AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2018

Zaubermittel fürs Babyglück Das fragwürdige Geschäft mit Kinderwunsch-Paaren

Viele Paare, die ungewollt ohne Kinder bleiben, sind verzweifelt. Das macht sie anfällig für wunderliche Angebote.

Plakat auf Kinderwunsch-Tage-Messe in Berlin: Sagenhafte Wirkung
Andreas Pein/ Laif

Plakat auf Kinderwunsch-Tage-Messe in Berlin: Sagenhafte Wirkung

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Der Stinkende Storchschnabel ist eine besondere Pflanze, nicht nur wegen des Namens. Das Wildkraut mit seinen rosa Blütenblättern soll eine geradezu sagenhafte Wirkung haben: Es sei ein "sanftes Heilmittel für unerfüllten Kinderwunsch". Das behauptet die Kräuterfrau auf ihrer Homepage und hält eine genaue Gebrauchsanweisung bereit.

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Heft 10/2018
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"Für eine partnerschaftliche Kur empfiehlt sich vielleicht die Anwendung als Ansatzwein", heißt es dort. "Zwei Handvoll blühendes Storchschnabelkraut grob zerkleinern, mit einem Liter Weißwein übergießen, kurz auf dem Herd erhitzen. Im lauwarmen Zustand etwas Honig unterrühren, abseihen und in Flaschen abfüllen." Und dann zweimal am Tag "mit dem künftigen Kindsvater" vor dem Essen anstoßen.

Die Zielgruppe für Zaubertränke dieser Art ist groß. Etwa jedes siebte Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Mehr als 100.000 Kinderwunschbehandlungen zählten die Mediziner im Jahr 2016, ein neuer Höchststand. Allerdings sind künstliche Befruchtungen kräftezehrend, teuer und nur in jedem fünften Fall erfolgreich: Ein Paar zahlt mehrere Tausend Euro für eine Wahrscheinlichkeit von 19 Prozent.

Zahlen wie diese lassen viel Raum für die Hoffnung, dass Mutter Natur das ersehnte Babyglück besser hinbekommt als der Doktor. Viele Paare, denen die Ärzte nicht auf Anhieb helfen konnten, sind finanziell und körperlich ausgelaugt - und damit anfällig für allerlei Heilsversprechen.

Ende März wollen rund 50 selbst ernannte "Heilarbeiterinnen", "Lebensfreudecoaches" oder "Soulresponding"-Experten versuchen, ihre Angebote auf einem "Kinderwunsch Kongress" an Mann und Frau zu bringen. Der Kongress findet online statt, in Interviews und Videokonferenzen soll es zwei Wochen lang um alles gehen, was angeblich helfen kann: Fruchtbarkeitsmassagen, Fruchtbarkeitsyoga, chinesische Medizin, Energiearbeit, rhythmische Tanzübungen, Eizellenpower bei spätem Kinderwunsch oder Selbstheilung bei Endometriose. Mehr als 3500 Teilnehmerinnen haben sich vorab online angemeldet.

Natürlich spricht nichts dagegen, sich mithilfe eines "Gelassenheitscoachs" über die Wartezeit beim Kinderwunsch helfen zu lassen oder eine Paartherapeutin zurate zu ziehen, wenn die Harmonie einer Beziehung durch die Unfruchtbarkeit eines Partners leidet.

Auf dem Kongress gibt es aber auch Heilerinnen, die Kanäle zwischen der irdischen und der geistigen Welt herstellen wollen, versuchen, Fehlgeburten mit dem "Mutter-Embryo-Dialog" vorzubeugen - und die Empfehlung aussprechen, das ungeborene Kind einen Monat vor der Zeugung zweimal täglich anzulächeln. Ist das noch Naturheilkunde oder schon Betrug?

Die Kongressveranstalter, die Bloggerin Anne Zietmann und ihr Mann Marcus, betonen, alle Referenten geprüft und "auf Grundlage der Rechtsprechung in Deutschland" für "absolut seriös" befunden zu haben. Verboten ist es selbstverständlich nicht, an Märchen zu glauben oder auf die Wunder der Natur zu hoffen. In einem ihrer Aufklärungsvideos sagt Zietmann: "Es besteht immer eine Chance, dass ihr natürlich schwanger werdet. Die natürliche Fruchtbarkeit ist stärker, als du denkst."

Mediziner wie der Düsseldorfer Reproduktionsarzt Jan-Steffen Krüssel widersprechen ihr: "Naturheilverfahren können nur solchen Paaren sanft oder schneller zur Schwangerschaft verhelfen, die auch ohne künstliche Befruchtung schwanger werden könnten."

Außer Vitamin D und Folsäure gebe es keine Naturmedizin, deren Wirksamkeit im Rahmen einer künstlichen Befruchtung erwiesen wäre. "Schuld an der Kinderlosigkeit von Paaren ist in der Regel das Alter, die mangelhafte Qualität der Eizellen oder die der Spermien", sagt der Mediziner. "Organische Defekte kann man mit purer Willenskraft, Heilkräutern oder Yogaübungen nicht wegtrainieren."

