AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2017

Prozess in Kiel Warum eine Mutter ihr Baby sterben ließ

Das kleine Mädchen wurde in einem Mülleimer an einer Bushaltestelle gefunden. Tot, eingewickelt in eine Jogginghose und in eine gelbe Plastiktüte. Ein Gericht musste nun über die Täterin urteilen.

Angeklagte Rozina G., Verteidigerin
DPA

Angeklagte Rozina G., Verteidigerin

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Als Rozina G. sich endlich der Freiheit nähert, will sie sterben. Sie ist im Mittelmeer in einem Holzboot eingequetscht, um sie herum mehr als 600 weitere Flüchtlinge. Ein Überlebenskampf. Es wird gedrängelt, getreten, geschubst. Einige Menschen gehen über Bord. Rozina G. hört, wie sie um Hilfe schreien; sie sieht, wie sie ertrinken.

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Heft 41/2017
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Rozina G. will sich in diesem Moment aufgeben. Sie weiß, wie hoch der Preis der Freiheit ist. Nicht nur, wenn man mit dem Leben bezahlt. Doch sie hält durch, bis italienische Einsatzkräfte sie retten. Sie landet in Rom, am 19. Juni 2015 kommt sie nach Deutschland. Von diesem Zeitpunkt an bleiben ihr noch 550 Tage in Freiheit.

Landgericht Kiel, erster Stock, Saal 232. Rozina G. hat ihren Kopf auf die Tischplatte gelegt, sie verbirgt ihn hinter verschränkten Armen, sie weint. Die 23-Jährige ist wegen Totschlag angeklagt: Sie ist die Mutter eines neugeborenen Mädchens, das am 15. Oktober 2015 im Mülleimer einer Bushaltestelle an der B432 im Kreis Segeberg in Schleswig-Holstein gefunden wurde. Tot. Eingewickelt in eine Jogginghose und in eine gelbe Plastiktüte.

Die 8. Große Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Jörg Brommann verurteilte Rozina G. am Mittwoch zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren wegen Totschlag durch Unterlassen. Es war davon überzeugt, dass Rozina G. ihr Neugeborenes sterben ließ, es nicht versorgte, sodass es vermutlich an den Folgen einer Unterkühlung starb.

Warum tut eine Mutter so etwas? Es war die entscheidende Frage dieses Verfahrens.

Die Antwort liegt in der Geschichte dieser jungen Frau aus Eritrea. Vieles bleibt auch nach der Hauptverhandlung ungeklärt. Rozina G.s Angaben waren vage, verworren, unpräzise. Brommann sagte in der Urteilsbegründung, es stehe nur fest: Rozina G. sei die Mutter des toten Mädchens, das kerngesund gewesen sei, vermutlich 30 Minuten lang gelebt habe und das sie abgelehnt habe.

Pastor mit Teresas Sarg
DPA

Pastor mit Teresas Sarg

Vielleicht wäre es anders gekommen, hätte Rozina G. ihr Abitur bestanden. Zwölf Jahre lang besucht die Tochter eines Bauern die Schule in Mekerka im nördlichen Hochland von Abessinien. Doch sie fällt durch die Abiturprüfung, ihr droht damit ein härterer Militärdienst. In Eritrea, am Horn von Afrika, ist der "Nationaldienst" unbefristet und vergleichbar mit Zwangsarbeit und Sklaverei. Wer versucht, sich zu entziehen, kommt ins Straflager.

Sechs Monate lang muss Rozina G. als Wachsoldatin arbeiten, dann wird sie 2014 als Polizistin in die Hauptstadt Asmara geschickt. Es sei ihr dort nicht gut gegangen, sagte sie vor Gericht. Richter Brommann sprach in der Urteilsbegründung von "schwer erträglichen Umständen".

Als Rozina G. zum Wehrdienst einberufen wird, haut sie ab. Sie will ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit führen, notgedrungen fern der Heimat, fern ihrer Familie. Gemeinsam mit anderen Frauen aus Somalia und Eritrea flieht sie im Januar 2015 über den Sudan nach Libyen. Milizionäre nehmen sie in der Wüste gefangen, um Lösegeld zu erpressen. Die Frauen werden verprügelt, getreten, malträtiert.

Rozina G. trägt ein kleines Kreuz an ihrer Halskette. Es habe sie als Christin stigmatisiert, sagte sie. Für die schwer bewaffneten muslimischen Männer sei dies wie ein Freibrief gewesen. Vor Gericht brach sie fast zusammen, weinte bitterlich. Sie sei vergewaltigt worden. "Einen Monat und eine Woche lang. Jeden Tag. Mehrere Male. Von verschiedenen Männern."

