AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2018

Juso-Chef Die unheimliche Macht des Kevin Kühnert

Juso-Chef Kevin Kühnert ist in drei Monaten zum Popstar der Genossen aufgestiegen. Was wird aus ihm nach dem Mitgliedervotum?

Jungpolitiker Kühnert: "Eine gesunde Portion Druck gehört schon dazu"
HC Plambeck

Jungpolitiker Kühnert: "Eine gesunde Portion Druck gehört schon dazu"

Von und


Seit einer guten Stunde gibt Kevin Kühnert nun schon den Helden der zornigen SPD-Jugend. Er steht in einer stickigen Mehrzweckhalle in Berlin- Hellersdorf, die Hände tief in den Taschen seiner schwarzen Jeans vergraben, und wundert sich, warum die Sozialdemokratie mit ihren Plänen für eine neue Große Koalition "zum wiederholten Mal gegen dieselbe Wand laufen" wolle. "Ich versteh das nicht", ruft er in den Saal, "das gibt doch Kopfschmerzen."

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Heft 9/2018
Macht, Gewalt und Rache in der Filmindustrie

Gut 120 Zuhörer, die meisten zwischen 20 und 35 Jahren alt, klatschen begeistert, bis ein Vertreter einer ganz anderen Altersklasse ans Mikrofon tritt: Rudi Finck, 77, SPD-Wähler seit der Wende. Neulich, nach der Wassergymnastik, hat der Rentner mit seinen Gesinnungsgenossen die triste Lage der Partei analysiert. Die SPD stehe "wie ein angeschlagener Boxer im Ring", so lautete ihre Erkenntnis. Regieren? "Jetzt erst recht", sagt Finck: "Sonst geht die Partei noch richtig runter."

Die SPD war schon immer eine Partei, die zur Hysterie neigt, und so schwebt sie auch in diesen Tagen zwischen Himmel und Hölle. In den Umfragen stürzt sie seit Wochen auf Tiefstwerte ab, aber zugleich hat sie mit ihrer umstrittenen Basisbefragung einen Hype entfacht, der ihr Zehntausende Neumitglieder zutrieb. Es geht um die Glaubwürdigkeit der Volksparteien und eine Gratwanderung, wie sie die Republik noch nicht erlebt hat.

Die neue Parteiführung braucht unbedingt ein Ja beim Mitgliedervotum, dessen Ergebnis am kommenden Sonntag feststehen soll. Doch sie sieht auch mit Freude, wie die Nein-Kampagne ihrer Jugendorganisation die SPD interessant macht.

Kühnert, 28, steht im Mittelpunkt des Ringens. Manche Genossen halten ihn für eine Gefahr, weil er mit dem Schicksal der Partei spielt. Die meisten sehen in ihm aber ein Talent, das der SPD schon bald neue Wählerschichten erschließen könnte. Politiker bringen es in der Regel dann zu Popularität, wenn sie entweder gut regieren oder einen Plan für die Zukunft haben, der schlüssig und vielversprechend daherkommt. Auf Kühnert trifft nichts davon zu. Er will gar nicht regieren, nicht einmal ansatzweise. Und einen echten Plan für die Zukunft hat er auch nicht.

Kühnert möchte die SPD irgendwie links und gerechter machen, aber auf den ideologischen Überbau vom demokratischen Sozialismus, den Juso-Vorsitzende üblicherweise vortragen, verzichtet er. Ihm geht es zuallererst um den Akt des Widerstands. Er glaubt, der Urknall der Regierungsabsage könne in der SPD solche Kräfte freisetzen, dass ein Absturz in die Bedeutungslosigkeit, wie manch eine europäische Schwesterpartei ihn erfahren hat, verhindert werden könne.

Mit dieser Haltung ist er innerhalb von drei Monaten zum Popstar der Partei geworden, auch wenn das Willy-Brandt-Haus seine Position für hoffnungslos naiv hält. Die Nummer eins der Partei, Andrea Nahles, beäugt den Juso, als wäre er ein Alien.

Dabei verläuft sein Aufstieg eher konventionell. Kühnert wächst am Rand von Berlin auf. Die Mutter arbeitet in einem Jobcenter, der Vater im Bezirksamt. Mit 14 Jahren wird er Schülersprecher, mit 15 SPD-Mitglied. Er macht ein Otto-Normal-Abi und beginnt ein Politikstudium. Um Geld zu verdienen, arbeitet er für eine Parteifreundin im Berliner Abgeordnetenhaus. Sein Handwerk lernt er in der Bezirksverordnetenversammlung von Tempelhof-Schöneberg.

