AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2017

Missbrauch unter Männern Als Kevin Spacey ihm zwischen die Beine griff

Immer mehr Männer aus Hollywood schildern, wie sie sexuell missbraucht wurden. Schwulsein galt lange als tabu - und das schützte die Täter.

Schauspieler Spacey: Wolf im Rudel
Sunset Box/ Allpix/ Laif

Schauspieler Spacey: Wolf im Rudel

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Als der Mann, den er bewunderte, ihm zwischen die Beine griff, da dachte Harry Dreyfuss vor allem daran, wen er beschützen musste. Dreyfuss, ein 18-Jähriger, war ein Missbrauchsopfer, das im Moment der Verletzung darauf bedacht ist, dass der Täter keinen Schaden nimmt.

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Heft 46/2017
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Es war aber auch eine zu verwirrende Situation. Dreyfuss war nach London gekommen, um seinen Vater zu besuchen, den berühmten Schauspieler Richard Dreyfuss, der mit dem noch berühmteren Schauspieler Kevin Spacey ein Stück am allerberühmtesten Theater Old Vic einstudierte.

Der junge Dreyfuss, der selbst Schauspieler werden wollte und noch nicht ahnte, was man dafür manchmal alles tun muss, war überrascht vom Charme und der Freundlichkeit von Kevin Spacey, der das Old Vic von 2004 bis 2015 leitete. "Er ist so nett", sagte er sich immer wieder, "er ist so nett." Bis zu dem Abend, als die drei bei Spacey zu Hause waren, um zu arbeiten. Der ältere Dreyfuss war in seine Rolle vertieft, während der jüngere Dreyfuss auf dem Sofa saß und Spacey sehr nah an ihn heranrückte. Und ihm dann die Hand mit klarer Absicht erst auf den Schenkel legte und immer höher schob, in den Schritt.

"Ich war wie leer", schreibt Dreyfuss in seinem eindrucksvoll nüchtern und zugleich schmerzvollen Erfahrungsbericht, der auf der amerikanischen Website BuzzFeed erschienen ist. "Ich hob den Kopf und sah ihn an. Ich schaute ihm in die Augen und schüttelte so schwach wie nur möglich den Kopf. Ich wollte ihn warnen, ohne die Aufmerksamkeit meines Vater zu erregen, der immer noch auf den Text starrte." Das war 2008. Und nun, fast zehn Jahre später, nachdem immer mehr junge Männer davon erzählen, wie sie von Spacey bedrängt wurden, ist Dreyfuss noch immer verwundert, wie Spacey es wagen konnte, ihn zu begrapschen, während sogar sein Vater dabei war. "Am meisten ekelt mich an Kevin", schreibt Dreyfuss, "wie sicher er sich fühlte." Was Spacey so sicher sein ließ, war ein System, in dem viele schwiegen, weil sie abhängig waren; ein System, in dem Missbrauch von Frauen wie Männern derart selbstverständlich war, dass die Täter keine Angst vor dem Absturz haben mussten.

Jemand wie der Produzent Harvey Weinstein, mit dessen Fall vor mehr als fünf Wochen dieser systemische Großskandal begonnen hatte, schickte Anwälte, Privatdetektive, Journalisten los, um die Opfer mit Geld oder üblen Gerüchten zum Schweigen zu bringen. Sein Fall legt nun erstmals offen, wie alltäglich, wie unausweichlich, wie erniedrigend und traumatisierend die Verbindung von Macht und Sex war und ist - was sich in Hollywood nun so spektakulär wie detailliert zeigt.

Dort begannen die Opfer zu reden, weil sie sich ermutigt fühlten und die Angst vor Absturz und Ausgrenzung nachgelassen hat. Es sind persönliche Erzählungen wie die von Harry Dreyfuss, die dem Schmerz eine Form geben, ein kollektiver Real-Roman gegen die Mythenfabrik Hollywood.

Zunächst fingen Daryl Hannah, Kate Beckinsale, Léa Seydoux, Cara Delevingne, Gwyneth Paltrow, Angelina Jolie, Asia Argento, Ashley Judd an zu sprechen, berühmte und weniger berühmte Schauspielerinnen. "Raubtier", das ist das Wort, das für Männer wie Weinstein verwendet wird. Die Frauen, so die Schauspielerin Brit Marling, galten als "Frischfleisch".

Die Vorwürfe und Enthüllungen nun, die Kevin Spacey betreffen - der vom Streamingdienst Netflix während der Produktion der letzten Staffel der Präsidentenserie " House of Cards" gefeuert wurde -, verlagern die Frage nach sexuellem Missbrauch in einen anderen Bereich, in den des schwulen Hollywood, das bis heute mit vielen Verklemmungen und Vorurteilen betrachtet wird.

Eines dieser Vorurteile betrifft die angeblich andere, schwule Sexualität - promiskuitiver, permissiver, krasser, vielleicht auch lustvoller und freier. Auch deshalb war die Aufregung groß, als Kevin Spacey seine Entschuldigung an den Schauspieler Anthony Rapp, der ihn als Erster des Missbrauchs beschuldigt hatte, mit dem Bekenntnis seines Schwulseins verband.

