AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2017

Kinderherzchirurg im Gespräch "Plötzlich schlägt es wieder - ein tolles Gefühl"

Der Kinderherzchirurg René Prêtre hat Tausende kleine Brustkörbe geöffnet, er hat Babyherzen operiert, winzig wie Walnüsse - und Tausende Leben gerettet. Einmal ging etwas entsetzlich schief. Wie hält man diesen Druck aus?

Mediziner Prêtre in Maputo
Blaise Kormann / Lillustré

Mediziner Prêtre in Maputo

Ein SPIEGEL-Gespräch von


Prêtre, 60, ist Chef der Kinderherzchirurgie an den Universitätskliniken in Genf und Lausanne. Er wuchs auf einem Bauernhof im Schweizer Jura auf, später arbeitete er in New York, London, Paris und Zürich. 2009 wählten ihn seine Landsleute zum "Schweizer des Jahres" - unter anderem für das Engagement seiner Stiftung "Le Petit Cœur" in Mosambik und Kambodscha. Jetzt hat er seine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Darin erzählt Prêtre von seinen schwersten Fällen als Chirurg. Auf dem Tisch seines Büros in Lausanne steht ein Herzmodell aus Plastik. Während des Gesprächs greift er immer wieder zu einem Stift, um daran die Stellen zu zeigen, an denen er operiert.

SPIEGEL: Herr Prêtre, das Herz eines Neugeborenen ist winzig. Wie lernt man, daran zu arbeiten?

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Heft 17/2017
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Prêtre: Man fängt mit den Herzen Erwachsener an, setzt neue Klappen ein, legt Bypässe, näht schöne Gefäßverbindungen, arbeitet mit immer feineren Fäden. Man muss können, was jeder gute Chirurg können sollte: die Technik beherrschen und sich gute Strategien zurechtlegen. Für ein Kinderherz braucht man allerdings auch künstlerisches Talent.

SPIEGEL: Weil es so klein ist? Oder weil es schneller schlägt als das Herz eines Erwachsenen?

Prêtre: Es reagiert auch stärker. Und die Ziele bei der Operation unterscheiden sich oft. Bei einem Baby würden wir zum Beispiel eine defekte Herzklappe nicht durch eine künstliche ersetzen. Wir rekonstruieren sie so, wie die Natur es vorgesehen hat. Sie soll ja ein Leben lang halten. In diesem Sinne muss man das Herz perfekt nachbilden, wie eine Skulptur. Bleiben Unebenheiten, sieht man im Ultraschall sofort, dass das Blut an diesen Stellen aufgewirbelt wird, es fließt nicht so frei und schnell, wie es könnte. Nur was schön aussieht, funktioniert auch gut.

SPIEGEL: Das Herz muss sonst stärker arbeiten?

Prêtre: Ja. Über die Zeit raubt das Kraft, nach 20, 30 oder 40 Jahren wäre es am Ende.

SPIEGEL: Wie viele Herzen haben Sie schon operiert?

Prêtre: Zwischen 5000 und 6000 Kinder- und 3000 Erwachsenenherzen.

SPIEGEL: Was macht eine gute Chirurgin, einen guten Chirurgen aus?

Prêtre: Bei uns ist es nicht anders als bei Pianisten oder Geigern - wir sind nur gut, wenn wir viel üben. Einer meiner Chefs in New York hat mal gesagt: "Wenn du gut werden willst, musst du zehn Jahre lang zehn Stunden am Tag arbeiten." Damals dachte ich, er übertreibt, das sei Cowboygetue. Heute weiß ich, dass er recht hatte.

SPIEGEL: Wie oft operieren Sie heute?

Prêtre: Unter der Woche jeden Tag meist zwei Fälle, einen schweren und einen leichten. Dazu kommen Notfälle und Transplantationen.

SPIEGEL: Können Sie abends auch mal abschalten? Etwas trinken?

Prêtre: Ein Glas Wein ist in Ordnung. Ein zweites würde ich am nächsten Tag schon merken.

SPIEGEL: Sie sind mit sechs Geschwistern auf einem Bauernhof in der französischen Schweiz aufgewachsen. Wie sind Sie dazu gekommen, Arzt zu werden?

Prêtre: Das war Zufall. Ich wollte eigentlich den Hof meiner Eltern übernehmen. Kurz vor dem Abitur traf ich einen Freund, der sagte, jetzt sei die letzte Möglichkeit, sich für Medizin einzuschreiben. Ich wollte nichts verpassen und bewarb mich auf gut Glück. Es hätte auch Physik oder Landwirtschaftlehre werden können.

