warum können sich die Bauern nicht wenigstens von so umstrittenen Mitteln wie dem Herbizid Glyphosat trennen?

Rukwied: Auf Glyphosat zu verzichten ist nicht sinnvoll, wir brauchen es beispielsweise für eine Bodenbearbeitung, die das Erosionsrisiko verringert.

SPIEGEL: Ist der Stoff unschädlich?

Rukwied: Da muss ich mich auf die Wissenschaft verlassen. Die sagt: keine Gefahr.

Göring-Eckardt: Das stimmt nicht. Die Forscher sind sich uneinig. Viele renommierte Wissenschaftler sagen sogar: "wahrscheinlich krebserregend".

SPIEGEL: Pestizide wie Glyphosat gelten auch als eine der Ursachen des Artensterbens. Sollte der Pestizideinsatz eingeschränkt werden, etwa durch eine Pestizidabgabe?

Pestizideinsatz in der Landwirtschaft "Wir Bauern sind Naturschützer"
Steven Lüdtke/ Forum Moderne Landwirtschaft/ DPA

Pestizideinsatz in der Landwirtschaft "Wir Bauern sind Naturschützer"

Göring-Eckardt: Das wäre ein gutes Lenkungsinstrument. Vielleicht würde das manche Bauern zum Umdenken bringen.

Rukwied: Das klingt jetzt so, als würden die Landwirte Pflanzenschutzmittel aus Lust und Laune einsetzen. Das ist doch Unsinn. Ich halte nichts von Steuern, sondern ich setze auf Innovation, auf Reduktion, indem ich neue Techniken einsetze. Ich weiß noch, mit welchen Düsen in den Achtzigerjahren Pflanzenschutzmittel ausgebracht wurden. Heute haben wir Injektordüsen, die viel präziser sind. Wir haben auch den Düngemitteleinsatz deutlich reduziert in den letzten 20 Jahren, bei gleichzeitiger Steigerung der Erträge.

SPIEGEL: Herr Rukwied, erkennen Sie eigentlich an, dass die Landwirtschaft die Hauptschuld am Artenverlust hat?

Rukwied: Es wäre vermessen zu sagen, dass die Landwirtschaft nicht dazu beiträgt. Wir wirtschaften in der Natur, das hat Einfluss - unbestritten. Aber ich wehre mich, wenn allein dem Landwirt die Schuld gegeben wird. Der Rückgang der Artenvielfalt hat viele Gründe, darunter den Lebensstil in unserem Land oder die Versiegelung der Flächen.

Göring-Eckardt: Ich habe genau das auf Ihrem Bauerntag gesagt und dafür Pfiffe geerntet.

Rukwied: Ich habe Sie nicht ausgepfiffen!

SPIEGEL: Warum gibt es eigentlich ständig Streit zwischen Bauern und Naturschützern? Müsste der Landwirt nicht von Haus aus Naturschützer sein?

Rukwied: Ich sage ganz selbstbewusst: Ja, wir Bauern sind Naturschützer! Und es gibt durchaus Projekte, die wir gemeinsam mit dem klassischen Naturschutz machen, beim Gewässerschutz, bei den Ackerrandstreifen, die naturfreundlich bepflanzt werden. Auf der unteren Ebene funktioniert das besser als in der großen Politik.

Göring-Eckardt: Da stimme ich zu. Das ist auch ein Strukturproblem, unter anderem verursacht durch die Bundesregierung. Wenn der Naturschutz Projekte macht, gibt es dafür Geld. Für den Landwirt gilt das bisher nicht immer. Wenn man eine neue Landwirtschaftsförderung will, gehört deshalb auch dazu, von den Landwirten nicht zu verlangen, die Naturschutzarbeit für lau zu machen.

SPIEGEL: 84 Prozent der Deutschen wollen, dass die Biolandwirtschaft ausgebaut wird. Herr Rukwied, was spricht dagegen, Europa zu einer Ökoregion zu machen?

