AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 55/2017

Zu Besuch bei Paul Maar An diesem Samstag kommt das Sams zurück

Vor 44 Jahren erfand Paul Maar das gefräßige und rechthaberische Sams. Nun erscheint ein neuer Band - und der Autor erklärt, warum diesmal auch ernste Themen anklingen.

Sams-Tonfigur in Maars Haus: Pfeift auf Bevormundung
Peter Roggenthin / DER SPIEGEL

Sams-Tonfigur in Maars Haus: Pfeift auf Bevormundung

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Wenn Erwachsene Kinderbücher zur Hand nehmen, stellt sich leicht eine gewisse Sentimentalität ein. Ach, damals. Als man noch glaubte, dass es am Donnerstag häufiger gewittert und am Dienstag leider nicht schon wieder Wochenende sein konnte, weil die Eltern zur Arbeit mussten. Dienstag halt. Irgendwann in der Zeit seitdem hat man gelernt, dass die Wochentage nach nordischen Göttern und Himmelskörpern benannt wurden. Kinderbücher erinnern einen daran, dass mit dem Erwachsenwerden für viele auch der arglose Spaß verloren geht.

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Heft 55/2017
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Paul Maar kennt Leser aus fast allen Altersgruppen. Im Dezember wird er 80 Jahre alt, vor 44 Jahren hat er sich das Sams ausgedacht. Jenes merkwürdige Wesen, das einen Rüssel im Gesicht trägt und blaue Punkte, dazu hat es feuerrote Haare und erscheint an einem Samstag. Gute Kinderbuchautoren haben das Talent, sich trotz fortschreitenden Alters eine Vorliebe für Verrücktes zu erhalten. Bei Maar ist das nicht anders. Gerade hat er, der Vater längst erwachsener Kinder und der Großvater mehrerer Enkel, den neunten Band über das Sams veröffentlicht. Diesmal ist es ein Weihnachts- und Winterbuch geworden. "Kaufhaus, Feldmaus / Kaufmaus, Kopflaus / Kauflaus, Blumenstrauß", trällert das Sams auf dem Weg zum Einkaufen, es braucht wärmere Kleider. Kenner wissen, dass es diesen Reim im allerersten Band schon mal gesungen hat.

Es gehörte fast schon Unerschrockenheit dazu, wie Paul Maar in dem Buch "Eine Woche voller Samstage" in nüchternen Sätzen vom ersten Zusammentreffen des Sams mit Herrn Taschenbier erzählte: "Am Sonntag Sonne. Am Montag Herr Mon mit Mohnblumen. Am Dienstag Dienst. Am Mittwoch Mitte der Woche. Am Donnerstag Donner." Am Freitag konnte der Chef von Herrn Taschenbier den Schlüssel für den Schreibtisch nicht finden, in dem der Büroschlüssel lag, weshalb Taschenbier freihatte. Und am Samstag, klar, das ging dann gar nicht anders, am Samstag kam das Sams. Herr Taschenbier wird von seiner Vermieterin übrigens oft Herr Flaschenbier genannt. Und die Vermieterin heißt Frau Rotkohl. Die meisten Kinder kugeln sich nach den ersten Seiten vor Lachen.

Bis heute wurden allein fast fünf Millionen Exemplare der deutschsprachigen Sams-Bücher verkauft, in den westlichen Bundesländern gehören sie zu den erfolgreichsten Kinderbüchern der Nachkriegszeit. Zudem gibt es Übersetzungen ins Chinesische, ins Albanische und in 22 weitere Sprachen. Was macht die Geschichte so beliebt, was macht sie so langlebig?

Schriftsteller Maar: Eine Vorliebe für Verrücktes
Peter Roggenthin / DER SPIEGEL

Schriftsteller Maar: Eine Vorliebe für Verrücktes

Paul Maar ist ein ausgesprochen freundlicher Mensch, der das R auf diese weiche Weise rollt, wie man das in Franken macht. An den Wänden seines Landhauses in der Nähe von Würzburg hängen viele Zeichnungen und Aquarelle. Es sind Werke von Kollegen, die sie ihm im Austausch mit seinen Zeichnungen geschickt haben. Auf seinem Schreibtisch liegen Pinsel und Buntstifte, ein Computer ist nicht zu entdecken.

Maar hat in den Sechzigerjahren an der Kunstakademie in Stuttgart studiert. Noch bevor es die Geschichte vom Sams gab, wusste Maar genau, wie die Figur aussehen soll: Er hatte sie bereits gemalt. Seine Kinder schauten ihm über die Schulter, als er ein Wesen mit wildem Haar entwarf, er gab ihm eine spitze Nase und Fledermausohren, das gefiel seinen Kindern aber nicht, sie schlugen vor, es solle mehr wie ein dickes Kind aussehen. Maar malte einen halb runden Bogen als Nase. Langweilig. Es sollte mehr so wirken, als ob es aus einer Fantasiewelt käme. Aus dem halb runden Nasenbogen machte er einen Kreis, nun sah die Nase wie ein Rüssel aus, ein spontaner Einfall. Den Taucheranzug, den das Sams trägt, entdeckte Maar in einer Illustrierten. Genau das ist es, dachte er, ein Taucheranzug gehört eigentlich ans Meer, das Sams aber sollte ihn immer anhaben. Mit dem Bild entstand die Geschichte

Das wichtigste Sams-Detail ist einer Nachlässigkeit geschuldet. Um einen Anruf anzunehmen, legte Maar den Pinsel ab, ohne ihn auszuwaschen. Anschließend tauchte er den Pinsel in Ockerfarbe, er wollte dem Sams Sommersprossen auftupfen, doch das Blau, in dem er vorher den Taucheranzug gemalt hatte, kam Punkt für Punkt stärker durch. So entstand die Idee mit den Wunschpunkten.

