AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2017

Nordkorea Warum Kim Jong Uns Atomtests so gefährlich werden könnten

Nordkoreas Diktator Kim Jong Un könnte binnen zwei Jahren Atomraketen herstellen. US-Präsident Donald Trump hat sich verpflichtet, das zu verhindern. Doch welche Optionen hat er wirklich?

Kim Jong Un mit Frau Ri Sol Ju und Schülern in Pjöngjang
AFP

Kim Jong Un mit Frau Ri Sol Ju und Schülern in Pjöngjang

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Als Donald Trump und Barack Obama am 20. Januar vom Weißen Haus zu Trumps Amtseinführung am Kapitol aufbrachen, fragte der neue den scheidenden Präsidenten, was er für das größte Problem der nationalen Sicherheit halte. Obamas Antwort lautete nicht "Terrorismus", "Islamischer Staat", "Iran" oder "Ukraine", sondern: "Nordkorea". Er sei "ein bisschen überrascht" gewesen, gab Trump später zu, doch er habe die Antwort "völlig verstanden". Auf wenigen Feldern haben Obamas und Trumps Stäbe so eng zusammengearbeitet wie in der Koreafrage, auf wenigen Feldern sind sie sich so einig. Nun hat Trump ein erstes politisches Zeichen gesetzt: Am Montag begann Washington mit der Stationierung des Raketenabwehrsystems THAAD in Südkorea.

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Heft 11/2017
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Dieser Schritt entspricht den Wünschen des Pentagon und der Regierungen in Seoul und Tokio, doch er empört die Führungen in Pjöngjang und Peking. Und er führt vor Augen, wie dringend und gefährlich das Nordkorea-Problem geworden ist.

Seit drei Generationen arbeitet die Dynastie der Kims daran, Nordkorea zu einer Atommacht aufzurüsten. Seit dem Machtantritt von Kim Jong Un Ende 2011 haben sich die Entwicklungen beschleunigt, sowohl in der Nuklear- als auch in der Raketentechnik. Allein 2016 führte Nordkorea zwei Atom- und 26 Raketentests durch. Experten rechnen damit, dass Nordkorea in zwei Jahren in der Lage sein könnte, die beiden Technologien zusammenzuführen und Atomraketen herzustellen.

Der nächste Schritt, kündigte Kim in seiner Neujahrsansprache an, sei der Test einer ballistischen Interkontinentalrakete, die nicht nur Südkorea und Japan, sondern auch das amerikanische Festland erreichen könnte. Das erklärt Obamas Unruhe am 20. Januar - und den akuten Handlungsdruck, unter dem inzwischen alle am Konflikt Beteiligten stehen. Welche Optionen haben sie?

Die Uno setzt auf eine Verschärfung der Wirtschaftssanktionen. Doch ein Anfang der Woche von ihren Nordkorea-Experten vorgelegter Bericht weist nach, wie Pjöngjang mittels Tarnfirmen in China, Russland und anderen Staaten Beschränkungen umgeht. Nordkorea, heißt es dort, baue seine militärischen Fähigkeiten stetig aus.

Start von ballistischen Raketen Nordkoreas
DPA/ YNA

Start von ballistischen Raketen Nordkoreas

China, ein Bündnispartner Nordkoreas, unterstützt die Maßnahmen der Uno, unterläuft aber jeden Versuch, sie wirklich durchzusetzen. Diese Strategie spiegelt Chinas Ängste und seinen Ehrgeiz wider: Peking will um jeden Preis verhindern, dass das Regime der Kims zusammenbricht, immer mehr Flüchtlinge über die Grenze kommen und Amerika seine Einflusszone auf die gesamte koreanische Halbinsel ausdehnt. Stattdessen will China seinen eigenen Machtbereich erweitern. Japan, das wissen die Führer in Peking, wird sich ihrem wachsenden Einfluss nicht unterwerfen, dafür ist es zu stark. Doch Südkorea ist wirtschaftlich auf China angewiesen und steckt seit der Suspendierung von Präsidentin Park Geun-Hye in einer politischen Krise. Deshalb setzt Peking das Land nun unter Druck: Südkorea solle das Raketenabwehrsystem THAAD demontieren, seine Militärmanöver mit den USA aussetzen und direkte Gespräche mit Pjöngjang aufnehmen. Nur so sei das Nordkorea-Problem zu lösen.

Bislang hat Chinas Taktik funktioniert. Amerika wurde auf Abstand gehalten, der Status quo auf der koreanischen Halbinsel blieb unverändert, und die Zeit spielte für Peking. Doch dieses Kalkül geht nun nicht mehr auf: Nordkorea ist zu nahe dran, eine Atomrakete zu bauen. Und in Washington regiert mit Donald Trump ein Präsident, der sich verpflichtet hat, das zu verhindern.

Trumps Optionen sind folgende: Er könnte die Sechs-Parteien-Gespräche wiederbeleben - die 2009 von Nordkorea abgebrochen wurden. Er könnte die Cyberangriffe verschärfen, mit denen Obama Nordkoreas Atomprogramm (so eine Recherche der "New York Times") bremsen, aber nicht stoppen konnte. Er könnte Pjöngjang direkte Verhandlungen anbieten - was nach dem Mordanschlag auf Kim Jong Uns Halbbruder in Malaysia aber kaum zu erwarten ist.

Bleiben zwei militärische Optionen: ein Präventivschlag gegen Pjöngjangs Militäranlagen oder eine nukleare Aufrüstung Japans oder Südkoreas. Ob ein Präventivschlag Nordkoreas Raketen- und Atomprogramm wirklich beenden würde, kann niemand garantieren. Eine nukleare Aufrüstung der beiden US-Verbündeten dagegen käme einer massiven Eskalation gleich.

Wenn Peking und Washington eine solche Eskalation verhindern wollen, bleibt den zwei Weltmächten nur die Rückkehr an den Verhandlungstisch. China und die USA müssen sich darauf einigen, welches Angebot sie dem Diktator in Pjöngjang machen und welche Druckmittel sie einsetzen wollen. Kommende Woche reist US-Außenminister Rex Tillerson nach Peking. Er soll ein erstes Treffen zwischen Trump und Xi vorbereiten, das bereits im April stattfinden könnte. Was immer China und die USA sonst noch zu besprechen haben, wird warten müssen. Nordkorea ist wichtiger, und es eilt.



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