Aber mit seinem ruhigen Stil und seiner Eloquenz ist Kühnert zur Projektionsfläche geworden für die Sehnsucht nach einer Politik, die anders ist: jünger, mutiger, mit weniger Gemauschel. Vor allem aber steht er für die seit Jahren wachsende Sehnsucht nach Klarheit und Eindeutigkeit, die viele in der SPD teilen - besonders jene, die noch nie in Gefahr geraten sind, ihre politischen Pläne auch umsetzen zu müssen.

Dass Regieren in der SPD derart in Verruf geraten ist, hat tragische Züge. Aber die Popularität des Juso-Chefs zeigt, wie viele Sozialdemokraten es leid sind, ihre politischen Träume ständig gegen jene graue Verwaltungslogik eintauschen zu müssen, die den Kurs nur daran ausrichtet, was finanzierbar und machbar ist.


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Wofür hat er sich als Jungpolitiker eingesetzt? Wie kontert er Fragen nach seinem Alter? Juso-Chef Kevin Kühnert in eigenen Worten.

Hinter Kühnert und seiner Bewegung steckt neben der Sorge, als Juniorpartner der Union weiter marginalisiert zu werden, auch der Wunsch, sich endlich mal wieder ausleben zu können, ohne ständig die Folgen zu bedenken. Die Illusion politischer Anfänger? Mag sein. "Die Erlösung kommt allein durch Inkompetenz. Die Befreiung liegt in der Unerfahrenheit", schreibt der Philosoph Peter Sloterdijk. Er hat versucht, damit Donald Trumps Popularität zu erklären. Auch für Kühnert und die Gegner der Großen Koalition scheinen die Sätze nicht ganz unpassend.

Die Gefahr ist, dass ihr Weg in den Abgrund führt. Sagt die SPD Nein zur Koalition, würde sie sich in die Hände der Kanzlerin begeben, die eine Minderheitsregierung bilden und jederzeit Neuwahlen herbeiführen könnte: angesichts aktueller Umfragen wäre das Desaster programmiert. Kühnert fürchtet das nicht. Er hat die hübsche Vorstellung, dass Merkel im Zweifel lange allein regiert und seine Partei sich derweil regeneriert.

Ein Freitag im Februar, Kühnert fährt im Intercity nach Dresden zu einem seiner NoGroKo-Termine. Er sitzt im Großraumwagen und managt seinen Tag. E-Mails checken, Termine planen, vor allem aber: Interviews führen, redigieren, freigeben. Seit Wochen geht das so. Talkshows, Zeitungen, Onlinemedien, nichts bleibt unberücksichtigt. "Radio Bremen ruft immer extra früh an und schaltet einen dann in die Musikwarteschlange ein, so nach dem Motto: Ja, Sie haben ja bestimmt stressige Tage gerade, jetzt gibt's erst mal schöne Musik." Kühnert rollt mit den Augen. Verspürt er Stress? Oder Druck? "Eine gesunde Portion Druck gehört schon dazu", sagt er. "Wenn man das nicht aushält, sollte man Blumen züchten oder so was."

Er trägt Jeans und Sneaker. Vor ihm liegt ein Körnerbrötchen mit Ei. Will er wirklich gewinnen? "Na ja", sagt er. "Es wäre ja komisch, wenn wir aus Angst vor dem Sieg unser Argument ändern würden. Wie glaub - würdig wäre das denn?"

Das klingt entschlossen, aber Kühnert hat eine Entwicklung durchlaufen. Anfangs konnte er sagen, was er wollte. Alle hielten ihn für chancenlos, insofern waren seine Worte interessant, aber ungefährlich. Inzwischen hat er erkannt, wie sehr die Stimmung in der Partei an der Frage hängt, wie sehr er aufdreht. Beim Parteitag in Bonn hielt er eine auffallend moderate Rede, es war der Start eines Mäßigungsprozesses.

Er hat sich mit Andrea Nahles zu einem Vieraugengespräch getroffen, um nach Wegen zu suchen, wie sich nach dem Votum die Lager zusammenfinden können. Er betont, "kontroverse Debatten" führen, aber nicht die Partei sprengen zu wollen. Kühnert beschwert sich auch nicht laut darüber dass die SPD-Spitze die Sicht der Jusos in den Wahlunterlagen auslässt.