SPIEGEL: Hat die Schule Sie, von heute aus betrachtet, gut vorbereitet für das Medizinstudium?

Chirurg Prêtre beim Operieren
Gaëtan Bally / Keystone / Laif

Chirurg Prêtre beim Operieren

Prêtre: Was meine Noten betrifft, gab es Luft nach oben. Wir Kinder haben ja jeden Tag nach der Schule bis abends im Stall gearbeitet oder auf dem Feld. Auch am Wochenende und in den Ferien. Wir hatten Land, zwölf Kühe, Kälber. Wenn es viel zu tun gab, holte uns mein Vater auch mal aus dem Unterricht. Außerdem spielte ich gern Fußball, irgendwann in der Regionalliga. Da blieb nicht viel Zeit für Schule.

SPIEGEL: Wie haben Sie Ihr Studium finanziert?

Prêtre: Als Hausmeister - so konnte ich billig wohnen, das war ideal. Wegen einer etwas lauten Examensfeier wurde mir später allerdings gekündigt. Aber drei Wochen danach begann ohnehin meine Ausbildung in der Chirurgie.

SPIEGEL: Weshalb Chirurgie?

Prêtre: Zu Beginn meines Studiums war ich ein wenig enttäuscht von der Medizin: Ich sah vor allem chronisch Kranke, deren Leiden man nur lindern, aber nicht heilen konnte. In der Chirurgie war das anders, sehr radikal. Da schnitt man auf, entfernte zum Beispiel einen entzündeten Blinddarm, und drei Tage später war alles wieder gut. Mir war schnell klar: Für mich gibt es nur dieses Fach.

SPIEGEL: Sie haben Ihre Ausbildung in New York fortgesetzt. Was haben Sie da operiert?

Prêtre: Vor allem Stichwunden und Schussverletzungen. Das war Ende der Achtzigerjahre, die Stadt war damals extrem, es gab viele Drogen, Kriminalität. Ins Bellevue Hospital, wo ich arbeitete, kamen die Krankenwagen mit den schweren Fällen. Alles musste rasend schnell gehen, wir arbeiteten immer gegen die Zeit. Wir hatten sogar eine eigene Technik, mit der wir bereits in der Notaufnahme den Brustkorb öffnen konnten, um dann im OP-Saal weiterzumachen. Das war brutal.

SPIEGEL: Was haben Sie damals gelernt?

Prêtre: Wenn man die Chance haben will, solche Situationen in den Griff zu bekommen, braucht man einen klaren Plan im Kopf, und jeder Handgriff muss reflexhaft funktionieren. Es klingt paradox, aber ich lernte damals nicht in erster Linie schnell, sondern sorgfältig und mit sehr flüssigen Bewegungen zu operieren. Dann blutet nichts ein, muss nichts noch mal genäht werden.

SPIEGEL: Der britische Neurochirurg Henry Marsh berichtete uns im SPIEGEL-Gespräch, er habe im OP gern Bach oder Abba gehört (18/2015). Sie auch?

Prêtre: Damals in New York waren es bei mir vor allem Rock und Pop. Die Notfälle kamen meist am Abend, wir operierten viel nachts und waren ständig müde. Ein Kollege hat deswegen gern seine Lieblingsmusik angemacht. Dann haben wir zu "She Drives Me Crazy" von den Fine Young Cannibals genäht. Das hat einen guten Takt, gibt schöne Narben.

SPIEGEL: Wann haben Sie sich für die Herzchirurgie entschieden?

Prêtre: Das war auch in New York; mein Chef warnte mich damals: "Wenn du das einmal gemacht hast, kannst du nie wieder etwas anderes operieren."

SPIEGEL: Weshalb?

Prêtre: Für so eine OP legt man das Herz still, den Kreislauf übernimmt die Herz-Lungen-Maschine. Wenn alles vorbei ist, nimmt man die Klemmen weg, sieht, wie wieder warmes Blut ins Herz läuft. Und plötzlich schlägt es wieder. Das ist ein tolles Gefühl.

SPIEGEL: Weil man Gott spielt?

Prêtre: Nein, weil man sieht, wie kräftig dieses Organ ist. Als hätte es seinen eigenen Willen. Danach hatten alle anderen Organe ihre Farbe für mich verloren. Die Niere, der Darm, die Lunge wurden uninteressant. Das Herz dagegen hat fast eine Persönlichkeit: Wenn man es anfasst, tut es plötzlich einen Schlag mehr - tack ... tacktack. Als wollte es sagen: "Lass mich in Ruhe, ich habe zu tun."