Eine Hilfsorganisation aus Israel habe Lösegeld für die Frauen gezahlt, sagte Rozina G. Schleuser bringen sie im Juni 2015 per Boot nach Italien. Am 19. Juni wird sie in München registriert und in die Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster in Schleswig-Holstein weitergeleitet. Zwei Wochen später findet Rozina G. in einer Asylbewerberunterkunft in Seth, einer Gemeinde mit rund 2000 Einwohnern im Kreis Segeberg, ein neues Zuhause. Sie kommt in einer Wohngruppe für geflüchtete Frauen unter, hofft auf Asyl.

In ihrer Anhörung zum Asylantrag wird sie laut Protokoll gefragt: Was ist in Eritrea passiert? Rozina G.: "Ich habe die Einberufung bekommen." Was fürchten Sie bei der Rückkehr in Ihre Heimat? "Ich komme sicher ins Gefängnis." Warum? "Weil ich den Nationaldienst nicht angetreten habe."

Am 30. Januar 2016 wird sie als Flüchtling anerkannt, sie erhält eine Aufenthaltserlaubnis. Nun beginnt Rozina G.s hart erkämpfte Freiheit.

Dass ihre Regelblutung ausbleibt, schiebt sie auf die Strapazen der Flucht. Auch weil niemand bei der ärztlichen Untersuchung im Rahmen der Erstaufnahme eine Schwangerschaft thematisiert hatte - sie selbst nicht, aber auch keiner der Ärzte. Erst Ende August 2015 will Rozina G. bemerkt haben, dass sie schwanger ist. Auch sonst fällt es niemandem auf. Das Kind muss in der Zeit der Gefangenschaft gezeugt worden, der Vater einer der Vergewaltiger sein.

Rozina G. unternimmt nichts. Sie geht in den Deutschunterricht, fährt nach Hamburg, besucht dort in der Kreuzkirche den Gottesdienst in ihrer Sprache Tigrinisch. Aber sie vertraut sich niemandem an.

Es sei ihr "peinlich" gewesen, über die Vergewaltigungen zu sprechen, so zumindest drückte sie es vor Gericht aus. Zudem gälten Vergewaltigungsopfer in ihrem Kulturkreis als "entehrt", sie würden ebenso wie Kinder aus solchen Taten "sozial ausgegrenzt". Sie ist in der neuen Heimat auf sich allein gestellt, hegt Suizidgedanken, verwirft sie, harrt aus.

Bis sie am 12. Oktober 2015 nach Hamburg fährt. Auf der Busfahrt zurück in ihre Unterkunft sei ihr übel geworden, sie habe zudem zur Toilette gemusst. Es sei dunkel gewesen, kalt und feucht. Sie sei allein ausgestiegen, in ein Waldstück gelaufen und habe dort für Stunden das Bewusstsein verloren. Wieder zu sich gekommen, habe sie Blut an ihrer Kleidung entdeckt. An eine Geburt könne sie sich nicht erinnern.

Der Sachverständige Nicolai Maass, Professor für Gynäkologie und Geburtshilfe, hält dies für wenig glaubhaft. Die Geburt, "ein extrem schmerzhaftes Erlebnis", und die damit verbundenen heftigen Wehen machten es unmöglich, ein Kind im bewusstlosen Zustand zu gebären, sagte er vor Gericht. Zumal es sich bei dem Neugeborenen den Rechtsmedizinern zufolge um ein voll entwickeltes, 54 Zentimeter großes und 3188 Gramm schweres Baby gehandelt habe. Alles spreche zudem dafür, dass es erste Laute von sich gegeben habe.

Nach dem Fund des toten Säuglings versuchte die Polizei 14 Monate lang, die Mutter zu finden. Am 6. Dezember 2016 nehmen Beamte der Mordkommission in der Flüchtlingsunterkunft von mehreren Frauen Speichelproben für DNA-Abgleiche. Am 21. Dezember 2016 um 13.15 Uhr endet Rozina G.s Leben in Freiheit: Sie wird im Deutschunterricht festgenommen.