"Ich würde lügen, wenn ich jetzt sagen würde, dass das nicht emotional auch was mit einem macht. Das fasst einen an", sagt Kühnert. Er sei sich der Tragweite seines Agierens bewusst. "Das ist jetzt nicht irgendwie Parteitag, und man kämpft auf Seite 27 um irgendeinen Spiegelstrich und kann am Ende so einen Pseudoerfolg mit nach Hause nehmen, für den sich später nie mehr jemand interessiert. Jetzt geht es im Zweifel ums Eingemachte."

Kühnert verfolgt einen Kurs der Deeskalation, der darauf zielt, die fällige Versöhnung beider Parteilager nach dem Basisentscheid nicht unnötig zu erschweren. Ob sie gelingt, ist offen. Sie hängt davon ab, wie klug er nach dem Votum agieren wird.

Zum Machtfaktor in der SPD ist Kühnert längst geworden. In Vorstandssitzungen sucht die Führung den Blickkontakt mit ihm, um zu testen, wie er auf Sätze oder Pläne reagiert. Alle wissen: Sie brauchen ihn. Spielt er vier Jahre lang innerparteiliche Opposition, wird es schwierig. Längst denken Teile der SPD-Führung darüber nach, ihn künftig stärker einzubinden.

Es gibt nicht allzu viele Genossen, die in seinem Alter schon ein Stahlbad hinter sich haben, fernsehsicher sind und einen Parteitag erreichen können. Es gibt einige Ideen: Die einen wollen ihm eine Bundestagskandidatur verschaffen, andere hätten ihn gern als Lenker des Reformprozesses, wieder andere können ihn sich als eine Art Pop-Beauftragten vorstellen, wobei dieser Posten eine Karriere auch schon mal fast beendete, nämlich jene von Sigmar Gabriel.

"Es wird eine wichtige Aufgabe sein, Befürworter und Gegner einer Großen Koalition zusammenzuführen", mahnt Malu Dreyer, die Vizeparteichefin: "Natürlich wird Kühnert eine wichtige Rolle spielen bei der Erneuerung der SPD." Ähnlich sieht es Vorstandsmitglied Uli Grötsch: "Gerade für viele Neumitglieder ist Kühnert eine wichtige Stimme", sagt er.

Auch Nochaußenminister Sigmar Gabriel, nicht immer ein Freund der Jung - sozialisten, appelliert an seine Partei, Kühnert stärker zu umarmen, um zu gewährleisten, dass seine Truppen der Partei nach dem Votum nicht von der Fahne gehen. In der Sache sei er natürlich anderer Meinung als Kühnert, sagt Gabriel. Er plädiere klar für eine Große Koalition, weil ein Nein fatale Folgen für Europa haben könne.

Aber ihn beeindrucke das Engagement der Jusos um Kühnert. "Da kämpfen tolle junge Leute", so der Außenminister: "Was will eine Partei mehr?" Gabriels Botschaft: "Wenn es die SPD schafft, jetzt eine gute Regierung zu bilden und gleichzeitig diese junge Generation mit ihrem Engagement und Enthusiasmus zu halten, ist mir um die Zukunft der SPD nicht bange." Nach seinem Auftritt in Hellersdorf stellt sich Kühnert vor ein rotes Juso-Logo und lässt sich von seinen Anhängern feiern. Er posiert für Selfies und gibt ein paar Interviews, in denen er sorgfältig darauf achtet, den Konflikt mit dem Willy-Brandt-Haus nicht auf die Spitze zu treiben.

Kühnert sagt nichts zur neuen Parteiführung, nichts zur Personalie Gabriel. Er will eine andere SPD, aber die "linke Sammlungsbewegung", von der Sahra Wagenknecht fantasiert, hält er für Unsinn. Kühnert will Schwarz-Rot verhindern, doch zugleich verpflichtet er seine Truppe zu Parteitreue, wenn es anders kommen sollte. Dann, sagt er, "müssen wir erst recht für die Erneuerung der SPD kämpfen".

Nicht allen scheint das in Hellersdorf zu gefallen. Am Ende der Debatte tritt eine junge SPD-Wählerin auf. Sie war einst ein Fan von Martin Schulz, aber seit seinen Kehrtwenden hat sie mit ihm gebrochen.

Für Kühnert und seine Mitstreiter hat sie deshalb einen einfachen Satz parat: "Werdet bloß nicht genauso, wenn ihr bald an den Schalthebeln der Macht in der Bundespartei sitzt."



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