SPIEGEL: Warum denken wir, dass im Herzen der Ursprung unserer Gefühle sitzt?

Prêtre: Das beruht auf einem Missverständnis. Wir besitzen zwei Nervenysteme. Das einfachere, das vegetative Nervensystem, ist mit allen Organen verbunden. Wenn ein starkes Gefühl auf uns einwirkt, reagiert das Herz als Erstes, schlägt stärker und schneller. Und plötzlich hat man den Eindruck, die Gefühle kommen genau von dort. Dabei ist das Herz nur ein Resonanzraum des Gehirns. Man könnte sagen: Es ist ein ziemlicher Hochstapler.

SPIEGEL: Aber auch ein echter Leistungsträger: Ein gesundes Herz schafft mehr als 80.000 Kontraktionen pro Tag.

Prêtre: Stimmt, und es macht nie Ferien. Für all seine Arbeit verlangt es nicht einmal besonders viel: Dreimal pro Woche 20 Minuten ein bisschen aus der Puste kommen, und die Gefäße werden gut beansprucht, das Herz trainiert. Ich finde das sehr generös.

SPIEGEL: Ihre jüngsten Patienten sind erst wenige Tage auf der Welt ...

Prêtre: ... ja, die meisten schweren, angeborenen Missbildungen am Herzen sieht man schon beim Fötus. Unsere Geräte sind in den letzten Jahren kleiner geworden; wir können jetzt vielen dieser Kinder helfen. Noch vor 15, 20 Jahren wären sie gestorben.

SPIEGEL: Sie raten aber nicht in jedem Fall zur Operation. Warum?

Prêtre: Wir sprechen hier von Neugeborenen, die an einer schweren Missbildung leiden. Sie würden kurz nach der Geburt sterben. Oft ist die Entscheidung einfach: Man kann ihnen helfen, also operiert man sie. Manchmal hat ein solches Kind aber auch starke Schädigungen an anderen Organen, vor allem am Hirn. Da wissen wir: Es würde allenfalls ein biologisches Leben geben. Dann empfehlen wir den Eltern, die Operation nicht machen zu lassen.

SPIEGEL: Welche Entscheidungen sind kompliziert?

Prêtre: Das sind die Fälle, die in der Mitte liegen. Bei denen wir nicht genau wissen, wie viel Lebensqualität das Kind haben wird.

SPIEGEL: Wie sprechen Sie mit den Eltern?

Prêtre: Ich setze sie nicht unter Druck. Sie wissen: Entscheiden sie sich für eine OP, werden wir alles so gut machen, wie wir können. Aber man muss nicht immer alles machen, was man kann. Ich sage dann auch: Selbst wenn Sie sich dagegen entscheiden, heißt das nicht, dass Sie Ihr Kind töten. Wir kämpfen nicht gegen das Schicksal, wir lassen der Natur ihren Lauf. Das Kind wird auf die Welt kommen und kurz darauf sterben. Wir als Ärzte werden dafür sorgen, dass es keine Schmerzen leidet, keine Angst hat. Die Eltern tragen daran keine Schuld.

SPIEGEL: Sie raten den Eltern, ihre Entscheidung schon vor der Geburt zu treffen. Warum?

Prêtre: Weil diese Entscheidung so schwer ist. Unglaublich schwer. Und dann kommt das Kind auf die Welt, hat schöne Augen, weiche Haare. Vielleicht sieht es auch gesund aus. Man vergisst dann schnell, dass es große Probleme gibt. Ich glaube nicht, dass dann der richtige Moment ist zu sagen: Jetzt kämpfen wir trotzdem.

SPIEGEL: Sie sagen den Eltern auch, dass sie diese Frage möglichst unter sich besprechen sollten. Niemand anderen miteinzubeziehen.

Prêtre: Weil es immer Verwandte oder Freunde gibt, die behaupten, man müsse alles, was getan werden kann, für sein Kind tun. Aber das sind nicht diejenigen, die ein Leben lang mit dieser Entscheidung umgehen müssen.

SPIEGEL: Ist Ihnen bei einer Operation schon einmal ein Fehler unterlaufen?

Prêtre: Ich weiß von einigen. Ich habe immer sorgfältig gearbeitet, bereite mich immer sehr gut vor. Und dennoch ist etwas passiert. Ich weiß vor allem von einem Fall, da würde ein Junge heute anders leben, wenn ich ihn nicht operiert hätte.