Vor Gericht blieb Rozina G. bei ihrer Version, obwohl diese im Widerspruch steht zu dem, was sie bei ihrer Festnahme und zum psychiatrischen Sachverständigen gesagt hatte. Bei der Polizei hatte sie angegeben, sie habe das Kind "in die Kleidung geboren". Es habe sich nicht bewegt. "Ich weiß nicht, ob es tot geboren ist." Dem Gutachter hatte sie gesagt, sie habe nach der Ohnmacht das Kind entdeckt. Es habe nicht gelebt, sie habe es zurückgelassen und sei in ihre Wohngruppe gefahren.

In ihrem Schlusswort vor der Verkündung des Urteils betonte Rozina G.: "Ich habe kein Kind umgebracht."

Die Kammer war allerdings davon überzeugt, dass sich die Eritreerin nicht um ihr Baby kümmerte, sondern es sich selbst überließ. "Wer so handelt, der hält es mindestens für möglich, dass das Kind lebt und der Sorge bedarf", sagte der Richter. "Der nimmt den Tod billigend in Kauf."

Für einen Totschlag sieht das Gesetz zwischen 5 und 15 Jahren Freiheitsstrafe vor. Im Fall Rozina G. stellte das Gericht eine "erheblich verminderte Schuldfähigkeit" fest, was das Strafmaß deutlich senkte. Die 23-Jährige leidet demnach an schweren Depressionen und einer posttraumatischen Belastungsstörung, ausgelöst durch mehrfache Traumatisierung infolge der Gefangenschaft, der Vergewaltigungen, der Erlebnisse während der Flucht.

Ihr Zustand sei "sehr instabil", sagte der psychiatrische Gutachter vor Gericht. Es sei möglich, dass Rozina G. verfälschte Erinnerungen an die Geburt habe und ihre Steuerungsfähigkeit in dieser Situation erheblich eingeschränkt gewesen sei. Eine emotionale Bindung zu dem Kind habe nicht bestanden.

Das erklärt auch, warum Rozina G. durchgehend von "er" sprach, obwohl ihr immer wieder erklärt wurde, dass ihr Kind ein Mädchen war. Der psychiatrische Sachverständige wertete dies als Hinweis darauf, dass sie das Geschlecht ihrer Peiniger auf das Neugeborene projiziert habe, was wiederum die Ablehnungshaltung gegenüber dem Kind begründe.

Ein Pastor gab dem Mädchen den Namen Teresa. Und so stand Oberstaatsanwalt Bernd Winterfeldt vor der Fensterfront im Saal 232 und sprach für Teresa, wie er sagte. Teresa, die in einem Mülleimer gefunden wurde und die niemanden hatte, der sie vermisste und der für sie als Nebenkläger in dem Prozess hätte auftreten können.

Winterfeldt rückte in seinem Plädoyer ab von dem Vorwurf, Rozina G. habe ihr Kind aktiv getötet. Vielmehr habe die Beweisaufnahme ergeben, dass sie das Mädchen unterversorgt "einfach sterben ließ".

Rozina G. sei ein Opfer, sagte Winterfeldt. "Aber nicht nur. Sie ist auch Täterin." Vieles glaubte er ihr nicht: dass sie das Baby im Wald geboren hat; dass sie unter der Geburt bewusstlos war; dass sie es gar nicht gesehen hat. Der Oberstaatsanwalt zeigte Verständnis für eine Frau, die in diesem speziellen Fall keine Beziehung zu dem "werdenden Leben" hatte aufbauen können. Aber: "Diese Punkte erklären nicht, warum eine Mutter ihr Kind sterben lässt." Für Rozina G. habe es durchaus Alternativen in der neuen Heimat gegeben: Warum suchte sie keine Hilfe bei Betreuern der Unterkunft oder bei ihren Mitbewohnerinnen? Warum entschied sie sich nicht für eine Adoption?

"Insgesamt hat sie nichts getan, sondern die Geburt beiseitegeschoben und die Dinge auf sich zukommen lassen", sagte Winterfeldt. Nur deshalb sei das Neugeborene in der ersten halben Stunde seines Lebens gestorben. "In einer Phase, in der sein Leben nicht schutzloser sein könnte." Das sei trotz der mildernden Umstände besonders verwerflich und strafverschärfend. Oberstaatsanwalt Winterfeldt forderte daher fünf Jahre Haft. Die Verteidigerin plädierte auf Freispruch.

Warum also tut eine Mutter so etwas?

Rozina G. aber war in jener Oktobernacht keine Mutter. Sie war ein Opfer. Sie solle sich ihren seelischen Verletzungen endlich stellen, gab ihr Richter Brommann mit auf den Weg. "Andernfalls droht sie, daran zu zerbrechen."



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