Rukwied: Ich bin dafür offen. Wie hoch der Anteil von Ökolandbau aber sein wird, das entscheidet am Ende der Verbraucher beim Einkauf. Und da betrachte ich nüchtern den Markt: Wir plätschern bei fünf Prozent Ökoanteil dahin. Der Bedarf ist einfach nicht da.

Göring-Eckardt: Das stimmt nicht. Wir können ja nicht mal den eigenen Markt mit Bioprodukten versorgen. Stattdessen importieren wir Bioäpfel aus Neuseeland und Biozwiebeln aus Ägypten.

Rukwied: Ich war vor Kurzem in einer Molkerei, die ein Drittel Bioprodukte erzeugt und zwei Drittel regionale, sie steht also im Prinzip für all das, was Sie fördern wollen. Dieser Betrieb hat den kaufkräftigen Markt des Großraums München vor der Haustür. Trotzdem muss diese Molkerei in 16 europäischen Ländern aktiv sein, um ihre Produkte vermarkten zu können.

Göring-Eckardt: Export ist doch keine Lösung. Reste unseres Hühnerfleischs werden gefroren nach Afrika gebracht. Der Bauer dort verliert seine Existenzgrundlage, weil er nicht mit unseren hoch subventionierten Produkten konkurrieren kann. Und dann wundert man sich, dass der Bauer aus Somalia versucht, über das Mittelmeer zu uns zu kommen. Diese großen Zusammenhänge müssen Sie doch sehen.

Rukwied: Das tun wir. Wir produzieren 75 Prozent unserer Waren für den deutschen Markt, das ist unser Kerngeschäft. 20 Prozent erzeugen wir für Europa, nur 5 Prozent gehen in das außereuropäische Ausland. Insgesamt exportieren wir Lebensmittel im Wert von über 70 Milliarden Euro und importieren Lebensmittel im Wert von etwas über 80 Milliarden Euro.

SPIEGEL: Warum wollen Sie denn überhaupt exportieren, Herr Rukwied?

Rukwied: Weil unsere Erzeugnisse nachgefragt werden. Die Chinesen zum Beispiel wollen deutsche Milchprodukte, etwa für Babynahrung, weil sie sich darauf verlassen können, dass diese sicher sind. Wir können natürlich diskutieren, ob es unter politischen Gesichtspunkten Sinn macht, 1,8 Millionen Tonnen Weizen nach Saudi-Arabien zu verkaufen. Aber er wird nun mal nachgefragt, und dann sollten wir ihn auch dorthin exportieren dürfen.

SPIEGEL: Frau Göring-Eckardt, wir sind bald acht Milliarden Menschen auf der Erde. Wäre es da nicht fahrlässig, weniger zu produzieren, als wir können?

Göring-Eckardt: Aber mehr industrielle Massentierhaltung, Pestizide und Gentechnik dürfen doch nicht die Antwort sein. Davon halte ich überhaupt nichts. Im Moment sorgen wir eher dafür, dass sich Menschen in anderen Ländern nicht selbst ernähren können. Nehmen Sie nur die Sojaproduktion: Weil wir Tierfutter aus Südamerika importieren, haben die Bauern dort keine Flächen mehr, auf denen sie ihre eigenen Lebensmittel anbauen können. Gleichzeitig werden tropische Regenwälder für neue Ackerflächen gerodet.

SPIEGEL: Eine Agrarwende würde geringere Erträge mit sich bringen. Ökolandwirtschaft braucht nämlich fast das Doppelte der Fläche für denselben Ertrag. Der Deutsche labt sich dann an Bio, der Rest der Welt kann sehen, wo er bleibt?

Göring-Eckardt: Nein. Das ist ja gerade nicht damit gemeint. Erstens wollen wir es europaweit machen. Zweitens geht unsere heutige Art der Nahrungsmittelproduktion häufig zulasten von Menschen am anderen Ende der Welt. Eine anständige Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion ist deshalb auch eine Art von Entwicklungshilfe. Es ist die Wiedergutmachung für das, was wir andernorts auf der Erde an Kosten und Umweltschäden verursachen.