SPIEGEL: Was ist geschehen?

Prêtre: Der Junge war elf Jahre alt, er hatte einen leichten Herzfehler, aber er spielte Fußball, ging in die Schule. Solche Missbildungen operiert man oft vorsorglich, damit nicht in 20 oder 30 Jahren etwas passiert. Die Eltern hatten dem Eingriff zugestimmt, bei unserem letzten Gespräch vor der OP kamen der Mutter allerdings Zweifel. Sie hatte Angst. Ich habe sie überredet. Und dann ist etwas schiefgegangen.

SPIEGEL: Was?

Prêtre: Nachdem ich fertig war und den Brustkorb schon geschlossen hatte, riss ein Faden, es blutete, so stark, dass der Kreislauf stillstand. Das Gehirn bekam zu wenig Sauerstoff. Ich musste den Jungen notoperieren, um die Blutung zu stillen. Wir haben ihn noch zwei Tage in ein künstliches Koma versetzt, um sein Hirn zu schonen.

SPIEGEL: Wie haben Sie es den Eltern gesagt?

Prêtre: Ich habe mich so furchtbar geschämt, ich konnte diesen Eltern nicht in die Augen schauen. Ich habe sie nach der OP angerufen und gesagt, dass etwas schiefgegangen sei und wir noch abwarten müssten. Zwei Tage später stand ich mit ihnen vor dem Bett ihres Sohnes und musste ihnen sagen, dass der Junge schwer geschädigt bleiben würde. Ich habe sein Leben kaputt gemacht.

SPIEGEL: Waren Sie allein schuld?

Prêtre: Ich gebe mir die Schuld. Im rechtlichen Sinne bin ich es nicht. Ich habe sorgfältig gearbeitet. Und dennoch ist das passiert. Ich frage mich heute noch, wo der Fehler lag. Welcher Stich, welche Naht war das? Ich weiß es wirklich nicht. Aber ich habe die Operation ein Stück weit gegen den Willen der Mutter durchgeführt, und dann ist das passiert. Dieses Kind würde heute noch Fußball spielen, wenn ich es an diesem Tag nicht operiert hätte.

SPIEGEL: Wie kommt man an einem solchen Tag nach Hause?

Prêtre: Vollkommen zerstört.

SPIEGEL: Gibt es Trost?

Prêtre: Für die Eltern nicht.

SPIEGEL: Für Sie?

Prêtre: Auch nicht. Man kann das nicht akzeptieren.

SPIEGEL: Haben Sie einmal daran gedacht aufzuhören?

Prêtre: Schon, ja. Mehr als einmal.

SPIEGEL: Warum machen Sie weiter?

Spender-Kinderherz bei der Transplantation
Gaëtan Bally / Keystone

Spender-Kinderherz bei der Transplantation

Prêtre: Ich habe damals unsere Narkoseärztin angerufen. Sie war immer eine ziemlich gute Kritikerin unserer Arbeit, eine Stimme der Vernunft. Ich wollte ihre Meinung hören. Sie erinnerte mich daran, wie oft es gut gegangen sei. Dass es fast immer gut gehe. Irgendwann war ich bereit, das zu glauben.

SPIEGEL: Wie häufig passieren solche Fehler?

Prêtre: Ich habe damals für das Jahr Bilanz gezogen. Ich habe über 350 Kinder operiert. Acht Kinder starben. Die meisten davon waren Neugeborene mit einer sehr schlechten Prognose. Aber ich weiß heute, dass es in meiner Berufslaufbahn auch zwei, drei Kinder gibt, deren Tod hätte vermieden werden können. Da geht es oft um einen Stich zu viel oder zu wenig.

SPIEGEL: Spüren Sie das noch manchmal: Angst vor einer Operation?

Prêtre: O ja. Es gibt Operationen, vor denen muss man sogar Angst haben. Nicht die Angst, die einen paralysiert. Sondern die, die einen dazu bringt, noch besser vorbereitet reinzugehen. Man muss nicht nur schwere, sondern alle Operationen mit großem Respekt angehen. So wie ein Pilot, der vor jedem Start stur seine Checkliste durchgeht.

SPIEGEL: Sie wohnen keine zehn Minuten von der Klinik entfernt, fahren selten länger als zehn Tage in den Urlaub und sind für Herztransplantationen schon häufiger von der Skipiste geholt worden. Wünschen Sie sich nie eine Pause?