"Wie kannst du es wagen?", schäumte etwa der "Guardian"-Kolumnist Owen Jones, der fürchtet, dass Spacey mit der Verbindung von Missbrauch und Homosexualität die "böse Lüge" über schwule Männer weiterverbreitet: die Verbindung von schwulem Sex und Pädophilie.

Das Hollywood-System von Macht und sexuellem Missbrauch zerfällt vor den Augen der Welt.

Manche der Männer, die Spacey sich aussuchte, waren extrem jung und ihm ziemlich ausgeliefert: Anthony Rapp war 14, als Spacey sich auf ihn legte, mit einem damals 14-jährigen Jungen hatte Spacey 1983 eine sexuelle Beziehung, einen 16-Jährigen lud Spacey zu sich nach Hause ein und zeigte ihm Schwulenpornos; aus der Bar des Old Vic wie vom Set von "House of Cards" wird berichtet, wie übergriffig Spacey sich hier bewegte.

Ein Journalist, den Spacey nach einem Interview "aggressiv" begrapschte, entschied sich, den Vorfall zu verschweigen, weil er davor zurückschreckte, Spacey als homosexuell zu outen. Dass er nicht offen schwul war, schützte Spacey auf widersinnige Weise: Schwule Sexualität wird in Hollywood immer noch unterdrückt - was wiederum den Missbrauch und dessen Vertuschung befördert.

Was das bedeutet, schildert etwa der Schauspieler Simon Curtis. Auch er hat, wie Harry Dreyfuss, einen Text geschrieben - ein Text bietet noch immer die Möglichkeit, Herr über die eigene Geschichte zu sein.

Curtis wuchs in Oklahoma auf. Er beschreibt, wie seine Familie ihn verstieß, als sie herausfand, dass er homosexuell ist. Er war 18 Jahre alt. "Wir wünschten, du wärest gestorben, als du ein Kind warst", sagten seine Eltern zum Abschied. Curtis war an Leukämie erkrankt, als er zehn Jahre alt war.

Er wollte weg, er zog nach Los Angeles. Er war glücklich, als er einen Manager fand, auch als der ihm sagte, dass er seinen schwulen Stil loswerden müsse, wenn er Erfolg haben wolle. Am gleichen Abend ließ sich dieser Manager von Curtis oral befriedigen.

Es sind solche Geschichten, die den Abgrund beschreiben, an den Hollywood ziemlich viele Menschen gebracht hat. "Wir schwulen Männer", schreibt Curtis, inzwischen 31, "dürfen nicht die sein, die wir sind. Um zu arbeiten und unsere Träume zu verfolgen, müssen wir die Essenz dessen verraten, was uns ausmacht." Was Brit Marling über Frauen in Hollywood erzählt, das beschreibt Simon Curtis für Männer. Kevin Spacey ist für ihn nur ein Wolf in einem Rudel, "dessen Macht in Hollywood tief verankert ist". Für junge homosexuelle Männer bedeutet das, so Curtis, mehr als die sprichwörtliche Besetzungscouch: Er spricht von "psychologischen Kriegsspielen", bei denen die jungen Männer gezwungen werden, ihre Homosexualität zu verstecken, und auf diese Weise schwach und zum Opfer werden - und "eine ganze Industrie - Schauspieler, Agenten, Regisseure, Manager und Produzenten - ist mitschuldig an diesem Umfeld, das fast ein Jahrhundert bestehen konnte".

Was bei all dem deutlich wird: Missbrauch verläuft im heterosexuellen wie im homosexuellen Bereich nach ähnlichen Mustern, es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.

Missbrauch als System erscheint gerade in Hollywood in seiner ganzen Mechanik - und zerfällt vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Ein Spektakel von shakespearescher Düsternis, dessen Helden Gestalten sind wie Präsident Underwood in "House of Cards": kalt und gewissenlos und eigentümlich faszinierend.

Die Geschichten der Opfer allerdings, wie sie jetzt erzählt werden, öffnen eine andere Sicht. Es sind reale Geschichten, die die shakespearesche Dramaturgie nicht brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten. Auch kommen darin lange Phasen des Schweigens vor; erzwungene Handlungspausen, wie Überwältigung und Überforderung sie oft erzwingen.

Harry Dreyfuss kann sich bis heute nicht erinnern, wie er an jenem Abend nach Hause kam oder was er dort gemacht hat; und er schwieg über Jahre. Er wollte sich, schreibt er, die Chance nicht verbauen, mit Spacey zu arbeiten.

Manchmal erzählte er Freunden in Andeutungen davon, aber eher wie einen Witz. Er erinnerte sich an den Satz der Schauspielerin Carrie Fisher: "Wenn mein Leben nicht witzig wäre, wäre alles wahr, und das wäre inakzeptabel."



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