Wenn Kinder sagen sollen, warum sie das Sams so toll finden, dann lautet ihre Antwort meist: wegen der Wünsche. Jeder Punkt ein Wunsch, schwierige Wünsche sogar zwei Punkte. Und weil es nicht unbegrenzt viele Punkte gibt, muss jeder Wunsch gut überlegt werden. Doch Maar hat eine gewisse Großzügigkeit walten lassen, es sind viel mehr Wünsche möglich als die berühmten drei der guten Fee.

Das Sams ist ein Wesen aus den frühen Siebzigerjahren, der erste Band erschien 1973. Den antiautoritären Zeitgeist dieser Jahre habe er wohl subkutan in die Handlung übernommen, sagt der Autor. Auch den subversiven Humor, der die althergebrachte Ordnung erschüttern sollte.

Das Sams lässt sich zur Figurenfamilie um Pippi Langstrumpf zählen: Es traut sich was, pfeift auf Bevormundung und entlarvt Autoritäten. Und wenn die herrische Frau Rotkohl auf einen Wunsch vom Sams hin genau das Gegenteil von dem sagen muss, was sie eigentlich sagen will, ist das eine der besten Szenen.

Von Astrid Lindgren weiß man, dass sie Pippi als Reaktion auf das Grauen des Zweiten Weltkriegs erfand, um dem etwas entgegenzusetzen, um einfach mal Luft zu holen, wie ihre Tochter später berichtete. Paul Maar begann mit dem Schreiben von Kindergeschichten, weil seine Frau und er sich als Studenten keine neuen Vorlesebücher für ihre Kinder leisten konnten. Was in der Zweigstelle der Stuttgarter Stadtbibliothek stand, "eher ein Kämmerchen als eine Bibliothek", sei auch noch in den frühen Siebzigerjahren inhaltlich verstaubt gewesen. "Der Geist des ,Dritten Reichs' war in den meisten dieser Bücher noch zu spüren." Es wurde Zeit für neue Geschichten. Für eine rebellische Figur, die den Aufbruchsgeist dieser Jahre spiegelte. Das Sams verkörperte die Freude am Widerspruch, die damals als hohes pädagogisches Ziel galt.

Doch es ist mehr an dieser Figur. Dass das Sams so grenzenlos entspannt ist, gefällt heute vielen Kindern, die von subtilen Leistungserwartungen gebeutelt sind. Zudem hat die Fantasie in Paul Maars Geschichten die Kraft, die Realität zu verändern. Dieser Zugang zur Fantasie ist ein bisschen aus der Mode gekommen. An die Stelle sind Fantasyromane gerückt, Storys, die im Reich des Unwirklichen spielen, die unterhalten und ablenken.

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Paul Maar:
Das Sams feiert Weihnachten

Oetinger; 154 Seiten; 12,99 Euro

Maars Geschichten aber ermöglichen eine Rückkopplung zum eigenen Leben. Das macht sie besonders. Und weil auch ein Kinderbuchautor nur ein Mensch seiner Zeit ist, lässt sich an den acht Bänden, die im Abstand von mehreren Jahren erschienen sind, ganz gut die Gemütslage der Bundesrepublik ablesen. Während der Kohl-Ära ist das Sams vor allem als Ehevermittler unterwegs. Taschenbier heiratet, ein Sohn wächst heran, die Familie ist der Ort, an dem sich die schönsten Erlebnisse abspielen, sogar das Sams entfaltet in dieser Zeit eine gewisse Biedermeierlichkeit. Erst 2002 taucht in seiner Welt wieder ein kantiger Charakter auf, es sind die Jahre von Rot-Grün, es geht um Ehrgeiz und Karriere, mit letzter Kraft kann das Sams verhindern, dass die falschen Leute nach oben kommen.

Während Merkels Kanzlerschaft geht dem rebellischen Geist des Sams fast völlig die Luft aus, gegen den wachsenden Wohlstand und das wattige Wohlfühlklima ist selbst das Sams machtlos. Größere Teile der Handlung spielen nun am anderen Ende der Welt, in Australien, es geht um Wolle und Schafe und um das Leben auf dem Land.

Eigentlich wollte Maar nur einen einzigen Band schreiben. Doch dann kamen die Leserbriefe. Die meisten beginnen ähnlich: "Hallo Herr Maar, mir gefällt das Sams-Buch sehr gut, und ich wünsche mir...." Manche schreiben dann von ihrem Vater, der zu Hause ausgezogen ist; von der Oma, die alles vergisst; oder von ihrem verstorbenen Hund. Maar beantwortet alle Briefe persönlich. In den vergangenen 44 Jahren kam einiges zusammen. Auch dass das Sams zur Symbolfigur für Intersexuelle wurde, weil es sagt: Ich bin kein Junge, ich bin kein Mädchen, ich bin ein Sams. In den allermeisten Briefen aber wird eine einfache Frage gestellt: Wann kommt die nächste Fortsetzung?

In diesen Tagen erscheint also der neunte Band. Das Stänkern und der Widerspruch sind zurück. Es gibt aber auch ernstere Passagen, das Thema Tod taucht auf. "Jetzt, in meinem Alter", sagt Maar, "beschäftigt einen das stärker." Herr Taschenbier erzählt dem Sams beim Kochen des Weihnachtsmenüs von seinen verstorbenen Eltern. Und Frau Rotkohl lüftet am Heiligabend ein Geheimnis aus ihrer Kindheit. Am Ende geht es zum Glück nicht ohne Blödelei ab: "Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, ein Sams wacht..."

Im Video: Wie Paul Maar auf das Sams kam

Fatima Talalini / Der Spiegel
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