SPIEGEL: Ein Thema, bei dem Sie sich einig sein dürften, ist der Klimawandel. Forscher sagen extremere Niederschläge voraus, die zu Missernten führen könnten. Für Sie, Herr Rukwied, ein Grund, künftig grün zu wählen?

Rukwied: Der Klimawandel ist eine große Herausforderung für uns Bauern. Politisch sind wir ein neutraler Verband.

Göring-Eckardt: Ob Sie persönlich grün wählen werden, war die Frage.

Rukwied: Das werde ich dann noch mal gut überlegen. (lacht)

SPIEGEL: Frau Göring-Eckardt, Herr Rukwied, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Gespräch führten die Redakteure Philip Bethge und Ann-Katrin Müller im Garten des Bauernverbands in Berlin.



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Tim-Goe 06.09.2017
1. die Grünen...
Meiner Meinung nach vermitteln die Grünen ein ideologisiertes Bild der Landwirtschaft. Begriffe wie „Industrielle Landwirtschaft“ und „Agrarfabriken“ diskreditieren den Berufsstand und hemmen auf Dauer die Lust am Diskutieren. Ein moderner, halbwegs konkurrenzfähiger (vom Weltmarkt will ich gar nicht erst reden) Familienbetrieb hat heutzutage nun mal mind. 200 Hektar, die Ställe wachsen entsprechend mit. Dabei gilt: früher war eben nicht alles besser. Da wären zu nennen: große Laufställe für Milchkühe vs. Kleine, muffige Ställe mit Anbindehaltung, geruchsneutrale Gülleausbringung mit direkter Einarbeitung vs. Prallteller mit hohen Ammoniakemissionen, sichere Pflanzenschutzmittel dank strenger Zulassungsverfahren, mit geringer Halbwertszeit und schonend für Natur und Mensch vs. hohen Leberkrebsraten dank Aflatoxinen, Vergiftungen durch Mutterkorn und Missernten in regelmäßigen Abständen. Was die Grünen für mich aber endgültig unwählbar macht, ist die kategorische Ablehnung der grünen Gentechnik, welche nach einschlägigen Berichten schon bald den Weltuntergang herbeiführen wird. Seltsamerweise können mir meine Gentechnik ablehnenden Mitmenschen, wenn ich mit ihnen darüber rede, ausschließlich das Beispiel der Glyphosattoleranz und den gierigen Monsanto-Konzern nennen. Dazu das Übliche über Resistenzen und Selbstmorde indischer Bauern. Dabei ist Gentechnik so viel mehr und hat das Potential, akute Probleme der Nahrungsmittelerzeugung weltweit zu lösen: Kraut- und Knollenfäule (cisgene Kartoffelsorten wären auch dem Biolandbau eine große Hilfe), Getreideschwarzrost in Ostafrika und dem mittleren Osten, Vitaminmangel (Golden Rice), Panama Disease (Banane), Citrus Bleaching – das alles könnte in einigen Jahren entschärft sein. Aber nö, die Supermarktregale sind ja voll.
hikage 07.09.2017
2.
Zitat von Tim-GoeMeiner Meinung nach vermitteln die Grünen ein ideologisiertes Bild der Landwirtschaft. Begriffe wie „Industrielle Landwirtschaft“ und „Agrarfabriken“ diskreditieren den Berufsstand und hemmen auf Dauer die Lust am Diskutieren. Ein moderner, halbwegs konkurrenzfähiger (vom Weltmarkt will ich gar nicht erst reden) Familienbetrieb hat heutzutage nun mal mind. 200 Hektar, die Ställe wachsen entsprechend mit. Dabei gilt: früher war eben nicht alles besser. Da wären zu nennen: große Laufställe für Milchkühe vs. Kleine, muffige Ställe mit Anbindehaltung, geruchsneutrale Gülleausbringung mit direkter Einarbeitung vs. Prallteller mit hohen Ammoniakemissionen, sichere Pflanzenschutzmittel