Trotzdem rät er nicht pauschal von alternativen Behandlungsmethoden ab. Er selbst bietet in seiner Praxis Akupunktur an, weil es seine Patientinnen immer wieder nachgefragt hätten - und es zwar nichts bringe, aber "zumindest auch nicht schadet". Kinderwunschpaare, sagt Krüssel, dürften gern alles machen, was ihnen guttue. "Sie dürfen nur nicht glauben, dass sie damit schneller schwanger werden. Sonst verlieren sie wertvolle Zeit."

Kinderwunschzentren, die auf ihrer Website mit Akupunktur oder chinesischer Medizin als Zusatzleistung werben, machen damit zumindest geschicktes Marketing: Das Wohlbefinden ihrer Patientinnen liegt ihnen offensichtlich besonders am Herzen.

Der Heidelberger Psychologe Tewes Wischmann fände es aber besser, wenn die rund 140 Kinderwunschzentren in Deutschland in psychologisch geschultes Personal investieren würden. Die Ärzte arbeiteten alle an "Lebensgrenzen". Der Umgang mit dem hoch emotionalen Thema sei leider "häufig sehr klinisch", was dazu führen könne, dass sich Betroffene behutsame psychologische Hilfe suchen müssten. "Das Erlernen von Entspannungstechniken kann zur mentalen Bewältigung des unerfüllten Kinderwunsches empfohlen werden", sagt Wischmann. "Eine Erhöhung der Schwangerschaftswahrscheinlichkeit ist davon aber nur in sehr seltenen Fällen zu erwarten."

Das sieht die Paartherapeutin Kathrin Steinke anders. Sie glaubt, dass Stress und Fertilität zusammenhängen, und verweist auf eine amerikanische Studie mit 373 Frauen aus dem Jahr 2014: Frauen, die gestresst waren, wurden innerhalb eines Jahres seltener schwanger als Frauen mit einem niedrigeren Stresspegel. Allerdings waren diese Frauen körperlich gesund, Eizellen und Gebärmutter intakt. Möglicherweise war einfach nur der Eisprung stressbedingt unregelmäßiger.

Steinke, Heilpraktikerin und Hypnotherapeutin, berät seit 15 Jahren Paare. Sie warnt Frauen davor, alle Naturheilverfahren gleichzeitig auszuprobieren. Viele ihrer Patientinnen spekulierten auf einen "Belohnungseffekt": "Wenn ich alles mache, muss es mir mein Körper doch auch irgendwann danken." Steinke bietet Hypnose begleitend zu einer Hormonbehandlung im Kinderwunschzentrum an. Viele ihrer Kundinnen und Kunden kämen zu ihr, wenn es nach vier Versuchen mit der künstlichen Befruchtung nicht geklappt habe und die Nerven blank lägen.

Den Vorwurf, dass sie den Frauen das Geld aus der Tasche ziehe, weist Steinke zurück. Ihr Geld seien die Paare in den Kinderwunschkliniken losgeworden, wo Zusatzleistungen wie Scratching verkauft würden, deren Nutzen wissenschaftlich zumindest zweifelhaft sei. Da sei es sinnvoller, ein Paar investiere 16 Euro in ihre Entspannungs-CD, um die "kreiselnde Angst" im Kopf abzustellen.

Mitte Februar hielt sie auf der Berliner Messe Kinderwunsch Tage einen Vortrag über Hypnose. Dort stellten vor allem Kliniken aus dem Ausland Hochleistungs-Reproduktionsmedizin vor, die in Deutschland verboten ist: Eizellenspende in Tschechien oder Spanien, Leihmutterschaft in Griechenland oder den USA. Viele Anbieter haben erkannt, dass Geschäfte in Deutschland besonders lukrativ sind. Wegen der langen Bildungswege hierzulande sind Frauen häufig erst mit 40 bereit für Kinder. Zu einem Zeitpunkt also, wo es ihr Körper nicht mehr unbedingt ist.

Die Veranstalter des Kinderwunsch Kongresses hindert das nicht daran, schnellen Erfolg zu versprechen. Vor der Veranstaltung erhält jede Teilnehmerin ein E-Book: "Schwanger werden in nur 6 Monaten".


Im Video: Das Geschäft mit dem Kinderwunsch Paare mit unerfülltem Kinderwunsch suchen meist im Internet nach Rat und Zuspruch. Dass sie dort neben seriösen Angeboten auch Unsinn und Abzocke finden, macht es den Betroffenen nicht leichter. Kathrin Steinke ist Paartherapeutin und erlebt immer wieder, unter welchem Druck Frauen und Männer stehen, die sich vergeblich ein Kind wünschen.

Andreas Pein / laif


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