Prêtre: Mit 30 war mir klar, dass ich die vier schwierigsten Operationen in der Kinderherzchirurgie beherrschen will: die Transplantation und die sogenannten Switch-, Ross- und Nikaidoh-Operationen. Ohne Hilfe. Das waren meine vier Gipfel. Die zu bezwingen braucht Arbeit und Zeit. Jetzt habe ich jeden dieser Gipfel 15- oder 20-mal bezwungen und muss mir nichts mehr beweisen. Zugleich ist es aber so, dass ein Kind, das ein Spenderherz braucht, im Durchschnitt sechs bis zwölf Monate bei uns auf der Station liegt und darauf wartet. Wenn dann ein Herz bereitsteht, hat man nur vier Stunden Zeit, es einzusetzen. Egal, ob gerade Ferien sind oder nicht.

SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie sich nach Operationen, die bis zu zwölf Stunden dauern, auf den Boden Ihres Büros legen?

Prêtre: Ja, um meine Rückenwirbel wieder einzurenken. In meinem Büro in Zürich ging das besonders gut, dort war der Boden aus Holz. Die Schwachstelle der Chirurgen ist vor allem der Nacken. Der tut einem wirklich weh.

SPIEGEL: Mit Ihrer Stiftung "Le Petit Cœur" operieren Sie jedes Jahr Kinder in Kambodscha und Mosambik. Weshalb?

Prêtre: Zu Beginn war ich mir nicht sicher, ob diese Länder nicht zuerst Bildung, gute Schulen brauchten. Aber unsere Mission hat zwei Ziele: Kinder zu operieren, die danach ohne weitere Behandlung gesund leben können. Die sonst sterben würden. Und Ärzte und Pflegepersonal vor Ort weiterzubilden. Damit meine ich vor allem, sie zu halten. Viele, die im Ausland studiert haben, sehen in ihrer Heimat keine Perspektive für ihr Fach. Wir zeigen ihnen, dass es die gibt. Wo Herzchirurgie möglich ist, ist fast alles machbar.

SPIEGEL: Wie sind Ihre Arbeitsbedingungen in diesen Ländern?

Prêtre: Sie müssen so gut sein, dass die Operationen sicher ausgeführt werden können. Einmal gab es in Kambodscha aber während der OP einen Stromausfall.

SPIEGEL: Was ist da passiert?

Prêtre: Wir hatten den Brustkorb schon geöffnet, plötzlich standen wir im Dunkeln. Alles schwarz. Maschinen und Monitore stoppten, auch meine Stirnlampe war aus.

SPIEGEL: Und dann?

Prêtre: Die Anästhesistin hat mit der Taschenlampe an ihrem Handy Licht gemacht, ich habe mit dem Finger auf der Aorta den Blutdruck geschätzt, und wir haben das Kind von Hand beatmet. Der Strom kam zurück, aber nur kurz. Ich wollte stoppen, mir wurde das zu heikel. Andererseits wäre das Kind ohne die Operation gestorben. Wir haben alle Lichter, Monitore, Maschinen, die wir nicht brauchten, ausgeschaltet, versucht, Strom zu sparen. Und fast im Dunkeln operiert. Es hat geklappt.

SPIEGEL: Sie sind gerade 60 geworden. Wann ist Zeit aufzuhören?

Prêtre: Wenn die Konzentration nachlässt. Die Hände zittern, die Augen nicht mehr richtig fokussieren. Man muss seine Grenzen kennen.

SPIEGEL: Herr Prêtre, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
PolitBarometer 23.04.2017
1.
Respekt, lieber Operateur. Das sind echte Höchstleistungen im Dienst am Menschen.
Thunder79 23.04.2017
2.
Ein unglaublicher Beruf, eigentlich der höchste Beruf, den es wohl gibt. Ich persönlich könnte es nicht, denn auch mich würde ein selbstverursachter Fehler, der zum Tot des Patienten führt, zu sehr mitnehmen. Ein Stück weit ist man eben doch Gott und damit klar zu kommen, ist mitunter das Schwierigste an diesem Beruf.
ameliefirst 23.04.2017
3. Unendlich dankbar
Wir sind unendlich dankbar und voller Respekt, dass Menschen diesen Beruf ergreifen. Unser Kind kam mit einem schweren Herzfehler zur Welt, wurde mehrfach operiert und ist heute ein lebensfrohes Kind. Wir hatten schwere Zeiten, in denen wir aber auch gelernt haben, was wichtig ist im Leben.
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