dank strenger Zulassungsverfahren, mit geringer Halbwertszeit und schonend für Natur und Mensch vs. hohen Leberkrebsraten dank Aflatoxinen, Vergiftungen durch Mutterkorn und Missernten in regelmäßigen Abständen. Was die Grünen für mich aber endgültig unwählbar macht, ist die kategorische Ablehnung der grünen Gentechnik, welche nach einschlägigen Berichten schon bald den Weltuntergang herbeiführen wird. Seltsamerweise können mir meine Gentechnik ablehnenden Mitmenschen, wenn ich mit ihnen darüber rede, ausschließlich das Beispiel der Glyphosattoleranz und den gierigen Monsanto-Konzern nennen. Dazu das Übliche über Resistenzen und Selbstmorde indischer Bauern. Dabei ist Gentechnik so viel mehr und hat das Potential, akute Probleme der Nahrungsmittelerzeugung weltweit zu lösen: Kraut- und Knollenfäule (cisgene Kartoffelsorten wären auch dem Biolandbau eine große Hilfe), Getreideschwarzrost in Ostafrika und dem mittleren Osten, Vitaminmangel (Golden Rice), Panama Disease (Banane), Citrus Bleaching – das alles könnte in einigen Jahren entschärft sein. Aber nö, die Supermarktregale sind ja voll.
Wie wollen sie die Hallen in Ostdeutschland sonst bezeichnen, wo hunderttausende Kühe untergebracht sind? Oder die praktisch komplett automatische (und damit anonym-emotionslose) Schlachtung und Rupfung von Geflügel? Solange diese krassen Extreme weiter bestehen, muss sich die Industrie als Ganze daran messen lassen. Wenn die Bankenproblematik angesprochen wird, tut das auch keiner am Beispiel ihrer lokalen Filiale. Was die Gentechnik angeht, so gibt es sicherlich viele Gründe dafür. Gleichzeitig gibt es aber auch eine Schaffung von Monopolstrukturen und einen wahrhaft unsäglichen Umgang mit Kunden und Kritikern durch die Konzerne. Dazu kommt, dass es nach wie vor keine abschliessende Sicherheit bzgl. der Risiken durch die eingebrachten Transgene gibt.
Tim-Goe 07.09.2017
3. @hikage
Erstmal stört mich der Begriff "Massentierhaltung", da er nicht definiert ist. Für den Einen ist das die 1000er Schweinemastanlage, für den Anderen hört es schon bei 100 Tieren auf. Es ist ein wahllos benutzter und ausgelutschter Begriff. Ein Schwein interessiert es doch nicht, ob es 10 oder 10.000 Schweine um sich herum hat, es kann aus seiner Bucht eh nicht herausgucken. Die Schlachtung ist doch immer brutal, mir kann niemand erzählen, dass ein Bioschwein, das mehr Platz und Auslauf hatte, weniger für uns leidet als ein konventionelles. Daher zählt für mich dieses Argument nicht. Ich bin mir dennoch der ethischen Verantwortung bewusst und bin auch der Meinung, dass der Fleischkonsum pro Kopf viel zu hoch ist. Ich bin es aber leid, dass die Bauern dafür mehr in der Kritik stehen, als der Verbraucher. Die Bauern beliefern bloß die Nachfrage. Und das zu einem unglaublichen Preis bei einer dennoch hohen Qualität. Man kann sich hier nicht auf den Verbraucher verlassen. Der Veggie-/Vegan-Trend und die Nachfrage nach verantwortungsvoll produziertem Fleisch erreicht irgendann einen Höhepunkt, der Rest will jeden Tag billiges Fleisch auf dem Teller. Ich habe mich mit der Thematik der Fleischsteuer noch nicht wirklich auseinandergesetzt. Vielleicht würde das ja helfen. Dem Klima tut es bestimmt auch gut
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